Lothar Schulz
Ex-Häftling Lothar Schulz mit dem Grund für seine Internierung im „Stasi-Knast“: ein kritisches Plakat. Bild: Katrin Starke

Berliner zeigen ihre Stadt

Wenn Ex-Häftlinge durch den Knast führen

Er wollte nur eins: Freiheit. Dieser Wunsch brachte Lothar Schulz hinter die Gitter nach Berlin-Hohenschönhausen. Heute führt der 66-Jährige Besucher durch den Stasiknast. In den Sperrbezirk, den kein normaler DDR-Bürger betreten durfte.

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E

s war ein Sonntag gegen halb vier nachmittags, als Lothar Schulz auf dem Alexanderplatz ankam. Jede Menge Menschen flanierten über den Alex. Sekundenschnell entrollte er sein Transparent: „Unter Aufsicht d. Partei wird meine Frau, bulgar. Ärztin, in Greifswald schikaniert, weil sie bei d. ‚Russen’ lernte.“

Binnen Minuten war Schulz von Passanten umringt. Manche zückten eine Kamera. Über seine Aktion berichtete später die West-Presse. Nach fünf Minuten wurde Schulz festgenommen. Was folgte: Ein Jahr und acht Monate Stasi-Knast.

Früher Sperrzone, heute Museum: die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Bild: Katrin Starke

Das Ende der Zukunft

Warum er am 2. April 1978 das Transparent entrollte, erzählt Schulz (66) bei seinen Führungen durch das ehemalige Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Die Geschichte beginnt Mitte der 1970er-Jahre. Schulz war ein Hoffnungsträger der DDR: Ingenieur, Spezialist bei der Montage des Kernreaktors sowjetischer Bauart in Lubmin. Die Staatsführung wollte ihn zur Promotion nach Moskau schicken, zum renommierten Energetischen Institut. Voraussetzung: sein Eintritt in die SED. Doch Schulz lehnte ab.

Lothar Schulz führt die Besuchergruppe ins „U-Boot“: in die feuchten Zellen ohne Tageslicht. Bild: Katrin Starke

Das war das Ende seiner Karriere. Er verlor seine Arbeit, wollte nur weg aus dem Land ohne Zukunft. Dass ihn das Transparent in den Knast bringt, wusste er. Das war Teil seines Plans – der Hoffnung, vom Westen freigekauft zu werden.
Mit gespannter Miene sammeln sich 25 Besucher um Schulz auf dem Gefängnishof: Einige junge Frauen, zwei Teenager, ein Ehepaar mit Kind, Senioren. „Ich weiß so wenig über die DDR“, sagt eine 23-Jährige Besucherin, ihre Schwester habe ihr den Rundgang empfohlen. Die Gedenkstätte Hohenschönhausen befindet sich an einem Ort, der wie kaum ein anderer mit der politischen Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR verknüpft ist.

Hass hege ich keinen. Die Führungen mache ich nicht, um abzurechnen, sondern um Mut zu machen. Wenn ihr von etwas überzeugt seid, dann kämpft dafür! Lothar Schulz, Ex-Häftling Berlin-Hohenschönhausen

Auf dem ummauerten Gelände, auf dem sich einst eine Volkswohlfahrt-Großküche der Nazis befand, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das zentrale Untersuchungsgefängnis der Sowjets für Ostdeutschland eingerichtet. Anfang 1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit das Gefängnis, nutzte es bis Ende 1989 als Untersuchungshaftanstalt. Der Komplex war Teil eines Sperrbezirks, den zu DDR-Zeiten kein normaler Bürger betreten durfte.

Mehr und mehr internationale Gäste kommen

Vor einer Stunde hat Schulz mit Franzosen in ihrer Muttersprache diskutiert, am Tag zuvor mit Spaniern und Engländern. Selbst sein verschüttet geglaubtes Russisch hat der 66-Jährige wieder aufpoliert. Weil mehr und mehr internationale Gäste kommen.

In diesem alten Zellentrakt saßen auch Prominente wie Heinrich George ein. Bild: Katrin Starke

Jetzt führt er Frauen und Männer aus dem Ruhrgebiet, aus Sachsen, Schwaben und auch Berliner die Stufen hinab in den Keller, ins „U-Boot“. In feuchtkalte, gekalkte Kammern, in denen nach dem Krieg politische Widersacher einsaßen. Männer wie der Schauspieler Heinrich George. Fensterlose Zellen, nur mit Holzpritsche und Metallkübel für die Notdurft, in denen Tag und Nacht eine Glühbirne brannte, Häftlinge durch stundenlanges Stehen, Schlafentzug, Prügel zu Geständnissen gezwungen wurden. Das Wort „Folter“ fällt. Ein Junge packt seinen Vater am Arm. „War das hier wie in Auschwitz?“ Der Vater nickt. Schaut zu Schulz, murmelt. „In den Methoden ist das sehr ähnlich.“ Schulz sagt: „Diese Methoden werden bis heute angewandt – das ist länderübergreifend.“

