Titel Torsten-harmsen
Bild: Anja Karrasch
Stadtleben

Der Berlin(er)-Beobachter

Was ist eigentlich typisch Berlin? Dieses Rätsel lüftet der Ur-Berliner, Journalist und Buchautor Torsten Harmsen in seinem neuen Buch „Neulich in Berlin“. Über Meckerberliner, große Brüche und seine herzlich-ironischen Texte für eine große Berliner Tageszeitung.

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in sonniger Frühlingsmorgen vor dem Rathaus Köpenick: Berliner Idyll mit Leierkastenmann und der Statue des rebellischen Hauptmanns. Torsten Harmsen begrüßt uns entspannt, um im nächsten Moment mit dem Leierkastenmann in einen Dialog über die Köpenicker Stadtgeschichte verwickelt zu sein.

Torsten Harmsen ist ein Ur-Berliner ohne Folklore in Jeans und Sneaker. Seit seiner Geburt 1961 lebt er in Köpenick. Nur während des Journalistikstudiums in Leipzig kehrte er der Stadt und den Berlinern den Rücken, über die er mit herzlich-ironischem Blick in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung schreibt. Im Frühjahr ist sein neues Buch „Neulich in Berlin – Kurioses aus dem Hauptstadt-Kaff“ erschienen. Eine geballte Geschichtensammlung voller Berliner Witz und Sprache.

Gegenüber dem Rathaus Köpenick im Café Luise mit Blick auf die langsam vorbeifließende Dahme gibt Torsten Harmsen gut gelaunt Einblick in die Berliner Seele.

Herr Harmsen, inwiefern sind die Berliner ein Völkchen für sich?
Der Berliner muss immer das Verhalten der anderen kommentieren. Eben wirkt er noch ganz harmlos, und dann sieht er was und kommentiert es auf diese schnoddrige und frotzelnde Art. Das kommt von einer Minute zur anderen.

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Vor dem Rathaus Köpenick: Torsten Harmsen (rechts) freut sich über die Leierkastenmusik. Bild: Anja Karrasch

Was ist noch eine Eigenart des Berlinischen?
Die Fähigkeit mit Schicksalsschlägen und Brüchen umzugehen. Meine beiden alten Großtanten waren so herzlich, haben die schlimmsten Zeiten erlebt und hatten trotzdem eine frische humorvolle Art. Nicht rotzig, sondern pragmatisch herzlich. So wie der Leierkastenmann am Rathaus vorhin. 



Wird Berlin zukünftig seine Eigenart behalten oder wird das Berlinische irgendwann aussterben?
Das Berlinische wird sich verändern, wie es das immer schon getan hat. Niemand spricht heute hier noch so wie vor hundert Jahren. Es wird immer wieder neue Einflüsse aufnehmen und verarbeiten. Aber ich denke, dass es noch lange eine wiedererkennbare, originelle Stadtsprache und vor allem auch eine besondere Mentalität in Berlin geben wird.

„Der Berliner muss immer das Verhalten der anderen kommentieren. Eben wirkt er noch ganz harmlos, und dann sieht er was und kommentiert es auf diese schnoddrige und frotzelnde Art.“ Kolumnist Torsten Harmsen

Den Berliner hört man Torsten Harmsen nicht an. Kein „ick“ oder weiches g schleicht sich in die Sätze, was daran liegt, dass seine Eltern Lehrer waren und in der Schule Hochdeutsch gesprochen wurde. Die Geschichten in den Geschichten, die Anekdoten am Rande interessieren ihn. Wie die Dialekte des Berlinischen, das früher in fast jedem Kiez ein bisschen anders gesprochen wurde.

Bei seinen Lesungen feiern die Zuhörer ihn dafür, wenn er gestikulierend berlinert. Die Geschichte, in der er zum „Meckerberliner“ mutiert, ist eine seiner liebsten. Witzig und selbstironisch beschreibt Torsten Harmsen sich in solchen Momenten als ungeduldig, ständig vor sich hin brabbelnd und auf freche Art schlagfertig.

Berlin – Stadt der Vielfalt und der Weltoffenheit: das ist das viel bemühte Klischee. Was ist aus Ihrer Sicht noch darüber hinaus typisch Berlin?
Berlin hat durch die Kriege wahnsinnige Brüche. Im Vergleich zu manch anderen Städten, die das Glück hatten, im Innenstadtbereich nicht so zerbombt zu werden. Gerade weil die Mitte Berlin so kaputt war, ist sie zu einem Niemandsland geworden. Ich kenne sie noch als kahle Riesenfläche, als es den Fernsehturm und den Palast noch nicht gab und man frei bis zum Dom blicken konnte.

