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Titel Fluechtlinge
Bild: K. Gartz
5 Jahre nach „Wir schaffen das“

„Ich bin ein Berliner“: Geflüchtete erzählen, wie sie in Berlin eine neue Heimat fanden

2015 kamen fast 900.000 Geflüchtete nach Berlin. Auf der Suche nach einer Zukunft und einer sicheren Heimat. 6 von ihnen erzählen, wie es ihnen heute geht und wie sie auch eine neue berufliche Perspektive fanden.

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or fünf Jahren flüchteten hunderttausende Menschen nach Deutschland, viele Zehntausende nach Berlin. Es waren überwiegend junge Männer, die vor Krieg und Verfolgung flohen. Viele sind nach einer beschwerlichen Reise nicht angekommen, andere haben in Berlin eine neue Zukunft gefunden. Einige von ihnen stellen wir hier vor.

Restaurant Kreuzberger Himmel: Matiullah Hussainzai und Ismaila Jatla

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Bild: K. Gartz

Matiullah Hussainzai steht hinter der Bar, schenkt ein Glas Wein ein und begrüßt die nächsten Gäste. Im Restaurant Kreuzberger Himmel macht er eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe. „Ich arbeite gerne hier, es ist gut sich beruflich etwas aufbauen zu können“, sagt der ausgebildete Maler aus Afghanistan. Dort stand Matiullah Hussainzai auf der Liste militanter Gruppen aus Pakistan. Er versteckte sich in Kabul und floh schließlich in den Iran, von dort in die Türkei und nach Serbien. Unterwegs traf er Mitarbeiter vom Deutschen Roten Kreuz, die ihm auf dem Weg nach Deutschland halfen. 2015 kam er in München an, nach drei Jahren in Cottbus kam er 2018 nach Berlin. „Die Menschen hier sind sehr nett“, sagt der 29-Jährige, der inzwischen für seine Abschlussarbeit lernt. Danach möchte er gerne in der Gastronomie oder als Maler arbeiten.

Auch Ismaila Jatla aus Gambia gehört zum Team des Restaurants. Schon mit 13 Jahren hat er LKWs gefahren, um das Schulgeld für seine Geschwister zusammen zu kriegen. Im Kreuzberger Himmel macht er eine Ausbildung zum Koch. In Gambia hatte er Probleme mit Vertretern der Regierung. Er wurde verhört, musste weg und schaffte es bis nach Libyen. Von dort fuhr er 2015 mit dem Boot nach Italien und über die Schweiz nach Berlin. Ihm gefällt, dass hier viele Menschen aus verschiedenen Ländern leben. Seine Familie in Gambia musste den Wohnort wechseln, Ismaila hat keinen Kontakt zu ihnen.

Im Restaurant Kreuzberger Himmel arbeiten Geflüchtete aus rund zehn Nationen. Die Karte bietet eine feine arabische Küche. Ins Leben gerufen hat das Restaurant 2018 der Journalist Andreas Tölke, der gemeinsam mit Mitstreitern aus Kultur, Marketing und Medien im August 2015 den Verein Be an Angel gründete, um geflüchtete Menschen beim Ankommen in Deutschland sowie bei der Integration in unserer Gesellschaft zu unterstützen.
Tölke allein nahm – als er die Bilder von den Geflüchteten im Fernsehen sah – 2015 in sechs Monaten rund 600 Menschen auf. Der Verein hilft bei Asylanträgen, Behördengängen, Sprachkursen, der Vermittlung von Praktika, Arbeits-und Ausbildungsplätzen und auch von Therapeuten, wenn das Trauma von Krieg und Flucht zu groß ist.
„Der Optimismus und der Lebenswille ist immer wieder beeindruckend“, sagt Tölke. Alle wollen sich eine Zukunft aufbauen und ihr eigenes Geld verdienen. Einer der Geflüchteten fragte bereits nach drei Monaten im Restaurant Kreuzberger Himmel wie er ein eigenes Geschäft aufbauen kann, ein anderer bekam einen Ausbildungsplatz im 5-Sterne-Hotel Sheraton Berlin. „Die ersten Monate im Kreuzberger Himmel liefen super, wir waren immer voll und hatten viele Catering-Aufträge für Firmen“, sagt Tölke, der nicht weiß, ob sie den zweiten Lockdown überleben werden. Spenden, vor allem auch von der Stiftung Berliner Sparkasse haben anfangs sehr geholfen. Das bunte Team hofft, dass ihnen weitere Sponsoren über die harte Corona-Zeit helfen.

