Titel Wandern
Bild: AKG / Shutterstock [Montage]
Wandern in Berlin

Bis bald im Wald

Lange galt es als langweiliges Hobby älterer Leute. Doch spätestens seit sich Entertainer Hape Kerkeling zu Fuß auf den Weg machte, hat das Wandern sein verstaubtes Image abgeschüttelt. Immer mehr Menschen haben Lust aufs aktive Bewegen in der Natur. Das geht auch prima in Berlin.

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ür Christian Tänzler, Sprecher der Marketinggesellschaft visitBerlin, ist es eine klare Sache: „Neben dem Radfahren ist Wandern der zweite große Mobilitätstrend in Berlin.“ Für junge Leute gehöre Bewegung zum Lifestyle, ebenso wie gesunde Ernährung. „Auch Touristen, die zu Hause nicht wandern, kommen in Berlin auf den Geschmack.“ Weil man sich hier zu Fuß über Hunderte von Kilometern „grün bewegen“ kann.

Berlin ist eine der waldreichsten Städte Europas

Im Vergleich zu anderen Hauptstädten sei das ein echter Luxus. „Mit 29.000 Hektar Wald gehört Berlin zu den waldreichsten Städten Europas“, weiß Thorsten Wiehle von den Berliner Forsten. „Damit ist fast ein Fünftel der Stadt bewaldet.“ Über 1.840 Kilometer Länge ziehen sich Wege durch den Berliner Wald, „und der hat rund um die Uhr geöffnet, Eintritt frei, zu jeder Jahreszeit“, sagt der Experte und Buchautor, der Berliner und Touristen „Auf Försters Wegen“ ins Grüne schickt.

Wanderer Bahngleis
Auch junge Berliner kommen auf die Spur des Wanderns: Die schönsten Strecken gibt es sogar auf der App. Bild: Shutterstock

Logisch, dass die Tourismuswerber von visitBerlin in ihrer Sightseeing-App „Going local“ Wandertouren durch die grüne Metropole vorstellen. Zum Beispiel die Route durchs Wuhletal. Die ist nicht nur Tänzlers persönliche Lieblingsstrecke, sondern steht auch bei den von der Berliner S-Bahn zusammengestellten Erlebnistouren an erster Stelle: Es geht von Ahrensfelde durch den größten zusammenhängenden Grüngürtel Berlins entlang der Wuhle, in deren klarem Wasser sich Fische tummeln, bis nach Köpenick. Und damit hinein in eines der beliebtesten Berliner Wandergebiete.

Wandern auf den Spuren Fontanes

In seinem Infobüro am Schlossplatz wartet der Tourismusverein Treptow-Köpenick gleich mit einem Dutzend Empfehlungen auf – vom Lehrpfad Teufelssee bis zum Wandern auf den Spuren Fontanes. „Wandern kann man doch am besten da, wo die Stadt am grünsten und wasserreichsten ist“, meint Michael Diehl. „Neben sieben Seen, Parks und Wald haben wir hier das einzige Gebirge weit und breit“, sagt der Touristiker nicht ohne Stolz: die Müggelberge mit ihren 115 Metern überm Meeresspiegel. „Wer dann noch auf den Müggelturm klettert, kann halb Brandenburg sehen“, schwärmt Diehl.

Wandertouren

Vorschläge zum Mitwandern
Berlin-Brandenburger Wanderplan 2016, herausgegeben vom Berliner Wanderverband im Landessportbund Berlin, gegen eine Schutzgebühr von 3 Euro erhältlich in zahlreichen Buchhandlungen.

Wandern und Berlin erleben – mit der S-Bahn auf Entdeckungstour
Faltblatt mit zehn Touren zwischen fünf und 32 Kilometern Länge. Mit Karten und ausführlichen Wegbeschreibungen.
Auch als Download: www.s-bahn-berlin.de

Die besten Wanderungen rund um Berlin , 26 Tagestouren, beschrieben von Ulrike Wiebrecht, via reise verlag, 14,95 Euro

Auf Försters Wegen – Berliner Waldwanderbuch, 45/36 Waldtouren, beschrieben von Thorsten Wiehle von den Berliner Forsten, via reise verlag, Bd. 1 2, je 12,95 Euro

Vielfach treffe er Wanderer „so ab 30“ auf den Wegen an, sagt Diehl. Junge Paare, vielfach in Gruppen, auch mehrere Generationen miteinander. Wandern sei nichts für absolute Individualisten. Schließlich gehe es um das Gemeinschaftserlebnis in der Natur. Zur Orientierung im Wald werde „die elektronische Unterstützung“ immer beliebter, trotzdem läuft das Geschäft mit den laminierten Karten beim Tourismusverein nach wie vor gut. „Wenn das Handy keinen Saft mehr hat, kann man immer noch nachlesen, wie weit es bis zum Ziel ist.“

Die Natur erleben, den Stress zurücklassen, durchatmen

Infos, auf die Martina Brekeller nicht angewiesen ist. Die gebürtige Köpenickerin kennt die Wege am Südufer des Müggelsees wie ihre Westentasche. Die Woche über sitzt die 39-Jährige als Sachbearbeiterin einer Behörde fast nur vor dem Computer, am Wochenende muss sie raus ins Grüne. Mit Ehemann Thomas ist sie dann manchmal sechs, sieben Stunden unterwegs. „Dann sauge ich die Natur regelrecht in mich auf“, erzählt die Frau mit dem blonden Pagenkopf.