Große Veränderungen bei der Berliner Zeitung

Die großen Veränderungen Berlins in den letzten 30 Jahren hat Torsten Harmsen als Redakteur der Berliner Zeitung erfahren. Er fing als Lokalredakteur an, betreute dann die Bereiche Geistiges Leben und Bildung und Hochschule. Seit 2011 ist die Wissenschaft sein tägliches Thema. Zu Beginn seiner Karriere erlebte Torsten Harmsen mit dem Fall der Mauer und der zeitgleichen Geburt seiner ersten Tochter zwei einschneidende Erlebnisse.

War das für Sie doppelt euphorisch?
In dieser Umbruchszeit war sowieso alles aufregend. Als Journalist habe ich geglaubt, dass ich in dem System was zum Guten verändern kann und gedacht, dass es mit der DDR weiter geht.

Macht Sie das wehmütig?
Nicht mehr. Ich bin ja eher Realist. Ich befasse mich viel mit Geschichte, die uns zeigt, dass Brüche ganz normal sind und dass man keiner Zeit hinterherweinen darf. Im Rückblick verklärt man manches, aber jede Zeit hat ihre Probleme.

Wie erleben Sie als Ur-Berliner die Veränderungen dieser Stadt?
Wenn ich zu DDR-Zeiten vom Spätdienst kam, stand ich am Alex um 23 Uhr auf einem leeren Bahnsteig und auch die Bahnen waren leer. In den 1990er-Jahren war die Stadt eher ein Geheimtipp für Studenten, bei denen sich herumgesprochen hatte, wie toll Berlin ist. Auf einmal war Berlin eine der freiesten Städte der Welt, was sie ja bis heute ist. Der Bruch kam mit dem Jahr 2006, als wir hier den sonnigen Sommer und die Fußballweltmeisterschaft hatten. Seitdem kommen Touristen und neue Bewohner in großen Scharen und aus allen Ländern.

Wandel der Zeitungslandschaft

Auch die Berliner Zeitung hat sich sehr verändert. Jahrzehnte saß die Redaktion im Verlagsgebäude direkt am Alexanderplatz. Nach einer Wachstumsphase in den 1990er-Jahren mit Ambitionen der Chefredaktion, die Zeitung zur neuen Washington Post zu machen, schrumpfte die Auflage seit der Jahrtausendwende kontinuierlich. Vor einem Jahr reagierte der DuMont Verlag, indem er die Redaktionen von Berliner Kurier und Berliner Zeitung zusammengelegte. Es folgte der Umzug in einen modernen Neubau am Spittelmarkt.

Man sollte ein bisschen aufpassen auf diese so genannten Hotspots, wo sich Tourismus ballt. Berlin hat so wahnsinnig viel zu bieten, und viele wissen gar nicht, wie toll grün und wasserreich es hier ist. Torsten Harmsen

Was bedeutet der Wandel der Zeitungslandschaft für Sie als schreibender Redakteur?
Wir haben viele Kollegen verloren und sind jetzt auf einem schwierigen Weg. Andererseits haben wir immer noch den Anspruch, gute und auch schöne Texte zu schreiben. Das geht nicht nur in der Redaktion, sondern findet dann auch zu Hause am Schreibtisch statt. Bei dem Trubel in der Redaktion kann ich zum Beispiel selten Glossen schreiben. Das sind kreative Prozesse, die man nicht einfach ein- und ausschalten kann.

Buch Neulich In Berlin
Neues Lesefutter aus der Hauptstadt. Bild: be.bra verlag

Wie blicken Sie in die Zukunft – für Berlin und sich persönlich?
Man sollte ein bisschen aufpassen auf diese so genannten Hotspots, wo sich Tourismus ballt. Berlin hat so wahnsinnig viel zu bieten, und viele wissen gar nicht, wie toll grün und wasserreich es hier ist. Dafür muss man in anderen Städten sonst wohin fahren. Das sollten mehr Touristen wissen. Ich werde hoffentlich immer noch kreativ sein und weiter schreiben und hoffe, dass die Berliner Zeitung noch eine ganze Weile besteht.

Buch-Empfehlung:

Torsten Harmsen:
Neulich in Berlin – Kurioses aus dem Hauptstadt-Kaff
Bebraverlag 2018
14 Euro

Formate: video/youtube

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