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Titel Waldbaden
Bild: iStock
Auszeit nehmen

Wellness im Wald

Waldbaden ist der neue Wellness-Trend. Tief im Wald können gestresste Großstädter runterkommen, neue Energie schöpfen – und sogar zu sich finden, wie unsere Autorin Lydia Leipert im Selbstversuch herausgefunden hat. Bis bald, im Wald!

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lare Luft kitzelt in meiner Nase, zarte Äste knacken unter meinen Füßen und in meinen Ohren rauschen sanft die Blätter der Bäume. Ich stehe mitten im Wald: genauer im Bayerischen Wald nahe Garmisch-Partenkirchen. Doch auch in Berlin und Brandenburg könnte ich stehen und diese Begeisterung erleben. Doch dazu später mehr.

Bayrischer Wald
Auf dem Pfad zur Entspannung: unsere Autorin in einem bayerischen Wald. Bild: Lydia Leipert
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wei Stunden zuvor war ich noch wie viele skeptisch: Zurück zur Natur? Lachhaft. Alter Hut. Spazierengehen im Wald? Langweilig! Doch Waldbaden ist mehr und deshalb auch so ein starker Trend, der sich gerade von Nord bis Süd durch Deutschland zieht. Es ist eine perfekte Möglichkeit, nicht nur wieder zu sich, sondern auch zur Natur und damit zu unseren Wurzeln zu finden.

„Im Gegensatz zu anderen Entspannungsarten muss man beim Waldbaden keine schwierige Technik lernen. Das kann jeder blutige Anfänger.“ Christine Müller, Hotel Kranzbach

Überall in Deutschland werden gerade Kurse angeboten, in denen man selber Waldbaden erleben kann. Die Deutsche Akademie für Waldbaden hat allein in den vergangenen zwei Jahren 100 Kursleiter für Waldbaden ausgebildet. Auch medizinische Einrichtungen setzen immer stärker auf die heilenden Kräfte des Waldes: So hat in Heringsdorf an der Ostsee vor einem Jahr sogar der europaweit erste therapeutische Heilwald eröffnet. Und auch in der Berliner Umgebung kann vielleicht bald medizinisch begleitet Waldbaden erlebt werden: Es gibt Bemühungen des Immanuel Krankenhauses einen Waldbadepfad in der Nähe des Wannsees anzulegen. Gerade befindet sich diese Idee jedoch nur in der Planung. Aber nicht nur das: In vielen Hotels gehört Waldtherapie oder Waldbaden fast schon dazu wie Yoga und Pilates.

Intensive Erfahrungen beim Waldbaden machen

Wie im „Das Kranzbach“, wo Dr. Christine Müller gerade versucht, ihre Gäste dafür zu begeistern. Sie ist die ärztliche Leiterin des Hotels, das hier in einem bayerischen Bergtal auf 1.030 Meter Höhe liegt. Seit 2015 setzt sie sich mit dem Thema „Waldbaden“ auseinander, berät die Hotelgäste und eben auch mich.

Zugspitzblick
Blick auf die Zugspitze: Waldbaden kann jeder; nur zur Ruhe kommen muss man erst mal wieder lernen. Bild: Lydia Leipert

„Eigentlich ist das Besondere am Waldbaden, dass man im Gegensatz zu anderen Entspannungsarten wie Yoga oder Meditation keine schwierige Technik lernen muss. Das kann jeder blutige Anfänger“, sagt sie mit ruhiger Stimme. Mit ihrem geflochtenen Zopf über der Schulter und ihrem schlichten Janker passt sie einfach hierher, auf die hölzerne Yoga-Plattform des Hotels. Über ihr rauschen die Wipfel der Fichten und Tannen und in der Ferne sieht man den Gipfel der Zugspitze. „Ich habe gleichzeitig die Erfahrung gemacht, dass wir Menschen als intellektuelles Wesen mit einer kleinen Anleitung zum Waldbaden eine intensivere Erfahrung machen.“ Sie gibt ihren Gästen also theoretische Basics an die Hand, bevor sie sie dann in den Wald schickt.

Fünf Schritte zum eigenständigen Waldbaden im nächst gelegenen Wald:

1. Nicht sprechen.
2. Langsam gehen, wirklich langsam.
3. Alle Sinne aufsperren: Was sehe, höre, rieche ich?
4. Entspannt atmen (gerne auch drei Schritte lang ein und drei Schritte lang ausatmen).
5. Den Wald wirken lassen (zum Beispiel in dem man sich ein Blatt aussucht und es ganz in Ruhe zeichnet).

