Newsletter abonnieren
Teenager_shutterstock
Bild: shutterstock
Teenager

Wenn das Kind zum Alien wird

Wenn Kinder in die Pubertät kommen, entwickelt sich eine Diskussion für Elter schnell mal zur Herausforderung. Diese Tipps geben Experten für eine entspanntere Kommunikation.

I

mmer das gleiche: Die 17-jährige Lisa soll den Geschirrspüler ausräumen. Das ist ihre Aufgabe. Aber wenn Mutter Petra müde von der Arbeit kommt, ist das Geschirr immer noch in der Maschine.

„Ich hasse dich“ bedeutet „Ich brauche mehr Freiraum“

„Früher habe ich gemeckert”, sagt sie. „Lisa wurde bockig. Es gab Streit.” Petra schimpfte: „Wenn man dich mal braucht!” Lisa: „Nichts kann ich euch recht machen!” Diskussionen mit Teenagern enden nicht selten schlimmer: mit knallenden Türen, aufgedrehter Stereoanlage und dem Pubertäts-Frustruf: „Ich hasse dich!“ (übersetzt: „Ich brauche mehr Freiraum”).

„Schnell kommen Selbstzweifel auf. Die Eltern fragen sich: ,Ist dieser Wahnsinn noch normal?‘” erzählt Familientherapeutin Silke Wienands und gibt Entwarnung: „In den meisten Fällen ist er das! Grund ist die große körperliche und geistige Entwicklung: Neuropsychologen wissen, dass das Gehirn in der Pubertät einer Baustelle gleicht.”

Deutsch – Teenager

„Das geht dich überhaupt nichts an!”
Aus Ihrem niedlichen Kind wird ein launischer Teenager, der selbstständig wird. Versuchen Sie, das locker zu nehmen und ihm seinen Freiraum zu geben.

„Alles ist doof”
Auch wenn der Jugendliche den Kummer nicht konkret benennen kann, zeigen Sie Verständnis und Zuwendung.

Mehr

Starkes Bedürfnis nach Selbstbestimmung

Das enorme Wachstum sorge für einen „Gefühls-Tsunami”. Emotionen werden viel stärker empfunden. Das Schlafbedürfnis steigt, der Teenager wird launisch. Hinzu kommt Stress durch andere Veränderungen, ergänzt Susanne Wittenberg-Tschirch, ebenfalls Familientherapeutin und Teenie-Mutter: „Pickel sprießen, Brüste wachsen (oder nicht!), der erste Liebeskummer schlägt zu, Berufsentscheidungen stehen an. Alles ist neu.”

Nicht nur die Eltern fragen sich, wer dieses fremde Wesen im Zimmer ihres Kindes ist. Auch der Teenager erlebt sich so, sagt Silke Wienands. Ihr Tipp an die Eltern: „Lernen Sie Ihr Kind neu kennen! Zeigen Sie Interesse an dem, womit es sich jetzt beschäftigt, welche Ideen es plötzlich hat. Verabschieden Sie Ihr liebes Kind ins Reich der Erinnerungen und begrüßen Sie Ihr neues Familienmitglied: den Pubertisten!”

Die Kunst: Zutrauen und Freiräume gleichzeitig schenken

Alien Jugendlicher
Teenager wirken auf Eltern manchmal wie Aliens. Dabei gibt es ein paar Tricks, mit den „Gefühls-Tsunamis“ umzugehen. Bild: Jens Bonnke

Heranwachsende entwickeln eigene moralische Werte, probieren sich aus, lösen sich von den Eltern. Die Folge: Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Selbstbestimmung, wollen über ihre Zeit und ihr Geld eigenständig verfügen und eine Intimsphäre haben. Gleichzeitig sind sie verunsichert. Sie verlassen das Nest, haben aber noch kein eigenes, fühlen sich unverstanden, ungeliebt, verstehen und mögen sich selbst nicht.

„Eltern sollten ihren Kindern in dieser Phase Zutrauen und Freiräume schenken, ihnen aber gleichzeitig den Rücken stärken”, so Wittenberg-Tschirch. „Es ist wichtig, Liebe klar auszudrücken, dabei aber konsequent und somit verlässlich zu bleiben.”

Nach drei Tagen gibt‘s eben Plastikgeschirr

Kommt das Kind zum Beispiel später als vereinbart heim, sollten sie es nicht mit Wut empfangen. „Zeigen Sie Ihre Freude, dass es heil zurückgekommen ist. Erzählen Sie von Ihrer Angst.” Dann muss der Heranwachsende Verantwortung übernehmen. Haben Sie 20 Freunde angerufen, um zu erfahren, wo Ihr Kind ist? Dann sollte der Zuspätkommer überall Entwarnung geben. Ist das Essen kalt geworden, weil die Familie gewartet hat? Vereinbaren Sie, dass der Teenager dafür an einem Tag seiner Wahl kocht.

Hinter jedem Regelverstoß steckt ein Bedürfnis: nach mehr Selbstbestimmung, Vertrauens­vorschuss oder Aufmerksamkeit. In Lisas Fall ist es einfach: „Wenn ich um 15.30 Uhr nach Hause komme, möchte ich mich erst ausruhen und etwas essen”, sagt sie. „Gibt es dann um 16 Uhr Streit, weil die Küche noch nicht fertig ist, bleibe ich stur.”

Ihre Mutter fragte eine Pädagogin und änderte die Regel: Lisa entscheidet, wann sie die Spülmaschine ausräumt. Lässt sie es zu lange schleifen, gibt es kein frisches Geschirr mehr. „Der Rekord waren drei Tage, am Ende haben wir uns mit Plastikbesteck beholfen”, sagt Petra lachend. Lisa sei aber ein Traum-Teenager, betont ihre Mutter. „Sie nimmt keine Drogen, meistert die Schule – und wir haben ein tolles Vertrauensverhältnis.”

Falsche Freunde vermeiden

Letzteres ist sicher der Grund, warum sich Lisa nicht bei riskanten Gruppen Rückhalt holen muss. „Ich bekomme von meinen Eltern, was ich mir von ihnen wünsche: volle Unterstützung und dass sie mir zuhören”, sagt die 17-Jährige. „Ich laufe nicht mit jeder Sorge zu ihnen, aber wenn, sind sie für mich da.”

Ihre Mutter freut sich über das Vertrauen. Was sie Teenie-Eltern noch rät? „Respektvoll miteinander umgehen. Geborgenheit geben, ohne einzuengen. Genau zuhören! Bei Problemen nicht zögern, sich Hilfe von außen zu holen – bevor es ernst wird.”

Beratung und Hilfe

Erziehungs- und Familien-Beratungsstellen in Berlin:

www.efb-berlin.de

Familientherapie

Praxis Silke Wienands
www.silkewienands.de

Praxis Susanne Wittenberg-Tschirch
www.susanne-wittenberg.de

Diese Themen könnten Sie auch interessieren