www.kreuzberger-himmel.de

FitnessCenter aTB: Ramien Sedighi

Fitness-center Kurt-heinz-reitz Ramien-sedighi
Bild: K. Gartz

Ramien Sedighi geht von Gerät zu Gerät, desinfiziert die Griffe, prüft ob sie funktionieren, erklärt wie sie zu bedienen sind und erstellt Trainingspläne für Kunden. Nach und nach treffen die Leute ein, die an seinem Rückenfitness-Kurs im Studio teilnehmen.
Der Vizeweltmeister im Teakwondo wurde in Afghanistan von militanten Gruppen der Regierung verfolgt und bedroht. Als sie sein Teakwondo-Studio in Kabul zerstörten, wusste er, dass er weg muss. Mit der Unterstützung seines ältesten Bruders, der inzwischen in Australien lebt, flog er in den Iran. Von dort nahm er den gefährlichen Weg über die Türkei und das Wasser nach Griechenland. Die Angst war groß, aber er schaffte es bis nach Athen und zu Fuß und mit dem Bus an die österreichische Grenze und schließlich nach Berlin.

In einer Unterkunft in Spandau lernte er eine Mitarbeiterin von der Ausbildungsinitiative Arrivo kennen, die ihm einen Sprachkurs und den Ausbildungsplatz zum Sport- und Fitnesskaufmann vermittelte. „Ramien ist so gut, dass er wahrscheinlich die Prüfung vorziehen kann“, sagt sein Ausbildungsleiter Kurt Heinz Reitz, der Geschäftsführer des FitnessCenter aTB in Kreuzberg. Er möchte Ramien nach der Ausbildung behalten, ihn begeistert seine Hilfsbereitschaft, seine Neugierde, Eigeninitiative und dass er immer weiter lernen möchte. Ramien bringt in seiner Freizeit Kindern ehrenamtlich seine Lieblingssportart bei und hilft anderen Geflüchteten als Übersetzer und begleitet sie zu Arztterminen und Behörden. Er wünscht sich in Deutschland bleiben zu können, im FitnessCenter weiterzuarbeiten und irgendwann ein eigenes Studio zu betreiben.

www.fitnesscenter-atb.com

Malereibetrieb Kaminski + Brendel: Zeashan Abbas und Mostafa Pirus

Zeashan-abbas Christian-lehmann Mostafa-pirus Stefan-kuehn
Bild: K. Gartz

„Wir hatten Lust zu helfen, uns sozial zu engagieren und den Menschen mit viel Motivation eine Zukunft zu geben“, sagt der Malermeister Christian Lehmann von Kaminski + Brendel in Mariendorf, einem der größten und ältesten Malereibetriebe Berlins. Vier Geflüchtete haben sie schon ausgebildet, ein weiterer ist gerade in Ausbildung und einer kommt noch im Februar dazu. Zu den Ausgelernten gehört Zeashan Abbas aus Pakistan. Die Religionskonflikte zwischen Sunniten und Schiiten machten das Leben in seiner Heimat gefährlich. Seine Eltern rieten ihm, wegzugehen. Nach wochenlangen Fußmärschen gelang Zeashan Abbas schließlich über das Mittelmeer nach Griechenland. Dort kam er bei einer Familie unter, lernte die Sprache und nahm für freie Kost und Logis viele Jobs auf dem Bau und in der Landwirtschaft an. „Die Leute waren sehr gastfreundschaftlich, aber ich hatte dort keine Perspektive“, erinnert er sich. Über die Balkanroute erreichte er im August 2015 München, wo ihm das Deutsche Rote Kreuz half und er weiter nach Berlin konnte.

