Kleider machen Leute: Kostümbildnerin Silvia Albarella will in der VHS Kreuzberg-Friedrichshain ihren Beruf bekannter machen. Bild: Barbara Dietl

Volkshochschule

Jeden Tag ein bisschen klüger

Egal ob Hobby, Sprache oder Beruf: Rund 250.000 Berlinerinnen und Berliner lernen jedes Jahr bei den Volkshochschulen fürs Leben – und das moderner und vielfältiger, als viele meinen. Eine Hommage an das engagierte Wissen von nebenan.

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aschinenschreiben, Steno, Blumenstecken. Das kam einem früher sofort in den Sinn, wenn man an die Volkshochschule dachte. Längst hat Deutschlands älteste Institution für Erwachsenenbildung ihr leicht verstaubtes Image abgeschüttelt.

Auch wenn es die klassischen Töpferkurse noch immer gibt: Das Kursangebot ist riesig, reicht von Sprachen über Kreativ- und Sportkurse bis zu politischer und gesundheitlicher Bildung. Doch die VHS ist nicht nur Bildungs-, sondern auch Begegnungsstätte. Ist Ort, an dem junge Leute auf Senioren treffen, Nichtbehinderte auf Behinderte, Menschen aus der ganzen Welt auf alteingesessene Berliner, sozial Benachteiligte auf gut Betuchte.

Und das seit rund einhundert Jahren: 1915 entstand aus der viel älteren Humboldt-Akademie die erste „Volkshochschule Groß-Berlin”. Heute finden pro Jahr rund 20.000 Kurse bei den zwölf – nach Bezirken organisierten – Volkshochschulen statt.

Wir haben neugierige Schüler und engagierte Lehrer getroffen.

„Mit Kleidung Geschichten erzählen”

Bild: Barbara Dietl

Bei Kostümbildnerin Silvia Albarella (43) werden aus Rockstars Familienmenschen

„Ach, Sie schneidern die Kostüme gar nicht selbst?” Eine Frage, die Bühnen- und Kostümbildnerin Silvia Albarella öfter hört. Dann beginnt sie geduldig den Unterschied zwischen Maskenbildnern und Kostümbildnern zu erklären und die Aufgaben eines Gewandmeisters zu erläutern. „Beim Kostümbild geht es darum, eine Geschichte zu erzählen”, sagt die gebürtige Italienerin, „ein Kostüm für einen Schauspieler zu entwerfen, der eine ganz bestimmte Figur verkörpert.” Das sei anders als beim Modedesign. „Da kennt man die Menschen ja nicht, die später die Kleidung tragen.”

Ihr Berufsbild transparenter zu machen – das hat Silvia Albarella vor drei Jahren bewogen, Workshops an der Volkshochschule anzubieten. „Damit junge Leute den Weg in diesen schönen Beruf finden”, sagt sie, die selbst auch VHS-Schülerin ist. Englisch und Französisch hat sie an der Volkshochschule gelernt, gerade besucht sie einen Yogakurs bei der VHS in Mitte. „Als Nächstes möchte ich einen Kochkurs machen – japanische Küche.”

Schüler kommen zu ihren Einführungen in die Welt des Theaterkostüms, aber auch Amateur-Theatermacher, Theaterpädagogen. „Und immer öfter Leute, die sich umorientieren”, sagt Albarella. Menschen wie Marion Obergfell. Die 45-Jährige arbeitete lange Jahre als Maschinenbau-Technikerin – weil der Vater gemeint hatte, sie solle doch „was Solides” machen. Vor zwei Jahren kündigte sie ihren Job, begann eine Ausbildung zur Modedesignerin. Doch in der Industrie arbeiten will sie nicht. Lieber beim Theater oder beim Film. Welche Möglichkeiten es da gebe, da habe ihr Silvia Albarella „neue Welten eröffnet”.

