Titel Poetry-slam
Bild: Wolf Hegekamp (links), Felix Wermut (rechts)

Berliner Kultur

Literarischer Boxkampf

Berlin zählt zu den Hochburgen des Poetry Slams in Europa. Fast täglich „batteln“ sich hier die Poeten – längst nicht mehr nur in Kneipen, sondern in immer größeren Clubs und sogar Theatersälen.

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eine Videos klicken 60.000 Menschen auf YouTube an – aber noch eindrucksvoller ist der Poetry Slammer Bas Böttcher live. Wenn der 1,90m-Hüne auf der Bühne steht, blickt er direkt ins Publikum, schmettert die Sätze wie ein Rapper. Er spricht von „tosenden Aprikosen“, von „rauschenden Kirschen“, nennt sich „Minnesänger unter dem Betong-Balkong“. Die Arme gestikulieren wild, die Stimme ist kraftvoll – Bas Böttcher in seinem Element: die Schlacht mit Worten. Poetry Slam.

Botschafter der deutschen Sprache

Der 42-jährige Berliner gehört zur wachsenden Zahl der Poetry Slammer, die in Berlin längst nicht mehr nur kleine Clubs, sondern ganze Hallen füllen. So auch am 13. November bei der Poetry Slam Meisterschaft Berlin Brandenburg im Konzertsaal der UdK Berlin. Viele gefeierte Slam-Poeten wie Wolf Hogekamp oder Marc-Uwe Kling können inzwischen durch Buchveröffentlichungen, Soloprogramme, Auftragsarbeiten und Workshops von ihrer Kunst leben.

Bas Böttcher
Füllt als Poetry Slammer ganze Halle: Bas Böttcher. Bild: gezett.de

In Berlin füllen sie mit Special-Events inzwischen problemlos Theater wie die Volksbühne, Berliner Ensemble oder Schaubühne. Und sie haben sich professionalisiert, arbeiten mit den Techniken des Schauspiels, der Comedy und auch der medialen Aufbereitung. Böttcher versteht sich als Botschafter der deutschen Sprache, er ist Autor und Slam-Poet der ersten Stunde in Berlin – und damit selbst maßgeblich an der wachsenden Popularität des Genres beteiligt.

Anfangs Texte von Chips-Tüten und aus Otto-Katalogen

„Die ersten Texte haben sich die Leute in den 1990ern auf dem Weg in der S-Bahn ausgedacht“, erzählt auch Wolf Hogekamp, der in Berlin den ersten Poetry Slam veranstaltete. Dass die Slammer von Chips-Tüten oder aus Otto-Katalogen lesen, wie er aus den Anfangszeiten berichtet – heute undenkbar. Geblieben ist jedoch der Charme der Unmittelbarkeit, das Erfolgsrezept des Slams, der sich durch die Interaktion zwischen Publikum und Poeten entfaltet.

Im Gespräch mit Berliner Akzente erzählt Bas Böttcher vom „Julia Engelmann Effekt“ – eine junge Poetry Slammerin, die mit ihrem Video „Eines Tages Baby“ auf YouTube an die zehn Millionen Klicks erreichte.

Nora Gomringer
Preisgekrönt: Nora Gomringer ist eine der wenigen erfolgreichen Frauen in der Szene. Bild: Judith Kinitz

„Danach brauchte man keinem Jugendlichen mehr erklären, was Poetry Slam ist. Und mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises an die Lyrikerin und Spoken-Word-Poetin Nora Gomringer wurde auch die Literaturszene erfasst“, sagt Böttcher. Er habe keine Angst davor, dass nun „das Ding durch die Decke geht“, seinen ursprünglich familiären Rahmen verlässt und die leisen Töne dabei untergehen könnten. „Wir betreiben das, was wir tun, mit Leidenschaft und verfolgen weiterhin die Vision, der Lyrik einen Klang und einen Rhythmus zu geben.“

Schlacht der Götter

Ortswechsel. Im „Weißen Hasen“ auf dem RAW-Gelände wird an diesem Abend nicht getanzt, sondern der Wortakrobatik gelauscht und gevotet. Poetry Slam als literarischer Boxkampf. Von den Wänden des Industriegebäudes schallt die Ansage: „Die Schlacht beginnt“. Es ist die Rede von „fleischgewordenen Legenden“, hervorgegangen aus einem „erbarmungslosen poetischen Wettstreit“, um zu einem „letzten epischen Kampf“ anzutreten.