„Was mich so erfreut, ist, dass jetzt handfeste Studien beweisen, was Mensch ja intuitiv spüren: Dass ihnen der Wald gut tut,“ sagt sie. Die Duftstoffe und Öle, die Bäume, Pilze, Blätter und Erde abgeben, aktivieren den Parasympatikus, den Ruhe-Nerv. So verlangsamen sich während der Zeit im Wald nachweislich der Blutdruck und das Level der Stresshormone im Blut.

Klee Im Wald
Den Waldboden erspürt man am besten mit nackten Füßen. Natürlich nicht jetzt im Winter, sondern im Frühling. Bild: Lydia Leipert

Dies wird in Asien schon lange genutzt: In Japan wird „Shinrin-yoku“ – japanisch für Wald(luft)bad – bereits seit Jahrzehnten als klassische Heilmethode anerkannt. In japanischen Universitäten kann man sich als Facharzt für „Waldmedizin“ ausbilden lassen und auch in Südkorea gibt es offizielle Erholungswälder. Und jetzt hat Deutschland nachgezogen: Im 187 Hektar großen Kur- und Heilwald in Heringsdorf auf der Insel Usedom gibt es erste Pilotstudien mit Waldtherapien: Unter anderen bei der Behandlung von COPD (einer chronischen Atemwegserkrankung) hat man erste positive Erfahrungen gemacht.

„In einer Zeit, in der viele ihre Schritte tracken, ist es wichtig, komplett ohne Leistungsdruck zu laufen und vor allem zu schweigen“.

Jetzt will ich aber los und mache meine ersten Schritte über den Waldboden. Zunächst ist dabei nichts ungewöhnlich. Im Kopf habe ich noch den Satz von Frau Müller, dass ich mir beim Gehen Zeit lassen soll: „Wichtig ist es, langsam zu gehen. In einer Zeit, in der viele ihre Schritte tracken, ist es wichtig komplett ohne Leistungsdruck zu laufen und vor allem zu schweigen“.

Waldboden
Zu kälteren Temperaturen geht’s auch mit Schuhen, die das Geäst schön zum Knacken bringen. Bild: Lydia Leipert

Kein Problem, ich gehe also schweigend durch den Wald. Ich rieche die Blätter und merke, wie sich der Wald langsam für den Frühling bereit macht: Das sei typisch am Waldbaden, dass man auch die Gezeiten und die Veränderungen der Natur auf einmal stärker wahrnimmt. Der moosige Boden fühlt sich auf einmal so weich an, ganz als würde er schwingen. Von ganz alleine befolge ich den weiteren Tipp von Christine Müller: Augen und Ohren öffen. Der Wind in den Baumwipfeln klingt ein bisschen so, als würde er singen und auf einmal hab ich Lust, die Schuhe auszuziehen. Also, Sneaker beiseite und rauf auf das Moos und das Gras. Ein bisschen kalt ist es schon, aber jetzt bin ich tatsächlich noch aufmerksamer, wohin ich trete.

Mit der Natur den Hirnkasten abstellen

Und langsam verstehe ich, was Christine Müller damit gemeint hat, dass man im Wald das Gedanken-Karrussel stoppen kann. Denn in diesem intensiven Naturgefühl fällt es mir leicht, die To-Do-Listen erstmal wegzuschieben und einfach nur zu beobachten. Es geht darum, „den Hirnkasten abzustellen“, wie sie sagt.

Dr Christine Mueller
Expertin für Waldbaden: Christine Müller. Bild: Lydia Leipert

„Früher hat sich der Bauer nach getaner Arbeit einfach vor sein Haus auf die Bank gesetzt und sich erholt“, sagt die Ärztin. „Was für den Bauer damals selbstverständlich war, müssen wir in unserer technologisierten Welt wieder erlernen“.

Lydia Leipert
Unsere Autorin und jetzt ebenfalls Expertin fürs Waldbaden: Lydia Leipert. Bild: Lydia Leipert

Ich merke, dass die Langsamkeit mich beruhigt. Und je länger ich zwischen Fichten, Tannen und Buchen laufe, je mehr entdecke ich. Dann ein erster Versuch, die Atmung runter zu schrauben: Ich atme drei Schritte lang ein und drei Schritte aus. Und dann versuche ich mich noch mehr auf das, was ich sehe einzulassen.

„Kindliche Unbefangenheit“ hat Christine Müller empfohlen. Und sobald ich mir das wieder in Erinnerung rufe, sehe ich einen Stein: Er ist von oben fast komplett mit Moos bedeckt und sieht einfach besonders aus. Und läuft da nicht sogar eine kleine Ameise drüber? Ich muss selber ein bisschen über mich schmunzeln, dass ich mich so über diesen Stein freue.

Mit einem kindlichen Grinsen im Gesicht gehe ich weiter in den Wald. Da gibt es nämlich noch ziemlich viel zu entdecken.

Autorin: Lydia Leipert

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