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Titel Berliner Jugend
Bild: Hahn & Hartung
Berliner Jugend im Porträt

Die Zukunft im Blick – was junge Berliner nach Corona anders machen wollen

Die Schulen dicht. Prüfungen verschoben. Schwierige Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Und die Freunde nur noch online treffen… Jungen Menschen hat die Corona-Krise besonders viel abverlangt. Wir haben mit fünf jungen Berlinerinnen und Berlinern gesprochen. Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Was nehmen sie daraus mit? Was wünschen sie sich für die Zukunft?

„Es war eine Ausnahmesituation“

Corvin Schmohl, 23, Tierpfleger im Zoo Berlin:
Corvin Schmohl kauert am Beckenrand, wirft ein Frisbee ins Wasser. Sekunden später bringt ihm Sandra die Scheibe zurück, nur um sich auf ein Handzeichen von ihm gleich wieder in die Fluten zu stürzen und das Bassin nach anderen „Fremdkörpern“ abzusuchen.

Corvin Schmohl
Bild: Hahn & Hartung

Sandra ist 16 Jahre alt und vor Kurzem gerade wieder Mutter geworden. Zum sechsten Mal. Sandra ist eine Seelöwin und Corvins Favoritin. Mit ihr trainiert der 23-jährige Tierpfleger im Berliner Zoo am liebsten, weil sie fast 80 Übungen beherrscht. „Sandra ist ein echter Workaholic“, schwärmt Corvin. Was sie und die anderen Seelöwen alles draufhaben, davon können sich Zoo-Besucher beim täglichen Seelöwen-Training überzeugen – bei dem Corvin selbst mit ins Wasser springt. Doch zu Corona-Zeiten fallen die Trainings ins Wasser, müssen auch die kommentierten Seehund-Fütterungen und der Panda-Talk ausfallen. „Schade“, sagt Corvin, „es macht mir Spaß, Leute mit spannenden Fakten zu unseren Tieren zu begeistern.“ Beispielsweise, dass die intelligenten Robben beschäftigt werden wollen, dass die Tiere ihre Routinen brauchen. Und dass er nicht nur zur Beschäftigung mit den Tieren spielt, sondern sie auf den Rücken dreht, um im Ernstfall Verletzungen ertasten oder ihre Zähne kontrollieren zu können – auch „Medical Training“ genannt. Deswegen muss hinter den Kulissen weiter trainiert werden.

Kein Schwimmen, kein Volleyballspielen mit Freunden

Und überhaupt: Der Betrieb in Zoo, Tierpark und Aquarium musste natürlich auch in den Wochen aufrechterhalten werden, in denen die Einrichtungen komplett geschlossen waren. Rund 30.000 Tiere wollen auch ohne Publikum versorgt sein. Rund 60 davon betreut Corvin, er ist zuständig für Pinguine, Robben und Pandas. Tierpfleger ist für ihn ein Traumjob, war sein Berufswunsch schon seit Kindesbeinen. Deswegen hat er in der Corona-Zeit seine sozialen Kontakte „nahezu auf null runtergefahren“. Bis auf die Eltern, bei denen er noch wohnt. Kein Schwimmen, kein Volleyballspiel mit den Freunden. Das hat er bedauert, aber sich – anders als manch anderer in seinem Alter – strikt an die Regeln gehalten. „Es war halt eine Ausnahmesituation.“ Keinesfalls wollte er ein Risiko eingehen. „Wenn wir Pfleger ausfallen – wer soll denn dann die Tiere versorgen?“ Corvin trägt Verantwortung und die nimmt er ernst. Das war vor Corona so und das ist jetzt so. Seine Liebe zum Beruf, seine Lebensperspektive – da hat sich durch die Pandemie für ihn nichts geändert. Aber um eine Erkenntnis ist er reicher: Er weiß jetzt, dass er mit einer Krise umgehen kann.

