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Schenken

Die Magie des Schenkens

Präsente sollen überraschen und Freude bereiten. Doch manchmal ist es gar nicht so einfach, etwas Passendes zu finden. Dabei lohnt es sich, genauer über die eigenen Gaben nachzudenken – denn sie senden immer auch eine Nachricht an das Gegenüber.*

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chuhe eignen sich nicht zum Verschenken. Genauso wenig sollten Messer oder eine leere Geldbörse auf dem Gabentisch liegen. Denn der Aberglaube besagt, dass der Beschenkte in den neuen Tretern davonläuft, das Küchenmesser die Freundschaft zerschneidet und ein Portemonnaie ohne Inhalt dafür sorgt, dass dem Empfänger das Geld durch die Finger rinnt.

Liegen zum zehnten Mal Socken unter dem Weihnachtsbaum, ist es Zeit, über die Partnerschaft nachzudenken. Helmut Berking, Soziologe

„Geschenke sind Beziehungszeichen“

Doch nicht nur über die vermeintlich magische Wirkung von Geschenken sollten sich Schenkende Gedanken machen, sondern auch über die Aussage, die ihr Präsent vermittelt.

„Geschenke sind Beziehungszeichen. In dem jeweiligen Gegenstand drückt sich aus, wie man zueinander steht“, sagt etwa Helmuth Berking. Für den Soziologen, der sich in seinem Buch „Schenken: Zur Anthropologie des Gebens“ mit der gesellschaftlichen Funktion und Bedeutung des Schenkens auseinandersetzt, sind unkreative oder lieblose Gaben entsprechend ein Zeichen für eine nicht funktionierende Beziehung. „Liegen mangels Ideen zum zehnten Mal Socken unterm Weihnachtsbaum, ist es Zeit, über die Partnerschaft nachzudenken“, findet Helmuth Berking.

Ursprünglich bedeutete Schenken Überleben

Seit langem spielt das Thema „schenken“ eine Rolle in der Wirtschafts- und Sozialforschung, denn Schenkrituale kommen in allen Kulturen vor. Früher ging es vor allem ums Überleben, um einen Austausch von Arbeitsleistungen und notwendigen Gegenständen. Der Zimmermann half dabei, das Dach des Landwirts zu reparieren, und der dankte es gegebenenfalls in Naturalien. Das Geschenk erfüllte somit eine wichtige soziale Funktion, es schaffte Abhängigkeiten oder – positiver ausgedrückt – förderte den Zusammenhalt einer Gemeinschaft.

„Es ist dem Menschen eigen, zu schenken, aber er erwartet dafür auch immer etwas zurück – und sei es nur ein Dankeschön“, sagt Wolfgang Kaschuba, Leiter des Instituts für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. „Auch wenn man etwas quasi reinen Herzens schenkt, knüpfen sich daran unausgesprochene Erwartungen.“ Denn eine Gabe fordert immer eine Reaktion.

Sagt jemand gar nichts zu einem Geschenk, ist auch das eine Antwort – allerdings wohl keine positive.
Die Konvention verlangt üblicherweise, dass der Beschenkte sich auch dann für ein Geschenk bedankt, wenn es ihm nicht gefällt. „Hier muss zwischen Geste und Gabe unterschieden werden“, betont Wolfgang Kaschuba. „Mit der Gabe kann man zwar vollkommen danebenliegen, aber die Geste ist immer noch gut gemeint und sollte entsprechend positiv beantwortet werden – es sei denn, es handelt sich um ein bewusst böswilliges Geschenk.“

400 Euro pro Kopf jährlich für Präsente

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Ein Blumenstrauß voller Geschenke: Die Illustration von Olaf Hajek ziert das Titelbild unserer Print-Ausgabe Oktober bis Dezember 2014. Bild: Olaf Hajek

Wer schenkt was? Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg gibt jeder Deutsche ab 14 Jahren jährlich über 400 Euro für Geschenke aus. Kaum verwunderlich: Den größten Anteil machen mit rund 288 Euro Weihnachtseinkäufe aus. Weihnachten oder andere ritualisierte Situationen wie etwa der Valentinstag bieten eine besondere Schenksituation. Das Spiel mit der Zeit entfällt, da alle Päckchen gleichzeitig unterm Baum liegen.

