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Titel Ackerdemia
Ackerdemia-Gründer Dr. Christoph Schmitz hilft Divine beim Pflanzen. Bild: Steffen Rohr
Engagement

Schulprojekt Ackerdemia: Wo wächst eigentlich Mozzarella?

Das Berliner Schulgarten-Projekt Ackerdemia, mit dem Kinder und Jugendliche ganz praktisch lernen, wo Lebensmittel herkommen, wurde für sein Engagement 2018 mit dem Roman-Herzog-Preis der Berliner Sparkasse ausgezeichnet. Zum Saisonstart besuchten wir einen Pflanztag an der Hausotter-Grundschule in Reinickendorf.

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akan hat sich aus Versehen in die Mitte des Abschlusskreises gestellt, aber er korrigiert das schnell. „Und?“, fragt Kirstin Jacobi, als der Kreis geschlossen ist. „Was habt ihr heute gemacht?“ Alessia antwortet: „Kürbis gepflanzt. Und Kartoffeln. Und Kresse. Und Tomaten.“ Silke Marianski fragt: „Mozzarella auch?“ Die Kinder lachen schallend: „Neeein!“ „Und was“, möchte Christiana Henn wissen, „machen wir jetzt mit dem Gemüse?“ Das wissen die Kinder ziemlich genau: „Essen!“

Schulprojekt bringt Kindern Lebensmittel nahe

So weit ist es noch nicht, aber der Anfang ist gemacht an diesem Freitagvormittag Ende Mai in der Hausotter-Grundschule in Berlin-Reinickendorf. 23 Schüler der Klasse 1b und zwölf Kinder einer Willkommensklasse pflanzen unter den Augen der Schulkonrektorin Kirstin Jacobi Gemüse an, tatkräftig begleitet von Silke Marianski, der Klassenlehrerin der 1b, und fachkundig angeleitet von vier Helfern des gemeinnützigen Vereins Ackerdemia: von Samantha Schaps, Nikolett Aszodi, Christiana Henn vom Regionalmanagement Berlin-Brandenburg und Dr. Christoph Schmitz, der Ackerdemia 2014 in Potsdam gründete.

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Das Ackerdemia-Team, das am Pflanztag in der Hausotter-Grundschule Schüler und Lehrer emsig unterstützte: Gründer und Geschäftsführer Dr. Christoph Schmitz, Christiana Henn vom Regionalmanagement Berlin-Brandenburg und die Acker-Helferinnen Nikolett Aszodi und Samantha Schaps (von links). Bild: Steffen Rohr

Der Acker kommt zu den Kindern

Schmitz stammt von einem Bauernhof im Rheinland, Schulklassen waren auf dem elterlichen Gehöft regelmäßig zu Besuch. „Die Kinder kamen einmal im Jahr zur Erntezeit und wussten dann, dass die Kartoffeln nicht an den Bäumen wachsen, sondern in der Erde“, sagt Schmitz und lächelt. „Aber sie wussten nicht, wie die Kartoffeln in die Erde gekommen sind.“ Das will er mit seinen Mitstreitern ändern. Sie bringen die Kinder nicht zum Acker, sondern den Acker zu den Kindern.

Ackerdemia in allen 16 Bundesländern vertreten

Noch vor der Gründung des Vereins entwickelte Schmitz das Konzept der GemüseAckerdemie und testete das Programm erstmals 2013 an einer Realschule in Bedburg (Nordrhein-Westfalen), an der seine Schwester als Lehrerin arbeitet. Pilot-Schule in Berlin war die Nürtingen-Grundschule in Kreuzberg.

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Nikolett Aszodi, eine der Acker-Helferinnen des Ackerdemia-Teams, weiht Erstklässlerin Alma in die Feinheiten des Pflanzens ein. Bild: Steffen Rohr

Seit diesem Jahr ist Bremen als weißer Fleck getilgt und die GemüseAckerdemie i*n allen 16 Bundesländern sowie in Österreich und der Schweiz* an mehr als 450 Lernorten vertreten. Mehr als 19 000 Kinder ackern 2019 auf insgesamt 27.500 Quadratmetern und bauen 25 verschiedene Gemüsearten an.

In der Erde buddeln als spannendes Schulprojekt

Schwerpunkt ist Berlin, wo das Projekt in diesem Jahr in etwa 40 Schulen und 30 Kitas läuft. „Es geht darum, den kleinen Samen übers ganze Jahr zu begleiten“, erzählt Schmitz. „Für Kinder gibt es nichts Spannenderes, als in der Natur zu buddeln und Kartoffeln zu ernten – das ist immer wie eine kleine Schatzsuche. Je jünger die Kinder sind, umso größer sind die Augen.“

