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Titel Hunderjaehrige
Bild: iStock
Buchtipp

Was wir von alten Menschen lernen können: Die Weisheit der 100-Jährigen

Immer mehr Menschen werden mehr als 100 Jahre alt. Eine ganz persönliche Geschichte haben sie alle zu erzählen. Der Autor Rei Gesing hat einige gesammelt und in seinem Interview-Buch „Die Weisheit der 100-Jährigen“ niedergeschrieben.

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und 1.000 Menschen sind in Berlin mehr als 100 Jahre alt. Über 27.600 sind zwischen 90 und 100 Jahre alt und können die 100 noch erreichen. Alle, die heute über 100 Jahre sind, wurden zu Beginn der Weimarer Republik oder früher geboren, meist kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Sie erlebten die Nazizeit, den Zweiten Weltkrieg, den Bau der Mauer und die Wiedervereinigung.

Begeisterung erhalten und Kleinigkeiten schätzen

Eine von ihnen ist Anna Bucher. Sie wurde 1910 in Eisenfurt geboren, arbeitete als Dienstmädchen, heiratete später und bekam eine Tochter. Heute lebt sie in einer Seniorenresidenz in Berlin. „Es ist möglich, dass ich deshalb so alt geworden bin, weil ich staunen kann und mich auch sonst immer begeistern konnte für vieles“, sagt sie. Wichtig war es ihr, immer aktiv zu sein, viel zu arbeiten, dass etwas passiert im Leben. Dabei mussten es nicht große Ereignisse sein, auch Kleinigkeiten können schön sein. Glück bedeutet für Anna Bucher heute vor allem die alltäglichen Bedürfnisse stillen zu können. Das wüssten junge Leute gar nicht zu schätzen.

Rei Gesing
Bild: Solibro Verlag

Gesing ist als Unternehmensberater, Autor und nebenberuflich in der Begleitung kranker und sterbender Menschen tätig. Er hat häufig mit den zentralen Lebensfragen zu tun, bei denen es um Glück, den Umgang mit Krisen sowie den Sinn des Lebens geht. So entstand bei Gesing auch die Idee, ein Buch über die Menschen am Ende ihres Lebens zu machen.

Gespräche mit 35 „Methusalems“

Anna Bucher zählt zu den 35 „Methusalems“, mit denen Rei Gesing Gespräche führte und einige Antworten von ihnen in dem Interview-Buch „Die Weisheit der 100-Jährigen“ veröffentlichte.

Freundschaften pflegen und Spaß haben

Zu seinen Gesprächspartnerinnen gehört auch die Berlinerin Gerda Piasta. Sie wurde 1914 geboren und verlor ihren Vater im Ersten Weltkrieg. Als gelernte Schneiderin führte sie später einen Modesalon, arbeitete bis zu ihrem 70. Lebensjahr und begann im Ruhestand zu malen. Ihre Arbeit hat ihr immer viel Spaß gemacht. Glücklich zu sein, ist für Gerda Piasta das Wichtigste im Leben. Dabei müsse jeder selbst dafür sorgen. Sie wollte unbedingt Kinder, doch mitten im Zweiten Weltkrieg haben ihr alle abgeraten. In einer der schlimmsten Bombennächte, am 12. September 1944, ist sie dennoch Mutter geworden. Einer ihrer Söhne ist bereits verstorben. Jungen Menschen rät sie, einen Beruf zu finden, der einem Spaß macht und außerhalb der Arbeit für Abwechslung zu sorgen sowie Freunde zu haben und Freundschaften zu pflegen. Sie wünscht sich, gesund zu bleiben bis zum Schluss.

Neugierig bleiben und Freude am Beruf

Zu den hochbetagten Männern, die Rei Gesing befragt hat, zählt der 1920 geborene Dr. Wilhelm Dodenhoff. Mit 19 Jahren wurde er eingezogen, zwei seiner Brüder fielen im Zweiten Weltkrieg und er selbst war wiederholt verwundet. Er studierte Jura, war 25 Jahre lang Richter am Bundesverwaltungsgericht, 28 Jahre Verfassungsrichter in Bremen und lebt heute in Berlin. Im Gespräch beeindruckte Gesing vor allem seine Klarheit, seine humorvolle Art und sein weltgewandtes Auftreten. Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet er mit den Worten Sokrates: „Mit Freude die Aufgaben erfüllen, die einem das Leben stellt“. Er ist neugierig geblieben und will auch heute noch wissen, was in der Welt passiert. Wie viele andere in dem Buch, war auch Dodenhoff lange berufstätig, bis zu seinem 75. Lebensjahr und danach noch fünf Jahre als Gutachter. „Ich hatte immer große Freude an meiner Arbeit.“, sagt er.

Raus in die Natur und Körper und Geist fit halten

Für Hildegard Kinschert zählt zu den wichtigsten Dingen eine stabile Gesundheit. Für die Berlinerin gibt es bis heute nichts Besseres als in der Natur zu sein, durch einen Wald zu spazieren und an der frischen Luft zu sein, sowohl für den Körper als auch für die Seele. Glück ist für sie, „wenn ab und zu ein Wunsch in Erfüllung geht, dessen Erfüllung man gar nicht erwartet hat“. Für die 1915 Geborene ist das wie eine Zugabe, so wie ihr Bonus an Jahren und dabei gesund zu sein. Rei Gesing traf Hildegard Kinschert mit ihrer Freundin Inge und fühlte sich von den beiden Damen sofort willkommen. Das Gespräch sei eher ein gemütliches Kaffeekränzchen im Kreise alter Bekannter als ein Interview gewesen. Abschließend sagt Hildegart Kinschert: “Solange wir können, machen wir es uns noch gemütlich, nicht wahr, Inge?“. Da kann die Freundin nur lächelnd nicken.

Buch Gesing Die-weisheit-der-100-jaehrigen

Die Weisheit der 100-Jährigen
von Rei Giesing
Solibro Verlag
30 Euro
www.solibro.de

Text: Katja Gartz

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