„Normalerweise“, erklärt der Soziologieprofessor Berking, „liegt immer Zeit zwischen dem Austausch der Geschenke.“ Soll heißen, dass beispielsweise jemand etwas für den Gastgeber mitbringt, wenn er dort zum Essen eingeladen ist. Der Gastgeber wiederum revanchiert sich bei der nächsten Möglichkeit, etwa dem Geburtstag des Gastes. „Das lässt uns Zeit, mit einem angemessenen Geschenk zu reagieren, was vom Preis oder von der kreativen Eigenleistung her wieder ein Gleichgewicht schafft“, führt Helmuth Berking aus. „Wir Menschen sind auf Ausgleich aus.“ Frauen schenken übrigens sehr viel häufiger als Männer.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Geschenkeportals erlebnisgeschenke.de. Während 52 Prozent der Geschenke für ihn gekauft werden, sind nur 17 Prozent eindeutig für sie bestimmt. Frauen haben zudem häufiger den Anspruch, ein wirklich ausgefallenes Geschenk zu finden. Rund 60 Prozent wollen mit originellen Gaben überraschen. Bei den männlichen Kunden sind 40 Prozent auf der Suche nach einem besonders kreativen Mitbringsel. Dafür geben Männer mit 113 Euro im Schnitt etwas mehr aus als Frauen mit rund 110 Euro.

Originelle Geschenke: Zum Beispiel aus dem Erfinderladen

Wer kurz vor Weihnachten noch keine Idee hat, was unterm Baum liegen sollte, kann sich im Erfinderladen in Prenzlauer Berg von Eric Mieth beraten lassen. „Wir haben alles – vom Lippenstift mit Geheimfach bis hin zur Spardose, die sich nur öffnen lässt, wenn der Sparer zuvor ein Geschicklichkeitsspiel löst“, sagt der Shop-Manager. Der Erfinderladen möchte zum einen Kreativen mit guten Ideen die Möglichkeit geben, ihre außergewöhnlichen Produkte auf den Markt zu bringen, und zum anderen den Kunden wirklich ausgefallene Dinge anbieten.

Viele Menschen würden aus Mangel an Ideen Staubfänger verschenken, erklärt Eric Mieth. Um das zu vermeiden, führen seine Kollegen und er intensive Verkaufsgespräche und haben gleich mehrere Vorschläge parat – eine Geburtstagspflanze etwa, die der Beschenkte mithilfe von Dünger selbst aufziehen muss, oder eine Elvis-Tasse, auf der sich der King beim Einfüllen heißer Getränke verjüngt.

Für die Partyfreundin gibt es im Erfinderladen eine Tasse in Form einer Diskokugel, die genervte Mutter erfreut das Badesalz „Arbeitsstress“, den Chef beeindruckt ein Glas edler Wein in einer ausgefallenen Verpackung aus recyclebarem Papier und der verhassten Schwiegermutter zeigt man seine wahren Gefühle mit einer leeren Flasche inklusive Etikett „Weil du es mir wert bist“.

„Bei uns findet jeder etwas Passendes – auch für den kleinen Geldbeutel“, sagt Eric Mieth, „denn meistens zahlen die Leute in etwa 10 bis 15 Euro für ein Geburtstagsgeschenk oder Mitbringsel.“ Geht es um den Partner, wird mit 30 bis 50 Euro etwas mehr ausgegeben.

Gemeinsame Erlebnisse sind der Kitt in einer jeden sozialen Beziehung und werden deshalb gerne verschenkt. Jochen Schweizer, Erlebnisanbieter

Kommt meistens gut an: Zeit schenken

Bei Geschenken komme es allerdings nicht primär auf den Preis an, weiß Wolfgang Kaschuba. „Es geht vielmehr darum, was ich schenke, weil ich im Idealfall zeige, ich habe mich mit dir und deinem Geschmack beschäftigt.“

Geschenke seien mehr als der reine Gegenstand, sie senden eine Nachricht. Geschenke können Liebe und Zuneigung ausdrücken, aber ebenso Ironie oder Anerkennung. Gerade in einer Ära gefüllter Terminkalender bekämen deshalb selbst gebastelte Geschenke, für die sich jemand Zeit genommen hat, wieder eine besondere Bedeutung, sagt Institutsleiter Kaschuba.