Einmal monatlich moderiert Max Gebhard mit Annette Flemig den Tempel Slam im „Weißen Hasen“, einer der größten Poeten-Wettstreits in Berlin. Der Wettbewerbscharakter sei ein Grundpfeiler der Slams und schaffe eine große Nähe zum Zuhörer, erklärt der 22-Jährige. Die Line-ups tragen Namen wie „Schlacht der Götter“. Für die Aussicht, ein Best of des Slams zu erleben, warten knapp 300 Menschen geduldig im Regen. Nicht wenige sind extra für den Schlagabtausch angereist.

Wir betreiben das, was wir tun, mit Leidenschaft und verfolgen weiterhin die Vision, der Lyrik einen Klang und einen Rhythmus zu geben. Bas Böttcher

Wer reinkommt, erlebt Pierre Jarawan als Anheizer mit einem Slam zum Kauf eines Verlobungsrings. Später wird der erfolgreiche Slammer und Autor noch den Begriff „Benkinersophobie“ in die Runde werfen. Das ist die Angst mit elf Jahren keinen Aufnahmebrief aus Harry Potters Schule Hogwarts zu erhalten.

Das Publikum johlt, klatscht und verstummt

Insgesamt tragen acht Poeten aus ganz Deutschland ihre Texte vor. Jule Weber liefert einen lyrischen Beitrag zur Selbstbezogenheit, Yusuf Rieger jagt stakkatoartig durch seinen Text, Noah Klaus erzählt mit gönnerhafter Attitüde aus seinem Alltag als junger Bonze, während Slammer Aida pfeift wie ein Dampfkessel, rappt und auf und ab hüpft. Beim Poetry Slam sind ganz unterschiedliche Spielarten möglich. Das Publikum geht mit: lacht, johlt, klatscht und verstummt andächtig.

Und darauf kommt es an, betont Bas Böttcher: „Das ist keine stille Lyrik unter der Leselampe, sondern immer an das Publikum gebunden mit dem Wunsch etwas Gemeinschaftliches zu erleben.“ Das Publikum wertet unmittelbar nach der ersten Runde. Kein Poet muss monatelang auf eine Rezension warten, die Antwort kommt direkt.

Engagement für den Nachwuchs

Die Zukunft des Poetry Slams steht bereits in den Startlöchern. Bas Böttcher liegt die intensive Nachwuchsarbeit am Herzen. Auf der Leipziger Buchmesse konnte er wieder mit jungen Talenten punkten. Und auch die Schlacht im „Weißen Hasen“ gewinnt mit Noah Klaus einer der jüngsten Dichter. Der 23-jährige Berliner wird in diesem Jahr deutschlandweit noch häufig zu sehen sein. Schon 2014 gewann er im Berliner Ensemble den Berlin Brandenburg Slam.

Nach diesem Auftritt wird er zur nächsten Veranstaltung in eine andere Stadt reisen. Gefeierte Slam-Poeten sind immer in Bewegung. Bas Böttcher bezeichnet sie als „reisende Dichter“. Er selbst ist mit seinem Projekt „TEXTBOX“ schon um die halbe Welt gezogen. Ein Gegenentwurf zu den Groß-Events. Hier ist die Bühne dann ausnahmsweise auf eine Sprecherkabine aus Plexiglas beschränkt. Das Publikum lauscht dem Poeten über Kopfhörer. Auch so – ganz klein und intim – ist Poetry Slam möglich.

Poetry Slam live erleben

Bas Böttcher
www.basboettcher.de
www.poetry-slam-workshop.de

Eine Auswahl regelmäßiger Veranstaltungen:

Tempel Slam
Jeden 3. Samstag des Monats
„Weißer Hase“ auf dem RAW-Gelände
Moderation Annette Flemig und Max Gebhard
Revaler Straße 99, Berlin-Friedrichshain
Eintritt 7 Euro
www.facebook.com/Tempelslam

Bastard-Slam
Jeden 3. Freitag im Monat
„Ritter Butzke“
Moderation Wolf Hogekamp und Julian Heun
Ritterstraße 26, 10969 Berlin
Eintritt 6 Euro

Lesedüne
Jeden 2. und 4. Montag im Monat
Moderation Marc-Uwe Kling, Maik Martschinkowsky und Sebastian Lehmann
„SO 36“
Oranienstraße 190, Berlin-Kreuzberg
Eintritt 4 Euro
www.leseduene.de

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