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Titel Start With A Friend
Tandem mit Geschäftsführerin in der Mitte (von links): Kaoru Maeno, Teresa Rodenfels und Maher Shami. Bild: Karoline Beyer
Engagement

Freund für Flüchtlinge

Die Berliner Organisation Start with a friend bringt Flüchtlinge mit Berlinern zusammen. Wie beide Seiten profitieren – ein Gespräch mit einem Tandem und Projektleiterin Teresa Rodenfels über die große Wirkung von 1.300 Freundschaften in Berlin.

E

s duftet nach Tee und Gebäck in dem kleinen Ladenbüro in der Moabiter Wiclefstraße. Das Licht scheint durch das große Schaufenster auf Schreibtische und Laptops. Leises Lachen ist zu hören. Alles wirkt vertraut und freundschaftlich. Und genau darum geht es hier – um Freundschaft und Vertrauen. Projektleiterin Teresa Rodenfels sitzt mit dem Tandem Maher Shami und Kaoru Maeno um einen kleinen Tisch mit dampfenden Teebechern und erzählen ihre Geschichte.

Maher Shami (34) kam 2015 als Flüchtling aus Syrien nach Berlin, lebte in Unterkünften, fand kaum Anschluss. Kaoru Maeno (32) hat japanische Wurzeln und ist seit drei Jahren Berlinerin. Beide hat die Berliner Organisation Start with a friend zusammengebracht. Seit 2012 sind etwa 120.000 Flüchtlinge nach Berlin gekommen, zurzeit sind noch etwa 100.000 hier, informiert das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten.

Maher Shami-kaoru Maeno
Zwei Neuberliner unter sich: rechts Patin Kaoru, links Flüchtling Maher. Bild: Karoline Beyer

Teresa Rodenfels leitet den Standort Berlin. Sie kümmert sich um ehrenamtliche Helfer, die passende Tandems suchen. Ist ein Einheimischer (Local) gefunden, gibt er dem Neuankömmling Starthilfe, unterstützt ihn dabei, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, bringt ihm Kultur und Gesellschaft und oft auch die deutsche Sprache näher. In vielen Fällen entwickeln sich Freundschaften.

Wie bei Maher Shami und Kaoru Maeno.

„Ich habe mich am Anfang die ganze Zeit gefragt, warum sie die Initiative ergreift, eine Brücke bauen will. Bis dahin hatte ich keinen Kontakt zu Einheimischen, nur zu Unterkunfts-Leitern.“ Flüchtling Maher Shami

Wie war Ihr erstes Treffen im Oktober 2016?
Maher Shami: Ein bisschen chaotisch (lacht). Ich kam 15 Minuten zu spät zur verabredeten Tramstation an der Warschauer Straße und hatte ein schlechtes Gewissen. Dann dachte ich, aufgrund Kaorus asiatischen Aussehens spricht sie nur Englisch. Ich war so enttäuscht. Ich wollte Deutsch lernen. Eine Stunde haben wir uns auf Englisch unterhalten, dann hat sie erzählt, dass sie in Deutschland geboren ist. Von da an war alles entspannt. Abgesehen davon, dass ich ein bisschen schüchtern war. Und ich habe mich am Anfang die ganze Zeit gefragt, warum sie das für mich tut, die Initiative ergreift, eine Brücke bauen will. Bis dahin hatte ich keinen Kontakt zu Einheimischen, nur zu Unterkunfts-Leitern. Kaoru war der einzige Kontakt, den ich bis dahin hatte.

Kaoru Maeno: Wir haben von Anfang an viel geredet und voneinander gelernt. Woran wir glauben, wie wir das Leben betrachten. Nicht nur ich habe ihm hiesige Kultur vermittelt. Für mich haben sich so viele gedankliche Türen geöffnet. Es war spannend, über sein Leben in Syrien zu erfahren. Wer nach Deutschland flüchtet, hat unterschiedliche Gründe. Ich habe gelernt, vieles differenzierter zu betrachten. Er ist Christ, ich bin Buddhistin. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es eine christliche Community in Syrien gibt, wobei sie und Muslime getrennt voneinander leben.

Bereits 1.300 Tandems in Berlin

Seit 2014 stellt „Start with a friend“ solche Verbindungen her. Finanziert wird die Arbeit unter anderem vom Bundesfamilienministerium. Um einen Tandempartner zu finden, melden sich Interessenten online an. In Berlin gibt es 1.300 Tandems. Weil die Organisation in 21 deutschen Städten aktiv ist, sind es bundesweit sogar 4.000. Auch Wien hat einen Standort.