Corona-Lockdown stärkt Entschluss zum Studium

Svenja Schüler, 23, Auszubildende bei der GESOBAU:
Diszipliniert weiterzuarbeiten, das hatte auch für Svenja Schüler (23) in der Lockdown-Phase oberste Priorität.

Svenja Schueler
Bild: Hahn & Hartung

Schließlich stand sie nach ihrer dreijährigen Ausbildung bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GESOBAU unmittelbar vor ihrem Abschluss zur Immobilienkauffrau. „Gebäudemanagement“ und „Makler“ hatte sie als Schwerpunkte gewählt, einer der Bereiche würde in der Prüfung drankommen. Aber welcher? Diese Frage beschäftigte sie länger, als ihr lieb war: Die schriftlichen Prüfungen wurden von April auf Juni verschoben, das Mündliche zog sich bis in den August. „Ein großes Stück Gepäck, das ich den gesamten Sommer über noch mit mir umhertragen musste“, sagt die Köpenickerin.

Vom Homeoffice zum Fernstudium

Mit dem Homeoffice habe es aber erstaunlich gut geklappt. „Es war ein großes Glück, dass wir im November 2019 unser neues Bürogebäude bezogen haben“, sagt Svenja. „Denn mit dem Umzug bekam jeder Azubi einen Laptop.“ Und damit Zugriff aufs GESOBAU-Datenlaufwerk. „Sonst wäre das Arbeiten zu Hause nicht möglich gewesen.“ So aber lief sogar der Wechsel vom Liegenschaftsbereich in die Abteilung Betriebskostenabrechnung reibungslos. Kurzen Konferenzen via Videochat folgten lange Telefonate, in denen Svenja jeden neuen Arbeitsschritt erklärt bekam. „Ich war überrascht, wie gut das ohne direkten Kontakt zu meiner Ausbilderin lief.“ Ein Lernprozess für beide Seiten sei das gewesen. Und eine wichtige Erfahrung. Vor Corona habe sie immer gedacht, mobiles Arbeiten müsse doch „megatoll” sein, sagt Svenja. „Jetzt weiß ich: Das ist eine gute Sache. Aber ich habe den „normalen” Berufsalltag mit seinen geregelten Abläufen viel mehr schätzen gelernt.” Oft habe sie gedacht, wie schön es wäre, wieder im Büro zu sitzen und sich mit den Kollegen auszutauschen.

Doch habe sie auch die Erfahrung gemacht, „dass ich in der Lage bin, mich allein in meinem stillen Kämmerlein zu motivieren.” Schon öfter hatte sie daran gedacht, noch mal ein Fernstudium draufzusatteln. Vielleicht Ökonomie. Aber sie war unsicher, ob sie die nötige Disziplin aufbringen würde. Jetzt steht für sie fest: Sie will später studieren. Die Corona-Zeit hat ihr den Weg für die Zukunft gezeigt. „Man lernt in Ausnahmesituationen viel über sich selbst.“

Trotz Lockdown zum erfolgreichen Abitur

Abdul Al Musa, 22, Abiturient und Ehrenamtler
Anders als Svenja merkte Abdul Al Musa schnell, dass Videoschalten nicht seine Sache sind. „Zum Lernen brauche ich den persönlichen Kontakt“, sagt der 22-jährige Syrer, der vor fünf Jahren allein nach Deutschland einreiste.

Abdul Al Musa
Bild: Hahn & Hartung

Seine Eltern und fünf Geschwister leben in der Türkei. „Dort durfte ich als Geflüchteter nicht in die Schule, also musste ich einen anderen Weg gehen.“ Denn Abdul ist ehrgeizig.
In diesem Sommer ein gutes Abitur zu schaffen, war ihm wichtig. Und weil er gerade aus einer WG in eine eigene Wohnung umgezogen war, als klar wurde, dass die Prüfungen trotz Corona stattfinden würden, ließ er kurzerhand zwei Mitschüler für vier Wochen bei sich einziehen. „So gehörten wir zum selben Haushalt, durften zusammen lernen.“ Einen Monat haben sich die Jungs in ihrer selbstgewählten Quarantäne gegenseitig motiviert, gepaukt. Alle drei haben das Abi geschafft. Im August hat Abdul sein duales Studium aufgenommen: Business Administration.

