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Titel Aufraeumen
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Lebenshilfe

Aufräumen in Berlin: Die Tipps von Profis

Der gute Vorsatz zum neuen Jahr: In den eigenen vier Wänden klar Schiff machen. Denn Ordnung schaffen und Ballast abwerfen sorgt auch für einen klaren Kopf. Doch wo anfangen? Wir haben Aufräumprofis aus Berlin nach ihren Rezepten gefragt.

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uerst war Vera Jansen-Cornette überrascht über die Frage einer Freundin: „Darf ich mich vor deinen Kleiderschrank setzen?” Und musste herzlich lachen über die Begründung: „Diese klare Struktur – das tut einfach gut.” Sie sei schon immer ein ordentlicher Mensch gewesen, sagt die 49-jährige Geisteswissenschaftlerin, die heute in Berlin beim Aufräumen hilft.

Vielleicht habe sie deswegen nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung zur Anwaltsgehilfin gemacht. „Das Ablagesystem, die Fristen – da habe ich mich wohlgefühlt.” Nie habe sie es als Last empfunden, aufzuräumen. Im Gegenteil: „Es ist für mich eine Last, wenn es um mich herum konfus wird”, sagt die schmale Frau mit dem zum Dutt frisierten Haar.

Wie viel Unordnung sie erträgt, hat sie mal in einem Selbstversuch getestet, eine Woche lang keine Post geöffnet, Altglas nicht in den Keller gebracht, die Sporttasche mit den verschwitzten Klamotten einfach in die Ecke gestellt. „Ordnungsfasten” nannte sie das selbst auferlegte Programm. „Einen Tag länger und ich hätte einen Knall bekommen”, sagt die Wahl-Hermsdorferin. Total unzufrieden sei sie gewesen. So gehe es vielen Menschen, bei denen es aussehe wie bei Hempels unterm Sofa. „Die wollen nicht in Unordnung leben. Die schaffen es nur nicht, aufzuräumen”, weiß Vera Jansen-Cornette, die sich 2016 als „Aufräumerin” selbstständig gemacht hat.

Vielfach gebe es einen Auslöser, warum jemand im Chaos versinke. Der Verlust des Partners, eine finanzielle Pleite. Oder schlicht Zeitmangel, weil der Job höchstes Engagement verlangt oder ein Angehöriger zu pflegen ist. „Da werden Papiere nicht mehr abgeheftet – bis völlig die Übersicht verloren geht”, sagt Felicitas Rodekohr (56), die seit vier Jahren als „Ordnungspartnerin” in Berliner Wohnungen ein- und ausgeht.

Aufräum-Tipp Nummer 1: Alles raus aus den Regalen und Gleiches zu Gleichem packen.

„Erst mal sortieren. Dann merkt man schnell, was zu viel ist”, sagt die frühere Bühnenbildnerin, „wenn sich 50 Eierkartons stapeln, weil man etwas basteln wollte. Oder acht Teddybären, obwohl das Kind längst erwachsen ist.” Anfangs würden viele Menschen lange an einem Gegenstand herumdenken. „Ist der Knoten geplatzt, geht das Aufräumen oft ganz schnell.” Denn 80 Krawatten brauche niemand, 200 Kugelschreiber erst recht nicht.

Aufräum-Tipp Nummer 2: Mit der Drei-Kisten-Methode Platz schaffen

Das sind dann Dinge, die bei Karin Essing und Karin Lea Wolff in den „Kann weg”-Karton kommen. Die beiden 67-jährigen Rentnerinnen aus Potsdam arbeiten nach der Drei-Kisten-Methode: Alles, was behalten werden soll, kommt in einen Karton. Was definitiv nicht mehr benötigt wird, in einen anderen. Dazwischen steht die Fragezeichen-Kiste: Verschenken? Oder doch aufbewahren? Um den Kunden die Entscheidung zu erleichtern, gibt das Aufräum-Duo Tipps, wo sich Gebrauchtes verkaufen lässt, welche Organisationen sich über Sachspenden freuen. „Ich bin die Radikalere von uns beiden”, sagt Karin Lea Wolff mit einem Lachen.

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Zu 80 Prozent ist meine Arbeit Psychologie. Es geht doch darum, dass es bei den Kunden Klick macht, dass sie meinen Blick übernehmen, damit ihnen der Berg nicht wieder über den Kopf wächst. Aufräum-Coach Rita Schilke

Schwierig sei es, wenn bei Paaren einer ein Wegschmeißer und der andere ein Aufräumer sei, sagt Aufräum-Coach Rita Schilke. „Das kann ein Trennungsgrund sein.” Meistens seien es die Frauen, die „Ordnung und Harmonie und ein sauberes Wohnzimmer haben wollen”, so die Pankowerin. Fast immer sind es auch Frauen, die sie um Hilfe bitten.