  • Kostümbild ist nicht Modedesign: Albarella und ihre Schülerinnen erfinden neue Looks für echte Menschen. Barbara Dietl

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Die Dozentin verlangt auch Leistung von ihren Kursteilnehmern. Als Hausaufgabe sollten sie sich die Lebensgeschichte einer Person ausdenken und überlegen, welches Kostüm zu dieser Figur passt. Marion Obergfell hat sich die „Red Hot Chili Peppers” ausgesucht. „Die sind immer noch so richtig durchgeknallt mit ihren bunten Klamotten.” Eines der Bandmitglieder „nach der Tour als Familienmenschen darzustellen, der seine Tattoos abstreift, sich vielleicht sogar gesund ernährt”, hat sie sich vorgenommen.

Die passende Optik für den „Normalo-Pepper” zu finden, fällt ihr nicht schwer. Denn der Kurs trifft sich im Keller des Kunstquartiers Bethanien. Dort, wo im Fundus des Kostümkollektivs, zu dessen Mitbegründerinnen Albarella gehört, Hunderte Outfits lagern – von paillettenbesetzten Abendkleidern bis zu auf alt getrimmten Stiefeln.

„Das Leben ist doch bunt genug”

Dorothea Steffens (76) bringt in der „Schreibwerkstatt” ihre Geschichten aufs Papier

Sie hat die Aufsätze ihrer Schüler immer gern gelesen. Doch selbst etwas schreiben? Die Idee kam der früheren Deutschlehrerin Dorothea Steffens erst nach ihrer Pensionierung. Vor zehn Jahren schaute die heute 76-jährige Lübarserin zum ersten Mal in der Schreibwerkstatt der VHS Reinickendorf vorbei. Und blieb.

Seit 2003 nimmt Dozentin Claudia Johanna Bauer (50) Hobby-Autoren wie Dorothea Steffens unter ihre Fittiche. Männer und Frauen aus ganz Berlin, aus allen Berufen, Jugendliche ebenso wie Senioren. „Schreiben ist in erster Linie Handwerk”, sagt Germanistin Bauer. Plot, Figurenentwicklung, Dialogaufbau. Dann fehlt nur noch das Quäntchen Talent, Disziplin und Glück, das den Bestsellerautor aus der Masse hebt.

Es ist schon eine tolle Sache, das Ergebnis seines Tuns in den Händen zu halten. Dorothea Steffens, VHS-Kurs-Teilnehmerin

Doch an den großen Durchbruch auf dem Buchmarkt denkt Dorothea Steffens eher nicht. Ihr genügt es, wenn ab und an eine ihrer Geschichten in den Schreibwerkstatt-Heften abgedruckt wird, die von der VHS veröffentlicht werden. „Es ist schon eine tolle Sache, das Ergebnis seines Tuns in den Händen zu halten.” Es macht ihr einfach Freude, kurze Erzählungen zu Papier zu bringen. Meist Geschichten über Dinge, die sie selbst erlebt hat. „Mittlerweile habe ich meine Enkelin mit meiner Leidenschaft angesteckt”, sagt Steffens.

Auch mit ihr zusammen hat sie schon Kurzgeschichten geschrieben. Und die Enkelin ist immer die Erste, die Omas Stücke zu lesen bekommt. „Sie hat ein gutes Sprachgefühl, hält sich mit Ratschlägen nicht zurück”, sagt Steffens schmunzelnd. „Das motiviert.” Dass sie in ihrem Kurs zu den ältesten Teilnehmern zählt, stört sie überhaupt nicht. Auch wenn die Fantasy-Geschichten einiger junger Schreibtalente nicht unbedingt ihr Genre sind. „Ich muss nicht so viel erfinden – das Leben ist doch bunt genug.”

