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Titel Reparieren Statt Wegschmeissen
Bild: Katrin Starke
Nachhaltiger leben

Aus alt mach wieder neu: Reparieren statt wegwerfen in Berlin

Bei den Sneakers sind die Sohlen durchgelaufen, die Jeans sind an den Knien dünn geworden, dem Radio ist kein Ton mehr zu entlocken. Alles Fälle für die Mülltonne? Mitnichten. Ob Kleidung oder elektronische Geräte: Vieles lässt sich reparieren – und manches sogar noch aufwerten. In Berlin sitzen so einige Experten, die Gebrauchtem mit viel Liebe zum Produkt ein zweites Leben schenken.

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as Innenfutter an der Ferse ist aufgescheuert, die Sohle brüchig, über die Hacke verläuft ein breiter Riss. Liebevoll streicht Hagen Matuszak mit dem Zeigefinger über die ramponierten Sneaker, die ihm eine Kundin gerade in seine Turnschuhambulanz in Britz gebracht hat. „Keine Sorgen, das kriegen wir wieder hin“, sagt der 24-jährige. „Wenn du die wiederbekommst, sind die wie neu.“

Sneaker Rescue aus Britz rettet die Lieblingstreter

Das ist der Anspruch des gelernten Orthopädieschuhmachers, der sich als deutschlandweit einziger Schuster auf die Reparatur von Sneakers spezialisiert hat. Im Frühjahr 2018 ist er mit seiner Firma „Sneaker Rescue“ an den Start gegangen. Aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich, der Schweiz und sogar aus Portugal treffen seither kaputtgelatschte Turnschuhe bei ihm ein.

Sneaker Rescue Hagen Matuszak
Bild: Katrin Starke

Von der Werkstatt im Wohnzimmer in den eigenen Laden

Bis vor kurzem reparierte er noch in seinem heimischen Wohnzimmer in Pankow, seit Anfang 2020 hat er eine „richtige Werkstatt“, die er auch noch zu einem Store ausbauen will. Sein Plan: spätestens zum Ende des Jahres eigene Sneaker auf den Markt zu bringen – Unikate, die er aus verschiedenen gebrauchten Modellen neu erschafft. Regelmäßig bekomme er „Spenderpaare“. Bisher schlachte er die nur für seine Reparaturen aus. Was ihm aber für die Zukunft vorschwebt, ist „Sneaker zu fusionieren“, also aus mehreren alten Schuhen wieder einen neuen zu machen. Da gebe es allerdings markenrechtlich noch Dinge zu klären.

Sneaker Rescue Berlin
Bild: Katrin Starke

Jährlich landen in Deutschland 10.000 Tonnen Schuhe im Müll

„Auf jeden Fall müssen wir aufhören, mit Schuhen so viel Müll zu machen“, sagt Matuszak. Jedes Jahr würden allein in Deutschland 10.000 Tonnen Schuhe weggeworfen. Skandalös sei das. Er will dazu beitragen, „dass die Leute das wieder schätzen, was sie haben“. Die Klientel, die sich billige Turnschuhe für ein paar Euro im Schuh-Discount holt, werde er mit seinem Angebot sicher nicht erreichen, ist sich der 24-Jährige bewusst. Wohl aber diejenigen, die Wert auf Qualität legen und an ihrem Schuhwerk hängen. So wie er. „Ich trage selber nur Sneaker, das ist der Schuh meiner Generation.“

Nach der Reparatur sehen die Schuhe wieder aus wie neugekauft

Um die 250 Paar Sneaker peppen Matuszak und sein Team pro Monat wieder auf – „und zwar so, dass sie wieder wie das Original aussehen“. Weshalb die Kunden, die ihre kaputten Treter an Sneaker Rescue schicken oder sie persönlich vorbeibringen, auch etwas Geduld haben müssen, bis das Paket mit dem reparierten Schuhwerk wieder bei ihnen eintrifft. „Unser Ziel sind Reparaturzeiten von maximal 14 Tagen“, sagt der junge Schuhmacher. Sein aktuell dreiköpfiges Team will er demnächst noch aufstocken „und noch umweltbewusster arbeiten“. Bereits jetzt kooperiert er mit einem Hersteller veganer Sneaker und setzt beim Bezug seines Materials auf Produkte aus fairem Handel. „Unser Ziel ist 100 Prozent Nachhaltigkeit.“

Sneaker Rescue
Lauterberger Straße 14
Geöffnet Di-Fr 10-18 Uhr
Telefon 0177 273 30 69
www.sneaker-rescue.de

Kleidung flicken statt wegschmeißen

Ein Satz, den auch Kathrin und Steffen Jahnes uneingeschränkt unterschreiben können. Seit 2012 betreiben sie das „Wertstück Flickli“ in Friedrichshain, ihren Laden für Applikationen zum Aufbügeln, Aufnäher und Bügelflicken – in Hunderten von verschiedenen Motiven, Formen und Größen. Das Besondere: Jeder einzelne Flicken ist von Kathrin Jahnes selbst entworfen.

Kathrin Jahnes Flickli
Bild: Steffen Jahnes

Kleidung wieder nutzbar machen – und noch etwas schöner

Schon während ihres Studiums der Bildenden Kunst in Luzern und später an der Berliner Universität der Künste entdeckte sie ihr Faible für die Handstickerei, erst mit Nadel und Faden, später auch mit der Stickmaschine. Nach dem Studium kam ihr dann die Idee, mittels Kleinkunst Kleidung wieder nutzbar zu machen, die zum Wegschmeißen zu gut, aber langweilig geworden war. So entstanden die ersten Applikationen für Jacken oder Hosen.

