Titel Stress In The City
Bild: Mazda Adli
Porträt

Der Visionär einer gesunden Stadt

Die schlechte Nachricht: Das Stadt-Leben macht uns krank. Das sagt der Berliner Stressforscher Mazda Adli. Die gute Nachricht: Er hat auch ein Gegenmittel gefunden.

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in Plakat im großzügigen Wartezimmer der Fliedner Klinik am Gendarmenmarkt macht Werbung für sein Buch „Stress and the City“. Mazda Adli erscheint im dunklen Anzug und weist zuvorkommend den Weg in sein Büro. Durch die Fenster mit Blick auf das Konzerthaus dringt kaum Großstadtlärm.

Als Chefarzt der Klinik sind er und sein Team spezialisiert auf die Behandlung und Prävention von psychischen Störungen, die Stress als Ursache haben können wie zum Beispiel Depressionen oder Angsterkrankungen. Mazda weiß also, wovon er spricht, wenn er schreibt: Das Stadtleben macht uns krank.

Herr Adli, es ist bekannt, dass Berlin laut, rau und voll ist. Was bringt Ihr Buch da für neue Erkenntnisse?

“Mir geht es in dem Buch darum, zu erklären, welche Spuren Stadtleben und insbesondere Stress auf unserer Psyche hinterlassen. Auch welche positiven Spuren, die gibt es neben den negativen natürlich auch. Von daher gibt es eine ambivalente Situation. Die müssen wir verstehen, um dann die Frage zu beantworten, wie wir Städte schaffen können, die lebenswert sind.”

Stress entsteht in der Großstadt durch gleichzeitig soziale Dichte und soziale Isolation. Mazda Adli, Stressforscher

Stress verändert unser Gehirn. Inwiefern?

“Einerseits sind wir Herdentiere, wir brauchen die Gemeinschaft anderer. Aber es gibt insbesondere in unseren Großstädten das, was wir sozialen Stress nennen. Dieser soziale Stress entsteht aus der Gleichzeitigkeit von sozialer Dichte und sozialer Isolation. Wenn beides zusammenkommt und dann noch das Gefühl entsteht, diesem Stress in besonderer Weise permanent ausgeliefert zu sein, können daraus Krankheiten entstehen. Da sehen wir in der Tat Spuren, die der soziale Stress im Gehirn des Stadtbewohners hinterlassen kann.”

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Bild: iStock

Mazda Adli plädiert für eine Prävention, um Städte auch in Zukunft für die Menschen attraktiv und lebenswert zu erhalten. „Die Zukunft der Menschen ist eine urbane“, davon ist der Wissenschaftler überzeugt. Um herauszufinden, wie eine gesunde Stadt aussehen kann, hat er das Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik gegründet.

Zusammen mit Neurowissenschaftlern, Medizinern, Stadtplanern, Sozialwissenschaftlern und Architekten erforscht der Psychiater die unterschiedlichen Aspekte des Stadtlebens und ihre Auswirkung auf unsere psychische Gesundheit. Sicher ist, dass Stadtbewohner etwa eineinhalb Mal so häufig an Depressionen erkranken wie Landbewohner. Das Schizophrenie-Risiko ist in Städten sogar doppelt so hoch. Keine guten Aussichten, wenn es stimmt, dass im Jahr 2050 rund 70 Prozent der Menschen in Städten leben werden. Auch Berlin wird immer voller. Im Jahr 2016 zogen 60 000 Menschen nach Berlin und der Zuzug in die Hauptstadt ist ungebrochen.

„Ich bin der Meinung, dass die Großstadt nach wie vor ein großes Versprechen für uns Menschen bereithält.“

Woran krankt Berlin?

“Soziale Isolation ist einer der großen Krankmacher in der Stadt. Was dagegen hilft, ist soziale Gemeinschaft und Unterstützungsstrukturen. Und die entsteht, wenn Menschen miteinander in Kontakt kommen. Dafür braucht es öffentliche Plätze, die in Berlin noch breit gesät sind. In Berlin wird relativ viel Zeit außerhalb der eigenen vier Wände verbracht.”

