Nicolas Leschke Bild: Wolfgang Stahr
Zukunft

Leute von heute

Vier Berliner, die nicht auf die Zukunft warten wollen: Wie wir mit digitaler Technik besser leben und mit ökologischen Konzepten nachhaltig wirken können.

Stadtfarm in neuen Dimensionen

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chwimmt ein Fisch durch deinen Kräutergarten … Was klingt wie der Beginn von einem schlechten Witz, ist das Prinzip eines zukunftsweisenden Konzeptes namens Aquaponic-Farm. In Berlin-Schöneberg betreibt Nicolas Leschke mit seiner Firma ECF Farmsystems ein solches Gelände im großen Stil; es ist eines der größten in Europa. Normalerweise funktioniert Aquaponic so, dass sich Fische und Pflanzen einen gemeinsamen Wasserkreislauf teilen. Das macht durchaus Sinn: „Fischbecken müssen regelmäßig gereinigt werden, aber statt das Spülwasser wegzuschütten, bewässern wir damit die Pflanzen”, erklärt Leschke. Bei der Bewässerung kommen absichtlich auch die Ausscheidungen der Fische zum Tragen, sie stellen wertvollen Dünger für die Pflanzen dar – so entsteht ein Win-win-Verhältnis.

Bild: Wolfgang Stahr

Leschke hat das Prinzip der Aquaponic für sich entdeckt, weil er generell ein Herz für nachhaltig produzierte Lebensmittel hat. Seiner Meinung nach macht es wenig Sinn, dass Lebensmittel viele Kilometer zurücklegen müssen, ehe sie bei uns im Supermarkt landen. Mit einer Aquaponic-Farm kann er die Rewe-Märkte Berlins mit „Hauptstadt-Basilikum” oder „Hauptstadt-Barsch” direkt aus Schöneberg versorgen. Unmittelbarer kann Verbraucherversorgung wohl sonst kaum sein. Seit seinem Start als Stadtfarmer hat Leschke auch viele Erfahrungen mit Aquaponic gesammelt. Heute weiß er, welche Fischsorten mit welchen Pflanzenarten besonders gut harmonieren.

Den gemeinsamen Wasserkreislauf hat Leschke mittlerweile verbessert. „In Schöneberg betreiben wir eine gekoppelte Zweikreislaufanlage”, so Leschke. Dazwischen wird das Wasser erneut gereinigt und aufbereitet. Dass er so besser auf die speziellen Bedürfnisse von Fischen und Pflanzen eingehen kann, hat er in verschiedenen Versuchsanordnungen herausgefunden, anfangs in Schiffscontainern mit angeschlossenem Gewächshaus.

Mittlerweile kommen in Leschkes Farm wöchentlich Schulklassen, um das Zusammenspiel der ökologischen Komponenten zu erlernen. Ob er seine Schöneberger Farm selbst noch weiter modernisieren will? „Wir entwickeln uns ja ohnehin ständig weiter”, sagt der Experte. „Aber eine grundsätzliche Modernisierung habe ich zurzeit nicht im Auge. Jetzt berate ich erst mal Gründer von Aquaponic-Farmen in der Schweiz und in Kasachstan.”

Aquaponic-Barsche und -Basilikum gibt es in vielen Berliner Rewe-Märkten. www.ecf-farmsystems.com

Der rbb hat die Aquaponik-Farm besucht:

Formate: video/youtube

Häuser aus Lehm und Pfandflaschen

Wenn Lale Rohrbeck Zukunftsvisionen spinnen will, fährt sie in ihre eigene Vergangenheit. Mitten in der Pampa zwischen Hamburg und Berlin, da wo die 26-Jährige ihre Kindheit verbrachte, gründete sie 2016 das „Wir bauen Zukunft”-Projekt, ein sogenanntes Experimentierfeld für bedarfsorientierte Innovation. Zusammen mit 25 anderen jungen Leuten, darunter Architekten, Sozialwissenschaftler und Handwerker, bietet Rohrbeck hier in Nieklitz Workshops an, die Landleben und hippe Großstadtkultur zusammenbringen: Meditationsstunden, Coworking-Sessions, Fortbildungen in Permakultur oder Design Thinking. Vor allem aber baut sich die Gruppe hier selbst eine neue Utopie.

