Titel School Of Life
Bild: Jörg Oberwittler
Lebenshilfe

„Wir sollten einander wieder mehr zuhören"

Thomas Biller, Geschäftsführer der „School of Life Berlin“: Warum die Schule nicht genug aufs Leben vorbereitet, was die Zutaten für ein kluges Leben sind und wie wir glücklicher werden.

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renzlauer Berg, nahe Helmholtzplatz: Hier im gut situierten Stadtteil hat die „School of Life Berlin“ ihre Türen eröffnet. Ein kleines Ladenlokal mit angrenzendem Seminarraum gibt seit April Lebenshilfe für die großen Fragen des Lebens: Wie führe ich eine glücklichere Partnerschaft? Wie gehe ich mit Konflikten um?

Geschäftsführer Thomas Biller muss noch eine E-Mail zu Ende schreiben, sagt seine Mitorganisatorin Anne Pfennig und bittet an der großen Fensterfront Platz zu nehmen. Der Blick schweift über unverputzte Betonwände, einen Strauß frischer Wiesenblumen sowie über die Bücherwand mit bunten Ratgeber-Titeln in englischer Sprache. 2008 wurde die erste School of Life in London von Alain de Button und Sophie Howarth gegründet – mittlerweile existiert sie in 13 Ländern. Viele Fragen an Thomas Biller, der dann vor uns steht: Ruhige Stimme, mildes Lächeln und ein hörbar rollendes „R“ aus seiner Heimat Niederbayern.

„Der Spiegel“ hat die School of Life „Die Hipster Volkshochschule“ genannt. Wie sehr ärgert Sie so was?
Thomas Biller : Gar nicht. Das prägt sich ja gut ein. In der Tat haben wir ein sehr breites Angebot an Seminaren, das sich zwischen konkreter Lebenshilfe für das private Leben bis in den Bereich Arbeit erstreckt. Diese Weiterbildung im persönlichen Bereich gibt es übrigens in Deutschland bisher so noch nicht. Damit bieten wir etwas ganz Neues.

Thomas Biller
Lebenshilfe gesprochen wie gedruckt: Thomas Biller vor dem umfangreichen Ratgeber-Angebot. Bild: Jörg Oberwittler

Dennoch hat „Hipster-Volkshochschule” etwas Abfälliges, klingt verniedlichend. Das muss Sie doch ärgern.
Ach, gegen solche Bezeichnungen können Sie sich nicht wehren, ich habe ehrlich gesagt Schlimmeres erwartet. Wir selbst wissen ja, was wir Gutes machen. Und die Resonanz der Teilnehmer ist durchweg positiv. Es ist schön, wenn wir uns als Einrichtung für philosophische „Lebenshilfe“ in Berlin herumsprechen, viele Leute dafür begeistern und diese dann den richtigen Eindruck von uns bekommen.

Wie wäre es mit „Ort für Luxusprobleme überforderter Großstädter“?
Das sehe ich anders. Was sind denn „Luxusprobleme”? Die Themen, die wir bearbeiten, sind doch ganz universell. Die Frage der Liebe zum Beispiel, der Beziehung – die betreffen jeden. Egal, ob er in Geld schwimmt oder nicht.

Zur Person

Thomas Biller , geboren in Schwarzach (Niederbayern),
• Studium der Literatur und Philosophie
Bis 2011 : Geschäftsführender Gesellschafter zweier Fernseh-Produktionsfirmen
2012 : Ausbildung zum Koch und Pâtissier an der internationalen Kochschule Le Cordon Bleu, London
Seit 2015 : Mitgründer der School of Life gemeinsam mit Dörte Dennemann

Nun sitzen Sie hier am Helmholtzplatz – einem der wohl gentrifiziertesten Flecken Berlins. Direkt vor der Tür steht ein Porsche, eine neue Eigentumswohnung kann sich hier wohl kein Single mehr leisten. Warum haben Sie ausgerechnet hier die School of Life eröffnet?
Weil das Objekt in Prenzlauer Berg tatsächlich am erschwinglichsten war. Wir haben auch in Kreuzberg und Mitte gesucht, das hier aber war der Raum mit den besten Konditionen.

Wäre eine zentrale Lage in Mitte nicht besser gewesen, um mehr Besucher auch aus den Westteilen der Stadt anzusprechen?
Unsere Teilnehmer kommen aus allen Teilen der Stadt. Man erreicht uns gut, auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und wer sich wirklich interessiert für unsere Themen, den hält auch eine zwanzigminütige Anfahrt nicht ab.