Ehrenamtlicher Jugendleiter in der Villa Schöneberg

Trotzdem will er weiter ehrenamtlich arbeiten, die mobile Jugendarbeit des freien Jugendhilfe-Trägers Outreach im Schöneberger Norden unterstützen. Er ist ausgebildeter Jugendleiter, betreut Freizeiten für geflüchtete Jugendliche, hilft mit in der „Villa Schöneberg“. Angefangen habe das mit seinem sozialen Engagement eher zufällig, erzählt der junge Mann aus Damaskus. Auf der Suche nach jemandem, der ihm Englisch-Nachhilfe geben könnte, klopfte er im „P12“ an, dem Netzwerkladen in der Pallasstraße. Dort lernte er eine Outreach-Mitarbeiterin kennen, die ihm sagte, genau solche Leute wie ihn brauche man im Team. Das war vor vier Jahren. Seither ist Abdul mit Feuereifer bei der Sache.

Beim Landessportbund hat er die C-Trainerlizenz erworben, spielt mit den türkischen und arabischen Jugendlichen aus der Pallasstraße Fußball. Als das Training coronabedingt ausfallen musste, hätten viele der Kids schlecht damit umgehen können. „Sie haben die Nachrichten nicht verfolgt, sich trotzdem getroffen.“ Spontan rief Abdul eine WhatsApp-Gruppe ins Leben, „um aufzuklären, was das Virus mit einem machen kann“. Er kopierte Info-Texte in verschiedenen Sprachen, hängte sie im P12 aus, klebte sie an Bushaltestellen. „Man darf Corona nicht bagatellisieren, aber sich auch nicht von Ängsten beherrschen lassen“, sagt Abdul. „Ich habe Krieg erlebt, musste um mein Leben rennen. Corona ist anders. Man muss nur ein paar Maßnahmen befolgen.“ Das hat er den Kids aus dem Schöneberger Kiez erklärt. „Bildung und Aufklärung sind das A und O“, sagt Abdul. Und das ist auch sein Wunsch für die Zukunft – eine möglichst umfassende Teilhabe junger Leute an Bildung. Wie wichtig das sei, habe ihm die Corona-Krise erst wieder eindrücklich vor Augen geführt. „Denn nur wer sich informiert, kann sich auch schützen.“

In der Karriere weiterkommen – trotz aller Ausnahmen

Katharina Knott, 21, Bachelor-Absolventin im Hotel- und Gastronomiegewerbe
Knapp ein halbes Jahr vor Abschluss ihres Studiums begann Katharina Knott, Bewerbungen zu schreiben. Das Berufsziel der gebürtigen Berlinerin: im Personalbereich eines Hotels zu arbeiten.

Katharina Knott
Bild: Hahn & Hartung

Human Resources, das sei ein spannendes Themenfeld, sagt die 21-Jährige. Zu „normalen“ Zeiten hätte sie sicher schon bald einen Anstellungsvertrag unterschreiben können, davon ist sie überzeugt. Noch vor dem Start in die diesjährige Saison klagte die Hotellerie landauf, landab über Fachkräftemangel. Als Absolventin eines Bachelor-Studienganges der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Hotel- und Gastronomiemanagement hätte sie beste Chancen gehabt. Zumal sie aufgrund ihres dualen Studiums reichlich praktische Erfahrung in die Waagschale werfen kann – die sie zudem nicht irgendwo, sondern in einem renommierten Hotel der Steigenberger-Kette gesammelt hat.

