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Titel Bibliotheken
Bild: Wolfgang Stahr
Berliner Bibliotheken

Viel mehr als Bücher

Wissenstempel, Arbeitsplatz, Multimedia-Space und Chill-Area in jedem Kiez: unsere Hommage an die inspirierendsten Orte der Stadt.

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ndlose Bücherreihen, staubige Regale und eine ältere Dame, die mahnend den Zeigefinger an die Lippen hebt, um beim kleinsten Geräusch streng „Psssst” zu zischen. So oder so ähnlich stellen sich noch immer viele Menschen das Innere einer Bücherei vor – wohl aber nur diejenigen, die schon lange nicht mehr dort waren. Denn wer heute in eine der 81 Berliner Bibliotheken geht, findet neben gedruckter Literatur unter anderem E-Books, Musiknoten, Computerplätze, Workshops – und natürlich hilfsbereite Angestellte, die immer genau wissen, wo etwas zu finden ist.

„Bibliotheken waren schon immer Orte der Information, der Begegnung und des kreativen Schaffens.“ Anna Jacobi, Pressesprecherin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB)

„Menschen kommen zu uns, um zu lesen, zu arbeiten oder zu lernen, anstatt dies alleine zu Hause zu tun. Sie können sich mit anderen austauschen oder inmitten Gleichgesinnter ihre Ruhe haben.” Kostenloses WLAN und Computerarbeitsplätze gehören hier mittlerweile überall zum Standard.

Bibliothekarin
Viele Bibliotheks-Besucher wollen die Bibliothek lediglich besuchen, sich aber nichts ausleihen. Bild: Wolfgang Stahr

Natürlich leihen die Besucher nach wie vor Bücher, Filme, Spiele oder Musik aus, doch für viele von ihnen steht die Nutzung des Ortes im Vordergrund. Das zeigen die Zahlen. Während die Ausleihen in Berlin 2017 im Vergleich zum Vorjahr von rund 24,6 auf etwa 24,4 Millionen sanken, stieg die Anzahl der registrierten Leseausweise von 403.726 auf 408.640. Hinzu kommen diejenigen, die eine Bibliothek ohne Ausweis besuchen. Denn um vor Ort Bücher oder Zeitungen zu lesen oder sich mit der Lerngruppe zu treffen, ist keine Registrierung nötig.

Vom Büchertempel zum modernen Kommunikationszentrum

Dass es in Büchereien durchaus turbulent zugeht, zeigt die Schiller-Bibliothek an der Weddinger Müllerstraße. In den modernen, lichtdurchfluteten Räumen finden sich jährlich rund 300.000 Besucher ein – Tendenz steigend. Da die Institution seit ihrer Gründung vor rund 100 Jahren den Schwerpunkt auf Medien für Kinder und Jugendliche legt, gibt es hier neben der entsprechenden Literatur auch schul- und berufsbegleitende Bücher sowie Lernsoftware und verschiedene Spielekonsolen, auf denen Besucher sich vor Ort die Zeit vertreiben.

Schiller-bibliothek
Moderne Medienwelt: Die Schiller-Bibliothek im Neubau neben dem Rathaus Wedding setzt erfolgreich auf junge Zielgruppen. Bild: Wolfgang Stahr

„Im Wedding fehlt es an Räumen, in denen sich Jugendliche nach der Schule treffen können. Wir sind ein Ort, der sie zu nichts verpflichtet. Sie müssen sich nicht ausweisen, nichts zahlen und an keinem Projekt teilnehmen. Sie können lesen, lernen oder spielen, wenn sie das möchten. Manchmal hängen sie nur rum – und das ist vollkommen okay”, sagt Bibliotheksleiterin Corinna Dernbach. „Beispielsweise kommen junge Frauen aus muslimischen Familien zu uns, um ihre Freundinnen und Freunde ungestört zu treffen, wenn das zu Hause nicht möglich ist.”