Kommen wir zum Grundprinzip der School of Life: Warum „Schule”? Bereitet uns die reguläre Schule nicht genug aufs Leben vor?
In der Tat: Was wir in der Schule und an der Uni lernen, hilft uns wenig bei unseren Problemen im Alltag. Im Englischen spricht man von „emotional Intelligence“, ein Begriff, der verschiedene Aspekte abdeckt: Zum einen, die Fähigkeit, eigene Emotionen zu erkennen, mit ihnen umzugehen und sie womöglich sogar zu steuern. Zum anderen, die Fähigkeit, die Emotionen der anderen zu erkennen und mit ihnen achtsam umzugehen. Dieses Wissen bleibt leider im Lehrplan der Schule meist auf der Strecke.

Der Lehrplan an der Schule basiert nun mal auf einem wissenschaftlichen Kanon, der ein Kompromiss vielfältigster Interessengruppen ist. Auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen fußen demgegenüber Ihre Seminare?
Die Kurse wurden in der Londoner School of Life von Alain de Botton, dem Philosophen und Gründer der School of Life, entwickelt – das Programm wird ständig erweitert. Für alle Bereiche gibt es dort Experten, die auch als Dozenten tätig sind.

School Of Life
Ladenlokal mitten in Prenzlauer Berg: Hier am Helmholtzplatz hat sich die School of Life einquartiert. Bild: Jörg Oberwittler

Wie Beziehungen gut gelingen, darüber streiten sich aber auch Experten kräftig…
Absolut. Natürlich können wir den Teilnehmern nach einem dreieinhalbstündigen Abendseminar nicht ein völlig neues Leben versprechen. Wir verkünden nicht die absolute Wahrheit, sondern betrachten die Kurse als Inspiration und Einladung, sich mit den Themen zu beschäftigen. Dabei berücksichtigen wir möglichst verschiedene Aspekte. Das machen wir sehr gewissenhaft. Mich selbst hat an der School of Life von Anfang an beeindruckt, dass die Dozenten nicht nur eine psychologische oder therapeutische Sicht auf Themen haben, sondern auch einbeziehen, was die Philosophie zu diesem Thema beiträgt. Dieser fächerübergreifende Ansatz ist ein wichtiges Grundprinzip der School of Life.

Eine erfolgreiche Karriere, genug Zeit für die Kinder und noch Quality Time für sich selbst – da kommen viele ins Straucheln. Wollen wir zu viel vom Leben?
Puh, schwere Frage. Meiner Erfahrung nach will das Leben zu viel von uns.

Sie drehen es also um?
So empfinde ich es. Ich hatte einen anstrengenden Beruf, habe eine Familie gegründet, zwei Kinder und dann wurde es irgendwann eng. Jeder der vier Menschen hatte seine Bedürfnisse und ich selbst wollte geschäftlich erfolgreich sein. Ich war dann nicht in der Lage, all dem gerecht zu werden und habe Fehler gemacht. Das ist es, was mich bei der School of Life am meisten angesprochen hat: Dass man zu bestimmten Fragestellungen des Lebens hier Antworten finden kann.

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Wird die Philosophie zum Ersatz? Ein Wertesystem ohne Gott darüber?
Ich glaube, es geht mehr darum, in bestimmten Situationen Sichtweisen und Ideen vermittelt zu bekommen, die einem helfen, das Erlebte einzuordnen. Wenn man in einer Beziehungskrise steckt, braucht man akut Antworten. Meistens ist man nicht in der Lage, ein Stück weit nach außen zu treten und mit einem gewissen Abstand zu schauen, was gerade passiert. Wenn einem das aber gelingt, erscheint die Situation nicht mehr so wild und unüberwindbar. Und gleichzeitig erfährt man, dass es auch anderen so geht.

Über die Schule

The School of Life Berlin
Lychener Str. 7
10437 Berlin
Tel: (030)91 51 43 11
www.theschooloflife.com/berlin/ .
Öffnungszeiten: Mo – Sa: 11 – 18 Uhr

Das Kursprogramm finden Sie auf: www.theschooloflife.com/berlin/ . Das Angebot reicht von Kursen im Kreis bis 25 Teilnehmer zu den Themen Beziehungen und Liebe, Arbeit und Persönlich­keits­entwicklung, bis hin zu größeren Vortragsabenden und philosophischen Talks, zum Beispiel in der benachbarten Kulturbrauerei. Derzeit ein bis zwei Kurse pro Woche, ab Herbst drei Kurse.

