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Ruhestand
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Ruhestand

Lernen, die Freiheit zu genießen

Endlich Ruhestand: Der Abschied vom Berufsleben ist ein Meilenstein in unserer Biografie. Doch oft fällt es schwer, neue Strukturen und neuen Sinn für Alltag und Partnerschaft zu finden.

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ch bin immer gerne zur Arbeit gegangen”, erzählt Markus Weber. „Verantwortung tragen, mit meinen Ideen die Entwicklung der Firma voranbringen, Mitarbeiter führen, dazu regelmäßig Dienstreisen, auch mal ins Ausland. Das war mein Ding”, sagt der frühere Bereichsleiter bei einem Automobilzulieferer. 26 Jahre sei er bei der Firma gewesen, so der Betriebswirt.

Neue Freiheit mit einer Reise auf die Kanaren

Aber dennoch: Auf den Ruhestand habe er sich gefreut. „Ich habe sogar vorher ein Maßband gekauft und jeden Tag einen Zentimeter abgeschnitten”, erzählt der heute 67-Jährige. Aus gutem Grund: Die neue Freiheit wollte er mit einer Reise auf die Kanaren beginnen.

„Aber schon in der zweiten Urlaubswoche habe ich gemerkt, dass Markus nicht glücklich ist”, erinnert sich seine Frau Erika (62). „Lustlos saß er am Strand.” Er habe plötzlich Angst bekommen vor der dritten Lebensphase. Angst, den Alltag ohne Arbeit nicht strukturieren zu können. Angst, den Austausch mit den Kollegen zu vermissen und keinen Sinn mehr im Leben zu sehen. „Das kam wie ein Hammerschlag”, erinnert sich Weber.

Dabei hatte er sich einiges vorgenommen. Den Garten neu gestalten, für die Enkelin eine Puppenstube tischlern, die vielen Fotos einkleben. „Nichts davon hat er angepackt”, sagt Erika Weber. „Stattdessen stand er ständig in der Küche herum und wollte mir beim Kochen helfen.” Was ihr wiederum nicht passte, „das ist mein Reich, da habe ich meine festen Abläufe.” So richtig sauer wurde sie, als er quengelte, sie müsse sich doch nicht jede Woche mit ihren Freundinnen zum Rommé-Spielen treffen.

Wie möchten Sie alt werden?

„Kein Einzelfall”, sagt Diplom-Psychologe Dr. Wolfgang Krüger. „Es gibt zwei entscheidende Einschnitte im Leben: das Verlassen des Elternhauses und den Abschied aus der Arbeitswelt”, erklärt der Therapeut und Buchautor. Der, obwohl er kürzlich seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, noch längst nicht daran denkt, seine Praxis in Moabit aufzugeben. „Wir haben nirgends so viele Sozialkontakte wie im Berufsleben.”

Dr Wolfgang Krueger
Dr. Wolfgang Krüger Bild: Privat

Bei Frauen entstünden daraus oft Freundschaften. Männer würden beim Knüpfen privater Netzwerke vielfach scheitern. Das räche sich mit dem Eintritt in die Rente. Denn: „Das soziale Dorf gibt Halt.” Außerdem würden sich Männer oft viel zu spät Gedanken machen, wie sie ihre freie Zeit füllen wollen.

Spätestens mit 50 sollte man sich die Frage stellen, wie man alt werden möchte. „Um die finanzielle Altersversorgung kümmert man sich doch auch”, sagt Krüger. Genauso sollte man sehr frühzeitig eine „innere Einstellung zum Alter trainieren”. Mit 65 Jahren seien viele Eigenschaften schon verkümmert. Sein Tipp: „Sich erinnern an Herzenswünsche, die durch Zeitmangel auf der Strecke geblieben sind.” Er selbst habe seit seinem 50. Geburtstag „jedes Jahr etwas Neues angefangen, was ich vorher noch nie gemacht habe”, erzählt der 70-Jährige. „Neugier ist ein seelischer Muskel. Den muss man immer wieder trainieren.”