Lale Rohrbeck Bild: Wolfgang Stahr

Rohrbeck hat Kulturanthropologie studiert und ist seit jeher interessiert an Nachhaltigkeit und Alternativkultur. Die meisten der anderen Mitstreiter hat sie über das „Project Earthship” kennengelernt, ein internationales Netzwerk, das Häuser aus Lehm, Pfandflaschen und anderen Recycle-Materialien konstruiert und auch tatsächlich bewohnt. Solche Behausungen sollen nun auf dem Nieklitz-Gelände entstehen, denn sie können nicht nur eine vorbildliche Ökobilanz erzielen, sondern bringen der Gruppe auch Selbstermächtigung.

„Je mehr wir bauen, desto mehr lernen wir über Materialien”, sagt Rohrbeck. „Mittlerweile weiß ich eine ganze Menge über Statik, über Wärmekreisläufe oder Abdichtungen.” An der TU Berlin veranstaltet Lale ein begleitendes Projekttutorium, in dem Studierende lernend erforschen, welche Baumaterialien welchen Einfluss ausüben und wie bereichernd gemeinschaftliches Bauen sein kann.

Doch die Vision von Lale Rohrbeck geht noch weiter. Es gibt einen Grund, weshalb sie aus der Hauptstadt wieder zurückgekehrt ist in das beschauliche Nest ihrer Kindheit. „Ich mag meine Heimat einerseits sehr gerne”, sagt die Pionierin. „Andererseits bin ich damals weggezogen, weil es mir einfach zu langweilig war.” Mit ihrer Crew will Lale nun die Heimat lebenswerter machen, gemeinsam mit den Alteingesessenen etwas Neues schaffen, von dem alle profitieren: Einen Zukunftspark, in dem vorgelebt wird, wie so eine Symbiose aus Alt und Neu, aus Technologie und Natur, mit Hiergebliebenen und Zurückgekehrten aussehen kann.

Das Zukunftszentrum Nieklitz bloggt über die Fortschritte auf dem Gelände: www.wirbauenzukunft.de

Die besten Smart-Home-Anwendungen sind die, die im Gebrauch nicht auffallen, sondern sich nahtlos in den Alltag des Anwenders integrieren. Felix Schwenzel, Blogger

Leben im Smart Home

Felix Schwenzel ist ein Tüftler. Schon lange bevor Smart Home zu einem geflügelten Wort avancierte, hat er versucht, sein Eigenheim zu optimieren. „Das fing bei der Speisekammer an”, erinnert sich Schwenzel. „Ich dachte damals, es wäre doch praktisch, wenn beim Öffnen der Tür das Licht angehen würde, so wie beim Kühlschrank.” Damals hat er sich mit Schaltkreisen in der Wohnung vertraut gemacht und mit Bewegungsmeldern – und nach langem Schrauben erreicht, was er wollte.

Felix Schwenzel Bild: Wolfgang Stahr

Von aktuellen „Smart Home”-Lösungen hält Schwenzel hingegen wenig. „Das ist doch alles gar nicht smart, das ist eigentlich immer nur automatisiert und vernetzt”, sagt der leidenschaftliche Blogger, der oft Rezensionsexemplare von angeblich schlauen Wohntechnologien zum Testen erhält. Nur wenige der angebotenen Produkte halten seinem Test und dem prüfenden Blick seiner Frau stand. „Der Wife-Test ist ganz wichtig für solche Anwendungen”, glaubt Schwenzel. Gerade Frauen haben keine Lust, mühselig Lichtschalter und Heizung über das Smartphone zu steuern. Laut Schwenzel fehlen hier Schnittstellen, die es erlauben, solche Gadgets auch ohne das Mobiltelefon einfach per Geste regulieren zu können.

Besonders angetan war Schwenzel in der letzten Zeit von digitalen Licht­installationen. „Das Angebot von Philips Hue ist etwas teuer, aber gut”, so der Blogger. Hier könne man einfach bestehende Lampen mit vernetzten Glühbirnen ausstatten und diese dann mit der Fernbedienung gewünschten Lichtstimmungen anpassen. IKEA habe die Technologie und die Sicherheitsstandards nun weiterentwickelt und in ein Preissegement gedrückt, das sich wirklich jeder leisten kann. „Die besten Smart-Home-Anwendungen sind die, die im Gebrauch nicht auffallen, sondern sich nahtlos in den Alltag des Anwenders integrieren”, glaubt Schwenzel.