Teresa Rodenfels
Teresa Rodenfels: „Diese Arbeit bedeutet mir viel.“ Bild: Karoline Beyer

Dass sie einmal hauptberuflich sozial arbeiten würde, hatte Teresa Rodenfels immer vorgehabt, dass es mit Flüchtlingen zu tun haben würde, hatte die Berlinerin nicht erwartet. Sie studierte Philosophie und Kulturwissenschaften. Außer dem Standort Berlin leitet sie noch die Region Ost mit Dresden, Potsdam, Berlin und Leipzig und organisiert die Ehrenamtlichen bundesweit.

Frau Rodenfels, Sie bringen beruflich Menschen zusammen. Klingt nach einem Traumjob.
Diese Arbeit bedeutet mir sehr viel. Ich mache eigentlich genau das, was ich will – ich bringe Menschen zusammen und trage dazu bei, dass wir in einer vielfältigen Gesellschaft leben.

Schließen Sie auch selbst immer wieder neue Freundschaften?
Natürlich. Ich lerne so viele Leute kennen, schließe neue Freundschaften. Schließlich ist Freundschaft ja auch unser Geschäft.

„Wir gehen oft Bier oder Kaffee trinken oder sind zu Fuß unterwegs. Ich habe ihm geholfen, eine Wohnung zu finden.“ Kaoru Maeno, Tandem-Partnerin

Shami spricht gutes Deutsch. Er stammt aus der drittgrößten syrischen Stadt Homs, hat dort nach fünf Jahren Studium seinen Abschluss als Agrar-Ingenieur gemacht und bis zum Beginn des Krieges 2012 in dem Beruf gearbeitet. 2015 floh er erst in den Libanon, dann mit Schlauchboot, Auto, Bus und Bahn Richtung Deutschland. Die Route führte über das Mittelmeer und den Balkan. Er schlief auf der Straße und in Camps, fürchtete sich vor kriminellen Banden in Serbien, war ratlos, als er in Berlin ankam.

Kaoru Maeno-maher Shami
Über Kochen die Kultur des anderen kennen lernen. Bild: Karoline Beyer

Zuerst kaufte er sich eine Jacke. Trotzdem lag er 15 Tage krank in einer Erstaufnahmestelle in Spandau. Dann wurde er für zwei Jahre in einer Marzahner Unterkunft untergebracht. Bis er nach sechs Monaten in einen anderen Trakt umzog, litt er unter der Diskriminierung der anderen Flüchtlinge, konnte nicht schlafen. Aber er ging jeden Tag von acht bis 14 Uhr in den Deutschunterricht.

Maher, was hat Sie und Kaoru mit der Zeit verbunden?
Maher Shami: Ich habe ihr viel von zu Hause erzählt. Meine Eltern und meine drei Schwestern sind noch in Syrien. Ich mache mir Sorgen um sie, weil ihre Grundversorgung manchmal nicht zuverlässig ist, aber es geht ihnen gut. Kaoru hat mich ihren Freunden vorgestellt und ich habe ihren buddhistischen Tempel besucht. Sie, ihr Freund Robert und ihre Mutter sind an Weihnachten mit mir in die syrisch-orthodoxe Kirche hier in Berlin gegangen. Ich gebe nicht auf, vielleicht kann ich sie eines Tages für meinen Lieblingsverein, den AC Milan, begeistern (lacht).

Kaoru, die Politikwissenschaften studiert hat und für einen Universitäts-Dienstleister arbeitet, hilft Maher mit den Texten für sein Hochschul-Sprachzertifikat, denn er will einen Masterstudiengang in Projektmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Schöneberg absolvieren. „Wir gehen oft Bier oder Kaffee trinken oder sind zu Fuß unterwegs. Ich habe ihm geholfen, eine Wohnung zu finden. Und er hat schon für meinen Freund und mich gekocht“, sagt sie. Und dann entgegnet er: „Oh nein, das ist keine gute Erinnerung. Als ich in meine Wohnung in Prenzlauer Berg gezogen bin, habe ich für die beiden Syrisch gekocht. Sie waren sehr hungrig, als sie kamen, aber sie haben dann kaum etwas gegessen. Ich vermute, es war einfach nicht so gut. Seitdem gehen wir immer Pizza oder Sushi essen.“

www.start-with-a-friend.de

Text und Fotos: Karoline Beyer

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