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Zeitreise per Video-Bus: Berlins Geschichte live erfahren
Bild: shutterstock
Stadtführungen

Zeitreise per Video-Bus

Bei der videoBustour erleben die Passagiere historische Aufnahmen direkt vor Ort an den Original-Schauplätzen. Kuriose und dramatische Szenen, Goebbels, Gorbi und „der kleine Bernd”: Wenn sich Geschichte und Gegenwart mischen, sehen auch alteingesessene Berliner ihre Stadt mit neuen Augen.

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mmer, wenn ich die Karl-Marx-Alle entlang radle, muss ich an ihn denken: den kleinen Bernd . Der pausbäckige Junge hatte in den Fünfzigerjahren seinen großen Auftritt in der DDR-Wochenschau „Der Augenzeuge“ als „jüngster Bewohner der Stalinallee“, wie die Straße früher hieß. Seine Eltern hielten ihn beim Einzug als Baby in den Armen und strahlten vor Glück über die Wohnung in einem der neuen Arbeiter-Paläste. Ein paar Jahre später erkundete der kleine Bernd die Prachtallee auf eigenen Beinchen.

Historische Szenen an Original-Schauplätzen erleben

Bernd
Der kleine Bernd. Bild: Progress

Damals gab es mich noch gar nicht. Trotzdem ist die Szene am einstigen „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz Teil meiner persönlichen Erinnerung – fast so, als sei ich wirklich dabei gewesen. Denn als ich den Einzug des kleinen Bernd auf einem Archiv-Video verfolgte, stand ich auch in Wirklichkeit direkt vor seinem Elternhaus, in dem sich heute ein Flagstore eines Möbelherstellers befindet.

Bei der videoBustour Berlin sehen und hören die Passagiere historische Film-, Foto- und Tonaufnahmen direkt an den jeweiligen Original-Schauplätzen. Eindrücke aus den „Wilden Zwanzigern“ und der Zeit davor, dem „Dritten Reich“, der DDR, dem Mauerfall und den Jahren danach vermischen sich auf diese Weise mit den eigenen Eindrücken live vor Ort – ein erstaunlicher Effekt.

Zeitreise mit lustigen und schrecklichen Momenten

„Auch alteingesessene Berliner sollen die Stadt durch unsere Video-Tour intensiv erleben und dann mit neuen Augen sehen“, sagt Arne Krasting , einer der Erfinder der ungewöhnlichen Stadtrundfahrt. „Bei der ‘Zeitreise’-Tour sind oft die Hälfte im Bus Berliner, bei unseren Film- und Krimitouren sogar noch mehr.“ Der Historiker aus Hamburg lebt seit 14 Jahren in Berlin und ist nach wie vor ganz verliebt in die Hauptstadt: „Berlin ist DIE Stadt des 20. Jahrhunderts, keine andere stand so im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Und diese faszinierende Geschichte ist bis heute sehr präsent.“ Seine Begeisterung überträgt sich auf die Passagiere, wenn er die Bilder und Videos im Bus auf interessante, unterhaltsame und oft sehr witzige Weise erläutert.

Videobustour
Bei der ‘Zeitreise’ sieht man das Brandenburger Tor gleichzeitig heute und im Jahr 1989. Bild: Videobustour

Tatsächlich erleben die Zuschauer ein Wechselbad der Gefühle bei ihrer „Zeitreise“. Einige der Filmaufnahmen sind unbekannt und kurios. Der ganze Bus lacht, als wir an der Spree halten und auf den Monitoren ein etwa hundert Jahre altes Video erscheint, auf dem Berliner mit langen Brettern an den Füßen und Paddel-Stöcken versuchen, über die Spree zu gleiten, wie Langlaufskiläufer durch den Schnee. Sie erinnern an betrunkene Insekten. „Die ersten Wasserskier“, meint Arne Krasting trocken.

Glückstaumel und Gänsehaut

Andere Aufnahmen zeigen berühmte Ereignisse, zum Beispiel den Mauerbau 1961, unterlegt mit dem Spruch „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ von Walter Ulbricht zwei Monate zuvor. Wir erleben den Staatsrats-Vorsitzenden der DDR bei der Einweihung des Fernsehturms 1969. Oder Michail Gorbatschow und Erich Honecker im Palast der Republik beim 40. Jahrestag der DDR. Am Brandenburger Tor sehen wir die überglücklichen Berliner keine drei Monate später bei der Silvesterfeier 1989/1990. Egal, wie oft man diese Aufnahmen und das Brandenburger Tor bereits angeschaut hat: beides gleichzeitig zu sehen ist ein neues emotionales Erlebnis.