Als Sparkassen-Magazin reden wir gern über das Thema Geld: Machen wir Deutsche uns zu viele Gedanken über Geld?
Lassen Sie es mich sogar weiter zuspitzen: Wir machen uns zu viele Sorgen um Geld. Wir haben zum Beispiel einen Kurs, in dem es darum geht, weniger Sorgen um Geld zu haben. Die Frage ist doch: Wofür steht Geld? Woher begründet sich unsere Sorge um Geld? Was sind die wirklichen Ängste, die dahinterstecken?

Sagen Sie das mal einem armen Menschen…
Natürlich braucht es eine gewisse finanzielle Basis, um auszukommen. Aber die Glückskurve, also wie glücklich sich Menschen selbst einstufen, verläuft bekanntlich nicht parallel zur Einkommenskurve. Sprich: Wenn das Geld mehr wird, steigt damit nicht automatisch das Glücksempfinden. Ich selbst komme zum Beispiel aus einer Unternehmer-Familie. Als Kind habe ich mitbekommen, dass Geld in unserer Familie eine essenzielle Rolle spielte. Am Esstisch wurde immer wieder über hohe Geldsummen gesprochen, meist Verbindlichkeiten, was mir als Kind damals Angst machte. Diese Erfahrung hat einen Großteil meines Lebenswegs insofern geprägt, als dass ich mir lange permanent Sorgen um Geld gemacht habe.

Nur weil Ihre Eltern große Summen nannten?
Ich dachte, es würde sich eine größere Sicherheit einstellen, wenn ich mehr Geld verdiene und mir ein Vermögen aufbaue. Irgendwann habe ich aber festgestellt: Das stimmt nicht. Es hat mich nicht ruhiger gemacht. Erst als ich für mich festgestellt habe, dass das Leben sehr viel mehr mit Mut und Zuversicht in die Zukunft zu tun hat, die aber aus einem selber kommen muss, ist bei mir Neues entstanden. Dann habe ich plötzlich Dinge in Angriff genommen, an die ich mich vorher nicht herangetraut hätte. Das ist wahnsinnig befreiend.

Jeder achte Berliner ist überschuldet. Das ist mehr als der Bundesdurchschnitt. Als Grund führen Experten „unangemessenes Konsumverhalten“ an. Berlin sei voller „Konsum-Reize“. Kaufen wir uns unser Leben schön?
Definitiv ja. Wir gleichen Stress aus mit Konsum, wir wollen uns glücklich kaufen. Das kenne ich von mir selbst aus meiner Zeit als TV-Produzent. Wenn ich sehr viel gearbeitet habe, habe ich mich regelmäßig mit etwas Besonderem belohnt. Ich dachte, das wäre hilfreich. War es aber nicht. Auch ein noch so toller Urlaub war irgendwann vorbei und dann ging der Stress wieder los.

Was würden Sie also an die Stelle des Konsums setzen?
Sich Zeit nehmen für sich und für gute Beziehungen zu anderen Menschen. Ein erfülltes Leben besteht für mich aus guten Gesprächen. Mit Menschen auf der Arbeit, mit dem Partner, mit Freunden. Unser erster Dozent war der bekannteste deutsche Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid, der einen Vortrag zum Thema „Sinn im Leben“ hielt. Seine These ist, wer vernünftige Beziehungen pflegt, wird ein erfülltes Leben haben. Ich würde also sagen: Statt dem Prinzip „Kauf dich glücklich“ hinterher zu rennen, sollten wir uns wieder mehr auf unsere Mitmenschen und den Austausch konzentrieren. Wir sind soziale Wesen, brauchen Bestätigung und wir sollten wieder lernen, einander mehr zuzuhören.

Was wären also demnach die Zutaten für ein kluges Leben, für das Sie ja die Kurse anbieten wollen?
Das ist zum einen die Schulung der emotionalen Intelligenz, zum anderen die guten Gespräche mit Menschen. Und drittens auch die Verantwortung für das große Ganze. Wie können wir gesellschaftliche Probleme lösen? Was sind die Herausforderungen der Welt? Das fängt beim Umweltschutz an und geht bis zur politischen Verantwortung dafür, dass diese Gesellschaft jetzt und in Zukunft funktioniert.

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