Bleiben Sie neugierig!

Mit 65 wieder durchzustarten, wenn man das seit 15 Jahren nicht mehr geübt habe, gehe schief. „Das muss man anbahnen, ausprobieren.” Er habe die Lust am Bücherschreiben für sich entdeckt, beschlossen, Schatzmeister in seiner Laubenkolonie zu werden. Und engagiere sich für Flüchtlingsfamilien. „Sei bloß nicht immer zu Hause”, habe ihn seine neun Jahre jüngere Frau gewarnt. „Wenn in der Beziehung ein guter Umgang mit Nähe und Distanz gelingt, kann die neue Lebensphase eine Bereicherung sein”, sagt Krüger.

Oft habe er, auch im privaten Umfeld, erlebt, dass Paare sich scheiden ließen, weil der Mann als Rentner nur noch in der Hängematte lag. „Dieses Verlangsamen macht für den Partner unattraktiv.” Noch größer sei das Problem, wenn der Mann im Beruf etwas dargestellt habe. So wie bei den Webers. „Sie hat ihren Mann, den in der Firma beliebten Chef, idealisiert.” Dann sei das Ideal ins Trudeln geraten, sei er „zu einem nörgelnden Kleinkind geschrumpft”. Da bleibe auch die Erotik auf der Strecke.

Mit dem Ruhestand in ein Loch fallen

Vielfach würden gerade Männer, die im Beruf sehr erfolgreich waren, mit Beginn des Ruhestandes in ein Loch fallen, Depressionen oder Alkoholprobleme bekommen. „Obwohl sie gute Vorsätze haben, zieht’s manchen den Boden unter den Füßen weg.” Wenn sie merken, dass Rasenharken kein tagesfüllendes Programm sei. Oder der Körper nicht mithalten kann, wenn man nach zwanzig Jahren wieder mit dem Joggen anfangen will.

Rentner Gartenarbeit
Bild: Shutterstock

Frauen seien da anders, sagt Krüger. „Die leben nicht nur für ihren Beruf.” Und seien eher geneigt, eigene Lebenswünsche zu artikulieren. Laut einer Studie möchte die Hälfte aller Frauen ab 45 nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern auch einen Abend pro Woche für sich – sei es für den Yoga-Kurs oder den Malkreis. Krüger kann Männern nur raten, sich daran ein Beispiel zu nehmen und sich rechtzeitig aufs Alter vorzubereiten.

Gerade in Berlin gebe es eine große Palette an Möglichkeiten, von Fahrradgruppen bis Lesezirkel. „Zuallererst sollten alle Männer Karl May lesen”, rät er. Winnetou und Old Shatterhand sind ein wunderbares Beispiel für eine Männerfreundschaft, wo einer dem anderen sagt, was er wünscht.” Genau solche Freundschaften brauche es im Alter.

Hilfe für Senioren

Berliner Seniorentelefon
Seit 25 Jahren haben Ehrenamtler des Humanistischen Verbandes ein offenes Ohr für die Sorgen von Senioren.
Tel.: 030/279 64 44
www.berliner-seniorentelefon.de

Im Aufbau: Silbernetz
Geplant sind eine Soforthilfe-Rufnummer für vereinsamte oder isoliert lebende Senioren sowie ein Freundschaftsdienst. Elke Schilling, Tel.: 030/61 39 04-84
www.silbernetz.org

Sozialwerk Berlin: Altenselbsthilfe- und Beratungszentrum
Vielfältige Interessensgruppen für ältere Menschen, auch um Vereinsamung und Isolierung entgegen zu wirken.
Humboldtstraße 12, Grunewald,
Tel.: 030/891 10 51
www.sozialwerk-berlin.de

Aktiv in den Ruhestand
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Buchtipp

„Aktiv in den Ruhestand”, Verlag Dorling Kindersley, 19,95 Euro.
Motivierender Ratgeber für den Übergang in die neue Lebensphase.

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