Felix Schwenzel bloggt über die Erfahrungen im Smart Home: www.wirres.net

Unser IP-Garten ist ein Angebot für Großstädter, die mit wenig Zeitaufwand einen eigenen Acker betreiben wollen. Martin Kruszka, Ackerparzellen-Vermieter

Gärtnern per Mausklick

Klar kennt Martin Kruszka „Farmville”, ein Onlinespiel, das vor Jahren bei Facebook die Runde machte. Damals konnte man virtuell ein Beet anlegen, Gemüse anbauen und es nach einem bestimmten Zeitintervall abernten oder den Ertrag seinen Facebook-Freunden zur Verfügung stellen. „Ich habe einen eigenen kleinen Acker in einem Dorf in Sachsen-Anhalt und bin einfach nicht dazu gekommen, immer rechtzeitig rauszufahren, um die Pflanzen zu gießen”, erinnert sich der 47-Jährige. Wie schön wäre es, wenn das so einfach funktionieren würde wie bei Farmville, und man von zuhause aus via Internet alles verwalten könnte?

Martin Kruszka Bild: Wolfgang Stahr

Weil Kruszka nicht nur gelernter Schlosser, sondern auch studierter Wirtschaftsinformatiker ist, liegt ihm die Mischung aus Pragmatik und Technologie quasi im Blut. Seine Idee ließ ihn nicht mehr los. Vor zwei Jahren pachtete er einen größeren Acker in Sachsen-Anhalt und versucht nun, Farmville Wirklichkeit werden zu lassen. Parzellenweise vermietet er 16-Quadratmeter-Beete, die mit Kameras überwacht werden. Pächter können so den aktuellen Stand ihrer Ernte von zuhause aus in Echtzeit kontrollieren. Erde zu trocken, Pflanzen verdorrt? Kein Problem. Via Mausklick kann die ferngesteuerte Bewässerungsanlage aktiviert werden. Die eingesetzte Vitalsensorik liefert die relevanten Daten. Auch das Jäten von Unkraut oder das Aufsammeln von Ungeziefer wird vom Schreibtisch aus gesteuert. Vor Ort setzen Kruszka und sein Team die virtuellen Befehle dann in die Tat um.

„Unser IP-Garten ist ein Angebot für Großstädter, die mit wenig Zeitaufwand einen eigenen Acker betreiben wollen”, so der Tüftler. Die Erträge werden regelmäßig an Abholstationen in der Hauptstadt geliefert. Weil das Angebot gut ankommt, soll 2018 ein neuer Bio-zertifizierter Standort in Nauen bezogen werden. Und der soziale Aspekt des IP-Gartens? Zwar dürfen die Pächter nicht beliebig selbst vor Ort Hand anlegen. Aber die Tauschfunktion des Facebook-Spiels gibt es in abgewandelter Form auch im IP-Garten. Pächter können überschüssige Waren zum Tausch anbieten, und so nicht nur virtuell, sondern ganz real Freunde finden.

Ein IP-Schaugarten kann auf der IGA in den Kienbergterrassen besichtigt werden. www.ipgarten.de

Autor: Michael Metzger

Der Tagesspiegel hat den IPGarten besucht:

Formate: video/youtube
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Bild: Berliner Sparkasse

Leute von heute, Ort von morgen, Trends von gestern

„Die Zukunft – schon heute?“ ist der Schwerpunkt-Thema unseres aktuellen Print-Magazins. In der Sommerausgabe (Juli 2017) erzählen wir von Dingen, Menschen und Orten, die unter dem Titel »Die Zukunft – schon heute« Berlin als Zukunftsstadt mitgestalten und vorantreiben:

Orte von morgen: Wie wir in Zukunft leben, arbeiten, spielen und Krankheiten besiegen: Hier können Berlinerinnen und Berliner visionäre Ideen erleben.

Trends von gestern: Die Zukunft ist nicht nur digital: Manche Dinge sind so gut, dass sie einfach bleiben, wie sie sind. Wir zeigen analoge Errungenschaften für die Ewigkeit.

Online-Banking ist keine Zukunftsmusik: Über die Unterstützung der Berliner Sparkasse für digitale Spätstarter.

Berlins nachhaltigstes Stadtquartier: Wie zahlreiche Unternehmen und Einrichtungen den EUREF-Campus in Schöneberg zu einem europaweit einzigartigen Zentrum für innovative Zukunftsprojekte machen.

Die Zukunft in der eigenen Immobilie: Warum sich die Investition in Wohnung oder Haus in Berlin weiterhin lohnt. Und warum die Berliner Sparkasse hier ein hervorragender Partner ist.

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