„Etwas bleibt immer haften”

Englisch-Lehrer Sean Lang verhilft in der VHS Pankow auch beim Verstehen von „Neudeutsch“. Bild: Barbara Dietl

Englischlehrer Sean Lang (49) unterrichtet Studenten und Senioren

Als Sean Lang in seiner kanadischen Heimat sein Deutschstudium begann, hatte er ein klares Ziel: Dolmetscher wollte er werden. „Lehrer zu sein, das konnte ich mir damals überhaupt nicht vorstellen”, sagt der 49-Jährige. Im letzten Studienjahr – Lang ging mittlerweile in Berlin zur Uni – war es ausgerechnet der Professor, der die Vorlesungen über das Konferenzdolmetschen hielt, der ihm riet: „Überleg dir, ob du nicht doch Lehrer werden willst.” Da sei dringender Bedarf an den Berliner Volkshochschulen – einer Einrichtung, die es in Kanada nicht gibt.

Längst ist Sean Lang Dozent an der VHS Pankow. Oft gibt er Englischkurse für Senioren. Die sind gefragt. Nicht nur, weil ältere Leute im Kopf fit bleiben wollen: „Viele kommen, weil sie als Rentner endlich Zeit haben zu reisen und sich dafür sprachlich rüsten möchten.” Andere würden Englisch lernen, um „Neudeutsch” mit den vielen englischen Fremdworten zu verstehen, erzählt Lang. Für junge Leute, die im Ausland studieren wollen, bietet er auch Prüfungsvorbereitungskurse an. An die Tafel schreibt Sean Lang nur wenig. Ihm kommt es darauf an, dass seine Schüler zuhören und sprechen. So lerne man am besten, ist er überzeugt.

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Ganz ohne das leidige Vokabelpauken geht es allerdings nicht. Dem gewinnt Lang durchaus positive Seiten ab: „Anfänger sind oft sehr unsicher, ob sie es schaffen, eine Sprache zu lernen. Da hilft das Vokabellernen, es gibt den Leuten das Selbstbewusstsein, etwas leisten zu können.” Und selbst wenn die Schüler viele Wörter wieder vergessen: „Etwas bleibt immer haften.”

„Digitale Technik demokratisiert den Dokumentarfilm”

Joachim Mühleisen begleitet in seinem Kurs bei Stoffentwicklung, Regie und Schnitt. Bild: Barbara Dietl

Joachim Mühleisen (44) zeigt die Grundlagen filmischen Erzählens

Die Leinwand sei schon etwas „angefressen”, entschuldigt sich Joachim Mühleisen. Doch darauf kommt es am ersten Abend des dreitägigen Dokumentarfilm-Kurses nicht an. Da geht es dem Filmwissenschaftler und Filmemacher darum, die Grundlagen des filmischen Erzählens zu vermitteln, praktische Übungen stehen erst am zweiten Tag auf dem Plan. Seit fünf Jahren bietet er den Dok-Film-Kurs an der VHS Pankow an – am liebsten in den Räumen seiner Produktionsfirma Vitascope in Prenzlauer Berg. Da hat er gleich sein Equipment parat, kann Anschauungsmaterial schnell aus dem Archiv ziehen.

Der 44-jährige zeigt einen Ausschnitt aus dem französischen Stummfilm „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat”, gedreht 1896 von den Brüdern Lumière, Pionieren der Filmgeschichte. Der habe damals Begeisterungsstürme ausgelöst, erzählt Mühleisen, weil der Zug frontal auf den Betrachter zukomme. Das wirke dynamisch. Andächtig lauschen die Kursteilnehmer. Eine junge Französin ist dabei, die sich „einen Kindheitstraum erfüllt”, eine Bildjournalistin, die endlich mit ihrer Spiegelreflexkamera gute Bewegtbilder einfangen will.

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Dass viele Fotokameras mittlerweile eine Videofunktion hätten, habe den Dokumentarfilm demokratisiert, sagt Mühleisen. „Für relativ wenig Geld gibt es da ein mächtiges Werkzeug, mit dem sich professionelle Filme drehen lassen.” Anders als früher mit den Videokameras. „Mit Schärfe und Unschärfe zu spielen – das war da doch gar nicht möglich.” Wie man ein Interview dreht, Handlungen in einzelne Einstellungen auflöst, Licht und Ton richtig einsetzt, steht bei Mühleisen auf dem Lehrplan. Und wie der Anfängerfehler vermieden wird, „Einstellungen zu drehen, die das Gleiche aussagen, nur aus einer anderen Perspektive”.