Aufräum-Tipp Nummer 3: Nicht an allen Baustellen gleichzeitig anfangen

Dinge nur neu zu ordnen, ist Rita Schilkes Sache nicht. Vieles sei einfach Müll. „Das schaffen wir dann gemeinsam in die Tonne, damit es gleich weg ist.” Kleidung nimmt sie mit für die Kleiderspende. Andere noch brauchbare Dinge bringt sie zum Sozialkaufhaus. Ganz wichtig sei, nicht an allen „Baustellen” zugleich mit dem Aufräumen anzufangen. „Sonst sieht man kein Ergebnis. Und das ist nötig als Motivation, um weiterzumachen.”

Zu 80 Prozent sei ihre Arbeit Psychologie, sagt Rita Schilke. Es gehe doch darum, „dass es bei den Kunden Klick macht, dass sie meinen Blick übernehmen, damit ihnen der Berg nicht wieder über den Kopf wächst”. Deswegen spreche sie viel mit den Leuten, frage nach, warum jemand etwas aufbewahrt habe. „Da fließen oft Tränen, wenn Erinnerungen hochkommen.”

Aufräumerin Jansen-Cornette erzählt vom Besuch bei einer Frau, deren Flur mit Surfbrettern vollgestellt war. „Ihr Mann war leidenschaftlicher Surfer und ist im Surfurlaub gestorben.” Am Ende des Aufräumeinsatzes wanderten die Bretter auf den Müll, die Frau hängte im Flur stattdessen ein Bild ihres Mannes auf.

„Die Leute, die mich anrufen, sind Getriebene”, sagt Jansen-Cornette. Aufräumen sei eine Art Bilanz, da werde Soll und Haben neu definiert. Sie sei nicht für radikales „Ausmisten”. Die Dinge seien ja mal gezielt gekauft worden, „und da war es kein Mist.” Aber sie versucht, die Leute dahin zu bringen, bedachter einzukaufen.

Aufräum-Tipp Nummer 4: Künftig bedachter einkaufen

„Ältere aus dem Ostteil Berlins holen gern Dinge im Maxi-Pack, die zu DDR-Zeiten Mangelware waren – und dann stehen zwölf Flaschen Weichspüler in der Abstellkammer.” Vielfach seien es ganz intime Dinge, in die sie beim Aufräumen Einblick bekomme – bis hin zu den Einkommensverhältnissen, wenn sie Kontoauszüge sortiere. Für ältere Leute sei sie eine Art „professionelle Schwiegertochter”, die sich sogar ums Aufsetzen einer Patientenverfügung kümmert.

Aufräum-Tipp Nummer 5: Keine Ordnungsboxen und Self-Storage-Fächer

Schlimm sähen aber auch manche Kinderzimmer aus, „wie im Schlussverkauf bei Toys“R“Us”. Ein Zuviel an Spielzeug mache Kinder nur nervös. Da helfe nur noch, sich von Dingen zu verabschieden. „Auf keinen Fall Ordnungsboxen kaufen”, rät Vera Jansen-Cornette, „die stehen – meist ungefüllt – ebenfalls wieder herum, machen die Unordnung noch schlimmer”.

Auch Self-Storage-Fächer zu mieten, sei nicht die Lösung. „Das verlagert das Problem nur an einen zweiten Ort.” Und keinesfalls sollte man sich nach dem Aufräumen belohnen: „Da wird womöglich eine neue Handtasche gekauft, obwohl wir gerade erst drei Handtaschen weggeworfen haben, weil die überflüssig waren.”

Im tiefsten Innern will jeder Ordnung. Wobei es ein Unterschied ist, wie jeder Ordnung für sich definiert.

Von festen Aufräumterminen hält Jansen-Cornette nichts. „Man ist nicht immer in der Stimmung dazu.” Das sieht Aufräum-Coach Schilke anders: „Das Aufräumen im Kalender wie einen Zahnarztbesuch eintragen”, rät die 54-Jährige. Ordnung halten sei erlernbar, mancher müsse sich nur immer wieder dazu zwingen. Das „kreative Chaos” ist für sie eine Ausrede: „Im tiefsten Innern will jeder Ordnung”, ist Schilke überzeugt. „Wobei es ein Unterschied ist, wie jeder Ordnung für sich definiert.”

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Aufräum-Tipp Nummer 6: Wenn man Dinge nicht mehr sieht – wie die Bücher, die im Regal in der zweiten Reihe stehen – , ist es nicht mehr nötig, sie zu besitzen.

Das wichtigste Kriterium für Schilke: Sachen immer finden zu können. „Wenn man Dinge nicht mehr sieht – wie die Bücher, die im Regal in der zweiten Reihe stehen – , ist es nicht mehr nötig, sie zu besitzen.” Da ist sich Schilke einig mit Profi-Aufräumerin Marie Kondo – wobei die japanische Bestseller-Autorin schon ziemlich radikal ist. In ihrer „Magic-Cleaning”-Philosophie haben all die Bücher keinen Platz mehr, die nicht noch ein zweites Mal gelesen werden sollen oder schon einige Zeit ungelesen im Regal schlummern. „Weg damit”, fordert Kondo. Der richtige Zeitpunkt, sie zu lesen, werde nicht mehr kommen.

