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Titel Streetart
Ohne Graffiti und Street-Art wäre die Stadt trist und grau: Wie hier in Friedrichshain macht sie das Stadtbild bunt. Bild: Anja Karrasch
Streetart

Kunst auf der Straße

Überall in der Stadt fallen sie ins Auge: fantasievolle Bilder und bunte Schriftzüge. Streetart ist längst zu einer Kunstform geworden – jetzt bekommt sie sogar ein eigenes Museum. Von grauem Beton als Leinwand, legalem Spraying und Wohnungsbaugesellschaften, die hierfür ganze Häuserwände zur Verfügung stellen.

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amstagmorgen. Kottbusser Tor. Leute hasten vorbei. Neben dem Fotoautomaten prangen Schriftzeichen in türkis, grün und pink. Kaum eine freie Fläche, die nicht besprüht, beklebt oder bemalt ist.

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„Little Lucy“: ein Motiv des Künstlers El Bocho. Bild: Anja Karrasch

Hier startet unsere Streetart Tour von „art:berlin“ mit Stefanie Krüger. Als erstes macht sie uns auf ein Spitzendeckchen aus Papier aufmerksam, das an der schwarzen Hauswand klebt.

In der bemalten Mitte holt eine Katze mit einem Baseballschläger zum Schlag aus. „Pussy grabs back“ steht daneben. Es stammt vom Berliner Streetart-Künstler El Bocho aus seiner Serie Little Lucy, die uns auf unserem Streifzug wieder begegnen wird. Bevor es losgeht, erzählt Stefanie Krüger von den Anfängen der urbanen Kunst in Berlin.

Graffiti-Kunst ist vergänglich

Sie entstand in den 1970er-Jahren als „urbane Sprache“, eng verknüpft mit der Hip-Hop-Szene. Dabei muss man zwischen Graffiti und Streetart unterscheiden: Graffiti ist die Schreibkunst mit den charakteristischen Signaturen (Tags) – Streetart hingegen die bildhafte Darstellung mit verschiedenen Techniken, wie zum Beispiel Schablonen, Sticker, oder übermalte Fotografien.

Umstritten sind die Signaturen an Häuserwänden und Dächern, die die Streetart-Künstler nachts in der Dunkelheit mit Kletter-Ausrüstung und Teleskop-Stangen malen. Ganz zum Ärger der Hausbesitzer. „Es geht um politischen Protest und die Zurückeroberung des öffentlichen Raums, der durch Werbung dominiert wird. Und es geht um die Frage, wer sein kreatives Potential ausleben darf jenseits von Galerien und der Kommerzialisierung von Kunst“, entgegnet Stefanie Krüger. Ihr Filmtipp, um tiefer ins Thema einzusteigen: Der Dokumentarfilm „Hello, my name is German Graffiti“ von Stefan Pohl, der 15 Graffiti-Künstler vorstellt wie Moses & Taps, Jukebox Cowboys, Loomit, Public Provocation.

Legal sprayen im Mauerpark

Doch Sprayen kann auch legal in Berlin geschehen. Weiter gehts durch die Adalbert- und Oranienstraße, wo die Blicke an den zahllosen und teils übermalten Tags, Bildern, Figuren und Gesichtern hängen bleiben. Darunter die tanzenden Frauen des französischen Künstlers SOBR als Paste-ups und das 22 Meter hohe und 14 Meter breite Wandbild „Astronaut Cosmonaut“ von Victor Ash, das 2007 legal während eines Streetart-Festivals entstand. Es zeigt einen schwebenden Raumfahrer, mit dem der Künstler die Zeit des Kalten Krieges und des Wettlaufs im All visualisiert hat.

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Es geht sogar haushoch: The Yellow Man in Kreuzberg. Bild: Anja Karrasch

Florian Meister macht die Tour zusammen mit seiner Freundin und deren Mutter mit. Der Streetart-Fan hat in seiner Wohnung das berühmte Bild „Follow your dreams“ des britischen Künstlers Banksy aufgehängt. „Natürlich nicht das Original“, feixt er, denn dessen Werke werden inzwischen zu hohen Preisen gehandelt. Am Schlesischen Tor endet die Tour mit dem Blick auf das Wandbild des brasilianischen Künstlerduos Os Gêmeos „The Yellow Man“, das wegen eines neu gebauten Biosupermarkts nur noch zur Hälfte zu sehen ist.

Für alle, die Lust bekommen haben, selbst kreativ zu werden, verrät Stefanie Krüger noch, wo Sprayen erlaubt ist: im Mauerpark und im Naturpark Südgelände.

