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Typisch deutsch: Fünf Klischees im Test
Bild: shutterstock
„Du bist so deutsch"

Typisch Deutsch: 5 Klischees im Test

Wir ernähren uns von Wurst und Bier, sind zwanghaft pünktlich, humorlos und kaltherzig: Viele Klischees über die Deutschen sind alles andere als schmeichelhaft. Aber was steckt wirklich dahinter?

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as sagen Ausländer, die schon seit Jahren in Deutschland leben? Wir dürfen unsere Tugenden ruhig mögen, findet Agnieszka Kowaluk, Autorin des amüsanten Buchs „Du bist so deutsch!“ Berliner Akzente hat nachgefragt, welche Eigenschaften heute, mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall, als „typisch deutsch“ gelten.*

„Du bist so deutsch!“: Das bekommt Agnieszka Kowaluk, Autorin des gleichnamigen Buches, oft zu hören. Dabei ist sie Polin. Eine von 7,6 Millionen Ausländern, die laut Ausländerzentralregister in Deutschland leben, genau wie Julio Rodriguez, Grafikdesigner, Mexikaner und seit sechs Jahren Berliner. Beide hatten bestimmte Vorstellungen von „den Deutschen“, bevor sie herzogen – und wurden seitdem regelmäßig überrascht. „Typisch deutsch“: Was ist das heute eigentlich? Neue Antworten auf fünf alte Klischees.

Klischee 1: Die Deutschen ernähren sich von Bratwurst, Sauerkraut, Bier und Kartoffeln

Agnieszka Kowaluk
Buchautorin Agnieszka Kowaluk: „Die Deutschen müssen viel ertragen, was ihren Ruf angeht.“ Bild: privat/Riemann Verlag

Dass der Ausdruck „Kartoffelmutter“ im Film „Türkisch für Anfänger“ ein Schimpfwort für Deutsche sein soll, erscheint Agnieszka Kowaluk doppelt absurd. Erstens, weil die Knolle – wie Sauerkraut, Wurst und Bier – auch die polnische Küche bestimmt und somit nicht „typisch deutsch“ ist. Zweitens kann sie an der Kartoffelzubereitung westlich der Oder nichts Schlimmes finden. Dank ihrer deutschen Schwiegermutter habe sie die Sättigungsbeilage sogar erst richtig als eigene Delikatesse entdeckt, sagt sie in ihrem Buch und schwärmt von Kartoffelsalat, Quark- und Rosmarinkartoffeln und Reibekuchen. Und von germanischem Dosen-Sauerkraut, das sie sogar als Geschenk exportiert. Julio Rodriguez äußert sich hingerissen von der Currywurst – und von Paulaner-Bier, wie er zögernd gesteht: „Hier gebe ich das aber selten zu, weil die Berliner dann immer so ungläubig gucken.“ Fazit: Klischee stimmt und schmeckt.

Klischee 2: Die Deutschen sind kalt, unfreundlich und rücksichtslos

„Vollkommener Unsinn!“, sind sich die Befragten einig. „Als ich herkam, war ich von der Freundlichkeit der Leute überrascht“, erzählt Julio Rodriguez. „Ich muss sagen, dass ich im Vorfeld auch Angst vor Rassismus hatte. Das Bild vom Deutschen als Nazi ist in Mexiko noch verbreitet.“ Er habe aber nur gute Erfahrungen gemacht. „Die Deutschen sind sehr freundlich und hilfsbereit, sogar in einer Großstadt wie in Berlin. In Mexiko-Stadt sind die Menschen viel distanzierter“, sagt er und erzählt von seinem letzten Besuch in der mexikanischen Hauptstadt: „Ich habe versucht, auf der Straße Geld klein zu wechseln und keiner hat mir geholfen! Auch nicht in den Geschäften. In Berlin wäre das kein Problem gewesen. Die Leute sind hier nicht so ängstlich und desinteressiert.“ Agnieszka Kowaluk hatte hohe Erwartungen an die „gute Kinderstube“ der Deutschen, skurrilerweise ein positives Klischee im höflichen Polen (während die Deutschen anderswo, beispielsweise in Großbritannien, bekanntlich als ungehobelt gelten). Daher überraschte sie die floskellose Direktheit der Teutonen, wenn sie zum Beispiel einer bepackten Dame im Bus ihren Platz anbot und dafür nur ein schlichtes „Nein.” erntete. Oder ein „Hoppla“ statt „Entschuldigung”, wenn sie umgerempelt wurde. Auch ein „Danke“ ist in Deutschland nicht immer eine Selbstverständlichkeit, gibt sie zu. Aber: Dekor sei nicht das Wichtigste. Freundlichkeit könne man auf verschiedene Weise zeigen – und die erfahre sie in Deutschland reichlich. Fazit: Klischee widerlegt. Möglicherweise nur aus Höflichkeit?