Aufräum-Tipp Nummer 7: Behalten Sie nur Dinge, die Sie glücklich machen und gehen Sie ansonsten mit leichtem Gepäck durchs Leben.

Überhaupt solle man nur die Dinge behalten, die einen glücklich machen, auch nach Jahren noch zur Lebensfreude beitragen. Dass etwas sehr teuer in der Anschaffung war – für Kondo kein Argument. Ebenso wenig, dass es sich um ein Geschenk eines gute Freundes handelt. Mindestens zwei Drittel in einem Haushalt sei überflüssig.

Ihr Credo: Die Dinge in die Hand nehmen, schauen, ob sie noch das Herz erwärmen – und wenn nicht: ab in die Tonne damit. Und nichts an einem Ort herumliegen lassen, an den es nicht gehört. Kleingeld zum Beispiel. Das habe nur im Portemonnaie etwas zu suchen. Apropos: „Oft ist auch die Geldbörse so ein Ort für Krempel, alte Quittungen, abgelaufene Fahrscheine”, weiß Karin Essing. Ihr Tipp: „Gehen Sie mit leichtem Gepäck durchs Leben. Machen Sie auch ihre Geldbörse frei von Dingen, die da nicht reingehören.

Unsere Experten

Berliner Büro für Ordnung
Vera Jansen-Cornette
Tel.: 28 83 06 56
www.die-aufräumerin.berlin

Aufräum-Coach Rita Schilke
Tel.: 67 92 02 87
www.aufräumcoach-berlin.de

Das Aufräumduo
Karin Essing & Karin Lea Wolff
Tel.: 03 32 01/44 83 60
www.das-aufraeumduo.de

Felicitas Rodekohr
Tel.: 75 70 98 55
www.berlin-stauraum.de

Interview: Wege aus dem Chaos

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Nicht jeder, der keine Ordnung hält, hat damit ein Problem. „Es gibt Menschen, die damit prima leben können”, sagt Maximilian Geisthardt. „Das Problem fängt erst an, wenn man sich in der Wohnung nicht mehr wohlfühlt – oder sie nicht mehr für das nutzen kann, wofür sie bestimmt ist”, so der Diplom-Psychologe in Diensten der Aufräumhilfeorganisation „Freiraum Berlin Brandenburg”.

Sind unordentliche Menschen auch in ihrem Denken unstrukturiert?
Das kann man so pauschal nicht sagen, das ist individuell unterschiedlich.

Kreatives Chaos – nur eine Ausrede?
Ich erlebe oft, dass kreative Menschen so viele Pläne haben, dass sie letztlich keinen einzigen umsetzen. Da bedarf es in der Umgebung oft schöner Objekte, die inspirieren, und des Raumes, um die Inspiration in Arbeit umzusetzen. Auf jeden Fall braucht man einen Ort, an dem Kreativität sich frei entfalten kann.

Kann man Ordnung halten lernen?
Ja. Am wichtigsten ist, sich klarzumachen, woran die Unordnung liegt. Kommt zu viel rein in die Wohnung oder geht zu wenig raus, liegt das Problem also bei der Anschaffung oder bei der Entsorgung. Oder ist es ein Organisationsproblem, stimmt das Ablagesystem nicht. Manchmal ist es eine Kombination von allem.

Die meisten Aufräum-Coaches sind Frauen, deren Kundschaft ist ebenfalls großenteils weiblich. Wie kommt das?
Auf Frauen lastet noch immer ein viel höherer sozialer Druck, was Ordnung anbetrifft. Ist ein 30-jähriger Single-Mann unordentlich, heißt es oft, der habe halt eine Junggesellenwohnung und brauche eine Frau. Die Frau hingegen wird noch immer als die für Ordnung Zuständige gesehen, sie hat einen viel höheren Leidensdruck, auch eine viel größere Scham.

Wächst das Ordnungsproblem, weil unsere Gesellschaft immer komplexer wird?
Ich glaube schon. Es stehen viel mehr Dinge zur Verfügung als früher. An jeder Ecke gibt es Sachen für wenig oder kein Geld, die das Versprechen in sich tragen, dass sie für etwas nützlich seien. Das ist verführerisch.

Haben Sie spontan einen Tipp parat, wie man den eigenen Schweinehund überlisten und der Unordnung Herr werden kann?
Kleine Routinen entwickeln – zum Beispiel die Mülltüte abends vor die Haustür stellen, damit man sie am nächsten Morgen gleich in die Tonne werfen kann.

Freiraum Berlin Brandenburg unter: www.messiehelfer.de

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