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So könnten Berliner in der City leben: die Tiny-House-University zeigt neue Wohnformen für immer größer werdende Städte. Bild: Anja Karrasch
Wohnen

Das kleinste Haus der Welt

In Berlin ist Wohnraum knapp und teuer. Der Architekt Van Bo Le-Mentzel will mit seinen Mini-Häusern erschwingliche Wohnungen in der Innenstadt für alle schaffen. Wo diese stehen sollen, hat er uns verraten.

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erlin-Tiergarten: Der Verkehr auf der vierspurigen Straße verebbt im Innenhof des Bauhaus-Archivs an der Klingelhöferstraße vollends. Knapp ein Dutzend kleiner Häuser aus Holz oder Metall steht auf fahrbaren Gestellen auf dem temporären „Tiny House Campus“ der „Tiny House University“.

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Bezahlbarer Wohnraum lässt ihn lächeln: Architekt Van Bo Le-Mentzel. Bild: Anja Karrasch

Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel hat die mobile Universität mit seinem Team Anfang 2016 gegründet. Bis März 2018 will das Team neue Formen von Städte-Strukturen und gemeinschaftlichem Leben und Arbeiten auf dem Campus erforschen und erarbeiten. Wir treffen Van Bo Le-Mentzel im kleinsten Tiny House, das so groß ist wie eine Telefonzelle.

„Wir wollen, dass Menschen mitten in Berlin wohnen können, dass jeder Mensch Zugang zur Innenstadt hat und dort auch übernachten kann.“ Architekt Van Bo Le-Mentzel

Van Bo Le-Mentzel, kann man auf einem Quadratmeter wohnen?
„Wir benutzen es als Shop, um Sachen zu verkaufen oder als Bücherei, Sessel und Lounge. Man kann aber auch drei Häuser zusammen stecken und dann darin schlafen. Dieses Ein-Quadratmeter-Haus ist das kleinste Haus der Welt, aber es kann einer Person in Not Obdach geben. Unsere Tiny Houses haben einen Gutes-Karma-Auftrag, das heißt wir nutzen sie nicht für uns allein, sondern wir bieten einen Schlafplatz in Not. Oder wir teilen Essen, Werkzeuge, Kultur, Theater, Gedichte, Baupläne, oder Bücher. Das ist keine Frage von Größe, sondern der Fantasie und des Willens. Wir wollen, dass Menschen mitten in Berlin wohnen können, dass jeder Mensch Zugang zur Innenstadt hat und dort auch übernachten kann. Die Tiny- House-Bewegung ist eine Bewegung der Gemeinschaft, das unterscheidet uns von einem Campingplatz, wo jeder einen Raum für sich beansprucht.“

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So könnten Berliner auf der Fläche eines Parkplatzes wohnen. Bild: Anja Karrasch

Was vermittelt der Tiny House Campus?
„Die Tiny Houses zeigen, was alles möglich ist auf einer Fläche, die sonst ein Auto in Anspruch nimmt. Uns interessiert, wie die Welt aussehen würde, wenn 1,2 Millionen Autos, die wir in Berlin haben und immer irgendwo parken, wenn diese Fläche nicht von toten Autos besetzt werden würde, sondern von lebendigen Menschen. Wie würde sich dann die Stadt verändern? Ich finde es wertvoll, darüber nachzudenken, ob es eine Alternative gibt zu einer Welt, in der wir den öffentlichen Raum Autos überlassen. Nicht nur Autos sollten auf der Straße das Recht haben, zu parken, sondern auch andere Objekte wie zum Beispiel ein Tiny House.“

Bislang ist es nicht erlaubt, in einem Tiny House im öffentlichen Raum zu leben. Wie wollen Sie das ändern?
„Das stimmt, man darf in Deutschland nur in einem als Wohngebiet deklarierten Ort wohnen und auch nur dann, wenn man dort gemeldet bist. Die Leute, die die Gesetze gemacht haben, haben noch nie darüber nachgedacht, dass man auch auf zehn Quadratmetern wohnen kann. Das ist auch der Grund, warum wir hier sind. Erstens wollen wir forschen und zweitens Aufklärungsarbeit betreiben, indem wir mit diesem Campus zeigen, was auf zehn Quadratmetern alles möglich ist. Das ist durchaus menschenwürdig. Wenn das zu den richtigen Leuten durchsickert, dann ändern sich vielleicht auch die Gesetze.“

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Das „Tiny House“ bietet zehn Quadratmeter Wohnraum. Bild: Anja Karrasch

Die Tiny House Bewegung kommt aus den USA und findet auch hier immer mehr Anhänger. Wieso steigt das Interesse?
„Wir haben einen Nerv getroffen. Viele gut ausgebildete Berliner im Alter zwischen 30 und 45 Jahren sind Teil der Leistungsgesellschaft geworden und stellen sich nun die Frage: „Will ich das überhaupt?“ Momentan ist viel Kapital da, da viel vererbt wird und in eine mobile Immobilie wie ein Tiny House zu investieren ist eine interessante Option. Da ein Minihaus ungefähr 50.000 Euro kostet, ist das keine Bewegung von armen Leuten, sondern eine Bewegung aus der Mittelschicht. Das finde ich interessant, denn wenn jemand die Power hat, etwas zu verändern, dann sind das nicht die Linken oder die Alternativen, sondern dann ist es die Mitte.“

Sein Wohnkonzept: günstig, flexibel, partizipativ und demokratisiert

Der 39-Jährige mit laotischen Wurzeln sieht es als gesellschaftliche Herausforderung gestalterische Lösungen für soziale Probleme zu finden. Er wuchs im Wedding auf und studierte Architektur an der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin. Bekannt wurde der Ingenieur mit seinen „Hartz-IV-Möbeln“, die er für Menschen mit wenig Geld entwarf und zum Nachbauen mit Bauanleitung ins Netz gestellt hat.

Sein Wohnkonzept soll „günstig, flexibel, partizipativ und demokratisiert sein“. Vorbilder seiner Arbeit sind die Bauhaus-Künstler Marcel Breuer und Mies van der Rohe. Realisieren will er seine Ideen mit dem Team der Tiny House University und dem Co-Being-Projekt, das gemeinsam mit Geflüchteten, Berliner Wohnungslosen und Senioren entwickelt wurde.

Wann wird es das erste Co-Being-Haus geben?
„Wir suchen gerade das Grundstück und einen Investor, der das Haus baut. Wir sind im Gespräch mit verschiedenen Grundstückeigentümern, die nicht so kapitalorientiert sind und unsere Idee toll finden. Ich bin sehr optimistisch, dass wir 2019 bauen werden.“

Tiny House Campus bis 9. März 2018
Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung
Klingelhöfer Straße 14
10785 Berlin-Tiergarten
http://bauhauscampus.org

Öffnungszeiten:
Täglich ab 10 Uhr, letzter Einlass: 17 Uhr
Führungen auf dem Campus: Montags, 15 Uhr, ca. 1 Stunde
Treffpunkt: Vor dem Pavillon Bauhaus re use
Anmeldungen: tour@bauhauscampus.org

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