Sober Sensations
Tagsüber Fitnessstudio, abends Tanzfläche: Das „World of Cyberobics“ am Alexanderplatz lädt zu den Sober Partys ein. Bild: Promo
Feiern in Berlin

Tanze nüchtern mit mir

Alkoholfreie Getränke liegen im Trend. Jetzt haben Smoothies und Co auch die Berliner Tanzböden erreicht. Auf den Sober Partys sind Drinks ohne Promille keine Alternative, denn es gibt erst gar keinen Alkohol. Und das ist nicht der einzige Unterschied. Wir haben uns unter die Tanzmenge gemischt.

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in leuchtendes LED-Armband als Eintrittskarte – dann kann sie losgehen: die Partyreihe „Sober Sensation“, die ihren Gästen betont alkoholfreien Tanzgenuss bescheren möchte. Wir sind im Fitnessstudio „World of Cyberobics“ am Alexanderplatz. An einem Mittwochabend. Über eine weiße Treppe geht es hinauf in die Lounge des Sporttempels mit freier Sicht auf den Fernsehturm.

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Spaß auch ohne Alkohol: die Gäste sind ausgelassener Stimmung – und am nächsten Tag katerfrei. Bild: Promo

Auf schwarzem Boden mit weißen Möbeln und vor riesigen Led-Wänden sammeln sich die Tänzer im futuristischen Ambiente um das DJ-Pult. „Outa Space“ lautet das Motto. Kaum einer, der nicht mitschwingt. DJ Gideon Bellin bläst Glitterkonfetti auf seine bewegungsfreudigen Gäste. An der Bar bietet das Tresenpersonal hübsch dekorierte promillefreie Drinks wie „Virgin Mojito“ oder „Spicy Coco“ an. Proteinshakes und Kaffee gibt es auch. Nur keinen einzigen Tropfen Alkohol.

Wir stellen fest: Clubbing strikt ohne Promille ist alles andere als nüchtern. Die Tänzer berauschen sich an der Musik und Bewegung. Schließlich „ist man nicht hier um abzuhängen, sondern um Spaß zu haben“, erklärt Eva aus Prenzlauer Berg. Die 32-Jährige ist gekommen, „weil sie die Musik mag, gerne tanzt, aber am nächsten Morgen fit sein möchte. In den Clubs dauert es doch manchmal bis nach Mitternacht bis es losgeht. Hier kommt man hin, feiert und geht mit klarem Kopf nach Hause.“

Health Trend kommt aus Skandinavien und USA

In den USA und auch in Skandinavien gibt es schon seit Jahren Tanzevents ohne Alkohol. „Sober ist the new drunk“, heißt es in einem Zeitungsartikel zur New Yorker Sober-Szene. In Schweden gibt es inzwischen Clubs, in denen die Gäste ausschließlich alkoholfrei feiern. In einigen sogar mit Alkoholkontrolle am Eingang.

Sober Sensations
Futuristisches Ambiente: Die Gäste feiern zum Motto “Outa Space”. Bild: Promo

So weit ist Berlin noch nicht. Hier ist die „Sober Sensation“ zwar nicht die erste, aber die einzig regelmäßig laufende Eventreihe dieser Art. Die traditionsreichste promillefreie Veranstaltung ist die „Morning Gloryville Party“. Bei dem Frühe-Vogel-Event geht es sehr bunt zu: Knallige Hüte, schrille Brillen, Bärenjungs und Blumenmädchen treffen sich zum Morgen-Rave. Das nüchterne Tanzen wird nicht nur mit Smoothie- und Superfoodbars umrahmt, sondern auch durch Yoga und Wellnessangebote. Außerdem unterscheidet sich die Party-Reihe von den „Sober Sensations“ dadurch, dass sie am frühen Morgen, also bevor es zur Arbeit geht, startet.

Die Angebote der Sober-Party-Szene gehen mit Health und Wellnessangeboten über das reine Feiern hinaus. Auch die Detoxrebels aus Köln bieten deutschlandweit neben ihren Partys unter dem Motto „Katerfrei“ Workshops zum Thema gesunde Ernährung an. Zweimal waren sie schon in Berlin. „Coole Locations, neue Geschmackserlebnisse, Musik, Life Performances und nicht zuletzt die Menschen, auf die man trifft“, nennt Detoxrebel Martin Bessem als Gründe, warum die Besucher den Alkohol-Verzicht schnell vergessen.

Inspiration durch türkische Geburtstagsfeier

Bei DJ Gideon Bellin, Veranstalter der „Sober Sensation“, war eine türkische Geburtstagsfeier, auf der es keinen Alkohol gab, die erste positive Erfahrung als DJ mit nüchternen Partys: „Die Feier war dermaßen gut, dass mich die Idee, Partys ohne Alkohol und Drogen zu veranstalten nicht mehr losließ?“

Sober Sensations
DJ Gideon Bellin befasste sich sogar in seiner Bachelorarbeit mit Sober Partys. Bild: Promo

Der heute 25-Jährige studierte Eventmanagement und befasste sich in seiner Bachelorarbeit mit „Sober Partys“. Unter den Anhängern der Health- und Fitnessbewegung zwischen 20 und 35 Jahren sieht er seine Zielgruppe. Er ist überzeugt: „Alkoholfreies Clubbing hat Zukunft in Berlin.“

Auch die Berliner DJane Sarah Farina hat einen „anderen Approach ans Weggehen“, als der trinkfreudige Durchschnittsberliner: Sie ist beim Auflegen und Tanzen immer nüchtern. Ihr geht es nicht darum zu feiern und sich abzuschießen, sie will einfach nur neue Musik kennenlernen und dazu tanzen. Das sei aber, wie sie in einem Youtube-Interview offenbart, weiterhin die Ausnahme in der Berliner Clubkultur.

Formate: video/youtube

Klarer Kopf unterm Sternenhimmel

Die Gesellschaftsdroge Alkohol auch am Wochenende aus den Köpfen der Berliner zu verdrängen, gelingt noch nicht so leicht, räumt Bellin ein. Darum veranstaltet er die „Sober Sensations“ in der Woche, nämlich mittwochs, ab 18 Uhr. Im „World of Cyberobics“ endet der Abend zur Geisterstunde – wenn in den Clubs der Stadt sich die ersten Tänzer auf die Tanzfläche wagen. Verabschiedet wird die „Sober-Family“ vom DJ persönlich. Das nächste Sober-Sensation-Event soll unter freiem Sternenhimmel sein.

Unser Fazit: Gemeinsam nüchtern zu bleiben kann ebenso ansteckend sein wie das kollektive Trinken. In jedem Fall ist aber kein Alkohol eine schöne Lösung für alle Berufstätigen, die am nächsten Tag wieder fit sein wollen.

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