  • Astronaut-cosmonaut Victor-ash

    Stefanie Krüger zeigt die beeindruckenden Kunstwerke, hier: der Cosmonaut von Victor Ash. Anja Karrasch

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    Foto-Touren machen Street-Art zum Motiv für Hobby-Fotografen. Sylvia Peikert

  • Go4foto 2

    Janine Bondorf

  • Streetart Kreuzberg

    Anja Karrasch

Bild

Streetart goes Museum

Wir machen uns auf den Weg nach Schöneberg zur Baustelle des Museum for Urban Contemporary Art, das ab Mitte September mehr als 130 Werke internationaler Streetart-Künstler zeigen wird.

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Das derzeit entstehende Street-Art-Museum von innen. Bild: Graft Achitects

Schon seit 2013 lädt Initiatorin Yasha Young mit ihrem internationalen Netzwerk Urban Nation Künstler ein, um Fassaden und Hauswände künstlerisch zu gestalten und ausgewählten Kiezen positive Impulse zu geben. Fassaden werden zu Leinwänden und Schaufenster zur temporären Ausstellung im öffentlichen Raum. Ganz legal, nicht kommerziell und in Kooperation mit der Stiftung Berliner Leben der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag.

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Von außen ist es noch Baustelle, doch die Kreativität ist schon auf der Schutzhülle ersichtlich. Bild: Anja Karrasch

„Unser Haus versteht sich nicht als traditionelles Museum, wo man Eintritt zahlen muss. Wir fokussieren uns darauf, eine Bewegung, eine extreme facettenreiche Kultur zu dokumentieren und ihre Geschichte zu erzählen“, erklärt Yasha Young im Interview mit der Berliner Zeitung. Für Kunst im urbanen Raum gebe es noch kein Archiv. „Wir wollen in unserem neuen Urban Contemporary Art-Museum vor allem die Künstler vorstellen und ihre Projekte unterstützen.“

In der Bülowstraße wird das vierstöckige Gründerzeitgebäude nach den Plänen des Architekturbüros Graft umgebaut. Das Baugerüst schmücken Wandbilder, so genannte Murals, die nach der Eröffnung die Fassade des Museums selbst zum Kunstwerk werden lassen.

Streetart auf eigene Faust erkunden: mit der Streetart-Map

Die Streetart-Map zeigt einem anhand des Berliner U- und S-Bahnnetzes insgesamt 46 Murals, von verschiedensten lokalen und internationalen Künstlern, übersichtlich an.

Hier können Sie sich die Karte genauer ansehen: https://www.def-shop.com/streetart-map/

Man kann unter folgenden vier Routen auswählen:

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Inspirierende Fotomotive

Zurück auf die Straße: In den Simon-Dach-Kiez in Friedrichshain, wo der Fotograf Robert Máté mit seinen Fototouren unterwegs ist. Seite 2007 führt er fotobegeisterte Berliner und Besucher durch die Straßen bis zum RAW-Gelände an der Warschauer Straße. Wie in einer Freiluftgalerie präsentieren sich die Künstler auch hier mit ihren Collagen aus Fotos, Grafiken, Plakate im Popart- und Comicstil dem Straßenpublikum. In der Revaler Straße treffen wir wieder auf Werke von El Bocho. Robert Máté erzählt, dass er ihn eines Nachts zufällig getroffen hat, als er gerade eines seiner Werke aufhängen wollte.

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Führt durch Friedrichshain: Profi-Fotograf Robert Maté erklärt den Teilnehmern anhand von Street-Art die Fotografie. Bild: Anja Karrasch

Sylvia Peikert hat die Fototour von ihrer Schwester geschenkt bekommen und ist dankbar für die professionellen Tipps des Fotografen, der die Teilnehmer auf besondere Perspektiven und Motive aufmerksam macht. Als sie durch eine Glasscheibe fotografieren möchte, empfiehlt ihr der Profi das Objektiv ganz nah an die Scheibe zu halten, um Spiegelungen zu vermeiden. Nach der dreistündigen Tour werden in einem Café die Aufnahmen aller Teilnehmer mit hilfreichen Hinweisen zur professionellen Bildbearbeitung ausgewertet und die besten Fotos zu einer Serie zusammengestellt.

Lese-Empfehlung zum Schluss: Der Fotograf Kai Jakob hat in seinem Buch „Street Art in Berlin“ ihre Entwicklung seit 2007 fotografisch dokumentiert. Er schreibt: „Street Art ist eine subkulturelle, kreative Ausdrucksform im Kontext der Straße, eine Art der menschlichen Kommunikation“. Und eine Kunstströmung, die sich wie die Stadt ständig verändert.

Tipps, Touren und mehr

Kai Jakob, Street Art in Berlin
Verlag: Jaron
Erschienen: 2015
Preis: 19,99 Euro

Die Tour „Streetart in Berlin“ von art:berlin

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