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Bild: Steffen Rohr

Die Kinder pflanzen, pflegen, ernten, probieren und verwerten ihr Gemüse – und manchmal vermarkten sie es über Hof- oder Bio-Läden auch. Ackerdemia geht bewusst in Schulen mit vielen sozial benachteiligten Kindern. „Über das Gärtnern“, sagt Schmitz, „werden sie nochmal anders angesprochen als über den Mathe- oder Deutsch-Unterricht. Kinder, die im normalen Unterricht nicht mitkommen, blühen im Garten auf.“

Anderer Zugang zur Schule

Kirstin Jacobi, die stellvertretende Leiterin der Hausotter-Grundschule, in die etwa 500 Kinder aus über 40 Nationen gehen, bestätigt das: „Durch das Gärtnern bekommen die Kinder einen anderen Zugang zur Schule. Sie sehen, dass es nicht nur darum geht, gerade zu sitzen. Auch Sprache kann so nochmal anders funktionieren: Ich habe ein Wort, eine Verbindung und ein Bild dazu – und kann es anders verknüpfen.“

Schüler helfen tatkräftig mit

Ein paar Meter neben ihr steht Melik und verzieht sein Gesicht. Er musste gerade die Hacke abgeben, weil er an der falschen Stelle Löcher buddelte. Wenig später hat er sie wieder – und steht auf dem Acker. „Die Kinder machen mit. Und manchmal machen sie auch anders mit, als sie sollen“, sagt die Konrektorin und lacht. Hinter der Schule liegen schwierige Monate.

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Divine beim Gießen des gerade angelegten Kartoffelackers. Bild: Steffen Rohr

Ende Januar verstarb eine elfjährige Schülerin, medial entbrannte eine Mobbing-Debatte. Das Umfeld ist schwierig, der benachbarte Lettekiez gilt als sozialer Brennpunkt. „Wir schauen in die Zukunft“, sagt Jacobi. „Dass wir einen solchen Schulgarten mit so einer Vielfalt bekommen, ist für uns eine identifikationsstiftende Maßnahme. Schule muss Lebensraum werden und war es immer. Und die Kinder bekommen ein handfestes Begreifen, wo ihr Essen herkommt.“

Berliner Sparkasse unterstützt Ackerdemia-Aktion

Ohne die Unterstützung der Berliner Sparkasse würde in der Schule, über die fast im Minutentakt die Flugzeuge nach Tegel in ohrenbetäubendem Lärm hinwegrauschen, kein Garten entstehen. „Als die Anfrage der Schule kam, hatten wir noch keinen Förderpartner. Dass die Sparkasse mithilft, die Schule wieder in ein positives Licht zu rücken, finde ich toll“, sagt Ackerdemia-Geschäftsführer Schmitz. Seine Initiative wurde 2018 als Projekt mit bundesweiter Strahlkraft mit dem Roman Herzog Preis der Berliner Sparkasse ausgezeichnet: „Dass von Berlin aus ein Ruck durchs Land geht, ist genau das Ziel, das wir verfolgen.“

Im Unterricht dreht sich weiter alles um das Schulprojekt

Die Kinder verbringen insgesamt 60 bis 100 Stunden mit dem Thema – das ist mehr als eine normale Doppelstunde Mathematik in einem Halbjahr. „Das bleibt hängen“, sagt Schmitz. „Und vor allem bleibt das Erlebnis hängen, wenn das Kind die Kartoffel rauszieht oder in die Möhre beißt oder merkt, wie scharf das erste Radieschen schmeckt.“ In jeder Schule gibt es drei Pflanztermine vor Ort*. Die involvierten Lehrer kommen zu drei Fortbildungen zusammen und bekommen wöchentlich Acker-Infos und Hilfe über kleine Tutorials und eine Online-Lernplattform. Jede Schule wird übers Jahr von einem Acker-Coach und einer Regional-Managerin betreut – und soll das Projekt irgendwann eigenständig managen.

Eltern, Schüler und Lehrer arbeiten gemeinsam weiter

Als Divine, die emsig Kartoffeln und Tomaten angepflanzt hat, nach 90 Minuten mit ihren Mitschülern den Acker verlässt, bekommt sie wie alle vom Ackerdemia-Team Bohnensamen für zu Hause mit. „Es hat Spaß gemacht“, sagt sie. „Ich werde zu Hause davon erzählen.“
Am Tag danach, beim sogenannten Beauty-Day, sollen die Eltern der Schüler mithelfen: Bänke, Hochbeet, Kräuterspirale – es gibt viel zu tun. „Was wir hier schaffen“, sagt Kirstin Jacobi und strahlt, „ist nachhaltig. Das bleibt.“ Als sie später im Abschlusskreis fragt, welche Eltern tags darauf Zeit haben, melden sich nicht viele Kinder. „Was wir machen, ist ein Marathon, kein Sprint“, sagt Schmitz. Sie wollen alle mitnehmen: Kinder, Lehrer, Eltern. Und sie bleiben dran, damit die Saat aufgeht – in den Beeten und in den Köpfen.

www.ackerdemia.de (Ackerdemia e. V. )

Text und Fotos: Steffen Rohr

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