Ebenso verhalte es sich mit der zeitlichen Zuwendung an sich als Geschenk. „Viele Menschen verschenken heutzutage gemeinsame Unternehmungen und zeigen damit zum einen, ich nehme mir Zeit für dich, und zum anderen, ich bin gerne mit dir zusammen und möchte besondere Erinnerungen mit dir teilen.“

Besondere Erinnerungen gemeinsam teilen

Ein Unternehmen, das von dieser Entwicklung profitiert, ist Erlebnisanbieter Jochen Schweizer. Von der Quad-Tour bis zum erholsamen Wellness-Wochenende bietet die Firma Erlebnisse für Männer, Frauen, Kinder, Senioren und Paare an. Besonders beliebt sind neben dem Fallschirm-Tandemsprung und dem Candle-Light-Dinner vor allem Ballonfahrten oder Kurzurlaube für zwei Personen. In Berlin kommen Kunden zudem in den Genuss von Base-Flying, House-Running und Bungee-Jumping.

Sorgfältig auswählen lohnt sich also. „Ob ein entspannendes oder actionreiches, romantisches oder außergewöhnliches Erlebnis gebucht wird, ist sehr individuell“, sagt Jochen Schweizer, Active Chairman der Jochen Schweizer Gruppe. „Wichtig für den Kunden ist es, aus dem Alltag herauszukommen und wieder neue Kraft zu tanken, alleine oder zusammen mit anderen Menschen. Gemeinsame Erlebnisse sind der Kitt einer jeden sozialen Beziehung und werden auch deshalb immer häufiger verschenkt.“

Wenn es ein bisschen weniger aufregend sein soll, ist auch der gemeinsame Kinobesuch, ein Picknick im Grünen oder ein gerahmtes Foto ein besonderes Geschenk. Auf jeden Fall lohnt es sich, ein wenig nachzudenken. Denn wenn Geschenke die regulativen Steuerungselemente in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen sind, sollten sie entsprechend achtsam gewählt werden – und schließlich bekommt man selbst auch bald wieder etwas zurück.

Tipp 1: Rechtzeitig kaufen

Um Stress zu vermeiden , lohnt es sich, Geschenke nicht erst kurz vor Weihnachten oder vor dem Geburtstag zu besorgen. Sie sehen zufällig etwas, das Ihrer Freundin, Ihrem Bruder oder Ihrem Partner gefallen würde? Kaufen und bis zum Ereignis aufbewahren.

Tipp 2: Weiterverschenken

Unliebsame Geschenke können gesammelt und weiterverschenkt werden – vorausgesetzt, Sie kennen jemanden, der Gefallen daran findet. Achtung : Am besten mit einem Zettel versehen, von wem das Präsent stammt, damit Sie es nicht aus Versehen genau dieser Person zurückgeben.

Tipp 3: Wein zum Essen

Sie sind zum Essen eingeladen? Eine Flasche Wein geht immer, während Pralinen oder Blumen nach wie vor eher Frauen geschenkt werden. Achten Sie darauf, dass der Wein nicht zu billig, aber auch nicht zu hochpreisig ist, damit Sie Ihr Gegenüber nicht in Verlegenheit bringen.

Tipp 4: Im Ausland

Wenn Sie im Ausland sind , denken Sie daran, dass es wichtige kulturelle Unterschiede beim Thema „schenken“ gibt. Bekommen Sie etwa in Frankreich eine gute Flasche Wein oder besondere Süßigkeiten überreicht, teilen Sie diese mit den anwesenden Gästen, anstatt sie für einen besonderen Moment aufzubewahren. In China und Russland ist es unhöflich, einer Einladung ohne ein Mitbringsel zu folgen. Auch packen Sie Ihr Geschenk in China oder Japan nicht sofort aus, weil es gierig wirkt und den Schenkenden eventuell bloßstellt.

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