Titel Spielzeug
Spieltrieb: Auch Erwachsene zieht Spielzeug magisch an, zum Beispiel Matthias Bürger, der das Spielzeug der Zukunft konzipiert. Bild: Katrin Starke

Spielzeug

Die wollen doch nur spielen

Wer repariert noch kaputtes Spielzeug? Mit was spielten Kinder eigentlich im 19. Jahrhundert? Und wie sieht die Zukunft des Spielens aus? Berliner Akzente hat im Spiele-Museum Schubladen geöffnet, den Spielzeug-Doktor besucht – und den Hightech-Roboterhund bestaunt.

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pandau. Stadtmuseum. Silvia Thyzel (63) streift sich in der Spielzeugsammlung Baumwoll-Handschuhe über ihre feinen Hände. Dann schlägt sie das Pergamentpapier auseinander und hebt vorsichtig eine Puppe aus der Pappschachtel, die mehr als 70 Jahre alt ist.

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Stadtmuseum: Kuratorin Silvia Thyzel zeigt ihr Lieblingsstück aus der Spielzeugsammlung. Bild: Katrin Starke

Die Puppe trägt ein hellblaues Kleidchen, auf dem Kopf ist eine Haartolle angedeutet, die Wangen sind pausbäckig. „Mein Lieblingsstück“, sagt die Kuratorin der Sammlung. 1940 hatte die Inhaberin eines Tabakladens in Weißensee die Puppe für ein kleines jüdisches Mädchen gekauft. Doch das Mädchen holte die Puppe nie ab, sein Schicksal ist unbekannt, steht auf der Karteikarte.

65.000 Exponate schlummern in dem Depot an der Hans-Poelzig-Straße in Spandau. Für Berliner Akzente öffnet Silvia Thyzel die Schubladen. „Schade, dass wir immer nur einzelne Stücke in Ausstellungen zeigen können“, bedauert die Frau mit den wasserblauen Augen. Was hier im Dunkeln bei 18 Grad Raumtemperatur in meterhohen Regalschränken lagere, sei doch „das Gedächtnis der Berliner“.

Schade, dass wir immer nur einzelne Stücke in Ausstellungen zeigen können. Was hier im Dunkeln bei 18 Grad Raumtemperatur in Regalschränken lagert, ist doch das Gedächtnis der Berliner. Silvia Thyzel, Kuratorin Stadtmuseum

Thyzel deutet auf eine Puppenstube aus dem 19. Jahrhundert, die Figuren edel gekleidet – ein Prestigeobjekt, mit dem die Kinder reicher Eltern nur selten wirklich spielen durften. Ganz anders spielten wiederum die kleinen Leute: Die Spielzeugexpertin zeigt ein abgewetztes Rohr aus roter Pappe. „Ein Waldteufel, ganz typisches Berliner Spielzeug.“ Mit Schnur und Holzgriff dran. „Das haben die Kinder früher über dem Kopf geschwungen, dann gab das einen pfeifenden Heulton.“ Nichts Besonderes. Aber Kinder hätten ja Phantasie. Und liebten Bewegungsspiele genauso wie Puppen. Ein Tonpüppchen aus dem 15. Jahrhundert ist eines der ältesten Stücke der Sammlung. Gefunden bei Ausgrabungen.

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Ein Evergreen des Spielzeugs: die Puppenküche. Beliebt heute wie damals. Bild: Katrin Starke

Als im 19. Jahrhundert die Spielzeugindustrie aufkam, ist in Berlin auch produziert worden. Die Königliche Porzellanmanufaktur KPM stellte Puppenköpfe her. Silvia Thyzel zieht eine Blechminiatur hervor – die erste Ampel vom Potsdamer Platz, gerade mal zehn Zentimeter groß.

Ob Murmeln, Kreisel oder kleine Holzautos: alles hat sein eigenes Regal. Sogar der Kaufmannsladen aus DDR-Produktion, in dessen Auslage sich „Westprodukte“ stapelten. „Sachen, die die Großmutter aus dem Westen mitbrachte. Auch wieder so ein Stück Geschichte“, sagt Thyzel.

Zu Besuch in der Spiele-Werkstatt

Weiter geht es nach Prenzlauer Berg in die Choriner Straße. Philipp Schünemann ist „Onkel Philipp“: Er repariert lieb gewonnenes defektes Spielzeug. Seine „Spielzeug-Werkstatt“ ist randvoll mit Baukästen, Teddys, Puppen, Holzklötzen, kleinen Autos, Ritterburgen, neuem und gebrauchtem Spielzeug – und längst Kult. Nicht nur im Kiez. Sogar Reisebusse mit asiatischen Touristen haben dort schon Halt gemacht.