Ob er keine Sorge hat, sich Konkurrenten heranzuziehen? Mühleisen lacht. „Im Gegenteil”, sagt er. „Ab und an greife ich bei Filmproduktionen für Firmen oder Museen sogar auf frühere Teilnehmer meiner Kurse zurück, die mich begleiten, mir assistieren.”

Berliner Volkshochschulen im Überblick

www.berlin.de/vhs

Charlottenburg-Wilmersdorf
Pestalozzistraße 40/41, Tel. 90 29-288 73

Friedrichshain-Kreuzberg
Frankfurter Allee 37, Tel. 902 98-46 00

Lichtenberg
Paul-Junius-Straße 71, Tel. 902 96-59 71

Marzahn-Hellersdorf
Mark-Twain-Straße 27, Tel. 902 93-25 90

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„Den Kopf und den Hals frei zu bekommen”

In den Kursen von Meike Strohbach (47) können Pankower per Alexandertechnik Haltung bewahren

Meike Strohbach zeigt auf den steinernen Buddhakopf. „Haben Sie eine Idee, wie schwer der ist?”, will sie wissen. Die Kursteilnehmer grübeln. „Drei Kilo”, schätzt eine junge Frau. „Mindestens vier”, vermutet ein Herr im mittleren Alter. „Na, dann heben Sie ihn mal an”, fordert Strohbach ihn auf. Mit Schwung schnellen die Arme des Mannes vor, er packt den Buddha mit beiden Händen, reißt ihn nach oben. „Viel zu aufwendig”, kommentiert Meike Strohbach seine Bewegungen. So viel Kraft sei gar nicht nötig gewesen.

Das Bewusstsein für überflüssigen Kraftaufwand zu schärfen, ist eines ihrer Anliegen. Strohbach ist Gesundheitsberaterin, vermittelt an der VHS Pankow die Alexandertechnik. Eher zufällig erfuhr sie von der ganzheitlichen Methode zur Gesundheitsprävention, von einem Sänger im Chor der Humboldt-Uni, in dem sie seit 20 Jahren singt. Der erzählte ihr vom australischen Shakespeare-Rezitator Frederick Matthias Alexander, der die Methode Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte – und damit seine Stimmprobleme in den Griff bekam. Zu lernen, im wahrsten Sinne des Wortes „den Kopf und den Hals frei zu bekommen”, beeindruckte Meike Strohbach. „Da drücken bei richtiger Haltung schon sieben Kilogramm auf die Wirbelsäule. Das werden schnell 14 Kilo, wenn man falsch sitzt”, beim Arbeiten am Computer nach vorn in sich zusammensackt.

Bei der Alexandertechnik gehe es nicht darum, dem Körper etwas zu befehlen – sondern ein Gefühl dafür zu bekommen, wann er ausbalanciert ist. „Kinder schaffen das perfekt”, sagt sie und zeigt ein Bild – ein kleiner Strubbelkopf, auf einem Hocker sitzend, mit lässig herabhängenden Armen. „Kinder kämen nie auf die Idee, ihren Kopf in der Hand aufzustützen. Die sitzen einfach vollkommen entspannt da.”

Wie schwer es für einen Erwachsenen ist, das wieder zu schaffen, weiß Meike Strohbach, die als Personalerin arbeitete. „Als in unserer Firma eine Abteilung geschlossen wurde, habe ich das als Wink mit dem Zaunpfahl gesehen.” Sie kehrte dem Business den Rücken, ließ sich zur Lehrerin für Alexandertechnik ausbilden, drei Jahre lang. „Da lernt man, das zu lassen, was überflüssig ist – wie all diese unbewussten Bewegungen, die Verspannungen verursachen.”

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