Gänsehaut und eine zugeschnürte Kehle bekomme ich am Bebelplatz. Die Sonne lacht am strahlend blauen Himmel, fröhliche Touristen bummeln umher. „Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner!“, bellt es fanatisch durch den Bus, während düstere Bilder aus der nächtlichen Bücherverbrennung von 1933 vor meinen Augen flackern. Josef Goebbels , der damals die „Feuerrede“ dort hielt, wo wir gerade stehen, erscheint auf den Monitoren und geifert: „Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende.“ Obwohl ich die Filmaufnahmen kenne und weiß, wo sie sich abspielten, ist der Effekt dramatisch. Plötzlich erlebe ich den Bebelplatz mit anderen Augen.

Infos videoBustour Berlin

Zeitreise-Tour
Jeden Samstag, 11 Uhr
Start: Unter den Linden 40
19,50 Euro, erm. 16,50 Euro
Sonderpreise für Frühbucher

Weitere videoBustouren:
Goldene Zwanziger
Berlin unterm Hakenkreuz
Filmstadt Berlin
Krimi-Tour

Infos & Buchung: www.videobustour.de

Rendezvouz mit dem „Vater aller Mauerspechte“

Am Checkpoint Charlie werden wir Zeuge des unheimlichen Aufeinandertreffens sowjetischer und amerikanischer Panzer 1961, während sich vor dem Bus US-Touristen fragen, wo genau die Mauer damals verlief.

Mauerbau
Berlins geteilte Vergangenheit. Bild: RBB

Der ganze Bus johlt und klatscht anerkennend, als wir bei einem Halt in der Niederkirchner Straße John Runnings bei seiner Tätigkeit als „Mauerläufer“ beobachten. Der amerikanische Friedensaktivist kletterte bereits 1986 von West-Berlin aus mit einer selbstgebastelten Leiter auf die Mauer und bearbeitete sie mit einem Vorschlaghammer, während die DDR-Grenzer versuchten, ihn herunterzuzerren. Der „Vater aller Mauerspechte“ wurde festgenommen und in der DDR zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, nach drei Monaten aber aus Berlin ausgeflogen.

Wenn sich Geschichte und Gegenwart treffen

Als wir aussteigen, zeigt uns Arne Krasting Einschusslöcher aus dem zweiten Weltkrieg, die noch immer an der Fassade des Martin-Gropius-Baus zu sehen sind. Besucher aus der ganzen Welt besichtigen im Sonnenschein die „Topografie des Terrors“.

Wegen einer Großdemonstration mit Straßensperrungen muss der Bus stellenweise eine andere Route als geplant fahren – kein Problem für Arne Krasting. „Das ist eben auch typisch für Berlin. Ich improvisiere dann einfach gemeinsam mit dem Fahrer.“ Der Historiker hat eine große Auswahl an Archivmaterial an Bord, das er nach Bedarf an die geänderte Tour anpassen kann.

Schon gewusst?

Berlin hat als einzige europäische Stadt mehr Museen (rund 175) als Regentage im Jahr (rund 105). In Mitte entsteht das größte Universalmuseum der Welt: Die Museumsinsel, seit 1999 Weltkulturerbe, soll 2015 als Gesamtheit neu erstrahlen.

Die eigene Stadt mit neuen Augen sehen

Buecherverbrennung
Die Bücherverbrennung am heutigen Bebelplatz zu sehen, ist ein beklemmendes Erlebnis. Bild: Chronos Media GmbH

Am Schluss der etwa zweistündigen Zeitreise steigen wir Unter den Linden aus, dem Ausgangspunkt der Rundfahrt. Die Gäste wirken sehr zufrieden mit der Tour, die im Oktober 10-jähriges Jubiläum feiert. „Eigentlich haben wir nur gebucht, weil wir Besuch aus Hamburg haben und ihm die Stadt zeigen wollten“, erzählt mir die Teilnehmerin Brigitte Krüß . „Aber auch wir Berliner haben durch die Tour viel Neues entdeckt. Sie war unterhaltsam und interessant, besonders die Geschichtssequenzen haben mir gefallen.“

Ihre 13-jährige Tochter Kim nickt zustimmend. Während der Fahrt hat sie gebannt zugehört und viele Fotos mit dem Smartphone gemacht. Wenn sie so alt ist wie „der kleine Bernd“ heute, wird sich Berlin wieder sehr verändert haben. Das Stadtschloss wird längst wieder aufgebaut sein – und wer weiß, vielleicht steht dann sogar der neue Flughafen.

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