In einem Bezirk mit hohem Migrantenanteil und sogenannten Brennpunktkiezen versucht die Schiller-Bibliothek, auch für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien ein attraktiver Ort zu sein. Sie bietet Leseförderung bereits für die Kleinsten an, indem sie mit den Kitas in der Nähe kooperiert. So lernen schon Zweijährige die Bibliothek und Bücher kennen, auch wenn ihnen zu Hause nicht vorgelesen wird. Es gibt eine Hausaufgabenhilfe und Prüfungsvorbereitungen für den Mittleren Schulabschluss.

Studenten nutzen gerne die Schreibtischplätze mit viel Tageslicht. Ein besonderes Highlight ist der sogenannte Makerspace, in dem regelmäßig Workshops stattfinden. Die Teilnehmer bauen Drohnen, bedrucken Rucksäcke oder entwerfen und produzieren Figuren am 3D-Drucker der Bibliothek.

Niedrigschwelliger Zugang zu Bildung

Mittlerweile bieten immer mehr Büchereien einen solchen Raum für Kreativität. Sie schaffen einen niedrigschwelligen Zugang zu neuer Technologie wie eben einem 3D-Drucker und locken so Nutzer jeden Alters an. „Während vor Jahrzehnten vor allem auf einen umfangreichen Bestand Wert gelegt wurde, zielen die Bibliotheken heute viel stärker auf den Bedarf ihrer Besucher ab. Die Mitarbeiter überlegen, was in ihrem Kiez benötigt wird – etwa Veranstaltungsräume, besondere Angebote für Familien, E-Book-Einführungen für Senioren oder Aktionen für Jugendliche”, sagt Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv). „Büchereien bleiben am Puls der Zeit und arbeiten hierfür stärker als je zuvor mit den Kommunen, Kitas, Schulen, Jugendzentren oder sogar der städtischen Feuerwehr zusammen.”

Mittelpunktbibliothek
Einzigartiges Design: Die Bücherburg der Mittelpunktbibliothek in Köpenick. Bild: Wolfgang Stahr

Bibliothek im Kiez – Kiez in der Bibliothek

Auf diese Form der Bürgernähe setzen auch die beiden Mittelpunktbibliotheken in Treptow-Köpenick. In der imposanten Bibliothek Am alten Markt in der Köpenicker Altstadt finden beispielsweise Sprachkurse für Geflüchtete statt.

Mittelpunktbibliothek
Nicht nur wegen ihrer Architekturpreise ist sie so beliebt. Bild: Wolfgang Stahr

Ausstellungen von Berliner Künstlern sorgen für Abwechslung an den Wänden. Kooperationen mit Kitas, Schulen, Seniorenheimen, kulturellen Einrichtungen oder Bürgerinitiativen sind für Janin Präßler, Fachbereichsleiterin der Bibliotheken in Treptow-Köpenick, selbstverständlich. „Wir schaffen einen Ort für Medien und Menschen, den wir fest im Kiez verankern möchten. Durch Lesungen, Vernissagen oder Schüler-Rallyes holen wir die Anwohner aus dem Bezirk zu uns.”

Mittelpunktbibliothek
Bild: Wolfgang Stahr

Die beiden Bibliotheken im Süd-Osten sind architektonische Highlights. Mehrfach für ihre Architektur ausgezeichnet, fügen sich die Mittelpunktbibliotheken jeweils ins Stadtbild ein und integrieren zugleich denkmalgeschützte Gebäude wie eine alte Schule oder eine ehemalige Feuerwache. Die modernen Bauten laden mit viel Licht und großzügigen Räumen zum Verweilen, Stöbern, Lesen und Spielen ein. Zusätzlich fahren zwei Bücherbusse gezielt Schulen an oder stehen an gut erreichbaren Standorten wie S-Bahnhöfen. Auch hier möchte die Bibliothek sich auf die Menschen im Kiez zubewegen.

Bücher kommen vor die Haustür

Wie gut diese fahrende Institution angenommen wird, sieht man in Steglitz-Zehlendorf, wo der erste Bücherbus Berlins bereits 1956 durch die Straßen rollte.

