Verrucht, verraucht, verschwunden: Berliner zeigen ihre Stadt
Bild: Katrin Starke
Berliner zeigen ihre Stadt

„Swing-Walks“ Berlin

Einst war der Ku’Damm die Meile der Nachtlokale und Schallplatten-Läden: Hier sang Josephine Baker, tanzten die Swing-Tänzer, dudelte der Jazz aus den Türen. Diese wilden Zeiten lässt Stephan Wuthe auf seinen „Swing-Walks“ wieder aufleben. Immer mit dabei: sein altes Grammophon – und die „Schellack-Schätzchen“.

Mit seinen Hosenträgern, Tweed-Knickerbockern und seiner Schlägermütze sieht Stephan Wuthe (50) aus wie aus der Zeit gefallen. Er mag so gar nicht in die Menschenmenge aus Berlinern und Touristen am ‚Wasserklops’ am Breitscheidplatz passen – und doch ist er hier genau richtig. Denn hier beginnt der „ Swing Walk “ rund um den Ku’damm und Tauentzien, der die 1920er, 1930er und 1940er wieder aufleben lässt. Dafür sorgen das tragbare Grammophon und die Auswahl an Schellackplatten, die er heute vorspielen wird.

Heiße Luft aus dem Grammophon

Ort Musikalienhandlung Alberti
Heute Waschbeton, früher Musikalienhandlung: Wuthe vor der Rankestraße 34. Bild: Katrin Starke

Erste Station der Zeitreise per pedes: die Rankestraße. Hier im Haus Nummer 34 befand sich einst die „Musikalienhandlung Alberti“. Zwischen den Weltkriegen galt sie als die Anlaufstelle für ausländische Schallplatten, vornehmlich Hot-Fox- und Hot-Jazz-Nummern. „Damals war alles hot, alles heiß“, erzählt Wuthe. Der Swing und auch das Grammophon, „da kommt ja auch nur heiße Luft raus“.

Der „Walkman“, wie Wuthe sein tragbares Grammophon liebevoll nennt, dudelt. Eine Hot-Jazz-Nummer tönt aus dem Lautsprecher: Pap pap pap pa nau nau. „Echte Alberti-Pressung“, schwärmt Wuthe. Obwohl über 80 Jahre alt, knistert die Platte kaum.

Tonarm
Lässt alte Platten wieder aufleben: das Grammophon. Bild: Katrin Starke

Dieser „Hot-Koffer“, den ihm eine alte Dame überließ, begleitet ihn seit den 1990ern. Nach Stockholm, Zürich, Wien oder Paris. Und dorthin, wo der Swing in Berlin zu Hause war: in die Gegend um den Zoo. „Ich will der Schallplatten-Musik an den Orten nachspüren, an denen sie gespielt wurde“, sagt Wuthe. „Die Orte von einst wieder auferstehen zu lassen.“

DJ, Dozent und Autor

Stephan Wuthe
Stephan Wuthe nennt es liebevoll seinen „Walkman der 20er Jahre“. Bild: Katrin Starke

In Frankreich studierte Wuthe in den 1980ern Modedesign. „Aber das war nicht meine Szene.“ Er kehrte zurück nach Berlin, machte an der Deutschen Oper eine Bildhauer-Ausbildung, bekam eine Stelle in Leipzig als Theaterplastiker. „Aber da waren zu viele Giftstoffe in den Arbeitsmaterialien.“ Wuthe gibt den Job auf. Und weil er schon seit Jahren bei Tanzveranstaltungen die alten Schellack-Schätzchen auflegte, machte er seine Leidenschaft zum Beruf.

Das ist 27 Jahre her. Seine Berufsbezeichnung lautet seither Disc-Jockey, aber Wuthe ist mehr. Er hält Vorträge über Swing-Musik, hat ein Buch darüber geschrieben und ist bei seinen Stadtrundgängen dem Swing auf der Spur. Auf der Zoo-, der Kudamm-, der Schöneberg- oder der Tauentzien-Tour erzählt er vom Leben in Berlin zwischen 1919 und 1948.

„Verpönt, aber nicht verboten“

Schriftzug Ciro Bar
Der alte Schriftzug der „Ciro Bar“, hier ertönte einstmals der Swing. Bild: Katrin Starke

Zweite Station: Ciro-Bar. Kaum ein paar hundert Meter hat die Gruppe zurückgelegt, da hält Wuthe wieder an. Der Schriftzug der „Ciro-Bar“ sei in den 1980ern nachgebildet worden und gleiche exakt dem Original von 1931, als der ägyptische Gigolo Mustafa hier eine Gaststätte samt Barbetrieb eröffnete. „Das Edelrestaurant floppte“, nicht aber die intime Bar mit beleuchteter Glas-Tanzfläche und eigener Swing-Combo, den Jazzharmonikern.

