Titel Schlager
Linda Hesse im „radio B2“-Studio. Bild: Katrin Starke
Musik

„Schlager ist ein Lebensgefühl“

Der Deutsche Schlager ist so beliebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Woher kommt diese neue Schlager-Sehnsucht? Warum zieht sie sich durch alle Generationen? Und welche Zutaten machen einen Schlager-Hit erfolgreich?

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it ihrem Tour-Album „25 Jahre Abenteuer Leben“ hat es Andrea Berg auf Anhieb auf Platz eins der deutschen Album-Charts geschafft. Ein Coup, der vor einem halben Jahr schon Helene Fischer mit ihrer aktuellen Scheibe gelang. Und der Berliner Sender „radio B2“ lockt 25.000 Fans zu seinem Open-Air-Festival „Schlagerhammer“. Der Schlager ist angesagt wie nie. Woher kommt sie, diese neue Schlagersehnsucht? Mit dieser Frage gehen wir zum Sender „radio B2“ – Deutschlands einzigen privaten UKW-Schlagerradio.

Die Berliner Vicky Leandros

„Hallo, da ist ja unsere Vicky Leandros“, ruft „radio B2“-Chef Oliver Dunk, als er Linda Hesse im Konferenzraum des Senders erspäht. Er setzt ein strahlendes Lächeln auf, begrüßt die Schlagersängerin mit inniger Umarmung. Der Mann mit dem zurückgekämmten dunklen Haar und der Nerdbrille ist ein Spaßvogel. Linda Hesse kann über seinen Scherz herzhaft lachen. Vickys Hit „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ war die erste Single, die sich Dunk als Junge vom Taschengeld kaufte. Seine Mitschüler hätten damals englischsprachige Pop- und Rockmusik gehört, erinnert sich der 54-Jährige.

Michael Niethammer und Linda Hesse
Michael Niekammer und Linda Hesse. Bild: Katrin Starke

Michael Niekammer, Kulturredakteur bei „radio B2“, nickt. „Ich sang bei ,Ganz in Weiß‘ von Roy Black mit Inbrunst mit, während die anderen ,Pink Floyd‘ und so’ne Sachen hörten“, erzählt der 56-Jährige, der trotz seiner grauen Locken jugendlich wirkt. „Aber wenn ich damals bei Discos als DJ aufgelegt hab‘, wollten sie alle zu den Hits von Bernd Clüver schmusen.“

Schlager, das ist mehr als eine Musikrichtung. Das ist ein Lebensgefühl. Musik zum Träumen, die Jung und Alt verbindet. Oliver Dunk, Chef „radio B2“

Schlager, das sei mehr als eine Musikrichtung, sind sich Dunk und Niekammer einig. Das sei ein Lebensgefühl. „Musik zum Träumen“, die Jung und Alt verbinde. Als Niekammer Anfang der 2000er-Jahre, damals noch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mit seinen Live-Shows durch Brandenburg zog, sei er immer wieder gefragt worden: „Warum werden wir nicht mal mit einem deutschen Lied im Radio geweckt?“ Damals habe er zu Normen Sträche, heute Programmchef bei „radio B2“, gesagt: „Du, ich glaube das ist eine Marktlücke.“ Eine, die Oliver Dunk 2011 füllte.

Musikalisch in den Arm nehmen

„Schlager spiegelt die Gefühle der Menschen, nimmt sie musikalisch in den Arm“, sagt Niekammer, der sich auch als Schlager-Texter – unter anderem für Dagmar Frederic – einen Namen gemacht hat. Und der es nicht schlimm findet, dass Freunde ihn „Schlager-Fuzzi“ nennen. „Die lieben doch alle Schlager, haben’s nur lange nicht zugegeben.“

B2-Kulturredakteur Michael Niethammer (links) mit Moderator Mischa Frinke.
„radio B2“-Kulturredakteur Michael Niekammer (links) mit Moderator Mischa Frinke. Bild: Katrin Starke

So sei auch die Sehnsucht nach Schlagern immer da gewesen, habe aber lange keine Plattform gehabt. „Unser Sender hat den Schlagertrend vielleicht nicht gesetzt, ihn aber forciert“, ist Niekammer überzeugt. „Und wir Schlagersänger haben endlich wieder ein musikalisches Zuhause“, sagt Linda Hesse.

Das Erfolgsrezept des Schlagers

Lange Zeit sei viel zu viel Musik „nur aus der Dose“ gekommen. Der „Schlagerhammer“ – das 2017 zum zweiten Mal veranstaltete Open-Air-Festival von „radio B2“ auf der Rennbahn in Hoppegarten mit 25.000 Besuchern – beweise doch: „Die Leute wollen mit Hand und Herz gemachte Musik hören – und zwar über die Generationen hinweg.“ Deswegen spiele sie so gerne live. „Da erreichst du die Menschen hautnah.“ Vom Teenie bis zur Omi.

