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Titel Behindertenwerkstaetten
Bild: faktura gGmbH
Behindertenwerkstätten

Nichts ist hier unmöglich

Allein in Berlin arbeiten in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung rund 10.000 Macher, Könner, Perfektionisten, Verschönerer und Tester, die die Einrichtungen zu vielfältigen Manufakturen und modernen Dienstleistern machen.

S

chlossermeister Thomas Niestroy pult die gelben Stöpsel aus den Ohren. Gerade noch kreischten die Maschinen, es wurde geschweißt, gebohrt, gefräst und gehämmert. Mit einem Schlag kehrt in der meterhohen Halle im Wedding Ruhe ein.

Gesellschaftliche Teilhabe, Anerkennung und Beschäftigung

Mittagessen. Pausen brauchen sie hier, bei der Union Sozialer Einrichtungen, mehr als anderswo. In den USE-Werkstätten arbeiten Menschen mit Behinderung, Lernschwierigkeiten etwa, oder psychischen Beeinträchtigungen. 1.000 insgesamt, 40 im Bereich Metallbau, den Niestroy leitet. Rechtlich gesehen sind die Beschäftigten keine Arbeitnehmer, sie verdienen auch kaum Geld. Der Fokus liegt darauf, diesen Menschen eine Beschäftigung, Struktur und Stabilität, Anerkennung und die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe und zur Selbstbestimmung zu geben. Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft sichtbar zu machen und nicht außen vor zu lassen.

Use-metallbau
Bild: Bjoern Behrendt

Druck und Stress vermeiden

Auftraggeber der Werkstätten sind auch Unternehmen aus der Wirtschaft. Die gemeinnützigen Werkstätten behaupten sich mit marktüblichen Preisen gegenüber Wettbewerbern und müssen genau wie diese Termine einhalten, unabhängig davon, dass Menschen mit Behinderung mehr Zeit benötigen, etwa weil die Konzentrationsfähigkeit schneller nachlässt. Die große Kunst der Werkstätten ist es, jeglichen Druck, Stress und körperliche Belastung von den Beschäftigten fernzuhalten. „Wir passen die Arbeit dem Menschen an, nicht die Menschen der Arbeit“, sagt Niestroy. „Wir loten individuelle Bedürfnisse aus und geben Bestätigung.“

Zäune, Treppengeländer und Parkbänke

In seinem 400 Quadratmeter großen Refugium entstehen Zäune, Treppengeländer, Vordächer, Unterschränke für Designer, Parkbänke und mehr. Beschäftigte können auf Wunsch in andere Bereiche wechseln, zum Beispiel in die Tischlerei im Erdgeschoss. Auch hier werden Kundenaufträge in Maß- und Millimeterarbeit gefertigt. „Von Anfang bis Ende sind Beschäftigte an einem Projekt beteiligt“, erzählt Arbeitsgruppenleiterin Viki Krüger. Das Anforderungsprofil an ihren Job beschreibt sie so: stets ansprechbar, flexibel, geduldig, empathisch und verständnisvoll.

Menschen mit Behinderung sind in 120 Arbeitsfelder eingebunden

17 Werkstätten gibt es an 96 Orten in Berlin, die circa 165 Millionen Euro Umsatz im Jahr erwirtschaften und den rund 10.000 Menschen mit Behinderung 120 verschiedene Arbeitsangebote offerieren. Eine dieser Werkstätten ist faktura in Berlin-Mitte. Zu den Auftraggebern zählen Vattenfall, die Humboldt-Universität und die Berliner Sparkasse. Hier werden Bonbons hergestellt, Kaffee geröstet, Dienstleistungen für Textilien, im Catering oder digitalen Medien angeboten. 170 Menschen sind hier beschäftigt, allein der Bereich digitale Medien/IT bietet 50 Leuten ein Betätigungsfeld.

Kontakt zu den in diesem Artikel beschriebenen Werkstätten:

USE Union Sozialer Einrichtungen
Koloniestraße 133-136, 13359 Berlin
Tel. +49 (0)30 49 77 84 0
Fax +49 (0)30 49 39 79 8
E-Mail: mail@u-s-e.org
www.u-s-e.org

faktura gGmbH
Rungestraße 17, 10179 Berlin
Tel. +49 (0)30 2804277-0
Fax +49 (0)30 2804277-19
E-Mail: mail@faktura-berlin.de
www.faktura-berlin.de

Faktura Digitale-medien
Bild: faktura gGmbH

Chance auch auf dem klassischen Arbeitsmarkt

Ein auf eineinhalb Jahre angelegtes Großprojekt ist die hochauflösende Digitalisierung des Bildarchivs der Philipp Holzmann AG, das künftig bei der Deutschen Digitalen Bibliothek eingesehen werden kann. Bei faktura haben die Beschäftigten Kontakt zu Auftraggebern, man will in den Werkstätten zumindest die Chance bieten, auf dem klassischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Insgesamt aber liegt die Quote derjenigen, die aus den Werkstätten in ein externes Arbeitsverhältnis wechseln, bei unter einem Prozent.
„Wir arbeiten stets so, dass es für Auftraggeber und Beschäftigte gleichermaßen ein Erfolgserlebnis ist“, sagt Wolfgang Petersen, Fachbereichsleiter digitale Medien/IT. Dennoch müssen die Verantwortlichen immer wieder in die Akquise gehen und die Unternehmer davon überzeugen, dass Menschen mit Beeinträchtigung mehr können, als man ihnen gemeinhin zutraut. In der Gesellschaft gibt es große Berührungsängste. Es geht darum, Vertrauen zu schaffen und Problemlösungen aufzuzeigen.

Vertrauen schaffen und den Menschen etwas zutrauen

Unternehmen bietet sich vor allem der Vorteil, dass die Ausgleichsabgabe entfällt, die gezahlt werden muss, wenn nicht die gesetzlich vorgeschriebene Zahl von Schwerbehinderten beschäftigt wird. Außerdem können sich vor allem junge Unternehmen, Start-ups, ausprobieren und mit Werkstätten neue Ideen für Produkte umsetzen, weil sich die Teams hier mehr Zeit nehmen können. Zu guter Letzt ist soziales Engagement angesagter denn je.

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