Buecherbus
Ebenfalsl beliebt: dre Bücherbus vor der Haustür. Hier in Steglitz-Zehlendorf. Bild: Wolfgang Stahr

Seit 1968 nutzt Elke von Nieding das Angebot wöchentlich: „Damals hatte ich zwei kleine Kinder und fand es unheimlich praktisch, dass ich nicht zur Bibliothek fahren musste, sondern die Bücher zu mir kamen. Heute mit 83 Jahren ist das immer noch so.” Als studierte Historikerin liest sie am liebsten historische Romane – „ohne Kitsch oder falsche Fakten.” Häufig hat Anita Hölscher bereits eine Empfehlung parat. Sie arbeitet seit zwei Jahren im Berliner Bücherbus und kennt fast alle Nutzer beim Namen – und genau das liebt die Bibliothekarin. „Unsere rollende Bibliothek ist sehr persönlich und individuell. Vor jeder Tour überlege ich mir, welche Haltestellen wir anfahren und wähle entsprechend die Bücher oder DVDs aus.”

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28 Stationen fährt er in der Woche in dem Bezirk an. Bild: Wolfgang Stahr

Insgesamt passen rund 4.500 Medien in einen der beiden Bücherbusse des Bezirks. Sie fahren wöchentlich 28 Haltestellen an und bleiben ein bis drei Stunden vor Ort. Die älteste Stammkundin ist über 90 Jahre alt und weiß die kurzen Wege zum nächsten Roman zu schätzen. Aber auch bei den ganz Jungen findet sich begeistertes Lesepublikum. „Wir fahren gezielt Grundschulen an. Viele der Kinder dort waren noch nie in einer Bibliothek und so müssen sich die Eltern nicht extra Zeit dafür nehmen”, sagt Anita Hölscher.

„In Zeiten von Fake News und dem ungefilterten Zugang zu Informationen ist es Aufgabe der Bibliothekare, den Menschen bei der Einordnung zu helfen.“ Anna Jacobi, Zentral- und Landesbibliothek

Bibliothekare sind in einer digitalen Welt besonders wichtig

Neben der Leseförderung seien vor allem Informationsvermittlung sowie die Schulung der Medienkompetenz vorrangige Ziele von Bibliotheken, betont Anna Jacobi von der ZLB. „In Zeiten von Fake News und dem ungefilterten Zugang zu Informationen ist es Aufgabe der Bibliothekare, den Menschen bei der Einordnung zu helfen. Gleichzeitig schaffen sie einen niedrigschwelligen Zugang zu neuester Informationstechnologie.” Dass sie dadurch wertvolle Arbeit für den Kiez und ihre Stadt übernehmen, findet Anna Jacobi selbstverständlich. Egal ob jemand Musik ausleihen, sich seinen E-Reader erklären lassen möchte oder einen Raum für eine Veranstaltung sucht. Die Berliner Bibliotheken machen all dies und noch viel mehr möglich. Und Bücher gibt es dort übrigens auch.

Berliner Stadtbibliotheken

Flaggschiff der einzigartigen Berliner Bibliothekenlandschaft ist die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) mit ihren beiden Häusern in Kreuzberg (Amerika-Gedenkbibliothek) und Mitte, mit rund 3,4 Millionen Medien die größte öffentliche Bibliothek in Deutschland.

Die 81 Stadtbibliotheken werden selbstständig von den Bezirken betrieben und finanziert. Entsprechend unterschiedlich fallen die Ausstattungen der einzelnen Häuser aus. Alle haben sich vor rund 20 Jahren im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) zusammengeschlossen: Für nur 10 Euro jährlich können Berliner an allen Standorten Medien ausleihen, die Infrastruktur nutzen und Digitales auch von zu Hause aus erreichen.

Zum Beispiel den Streamingdienst Filmfriend mit über 1.500 Spielfilmen, Dokumentationen und Serien. Wissenschaftlich geprägte Bibliotheken wie die beiden Häuser der Staatsbibliothek sowie die Universitätsbibliotheken machen Berlin zu einer international herausragenden Bücherstadt.

www.voebb.de

Am 16. November ist Vorlesetag…

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