Statt Kinderkleidung: Flicken auch für Erwachsene

„Im Laden gab es dann häufig die Nachfrage, ob die Stoff-Verzierungen auch als Flicken geeignet seien“, erzählt Steffen Jahnes. Was das Paar schließlich auf den Gedanken brachte, spezielle Flicken aus robustem Stoff zum Aufbügeln zu entwickeln. Waren das anfangs eher Motive wie die kleinen Äffchen, die Roboter oder Feuerwehrleute, die Eltern für die zerrissenen Jeans ihrer Kinder kauften, erwerben heute Erwachsene die „Flicklis“ auch zunehmend für ihre eigenen Klamotten.
„Die entscheiden sich meist für schlichtete, nicht so verspielte, sondern eher grafische Motive“, sagt Kathrin Jahnes. Mal lässt sich die Künstlerin von Berliner Streetart zu einem neuen Muster inspirieren, mal fallen ihr bei einem Spaziergang neue Motive ein. Schnell skizziert sie dann einen ersten Entwurf in ihr Heft, bevor sie das Design in ihre Stickmaschine programmiert.

Umweltbewusstsein in der Bevölkerung steigt

„Bei den Flicken arbeiten wir ausschließlich mit Baumwolle“, erklärt Steffen Jahnes. Vor anderthalb Jahren stieß das Paar auf einen Bio-Jeansstoff und war spontan begeistert. „Guter, natürlich und fair produzierter Stoff – das ist uns wichtig.“ Nur wenn man wisse, woher der Flicken kommt, sei die Nachhaltigkeitskette vollständig. Zu der übrigens auch gehört, dass der Strom für Kathrin Jahnes‘ Werkstatt in der Prignitz auf dem eigenen Solar-Dach produziert wird. Das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung steige – ebenso wie die Bereitschaft, Kleidung lieber zu flicken als wegzuschmeißen. Der aktuelle Lieblingsflicken der Künstlerin: drei kleine Motten, gestickt auf schwarzem Filz. „Die eignen sich perfekt für Pullis oder Jäckchen, um ganz kleine Löcher zu flicken.“

Wertstück Flickli
Gärtnerstraße 22
Geöffnet Mi-Fr 11-18 Uhr und Sa 11-16 Uhr
Telefon 12 02 22 23
www.flickli.de

„Leute wollen auch heute noch ihre Videos gucken“

Die gesamte Palette der Unterhaltungselektronik repariert Uwe Wiemer – vom Plattenspieler über Verstärker und Lautsprecher bis hin zu Videorekordern. „Da habe ich in den letzten zwei Wochen gleich vier Stück zur Reparatur reinbekommen“, sagt der 60-jährige Rundfunk- und Fernsehtechniker.
„Die Leute wollen eben ihre Videos noch gucken können.“ Auch das Tonbandgerät aus den 1960er-Jahren ist bei Wiemer in guten Händen. Gerade die alten Schätzchen repariert er nur zu gern in seiner typenoffenen Fachwerkstatt. Denn: „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Reparatur erfolgreich ist, ist umgekehrt proportional zum Alter eines Gerätes“, sagt der Mann mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung.

Elektro-reparatur
Bild: Shutterstock

Ältere Modelle lassen sich leichter reparieren

Nicht nur, dass es für neuere Technik schon nach wenigen Jahren keine Ersatzteile mehr gebe und er improvisieren müsse: „Reparaturen werden von Jahr zu Jahr schwieriger“, weil Gehäuse nicht mehr verschraubt, sondern mit Industriekleber verschmolzen seien und gar keine richtigen Stecker mehr hätten, weil man an Platinen gar nicht mehr herankomme. Die alten Geräte seien da einfach solider gewesen in der Verarbeitung. Seit der gebürtige West-Berliner sein Geschäft 1999 von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg verlegte, repariert er nicht selten auch Geräte aus DDR-Produktion. „Die sind langzeitstabil“, sagt der Fachmann, der auf seine Reparaturen ein halbes Jahr Garantie gibt.

Fernseher, Tonband, Plattenspieler oder Toaster – alles kann repariert werden

Sein ganzer Laden steht voll von alten Hifi-Geräten. Manche der Gebrauchtgeräte nutzt er als Ersatzteillager, andere stammen aus seinem privaten Bestand und sind lediglich Ausstellungsstücke. Wieder andere wird er noch gründlich „revidieren“ und dann wieder verkaufen. „Revidieren ist mehr als reparieren“, erklärt Wiemer, „da wechsele ich auch Teile aus, die noch funktionieren, aber schon schwach sind.“ Das gebe eine „höhere Reparatursicherheit auf die Zukunft“. Und den Werbeslogan über seinem Geschäft „Wiemer repariert fast alles“ hat er durchaus ernst gemeint: Auch vor kaputten Föns, Toastern oder Lampen ist der Elektronik-Schrauber nicht bange.

Fachwerkstatt Uwe Wiemer
Oderberger Straße 5
Geöffnet Mo-Fr 12-19 Uhr
Telefon 44 02 44 22
www.wiemer-online.de

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