Auch sein Kollege, der Auszubildende Mostafa Pirus hat eine lange Reise hinter sich. Er flüchtete mit seiner ganzen Familie aus Afghanistan. „Dort ist seit Jahrzehnten Krieg“, sagt der 21-Jährige. Sie gingen in den Iran nach Teheran und bauten eine Firma auf. Doch sie blieben Flüchtlinge, bekamen keine Papiere und mussten weiter. Auch sie erreichten mit einem kleinen völlig überfüllten Boot Griechenland und schafften es schließlich bis nach Berlin. Mostafa lernte deutsch und konnte mit Hilfe von Arrivo bei Kaminski + Brendel eine Ausbildung zum Maler anfangen. „Alles läuft super, es ist als würden wir uns ewig kennen“, sagt der Azubi, der deutsch wie ein Muttersprachler spricht. Deutschland ist jetzt seine Heimat, in Berlin fühlt er sich zuhause. Er will die Ausbildung fertig machen und bleiben. Der Ausbildungsleiter weiß seine zuverlässigen geflüchteten Mitarbeiter zu schätzen. „Wir sind froh, dass wir sie haben, in Berlin finden wir keine geeigneten Auszubildenden und wir brauchen sie dringend“, sagt Stefan Kühn.

www.kb-malerei.de

Übungswerkstätten der Ausbildungsinitiative Arrivo Berlin: Javid Rezai

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Bild: K. Gartz

Auch Javid Rezai kam aus Afghanistan auf einer langen Reise nach Berlin. Am liebsten würde er Krankenpfleger werden, doch dafür reicht seine Schulbildung nicht. Da er viel auf dem Bau gearbeitet hat, tun sich im Handwerk Chancen auf. In den Übungswerkstätten von Arrivo lernt er viele Berufe kennen. Er besucht einen Deutschkurs sowie Kurse zur Verarbeitung von Holz. Zum Programm gehören auch zweiwöchige Schnupperpraktika bei den Innungen und Coachings. „Wir versuchen Wunsch und Realität zusammenzubringen“, sagt die Leiterin Franziska Hartmann. Dafür werden aktuell 52 Geflüchtete von Sozialarbeitern betreut, sie durchlaufen ein Programm zur Berufsorientierung bis hin zum Bewerbungstraining. Die Mitarbeiter versuchen ein Bild von ihren Interessen und Erfahrungen zu bekommen, um einen realistischen Berufswunsch herauszufinden und sie in Ausbildungen zu vermitteln. Für Frauen gibt es Kurse im Textilhandwerk, Bau- und Digitalkurse.

Die Übungswerkstätten in Kreuzberg konzentrieren sich auf die Qualifizierung für handwerkliche Berufe. Wer herausfindet, das eine Ausbildung im Handwerk nicht das Richtige ist, kann in ein anderes Projekt wechseln. Die Übungswerkstätten wurden 2014 als Pilotprojekt der Ausbildungsinitiative gegründet. Heute zählen zu der Dachmarke Arrivo zehn Teilprojekte für verschiedenen Berufsbereiche. „Die Arbeitsmarktintegration spielt bis heute eine zentrale Rolle, denn der Bedarf und die Bedeutung dieser sind für die Integration nach wie vor sehr groß“, berichtet Johny Van Hove, der Projektleiter der technischen Koordinierung. Im Jahr 2015 kamen etwa 890.000 Schutzsuchende nach Berlin. Viele flohen aus den Krisengebieten Syrien, Afghanistan, Irak oder Eritrea. Da die Nachfrage die vorhandene Integrationsunterstützung überstieg, reagierte das Land Berlin gemeinsam mit den Kammern, Wirtschaftsverbänden und Projektträgern auf diese Herausforderung. Die damalige Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen legte den Grundstein für den Aufbau der Ausbildungsinitiative. Seit März 2019 ist die gemeinnützige GmbH Bildung, Umschulung, Soziales für die technische Koordinierung und die Vernetzung der Teilprojekte zuständig. Rund 1000 geflüchtete Personen wurden durch Arrivo seit 2015 in eine Ausbildung oder Arbeit begleitet.

www.arrivo-berlin.de

Berliner Sparkasse: Emad Sannib

Sparkasse Emad-sannib Eliane-matzke
Bild: K. Gartz

Emad Sannib ist im Dezember 2015 aus Homs in Syrien geflüchtet. Das Leben in der vom Krieg zerstörten Stadt war gefährlich, er konnte sein Wirtschaftsstudium nicht abschließen. Nach einer langen beschwerlichen Odyssee erreichte er auch mit Hilfe vom Deutschen Roten Kreuz Berlin. Emad Sannib wohnte erst bei Freunden in Templin, ab 2017 in einem Flüchtlingsheim in Berlin und lernte deutsch. In dem Sprachkurs traf er eine Lehramtsstudentin, die ihm half, eine Wohnung und ein Coaching zu finden. Nach seinem Bundesfreiwilligendienst hat er als Familienhelfer gearbeitet. Der junge Syrer engagierte sich ehrenamtlich für Jugendliche bei der Berliner Stadtmission. Zur Berliner Sparkasse kam er durch ein Praktikum.