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Doktor für kaputtes Spielzeug: Onkel Philipp, alias Philipp Schünemann. Bild: Katrin Starke

Von der Decke baumeln Marionetten, daneben Modell-Flugzeuge. Kaum Platz, um sich einen Weg zu bahnen zu dem Klapptisch, an dem „Onkel Philipp“ mit ruhiger Hand Klebstoff auf ein Styropor-Flugzeug streicht. Das Heckruder ist abgebrochen. „Das ist schnell gemacht“, sagt der 47-jährige studierte Umwelt- und Verfahrenstechniker.

Anders als bei dem Stoffhasen, der aus blinden Plastikaugen schielt. Manchmal ist eine Reparatur teurer als es das Spielzeug ursprünglich war. Für die Besitzerin des Hasen ist das okay, „weil der 38 Jahre alt ist und unersetzbar“. Spielzeug-Doktor Schünemann repariert auch das, was ihm Leute bringen, weil sie es nicht mehr brauchen. „Die sind dankbar, dass sie ihr altes Spielzeug nicht wegschmeißen müssen“. Und für ihn ist es „ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft“.

Fundgruben für Spielkinder

RatzeKatz
Raumerstraße 7
Prenzlauer Berg
www.ratzekatz.de

Onkel Philipp’s Spielzeugwerkstatt
Choriner Straße 35
Prenzlauer Berg
www.onkel-philipp.de

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Eltern kaufen gern retro

Meterhoch stapelt sich das Spielzeug bei „Ratzekatz“, auch so eine Berliner Institution. Zwar verkauft Helmut Seifert, der seinen Laden seit 30 Jahren betreibt und nach Stationen in Kreuzberg und Neukölln in Prenzlauer Berg gelandet ist, nur neues Spielzeug. Aber auch Sachen, die man „von früher“ kennt wie Brummkreisel oder Tipp-Kick-Fußballspiele. „Damit kriegt man die Eltern – und die kaufen doch, woran sie selber Freude haben“, sagt der 59-Jährige und lacht.

Allerdings komme man als Spielzeughändler auch um „all diese Disney-Merchandising-Produkte“ nicht herum. Von Batman bis Spiderman. „Wenn jetzt der neue Star-Wars-Film in die Kinos kommt, wird das Thema wieder ausgepresst wie eine Zitrone.“ Auch Troll-Figuren seien wieder im Kommen. Und natürlich „Digitales auf der ganzen Linie“.

Wo der Roboterhund das Wedeln lernt

Passt zum letzten Ort unserer Reise. Dorthin, wo an der Zukunft des Spielens gearbeitet wird. Zur Kinematics GmbH nach Bernau, die Roboter-Baukästen für Kinder entwickelt. Der gelbe Hund mit den blauen Ohren schüttelt sich, dann hebt er im Wechsel die linke und die rechte Hinterpfote. Soll er auch noch mit dem Schwanz wedeln?

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Spielzeug der Zukunft: Matthias Bürger mit dem Roboter-Hund. Bild: Katrin Starke

Matthias Bürger nimmt den kleinen Roboter in die Hand. Er drückt die Aufnahmetaste auf dem roten Rechnerwürfel, biegt den Plastikschwanz hin und her, zweimal langsam, dreimal schneller. Zufrieden stellt der 36-Jährige den Roboter zurück auf die Tischplatte, berührt kurz den Startknopf: Zweimal wedelt das Tier langsam mit dem Schwanz, dann dreimal schnell. Der Roboter hat sich gemerkt, was Bürger ihm vorgegeben hat.

Jahrelang haben Leonhard Oschütz (32), Christian Guder (35) und er getüftelt, seit einem Jahr produziert das Trio die Baukästen nun in Serie. Mit Rechner-Würfel, Gelenk- und Motormodul. Oder mit Drehmodulen, Greifarmen, Achsen, Rädern und Adapterplatten, über die die Roboter mit Lego-Steinen verknüpft werden können. Kräne und Tiere lassen sich bauen. Oder Rennwagen. Gesteuert per Knopfdruck oder per App übers Smartphone. „Die meisten Kids bauen aber Phantasieroboter“, erzählt Bürger. Was ihn freut, denn schließlich gehe es nicht um irgendein vorgegebenes Modell. „Die Bewegung, das ist das Faszinierende beim Spielen.“ Daran hat sich über die Jahrhunderte nichts geändert.

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