Klischee 3: Die Deutschen sind außerdem humorlos und steif

Julio Rodriguez
Zugezogener Julio Rodriguez: „Die Deutschen haben viele Regeln – deswegen funktioniert hier alles.“ Bild: Maike Grunwald

Auch dieses Urteil halten die Befragten für „Quatsch“. Agnieszka Kowaluk glaubt, dass es aus einem Missverständnis der Ernsthaftigkeit entstanden sein könnte, die viele Deutsche an den Tag legen. „Das heißt aber nicht, dass sie humorlos sind! Im Gegenteil, ich schätze ihren oft trocken Witz und die Selbstironie“, sagt sie und fügt mitfühlend hinzu: „Die Deutschen müssen aber auch viel ertragen, was ihren Ruf angeht.“ Als der englische Komiker Rowan Atkinson alias „Mr. Bean“ den Deutschen in einem Interview mit Bunte.de einen „guten Sinn für Humor“ bescheinigte, sorgte er damit für Schlagzeilen im deutschen Blätterwald. Dabei schrieb schon der gnadenlose Mark Twain, Autor des Essays „Die schreckliche deutsche Sprache“, in seinem berühmten „Bummel durch Europa“: „Wie sind wir nur auf die Idee gekommen, die Deutschen seien ein stures, phlegmatisches Volk? Tatsächlich sind sie weit davon entfernt. Sie sind warmherzig, gefühlvoll, impulsiv, begeisterungsfähig, beim zartesten Anstoß kommen ihnen die Tränen, und es ist nicht schwer, sie zum Lachen zu bringen.“ Fazit: Klischee stimmt nicht. Oder war das alles ironisch gemeint?

Klischee 4: Die Deutschen sind fleißig, sparsam und effektiv

Agnieszka Kowaluk findet die deutsche Sparsamkeit sympathisch, „weil sie kein Ausdruck von Geiz ist, sondern von Effektivität und Rationalität. In Polen würde man nie ein einzelnes Ei kaufen, in Deutschland schon – wenn man eben nur eines braucht.“ In Polen bestünde nach Jahren des Mangels noch Nachholbedarf am Konsumieren, in Deutschland mache man sich inzwischen eher Gedanken um Nachhaltigkeit und bemühe sich, nichts zu verschwenden. Fleiß hingegen sei keine exklusiv deutsche Eigenschaft, auch wenn die Erkenntnis, dass die Polen ebenfalls arbeitsam sein können, für viele noch neu und überraschend sei. Dass den Deutschen Fleiß traditionell fraglos als typische Tugend zuerkannt würde, sei aber berechtigt, finden die Befragten. „In Mexiko herrscht die Vorstellung, dass die Deutschen deshalb so reich sind, weil sie viel arbeiten. Sie gelten auch als hochqualifiziert. Berühmt sind die deutschen Ingenieure“, erzählt Julio Rodriguez. Agnieszka Kowaluk findet es bemerkenswert, dass die Deutschen sogar ihre Freizeit mit Fleiß gestalten. Fazit: Klischee stimmt. Weitermachen. Aber zackig!

Klischee 5: Die Deutschen lieben Ordnung und halten sich an Regeln

Diese preußischen Tugenden fallen Julio Rodriguez auf Anhieb ein – und das, obwohl er in Berlin lebt, wo nach Meinung der Deutschen (inklusive der Berliner) blankes Chaos herrscht. „Die Deutschen haben viele Regeln und halten sich daran. Deswegen funktioniert hier alles. Das ist doch gut“, sagt er. „Es fängt mit den Verkehrsregeln an. Versuchen Sie mal, in Mexiko-Stadt über die Straße zu gehen! Lebensgefährlich.“ Die viel beklagte deutsche Bürokratie sei „ein Klacks im Vergleich zu der in Mexiko.“ Auch über die angebliche Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn kann er nur herzhaft lachen: Jammern auf hohem Niveau. Eine kaputte Rolltreppe gebe einem hierzulande „das Gefühl, ein Survivor im Zivilisationsdschungel zu sein“, witzelt auch Agnieszka Kowaluk. Die teutonische Liebe zu Regeln findet sie „wohltuend“: „Ordnung vereinfacht das Leben.“ Allerdings beobachtet sie auch eine gewisse „deutsche Laxheit“, eine Rebellion gegen Regeln im Geiste der 68er, eine zur Schau getragene Nachlässigkeit und Unpünktlichkeit. „Da wünsche ich mir dann oft mehr Spießigkeit.“ Fazit: Klischee stimmt in der Regel. Könnte aber noch ordentlicher geregelt sein!

Alles in allem scheinen die hier lebenden Ausländer eine bessere Meinung über die Deutschen zu haben als wir über uns selbst – und selbst dafür gibt es Lob: „Das mögen wir ja an den Deutschen, dass sie kritisch mit sich sind. Diese Vorsicht, die sicher auch aus ihrer Geschichte herrührt“, sagt Agnieszka Kowaluk. Dazu passt der Untertitel ihres Buches: „Mein Leben in einem Land, das seine Tugenden nicht mag“. Und vielleicht auch nicht alle kennt: Weltoffenheit und Kontaktfreudigkeit seien ebenfalls „typisch deutsch“, sagt die Autorin: „Als Ausländerin habe ich oft das Gefühl, dass sich die Menschen für mich interessieren, gerade weil ich von woanders herkomme.“

Hintergrund

„Wir sind nicht typisch deutsch“
Artikel über Stereotypen-Studie in der Welt am Sonntag

„Die neuen Deutschen kommen“
Artikel vom Mediendienst Integration

Buch-Tipp

Du bist so deutsch! – Mein Leben in einem Land, das seine Tugenden nicht mag“
von Agnieszka Kowaluk

Riemann Verlag, 16,99 EUR

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