Mit Liedern, „die davon handeln, was das Leben ausmacht.“ Klar gehe es in ihren Hits auch um Liebe. Das sei doch eines der zentralen Themen im Leben. Aber es sei eben nicht nur die heile Welt, die sie besinge. „Ich will Mut machen“, sagt die 30-Jährige. Auch denen, die auf der Schattenseite stehen. Deswegen hat sich die Wahlberlinerin als Botschafterin der Kampagne „Mit aller Kraft gegen den Krebs“ in die Dienste der Deutschen Krebshilfe gestellt. Und deswegen ist ihr wichtig, dass ihre Texte verstanden werden – das sei auch eines der Erfolgsrezepte des Schlagers. „Außerdem liegt mir deutsche Musik – ich denke auf Deutsch, ich träume auf Deutsch.“

Weg von den Blumenwiesen der heilen Welt

Gerade hat Linda Hesse ihr neues Album aufgenommen, das im Frühjahr 2018 rauskommt. Einige Stücke dafür hat sie mit Singer-Songwriter Tim Bendzko geschrieben. „Die Grenzen zwischen den Genres sind fließend geworden“, sagt Musikredakteur Niekammer. Die junge Generation deutschsprachiger Musiker und Sänger habe endlich die Scheuklappen abgelegt.

Fanclubchef Marc Stephan (Mitte) mit dem Duo "Fantasy".
Fanclubchef Marc Stephan (Mitte) mit dem Duo “Fantasy”. Bild: Privat

Der Schlager sei moderner geworden, auch das habe zu seinem Popularitätsschub beigetragen. „Da geht es nicht mehr nur um Blumenwiesen“, bestätigt Marcel Stephan, der vor fünf Jahren den Berlin-Brandenburger Fanclub des Schlagerduos „Fantasy“ aus der Taufe hob. „Der Schlager setzt sich mehr mit ernsthaften Themen auseinander, darin erkennt man sich wieder“, sagt der 40-jährige Berliner. Zudem seien die Rhythmen poppiger geworden.

Wenn die Fans bei Oma in der Kneipe sitzen

„Der Muff der 70er-Jahre ist weg“, meint Experte Niekammer. Nicht von ungefähr hätten Hits „ohne Rüschen“ die Zeiten überdauert. Wie „Aber bitte mit Sahne“ oder „Himbeereis zum Frühstück“, die Niekammer noch immer regelmäßig auf „radio B2“ bringt. „Dazwischen müssen junge Leute ihre Duftmarken hinterlassen.“ Sänger und Sängerinnen der „Generation Hesse“, die auf engen Kontakt zu ihren Fans setzen.

Vor zwei Jahren lud Linda Hesse ihren Fanclub in die Gaststätte ihrer Oma nach Halberstadt ein, wegen der familiären Atmosphäre. Ihre Fan-Familie durfte auch schon den Titelsong ihres neuen Albums hören – eines Schlagers, von dem sie den Medien bislang nicht einmal den Titel verraten will.

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Ganz nah dran sein – dann springt der Funke über

Die Nähe zwischen Stars und Publikum schätzt auch Marcel Stephan an der Schlagerwelt. Durch Zufall stieß Stephan vor fünf Jahren im Fernsehen auf „Fantasy“. Die Musik gefiel ihm sofort. Als das Duo aus Westfalen bei einer Promotion-Tour im Havelpark in Dallgow gastierte, war Stephan dabei. Und so begeistert, dass er einen Tag später gleich zum nächsten Fantasy-Auftritt ins „Märkische Zentrum“ nach Reinickendorf fuhr. „Kurz vor ihrer Abreise konnte ich einige Worte mit Freddy und Martin wechseln“, erzählt er. „Ihre Menschlichkeit, ihre Nähe zu den Fans hat mir sehr gefallen.“

Spontan entschied sich Stephan, einen Fanclub zu gründen. „Die Unterstützung bei den Konzerten, wenn wir alle im Fan-T-Shirt Gemeinschaft demonstrieren, das kann Künstler schon ziemlich pushen“, sagt er. Zum Jahresende will Stephan den Club, der mehr als 500 Mitglieder zählt, allerdings aufgeben. Über seinen Job als Leiter eines Ordnungsamtes im Berliner Umland und sein Engagement bei der freiwilligen Feuerwehr hinaus war dem Vater zweier Kinder die Fanclub-Arbeit zuletzt etwas anstrengend geworden. „Dabei ist Schlager doch eigentlich etwas zur Entspannung“, sagt er mit einem Lachen.

radio B2

radio B2 ist Deutschlands einziges privates UKW-Schlager-Radio. Es spielt nicht nur die Hits aus den Tagen, als Dieter-Thomas Heck noch die ZDF-Hitparade moderierte und in seiner typischen Schnellsprech-Art Schlager-Größen wie Udo Jürgens, Jürgen Marcus, Mary Roos oder Marianne Rosenberg ansagte.

Der Sender bietet auch der jungen Schlagersänger-Generation eine Plattform, Schlagerstar Annemarie Eilfeld beispielsweise hat auf „radio B2“ ihre eigene Sendung. Und regelmäßig sind Stars aus der Schlager, Volksmusik- und Deutsch-Pop-Branche zum Interview zu Gast – von Beatrice Egli über Vanessa Mai bis Roland Kaiser. „radio B2“ ist in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern auf UKW zu empfangen, über Kabel deutschlandweit, über Satellit europaweit und Online weltweit.

Alle Frequenzen unter: www.radioB2.de/frequenzen

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