Viele Swing-Größen, wie zum Beispiel Peter Rebhuhn, hätten hier im Kiez rund um die Marburger und Augsburger Straße gewohnt. „Der Swing war zwar verpönt, aber nicht verboten“, weiß Wuthe. Das hat er übers Bundesarchiv recherchieren lassen. Viele der Stücke, die im Original von Jazzgrößen wie Louis Armstrong stammten, seien einfach mit deutschen Texten versehen worden. „Denken Sie nur an Johannes Heesters“, sagt Wuthe und beginnt zu singen: „Durch dich wird diese Nacht erst schön“. Ein alter Herr mit weißem Haar summt mit. Das Lied erinnert ihn an die Zeit, als er „zu einem stattlichen jungen Mann heranwuchs“.

Damals sei musikalisch „geklaut und stibitzt“ worden, was das Zeug hielt, erzählt Wuthe. „Denn Stücke mit deutschen Texten durften auf Platte aufgenommen werden.“ Zu kaufen gab es die bei Alberti oder bei dessen großem Konkurrenten: Televox, Tauentzienstraße 5. „Ob Walzer, Tango oder Fox – Schallplatten nur bei Televox“, gibt Wuthe den alten Werbespruch zum Besten, zieht eine Televox-Platte aus seinem Koffer. „An der Kantstraße 54a hatten die ein Studio. Da soll es von Mai bis September 1942 die besten Jam-Sessions gegeben haben.“ Hinter den heutigen Kant-Kinos sei das gewesen.

Verruchter Westen

Galt das Karree vorm Ersten Weltkrieg als feiner Westen, hätten später Kriegerwitwen einzelne Räume ihrer luxuriösen Wohnungen vermieten müssen – „tage-, auch stundenweise“. Zu den großen Zeiten des Swing sei die Gegend verrucht gewesen, erklärt Wuthe, der in Westend groß geworden ist, während er von der Augsburger in die Nürnberger Straße einbiegt.

Wo heute das Ellington-Hotel seine Gäste empfängt, habe es früher ein halbes Dutzend Tanz- und Unterhaltungslokale gegeben – im 1929 erbauten „Haus Femina“, unserer letzten Station. Unter anderem den Puszta-Grill, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Jazzkeller „Badewanne“ späteren Orchestergrößen wie Paul Kuhn oder Max Greger eine Bühne bot.

Phonycord Goldnadeln
Jede Nadel kann nur ein einziges Mal fürs Grammophon benutzt werden – sonst werden die alten Schallplatten zerstört. Bild: Katrin Starke

Wuthe legt die kleine Schallplatte auf, mit dem das Haus Femina für sich warb. Schlabberfolie, Vinyl, so groß wie ein Bierdeckel, eine Minute Musik pro Seite. Wuthe kramt in dem Kästchen mit den Phonycord-Goldnadeln für den Tonarm. „Bei den weichen Platten soll man die nur ein einziges Mal benutzen – sonst fräsen sie die Rillen nach wie eine Reißzwecke.“ Die Nadeln könne man noch kaufen, 100 Stück für fünf Euro. Die Platten seien unbezahlbar.

Die erste Platte: Lilian Harvey

Wie viele Schellack-Schätzchen er hat? Um die 8.000 seien es sicher. Noch heute erinnert er sich an die erste Scheibe, die er sich kaufte: „Das gab’s nur einmal“ von Lilian Harvey. Gekauft hat er sie als Steppke auf dem Klausener Platz. Zu einer Zeit, als andere Jugendliche ihre Lieblingshits auf Kassette aufnahmen.

Schellack Platten
Mehr als 8.000 Schellack-Platten hat der 50-Jährige gesammelt. Bild: Katrin Starke

Der Beginn einer seit 40 Jahren währenden Leidenschaft für Schellack und den Swing – und nicht nur die Musik: „Ich wollte immer wissen, wie man danach tanzt.“ Beigebracht hat ihm die ersten Schritte seine Großmutter. Die lernte das Swing-Tanzen im Nelson Theater in Charlottenberg – von Josephine Baker höchstpersönlich.

Mehr über Stephan Wuthe und seine Führungen unter: www.swingtime.de

Berliner zeigen Ihre Stadt : Dieser Artikel ist der dritte Teil unserer Serie über außergewöhnliche Stadtführungen. Immer mit dabei: Jede Menge Herz für den Kiez. Die ersten Touren führten uns nach Neukölln und in den Prenzlauer Berg.

Teil 1 : Neukölln ist meine Leidenschaft
Teil 2 : Zeitreise ins Jahr 1900
Teil 4: Mit den Ghettostrebern auf Tour
Teil 5: Führung durch den Stasiknast

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