Für ihn sei Wandern perfekt, um Stress abzubauen, ergänzt Thomas Brekeller – der mit seinen 42 Jahren laut einer Befragung der Sporthochschule Köln dem Durchschnitt des deutschen Wanderers entspricht. „Dabei vergesse ich alles, was mich tagelang belastet hat.“ Außerdem sei Bewegung gut für die Figur, sagt er und streicht mit der Hand über den leichten Bauchansatz.

Hund Stock Wald
Wandern setzt Glückshormone frei – nicht nur bei Zwei- sondern auch bei Vierbeinern. Bild: Shutterstock

Wandern macht fit und fröhlich

Dass Wandern nicht nur zufrieden macht, sondern – regelmäßig betrieben – auch fit, ist unbestritten. Sportmediziner bewerten Wandern als eine der besten Möglichkeiten, seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun – ohne Nebenwirkungen. Wandern kräftige Herz und Kreislauf, stärke das Immunsystem, rege den Stoffwechsel an. Es könne Blutdruck und Cholesterinspiegel senken, Lungenfunktion und Beweglichkeit verbessern.

Und: „Man kann sogar aus einem Stimmungstief herauswandern“, sagt die österreichische Sportmedizinerin Andrea Podolsky. Denn durch die Eindrücke in der Natur, die Farbe und das Licht, werden Glückshormone ausgeschüttet. Allerdings nütze es nichts, nur sporadisch zu wandern, schätzt der Münsteraner Sportmediziner Klaus Völker ein. „Wandern zeigt nur über die Dauer Effekte“, so der Professor.

Mit Wandern Krankenkassen-Beiträge sparen

Einige Krankenkassen erkennen das Deutsche Wanderabzeichen als Beitrag zur Gesundheitsvorsorge an. Die Anstecknadel für 200 pro Jahr erwanderte Kilometer gibt es bei den Mitgliedsvereinen des Deutschen Wanderverbandes. Auch einige der 29 Vereine, die unter dem Dach des Berliner Wanderverbandes organisiert sind, gehören dazu. „Manche unserer kleinen Vereine bieten ein bis zwei geführte Wanderungen pro Monat an, andere vier bis fünf Touren pro Woche“, sagt Verbandspräsident Dr. Wolfgang Pagel. Besonders beliebt seien Touren in den Barnim – rund um den Wandlitzsee oder in die Schorfheide. Aber auch der Grunewald und das Wannseegebiet seien attraktive Wanderziele.

Pagel selbst, obwohl längst Rentner, bevorzugt die längeren Wanderungen: 30 Kilometer durch die Lenzener Elbtalaue sind für ihn kein Problem. Auch die 35 Kilometer durch den Landkreis Teltow-Fläming, bei dem die Wanderer mit dem Fernglas den balzenden Großtrappen auf der Spur sind, machen ihm nichts aus. Am liebsten ist er in den Fließtälern rund um Berlin unterwegs. Oder er wandert von Birkenwerder aus ins Briesetal, um nachzuschauen, ob der Biber wieder aktiv war. „Die Geschwindigkeit des Wanderns ermöglicht es ja, ganz viel am Wegesrand wahrzunehmen.“

Wander Rucksack
Wichtig: extra aufs Wandern abgestimmte Utensilien Bild: Shutterstock

Verabredungen über soziale Netzwerke

Dass trotz des Wanderbooms die Mitgliederzahlen in den Vereinen eher rückläufig sind, bedauert Pagel. „Die Leute binden sich weniger, verabreden sich eher über soziale Netzwerke zum Wandern“, hat er festgestellt. Bei Vereinswanderungen seien aber Nicht-Mitglieder stets willkommen. Dabei lassen sich auch Wege entdecken, die noch kaum ausgetreten sind. „Jeder unserer Wanderleiter hat den Ehrgeiz, seine ganz eigene Tour zu präsentieren“, sagt Pagel.

Dagegen seien die „20 grünen Hauptwege“, für die der Verband die Patenschaft übernommen hat, eher etwas für Leute, die auf eigene Faust unterwegs seien. 2004 hob das Land Berlin zusammen mit den Berliner Ablegern des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) und des Fachverbandes Fußverkehr (FUSS) das Projekt aus der Taufe. Inzwischen verbinden die 20 grünen Hauptwege Berliner Parks und Landschaften auf einer Länge von rund 565 Kilometern miteinander.

Der längste Hauptweg ist der „Spreeweg/Berliner Urstromtal“, der zwischen Hessenwinkel im Osten und dem Falkenhagener Feld im Westen die Spree auf 59 Kilometern durch die Stadt begleitet. Ob Wannseeweg oder Barnimer Dörferweg, „Humboldtspur“ oder „Lindenberger Korridor“: Jeder einzelne der Hauptwege hat seinen Reiz – und die Ehrenamtlichen des Wanderverbandes haben ein Auge darauf, dass kein Schild fehlt und keine Baumwurzel zur Stolperfalle wird.

Einmalig in der Welt: der 160 Kilometer lange Mauerweg

Streckenweise mit den grünen Hauptwegen identisch – wenn er auch nicht zu ihnen gehört – ist der Berliner Mauerweg, der auf fast 160 Kilometern Länge auf dem früheren Grenzstreifen entlangführt. In 14 Einzelstrecken zwischen sieben und 21 Kilometern Länge verläuft er in weiten Teilen auf dem Kolonnenweg, den die DDR-Grenztruppen einst für ihre Kontrollfahrten an der Mauer anlegten. „Ein solcher Weg ist einmalig in der Welt“, sagt Christian Tänzler. Nicht überraschend also, dass Reiseveranstalter ihn rund um den Globus vermarkten – mit Erfolg.

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