“Dazu kommt, dass es eine grüne Stadt ist. Auch Grünflächen haben eine messbar positive Wirkung auf die Psyche der Stadtbewohner. Berlin macht in vielerlei Hinsicht also einiges richtig. Weil Berlin durch seine enorm breiten Straßen, die Verweilzonen und nicht nur Transitzonen sind, durch seine vielen Plätze und das viele Grün einfach auch viel „Glück“ hat. Aber diese Besonderheiten gilt es auch zu schätzen und zu bewahren.”

Angesichts von knappem Wohnraum, Verkehrschaos und höheren Mieten steigt der Stresspegel doch eher…

“Die Gefahr besteht in Berlin eher darin, dass auch hier öffentlicher Raum verschwindet, der uns vor sozialer Isolation in der Stadt schützt. Platz und Fläche werden knapp und teurer und das ist meine Sorge. Wir beobachten in vielen deutschen Städten, dass die gemischte Nutzung von Innenstädten immer weniger wird. Die Innenstädte veröden strukturell. Damit steigt das Risiko für sozialen Stress, der uns krank machen kann. Und das können wir uns nicht leisten, wenn es gleichzeitig mehr und mehr Menschen in die Städte zieht.”

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Bild: Shutterstock

Mazda Adli wirkt gelassen, seine Antworten formuliert er wohlüberlegt. Sein bisheriges Leben hat er in verschiedenen europäischen Metropolen verbracht. Als Sohn einer iranischen Diplomatenfamilie wird er 1969 in Köln geboren. Das Medizinstudium absolviert der 48-Jährige in Bonn, Wien und Paris. In Berlin lebt er seit über 20 Jahren. Neben der psychiatrischen Tätigkeit setzt er seine Forschung an der Charité fort, wo er sich 2010 habilitierte. Seit 2013 leitet Mazda Adli die Fliedner Klinik Berlin, sein neuestes Projekt ist das Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik.

Was fasziniert Sie an der Großstadt?

“Ich bin ein Großstadtmensch und ich habe das Buch als persönliches Bekenntnis zu Großstädten geschrieben, weil ich der Meinung bin, dass die Großstadt nach wie vor ein großes Versprechen für uns Menschen bereithält. Ein Versprechen auf persönliche Freiheit, Entfaltung, Bildung und kultureller Vielfältigkeit. Das wird uns Menschen weiterhin an Städten faszinieren.”

Wie kann uns Berlin trotz Stress gut tun?

“Es hilft, sich auf unterschiedlichste Weise auf die Stadt einzulassen: Zum Beispiel den Kontakt zu seinen Nachbarn suchen, die viele oft gar nicht kennen. Oder aber die Gegend, in der man wohnt, mit offenen Sinnen wahrzunehmen. Wie riecht es eigentlich in meiner Straße? Was sind da für Geräusche? Grundsätzlich ist Zeit, die man vor der eigenen Haustür verbringt statt dahinter, gut. Das befördert soziale Begegnungen und beugt sozialer Isolation vor.”

“Dafür muss die Straße vor meiner Haustür natürlich auch die richtige Stimulation bieten, zum Beispiel Geschäfte für die Dinge des täglichen Lebens in Laufweite vorhalten oder auch mal ein Café. Berlin hat natürlich auch sein reiches und buntes kulturelles Leben, in das man eintauchen kann. Die kleinen und großen Bühnen, die Freilichtkinos, Museen, Galerien – sie befördern das alltägliche Miteinander, wirken sozialer Isolation entgegen und erfüllen daher auch einen wichtigen Auftrag für unsere psychische Gesundheit.”

Mazda Adli rät, eine oder zwei Großstadt-Oasen zu finden, wo man sich wohlfühlt und außerhalb der eigenen vier Wände gerne Zeit verbringt. Er selbst entspannt beim Klavier spielen und beim Theaterbesuch. Mit Kollegen hat er den Chor „Singing Shrinks“ gegründet: Singen für ein gesundes Berlin.

Buch Stress And The City

Lesetipp:

Mazda Adli
„Stress and the City“. Warum Städte uns krank machen. Und sie trotzdem gut für uns sind.
Bertelsmann Verlag 2017
19,99 Euro

Formate: video/youtube

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