Wieder am Tageslicht, geht Schulz auf einen schlichten 1960er-Jahre-Bau zu. „Häftlinge mussten den errichten.“ Mit mehr als 200 Zellen und Vernehmungszimmern. Festgehalten wurden hier Menschen, die versucht hatten zu fliehen oder sich kritisch über das DDR-System geäußert hatten. Wie der damalige Leiter des Aufbau-Verlags Walter Janka oder der frühere DDR-Außenminister Georg Dertinger (CDU). Menschen wie Schulz. Er deutet auf einen Gebäudekomplex in seinem Rücken. „Hier waren Labors. Für die Entwicklung von Abhörgeräten.“ Wanzen, wie sie die Stasi in seiner Wohnung versteckte. Ende der 1990er-Jahre konnte er seine Stasiakte einsehen: „1.000 Seiten, mehr als 100 davon Abhörprotokolle“, erzählt der durchtrainierte Mann mit den kurzen graumelierten Haaren. Ein Mittvierziger aus Nimwegen hakt nach, erfragt technische Details. „Ich bin Sicherheitstechniker“, sagt er fast entschuldigend.

Desorientierung war Strategie

Nach seiner Festnahme wurde Schulz irgendwo in Berlin eingesperrt. „Vielleicht in Hohenschönhausen?“ Desorientierung war Strategie. Drei Tage verhörten ihn seine Schergen, schüchterten ihn ein, hinderten ihn am Schlafen. „Perfide Methoden, um aus Menschen etwas herauszupressen.“ Heute kann er sich nur an die ersten 24 Stunden erinnern. „Der Rest ist schwarz.“ Die Gruppe lauscht stumm.

Durch das Guckloch konnten die Wärter die Gefangenen jederzeit kontrollieren. Bild: Katrin Starke

Dann geht es in den Zellentrakt. Beiger Linoleum-Boden, in der Luft hängt noch immer der Geruch der scharfen Reinigungsmittel. Angst, Hilflosigkeit, Panik bestimmten den Alltag der Inhaftierten. Schulz kämpfte dagegen an. Mit heimlichen Liegestützen im Stehen. Er ahmt die Bewegungen nach. Dann öffnet er eine Zellentür. „Gehen Sie ruhig rein“, fordert Schulz seine Gruppe auf. Auf dem Flur fällt eine Tür mit Wucht ins Schloss. Der Guide einer anderen Tour hat sie zugeschlagen – wie damals die Wärter. Geweitete Augen, Schultern zucken vor Schreck. Eine Besucherin flüstert ihrem Mann etwas ins Ohr. Laut will hier niemand sprechen.

Zelle im Neubau aus den 60er Jahren. Bild: Katrin Starke

Zur Verhandlung wurde Schulz in einem Gefängnistransporter ins Kreisgericht Greifswald transportiert. Fünf Zellen waren in dem „Barkas“, der in einer der Garagen auf dem Areal steht, installiert. Schulz zeigt Bilder des Gefährts. Nur gekrümmt konnten die Delinquenten die Fahrten überstehen. „Als ich aus dem Wagen stieg, bin ich von den Farben um mich herum fast erschlagen worden.“ Monatelang hatte er in der U-Haft nur weiße Zellenwände gesehen.

Keine Abrechnung mit dem System

Nächste Station: die Verhörräume. Die Türen gepolstert, Tapeten mit gelben Ornamenten. Schulz packt die Lehne eines der gemusterten Stühle, spielt eine Verhörszene nach. „Herr Schulz, trinken Sie, der Kaffee ist für Sie“, habe ihn der Verhörspezialist freundlich aufgefordert. „Alles Taktik.“ Eine Besucherin wagt sich vor: Ob er wisse, wer der Mann sei, was er heute mache. Schulz verneint. „Ich würde ihn fragen, was er wirklich über mich gedacht hat.“ Hass hege er keinen, empfinde keine Bitterkeit. Die Führungen mache er nicht, um abzurechnen. Sondern um Mut zu machen. „Wenn ihr von etwas überzeugt seid, dann kämpft dafür“, ist seine Botschaft. „Selbst aus tiefer Hoffnungslosigkeit gibt es einen Ausweg.“ Er habe sich seinen Optimismus immer bewahrt.

Lothar Schulz Hoffnung freigekauft zu werden, erfüllte sich nicht. Nach seiner Haft kam er zurück in die DDR, erst drei Jahre später durfte er 1981 ausreisen. Im Westen machte Schulz Karriere, verdiente gutes Geld, konnte frühzeitig aus dem Berufsleben aussteigen: Vier Jahre lang bereiste er auf dem Rad 19 europäische Länder. „Das ist Freiheit.“

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Genslerstraße 66
Berlin-Hohenschönhausen
Telefon 98 60 82 30
www.stiftung-hsh.de

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Berliner zeigen Ihre Stadt : Dieser Artikel ist der dritte Teil unserer Serie über außergewöhnliche Stadtführungen. Immer mit dabei: Jede Menge Herz für den Kiez.

Teil 1 : Neukölln ist meine Leidenschaft
Teil 2 : Zeitreise ins Jahr 1900
Teil3: Verrucht, verraucht, verschwunden: Swing-Walks Berlin
Teil 4: Mit den Ghettostrebern auf Tour

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