Doch in diesem Corona-Sommer war alles anders. Auf die ersten Bewerbungen hagelte es Absagen. Der Branche war es zu ungewiss, jemanden einzustellen. Was, wenn eine zweite Corona-Welle käme? „Viele Betriebe waren ja auch noch geschlossen oder hatten ihre Mitarbeiter gleich bis Dezember in Kurzarbeit geschickt“, sagt Katharina. Also hieß das für sie: Nach dem Fulltime-Job rasch nach Hause an den Rechner, um die Bachelor-Arbeit fertig zu schreiben, drei bis vier Stunden täglich. Und anschließend weiter Bewerbungen schreiben, „von 20 Uhr bis Mitternacht“. Denn sie hat einen hohen Anspruch an sich selbst. „Ich möchte gern in meiner Karriere weiterkommen, ohne Zeit zu verschwenden.“ So hat sie es immer gehalten. Schon während der Schulzeit hat sie die Ferien für Praktika genutzt. Direkt nach dem Abi an einem Berliner Gymnasium ging sie für das duale Studium nach Baden-Württemberg. „Ohne Lücke.“ Jetzt will sie möglichst auch keine Lücke in ihrem Lebenslauf haben. Deswegen hat sie sich auch nach Aufgaben in anderen Bereichen umgeschaut. Finanzen, Controlling – das sind Bereiche, die sie sich ebenfalls gut vorstellen kann. „Lieber in eine andere Branche wechseln, als abwarten zu müssen.“

Die Zeiten des Lockdowns nutzen

Zu anderen Zeiten hätte Katharina auch Lust gehabt, auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten. Oder im Ausland, in Österreich oder der Schweiz. „Ist aber zu Corona-Zeiten noch unsicherer.” Irgendwo zwischen Hamburg und München wird schon etwas klappen. „Klar zerrt die Unsicherheit an den Nerven. Aber ich versuche, weiter positiv zu denken und hoffe auf die Spontanität meiner Branche.” Und so sagt sie sich jeden Tag: „Step by step, day by day.”

Corona hat gezeigt: Minimalistischer leben ist möglich

Lilith Rein, 16, Schülerin und Aktivistin
Auch Lilith Rein kann sich vorstellen, nach dem Abi in Richtung Betriebswirtschaft zu gehen. Oder Jura. So genau weiß sie das noch nicht, hat aber auch noch ein bisschen Zeit.

Lilith Rein
Bild: Hahn & Hartung

Die 16-jährige Schönebergerin ist nach den Sommerferien in die zwölfte Klasse gekommen. Mit dem Zeugnis der Jahrgangsstufe 11 war sie ganz zufrieden – obwohl sie sich wegen ihres Engagements bei „Fridays for Future“ so manchen Eintrag eingefangen hat. „Ich bekomme eine Sechs, wenn ich nicht am Unterricht teilnehme.“ Das akzeptiert sie, „Streik ist eben eine Form des zivilen Ungehorsams.“ Bei Klausuren hat sie natürlich nicht gefehlt, aber sonst sei sie schon relativ oft bei den Demos. Seit Anfang 2019 ist sie in der Berliner Ortsgruppe der Bewegung aktiv. „Als ich angefangen habe, mich mit dem Klima-Thema zu beschäftigen, war klar, da kann ich nicht länger still herumsitzen.“

Mittlerweile bringen Lilith und ihre Mitstreiter ihren Protest wieder auf die Straße, mit Abstand und Maske. Obwohl die Demonstrationen monatelang ausfallen mussten, habe das „Fridays for Future“ nicht geschwächt, sagt die 16-Jährige.
Für sich persönlich zieht Lilith aus der Krise eine zentrale Erkenntnis: „Es ist möglich, minimalistischer zu leben.“ Auch politisch gesehen habe die Corona-Pandemie etwas ganz Wichtiges gezeigt: „Die Bundesregierung hat Handlungsfähigkeit bewiesen. Die Politik hat Spielräume – und die Krise hat gezeigt, dass sie in der Lage ist, diese auch zu nutzen.“ Und sie habe dabei auf die Wissenschaft gehört. „Das war richtig. Das ist ja auch eine zentrale Forderung unserer Bewegung: Hört euch an, was die Wissenschaft zu sagen hat, und zieht eure Schlüsse daraus.“

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