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Titel Sandmann
Immer zur Stelle: Das Sandmännchen bringt jeden Abend rund eine Million Fernsehzuschauer ins Bett. Bild: Michael Lueder
Kultfigur

„Das Sandmännchen verbindet Generationen“

Nachgehakt bei Christine Handke, der stellvertretenden Direktorin des Filmmuseums Potsdam. Bis Ende 2020 ist dort die Ausstellung „Mit dem Sandmann auf Zeitreise“ zu sehen. Anlass für die große Jubiläumsschau ist ein runder Geburtstag von Deutschlands dienstältester Kinderfernseh-Figur: Am 22. November 2019 wurde der kleine Publikumsliebling 60 Jahre alt.

Seinen ersten Fernsehauftritt hatte das Sandmännchen am 22. November 1959 im Deutschen Fernsehfunk (DFF), dem DDR-Fernsehen. Einige Tage später ging ein vom Sender Freies Berlin produziertes Sandmännchen in der Bundesrepublik auf Sendung. Wie kam es zu diesem doppelten Sandmännchen.
Den Gedanken, Kinder abends mit einer Fernsehfigur ins Bett zu schicken, hatten Ost und West gleichzeitig. Prompt entbrannte ein Wettbewerb zwischen dem Deutschen Fernsehfunk in Ostberlin und dem Sender Freies Berlin in Westberlin, der kündigte Anfang November den Start der neuen Reihe „Das Sandmännchen“ an. Binnen drei Wochen entwickelte der Bühnen- und Kostümbildner Gerhard Behrendt aber die Sandmann-Figur für das DDR-Fernsehen mit aufwendiger Trickfilmtechnik, die am 22. November 1959 als „Unser Sandmännchen“ auf Sendung ging.

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Nachgehakt bei Christine Handke: Stellvertretende Direktorin des Filmuseums Potsdam Bild: privat

Und letztlich ist es dieses Ost-Sandmännchen, das bis heute überlebt hat.
Richtig. Bis um die Wendezeit gab es beide Figuren parallel, wobei die Regionalsender im Westen ihren Sandmann bis 1989 nach und nach abgeschafft hatten. Obwohl der Deutsche Fernsehfunk 1991 abgewickelt wurde, wurde das Ost-Sandmännchen letztlich zur gesamtdeutschen Kultfigur.

Sahen die Figuren denn unterschiedlich aus?
Meine ganz subjektive Meinung ist, dass das Ost-Sandmännchen kindgerechter ist. Das West-Pendant wirkte etwas spröder.

Aber auch das Ost-Sandmännchen hat sich optisch doch über die Jahre verändert?
Es wurde immer jünger, weicher und frischer in der Anmutung. Aber ihren Puppen-Charakter hat die Figur immer behalten – das macht das Sandmännchen ja auch aus. Es ist bis heute eine analoge Figur. Auch in den neuen Folgen arbeiten die Filmemacher immer noch mit Einzelbildaufnahmen.

In Ihrer Ausstellung zeigen Sie 135 Puppen …
… Ja, es gibt sehr viele Sandmann-Figuren, an denen man wunderbar beobachten kann, wie sich das Sandmännchen im Laufe der Jahre verändert hat. Außerdem war das Sandmännchen oft bei Kindern, mit Tieren und Märchenfiguren unterwegs oder bei den Guglis auf einem fernen Planeten.

Zum Beispiel?
Die Sendung hat immer bedeutende aktuelle Ereignisse gespiegelt. So war das Sandmännchen 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko, ein Jahr später beim Bau des Fernsehturms am Alexanderplatz mit von der Partie. Es sollte zu DDR-Zeiten auch immer den gesellschaftlichen Fortschritt zeigen.

Besuchte das Sandmännchen deswegen Budapest mit dem Tragflächenboot und den Meeresgrund mit seiner Unterwasserkugel?
Ja, die Fahrzeuge spielten immer eine große Rolle. Der kleine Kerl ist ja sogar mit einer Rakete in den Weltraum geflogen. Inzwischen umfasst Sandmännchens Fuhrpark mehr als 300 Fortbewegungsmittel. Einer der wichtigsten Fahrzeugbauer war der 2005 verstorbene Harald Serowski, von dem allein um die 200 Fahrzeuge stammen. Heute ist das Sandmännchen natürlich noch immer in tollen Fahrzeugen unterwegs, aber die fahrbaren Untersätze sind anders als zu DDR-Zeiten nicht mehr das Mittel zum Zweck, um Fortschritt zu demonstrieren.

Ist das Sandmännchen mit seinem riesigen Fuhrpark also ein Technik-Freak?
Nein, das kann man so nicht sagen. Es kann zwar alle Fahrzeuge bedienen, aber es steuert eine Straßenbahn genauso gern wie ein Raumschiff. Da ist das Sandmännchen neutral, immer gleich in der Anmutung, nie belehrend. Es zeigt lediglich die technische Vielfalt.

Das Sandmännchen zeigt, dass es ein Weltbürger ist und offen auf Menschen in der ganzen Welt zugeht.

Auch Sandmännchens Reisen sind legendär – mit der Dschunke durch Japan, auf dem Kamel durch Ägypten, mit dem Jeep durch Afrika …
Ja, es existieren ganz wunderschöne Sets. Das Sandmännchen gab und gibt damit nicht nur einen Einblick in die weite Welt – es zeigt zudem, dass es ein Weltbürger ist und offen auf Menschen in der ganzen Welt zugeht.

Mehr als eine Million Fans sehen „Unser Sandmännchen“ Abend für Abend? Wie hat es das Sandmännchen geschafft, zu einer solchen Kultfigur zu werden und auch nach 60 Jahren nichts von seiner Beliebtheit einzubüßen?
Ich bin wirklich keine Sandmann-Expertin, aber aus meiner Sicht hat sich das Sandmännchen seine Freundlichkeit bewahrt und spendet immer noch Trost. In seiner unaufdringlichen Art bringt es Beständigkeit und etwas Ruhe in unseren Alltag. Es ist eine Konstante in unserer hektischen Welt. Und: Über Generationen hinweg können sich Familien über Geschichte und die Geschichten des Sandmännchens austauschen.

„Mit dem Sandmann auf Zeitreise“

Die Ausstellung „Mit dem Sandmann auf Zeitreise“ ist im Filmmuseum Potsdam bis 30. Dezember 2020 zu sehen, geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. www.filmmuseum-potsdam.de

„Unser Sandmännchen“ wird im KiKA täglich um 18.50 Uhr ausgestrahlt sowie im RBB Fernsehen montags bis samstags 17.55 Uhr sowie sonntags 17.50 Uhr und im MDR-Fernsehen montags bis samstags 18.54 Uhr und sonntags 18.52 Uhr.

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