Der Kontakt entstand durch ein Einzelcoaching der BeginnerLuft GmbH. Hier erhielt Emad Sannib auch Unterstützung bei seiner Bewerbung. Im August begann seine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Berliner Sparkasse. Die Probezeit hat Emad Sannib inzwischen erfolgreich bestanden. Aktuell arbeitet er in einer Filiale. „Die Arbeit mit den Kunden, Kollegen und Ausbildern macht mir Spaß. Alle sind sehr nett und ich habe viel Unterstützung und Support bekommen“, sagt der 29-Jährige. Inzwischen hat er Freunde gefunden und ist in seiner Freizeit viel unterwegs, gerne in Friedrichshain in den Cafés und im Sommer am Weißensee. Er ist der zweite geflüchtete Azubi bei der Berliner Sparkasse. Seine Ausbilderin Eliane Matzke möchte ihn nicht mehr missen: „Herr Sannib ist sehr fleißig, hat sich schnell integriert und versteht sich einfach mit allen“. Emad Sannib selbst sieht in Berlin sein neues Zuhause und möchte nicht mehr weg. „Ich bin ein Berliner“, sagt er heute mit einem Lächeln über sich. Er möchte nach der Ausbildung studieren und wünscht sich, seine Familie bald wieder zu sehen.

Mehr über die Ausbildung bei der Berliner Sparkasse >>

Kindertagesstätte Mosaik: Haya Hamadeh

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Bild: K. Gartz

„Früher hatten wir in Damaskus ein gutes Leben“, sagt die Palästinenserin Haya Hamadeh. Ihre Mutter arbeitete als Lehrerin, ihr Vater bei den Vereinten Nationen. Doch der Krieg habe alles kaputt gemacht. „Allein der Weg zur Uni war kaum möglich, weil es zu gefährlich war“, sagt Haya, die in Syrien Englisch und Literatur studierte. Sie flüchtete Ende 2015 mit ihrem jüngeren Bruder nach Deutschland. „Der Weg war schrecklich, mein Bruder war noch nicht volljährig und dann ohne Eltern nachts zu Fuß durch fremde Länder“, erinnert sich die heute 25-Jährige. Sie schafften es in die Türkei und mit dem Boot nach Griechenland. Nach drei Wochen in einem Flüchtlingscamp wollten sie mit dem Bus nach Mazedonien, wurden an der Grenze aber immer wieder zurück geschickt. „Wir haben es immer wieder versucht und sind schließlich gelaufen“, sagt Haya Hamadeh.

Nach drei Monaten erreichten sie Berlin und kamen anfangs in einem Flüchtlingsheim unter. Bei einem Deutschkurs lernte sie Maria Achmed von Arrivo kennen. Sie vermittelte Haya ein Praktikum und anschließend einen Ausbildungsplatz in Neukölln und begleitete sie dabei. „Die Mosaik-Kita ist meine zweite Familie, die Lehrerin wie eine Mutter und Maria wie eine Schwester“, sagt Haya die ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat. Gemeinsam mit ihrem Bruder, der eine Ausbildung zum Frisör macht, wohnt sie heute in Reinickendorf. Der Anfang sei sehr schwierig gewesen, sie musste wieder bei Null anfangen und für ihren Bruder die Rolle seiner Mutter einnehmen. Doch inzwischen ist sie angekommen, ihr gefällt das Multikulti-Flair in Berlin und sie möchte bleiben.

www.lebenswelt-berlin.org/kindertagesstätten/mosaik/

Während der Ausbildung haben Geflüchtete eine Aufenthaltserlaubnis. Die hier vorgestellten jungen Menschen haben Deutsch gelernt, sind integriert, haben eine Ausbildung abgeschlossen und jetzt einen Arbeitsplatz. Doch bleiben können sie nur, wenn sie eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen.

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