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Schöner schreiben

Renaissance der Handschrift

In digitalen Zeiten kommen auch persönliche Worte auf den Bildschirm oder aus dem Drucker. Liebesbotschaften in blauer Tinte, in Kalligraphie geschwungene Weihnachtskarten oder sogar handschriftliche Geschäftsbriefe sorgen dann für Aufmerksamkeit.

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horsten Petzold beugt sich übers Papier, nimmt jede Zeile ins Visier: Alle Buchstaben deutlich ausgeschrieben, die Worte schnurgerade aneinandergereiht, nirgends ein Tintenklecks. Der 48-Jährige nickt zufrieden. Die Mitarbeiterin hat gute Arbeit abgeliefert: einen ganzen Korb voll handgeschriebener Briefe. Seine eigene Handschrift falle eher in die Kategorie „Arzt”, ausdrucksstark, aber unleserlich. „Ich habe eine Sauklaue”, gibt er unumwunden zu.

Hand Schreiben Illustration
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eswegen hatte er nach einem Schönschreiber gesucht, als er seiner Herzensdame einen Brief schreiben wollte – vergebens. Eine Marktlücke, erkannte der damals im Vertriebsbereich tätige Historiker und gründete eine Manufaktur für Handgeschriebenes, die erste in ganz Deutschland. Drei Jahre ist das her, das Geschäft in der Kreuzberger „Schreibstatt” brummt. Mittlerweile arbeiten an die 100 Schönschreiber für Petzold, in der Mehrheit Frauen.

Jeder Brief ein Original

Was eine schöne Schrift ausmache? Petzold tippt sich an die Nase. „Geschmackssache.” Deswegen können Kunden bei ihm zwischen Dutzenden Schriftmustern wählen – von schlicht bis verschnörkelt. Für Einladungen zum Geburtstag, für Tischkärtchen und Menükarten zur Hochzeit sei eher Geschwungenes gefragt, das wirke festlicher. Das Gros seiner Auftraggeber sind jedoch Firmen. „Die suchen schöne Alltagsschriften, gut lesbar, nicht aufgesetzt.” Häufig für Paketbeileger – so nach dem Motto: „Liebe Nadine, schön, dass du bei uns bestellt hast.” Immer mehr Unternehmen setzen auf handschriftliche Korrespondenz – vom Automobilhersteller bis zum Handwerksbetrieb, vom Optiker bis zum Modelabel. „Um sich abzuheben von der Masse.” Selbst wenn eine Mail oder Drucksache mit einer persönlichen Anrede beginne: Es bleibe doch Post von einer Maschine.

„Handschriftliches drückt dagegen höhere Wertschätzung aus.” Da habe ein Mensch für einen Menschen geschrieben – auch wenn es bis zu 100.000 Mal derselbe Text ist. „Jeder Brief, der unsere Manufaktur verlässt, ist ein Original. Firmen wissen, dass sie damit punkten können”, zitiert Petzold aus einer Untersuchung aus den USA: „Von Hand adressierte Kuverts haben eine Öffnungsquote von 99,2 Prozent.” Damit sei bei Werbepost schon die größte Hürde genommen.

Handschrift zeigt Charakter

Auch die Kunden von Olivier Netter sind vielfach Unternehmen: Netter ist Graphologe, analysiert Hunderte von Schriftproben im Jahr. Auch im Zeitalter der Onlinebewerbung. Weil Personalchefs wissen wollen, ob ein Bewerber wirklich so dynamisch ist, wie er es vorgibt zu sein. Ob er kreativ ist oder eher eigenbrötlerisch. „Die Handschrift verrät ziemlich viel über einen Menschen“, erklärt der 61-Jährige. Allein schon das Blatt Papier sei wie eine Bühne. Steht das erste Wort ganz oben links in die Ecke gequetscht, nehme sich der Schreiber nicht sehr wichtig. Schreibe jemand in sehr kleinen Buchstaben, deute das darauf hin, dass er akribisch sei, ins Detail gehe. Eine nach links kippende Schrift könne Abwehr ausdrücken, die Unterschrift ohne den Vornamen Indiz dafür sein, dass jemand mit seiner Jugend abgeschlossen habe. Nur eine Unterschrift unter einem maschinell geschriebenen Lebenslauf zu sehen, reicht Netter aber nicht aus. „Da konzentriert man sich ja darauf, wie man sich darstellen möchte.“ Wichtig sei der Gesamteindruck.

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Seite 23 aus unserem aktuellen Print-Magazin: Ein Teil dieses Artikels, handgeschrieben von MAL (Kürzel für einen der über 80 Schönschreiber) von „Schreibstatt Berlin’ . Bild: Berliner Akzente

Jedes Wort wird zum Gemälde

Die Schrift sei ein Seismograf dessen, was in einer Person vor sich gehe. Sie habe aber auch viel Ähnlichkeit mit einem Kleidungsstück: „Es gibt Schriften im Gehrock und solche im Pyjama“. Je nachdem, ob man eine Grußkarte schreibe oder nur eine Tagesnotiz – wie den Einkaufszettel. Infos wie „Essen steht im Kühlschrank“ würden ja vielfach „nur so dahingeschlurrt“, bedauert die Berliner Kalligrafin Karin Bauer. Sie kann auf Anhieb bis zu acht klassische Schönschriften aufs Papier bringen – von der „Humanistischen Kursive“, der Ausgangsschrift der lateinischen Schreibschriften, über die „Karolingische Minuske“ und die „Irische Halbunziale“ bis zu diversen Frakturschriften. In der Kalligrafie ist jeder Buchstabe in seinen einzelnen Bestandteilen gezeichnet, wird jedes Wort zum Gemälde.

Die Workshops, in denen Karin Bauer Laien die Schönheit und Ästhetik von Schrift vermittelt, sind gefragt. „Die Leute besinnen sich zurück auf die Handschrift.“ Erst mit Bleistift, dann mit Filzschreibern lässt sie die Teilnehmer verschiedene Schriften ausprobieren, Ober- oder Unterlängen überbetonen und feststellen, „dass sich mit dem Schreibgerät auch der Duktus des Geschriebenen ändert“. Erst dann geht’s an die ersten Übungen mit dem Federhalter. Das Schreiben mit der Stahlfeder sei nicht nur eine ganz eigene Technik, „das kann auf maus-trainierte Hände auch wie Meditation wirken“.

PS: Die Manufaktur für Handgeschriebenes (für Firmen): www.schreibstatt.de

Webshop für Handgeschriebenes (für Privatleute):
www.schoene-briefe.de

Praxis für Schriftpsychologie und Graphologie, Oliver Netter:
www.netter-schriftpsychologie.de

Designerin und Kalligrafin Karin Bauer:
www.bauer-kalligrafie.de
Am 12. und 13. November bietet sie beispielsweise einen Kalligrafie-Wochenendkurs an der Volkshochschule Treptow-Köpenick an.

Tipps fürs Schönschreiben

Die richtige Haltung

Beine und Oberkörper sollten einen rechten Winkel bilden und der Stuhl nah am Tisch stehen. Andern­falls kann es zu Ver­span­nungen kom­men, was die Kon­zen­trations­fähig­keit beein­träch­tigt.

Das richtige Papier

Das Team der Schreibstatt empfiehlt für einen Brief 100- oder 120-Gramm-Papier. Das sei etwas steifer als das übliche Kopier­papier (80 Gramm) und habe eine bessere Haptik. Außer­dem verhilft ein unter­gelegtes Linien­blatt zu geraden Zeilen und gleich­mä­ßigen Zeilen­ab­ständen.

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