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20 Jahre Circus Sonnenstich

Bühne auf Augenhöhe

20 Jahre gibt es den Berliner Circus Sonnenstich nun schon, den ersten zeitgenössischen Zirkus für Menschen mit Behinderung. Heute ist das Programm des Zentrum für bewegte Kunst zu einem internationalen Vorzeigeprojekt avanciert. Damit das so bleibt, engagiert sich auch die Berliner Sparkasse über ihre Stiftung für das Projekt.

Titel Circus Sonnenstich
Bild: Marc Vorwerk
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as Soledad Rein-Saunders da macht, ist nur was für Schwindelfreie. Manchmal fünf, meist sogar zehn Meter über dem Boden spannt sie ihre Beinmuskeln an, konzentriert sich, springt – und muss genau im richtigen Moment zugreifen, um das Holz mit ihren Händen zu umklammern. „Beim Trapez muss man mit seiner Kraft sehr genau arbeiten“, sagt die 21-jährige Trapezkünstlerin. „Ich fliege durch den Schwung da richtig rein.“

Versiert in vielen Disziplinen

Das Trapez hat sie mittlerweile so perfektioniert, dass sie andere Artisten am Gerät ausbildet. Schwerer tut sie sich mit der Kugel, oder mit der Akrobatik. Denn Soledad Rein-Saunders absolviert gerade ihren Bundesfreiwilligen-Dienst im Berliner Circus Sonnenstich, das bedeutet, sie versucht sich an vielen verschiedenen Geräten, außerdem auch im Gesang und als Clown. Die Versiertheit in vielen verschiedenen Disziplinen hat die 21jährige gemeinsam mit den 50 anderen Artisten des Circus Sonnenstich. Eine weitere Gemeinsamkeit, fast der gesamten Zirkus-Belegschaft, ist die Trisomie 21, nach seinem Entdecker auch „Down-Syndrom“ genannt – ein Gendefekt, der sowohl körperliche als auch geistige Einschränkungen mit sich bringt.

Biebebstich Wabi-sabi 30
Bild: Marc Vorwerk

In der Manege macht ihnen keiner was vor

Menschen mit dieser oder ähnlichen Behinderungen einen Ort zu geben, wo sie einer gemeinsamen Leidenschaft nachgehen und Selbstvertrauen tanken können, das war vor 20 Jahren die Vision von Michael Pigl-Andrees. „Im Alltag mögen die Trisomie21-Patienten hilfsbedürftig sein“, so der Zirkusgründer. „Aber bei uns in der Manege macht ihnen keiner was vor. Wenn ein Artist erst eine Disziplin für sich entdeckt hat, dann spielt er in einer Liga mit einem Artisten ohne Behinderung.“

Abwechslungsreiche Zirkus-Show

Zirkus, dabei denkt man gemeinhin an verschiedene Nummern mit oder ohne Tiere, die zwischendurch von Clowns unterbrochen und immer mal wieder von einem Zirkusdirektor anmoderiert werden. Tatsächlich unterscheidet sich diese „Nummern-Revue“ von dem, was der Circus Sonnenstich Jahr für Jahr ausarbeitet. Denn Sonnenstich bietet zeitgenössischen Zirkus, und das bedeutet: Die Akrobaten erarbeiten eine eineinhalbstündige Show, in der verschiedene Genres nahtlos ineinander über gehen. Mal sind 20 Artisten gleichzeitig auf der Bühne, tanzen und singen gut gelaunt miteinander, nur um wenige Minuten später die Bühne in einer einstudierten Choreographie freizumachen für ein Solo-Stück am Diabolo, das mit konzentrierten Klavierklängen untermalt wird.

Zusammenarbeit mit Tandem-Partnern

International bekannte Artisten stehen dabei zeitweise als Tandem-Partner zur Verfügung. „Die Partner bringen ihre technische Expertise in den Circus Sonnenstich hinein“, erklärt Michael Pigl-Andrees.

Biebebstich Wabi-sabi 17
Bild: Marc Vorwerk

„Dafür erhalten sie einen Einblick in die ganz eigene Bühnenpräsenz unserer Artisten, von denen sie nicht selten nachhaltig beeindruckt sind. Das ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.“ Diese Augenhöhe ist dem Zirkusgründer wichtig. Sonnenstich, und der Trägerverein Zentrum für bewegte Kunst, stellen ein anspruchsvolles Zirkus-Programm auf die Beine, das die Besucher anspricht – unabhängig von der Behinderung vieler Artisten.

Auftritte im Chamäleon-Theater oder im Admiralspalast

Vorführungen finden auf befreundeten Bühnen statt, zum Beispiel im Chamäleon-Theater oder im Admiralpalast. „Im Programm steht dann: Montag Caveman, Dienstag Westside-Story, Mittwoch Circus Sonnenstich. Auf Augenhöhe“, sagt der Gründer.

13.000 Euro für ein Weiterbildungsprogramm zu Gesundheitsexperten

Dass der Circus Sonnenstich noch keine eigenen Räumlichkeiten hat, liegt auch daran, dass das Projekt sich größtenteils aus Spenden finanzieren muss. Damit sich der Circus Sonnenstich auch über den laufenden Betrieb hinaus weiterentwickeln kann, haben Pigl-Andrees und seine Kollegen mit „In.Circus“ ein ganzheitliches Gesundheitskonzept entwickelt, das auf der Basis Gesundheit durch Bewegung zu einem selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper führen soll. Finanziert wird dieses Programm unter anderem aus Mitteln der Sparkassenlotterie PS-Sparen und Gewinnen. Außerdem will Pigl-Andrees auch in Forschung investieren, die es anderen inklusiven Projekten erlaubt, von den Trainingsmethoden vom Zirkus Sonnenstich zu profitieren.

PS-Sparen und Gewinnen - die Lotterie für einen guten Zweck

Sparen mit gutem Gefühl: Seit über 60 Jahren erfreut sich die Lotterie der Sparkassen großer Beliebtheit. Wir zeigen, wie Sie dabei sein können >>

www.berliner-sparkasse.de/ps-sparen

Für die ehrenamtliche Zusatzarbeit, die der Gründer in all den Jahren in das Projekt investiert hat, wurde ihm 2018 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Um langfristig doch noch eine eigene Räumlichkeit anmieten zu können, bewirbt sich Pigl-Andrees gerade für den Roman-Herzog-Preis der Berliner Sparkasse. Mit dem Preisgeld möchte er eine zentrale Probe-Location für seinen Zirkus finden, die er sich dann mit anderen inklusiven Projekten teilen würde. „Menschen mit Behinderung sollten nicht an den Rand der Gesellschaft abgeschoben werden. Ein inklusives Trainingszentrum gehört ins Zentrum der Stadt“, sagt der Zirkusgründer.

Mehr Informationen über den Circus Sonnenstich und aktuelle Auftrittstermine finden Sie hier >>

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