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Titel Philosophie
Bild: Gerhard Kassner
Lebenshilfe

„Glück ist innere Balance“

Albert Kitzler berät in seiner Berliner Praxis Menschen mittels Philosophie. Wie das Wissen der Antike hilft, zu sich selbst zu finden, wie Zorn verfliegt und wie wir glücklicher werden – ein Interview über „Philosophie to go“.

Herr Kitzler, Ihr Buch heißt „Philosophie to go“ – ist „Philosophie“ und „to go“ nicht ein Widerspruch?
Albert Kitzler: (lacht) Keineswegs. Schon in der Antike gingen die Philosophen beim Entwickeln ihrer Gedanken umher und waren geistig wie körperlich in Bewegung. Aristoteles zum Beispiel lehrte in einer „Wandelhalle”. Aber Sie haben insofern recht, als Philosophie vor allem heißt, aus dem Getriebe des Alltags herauszutreten, den Schritt anzuhalten. Oder wie Seneca es nannte, zur Ruhe zu kommen und über das Leben nachzudenken.

Philosophie Buch
Bild: Pattloch

Aristoteles saß nicht morgens in der überfüllten Berliner S- oder U-Bahn. Wie kann man da Ihr Buch nutzen, über sich nachzudenken?
Bei praktischer Philosophie ist es wichtig, dran zu bleiben. Es geht nicht darum, sich fünf Stunden am Stück mit einem philosophischen Werk zu beschäftigen. Wer lernen will, gut zu leben, sollte stattdessen regelmäßig darüber nachdenken, was die eigenen Werte sind, wofür man steht, was man gut findet. Lieber mehrmals in der Woche für ein paar Minuten als einmal im Jahr, etwa im Urlaub.

Über das Buch

Albert Kitzler: Philosophie to go – Große Gedanken für kleine Pausen, Pattloch 2015, 16,99 Euro
Vom selben Autor: Wie lebe ich ein gutes Leben? Philosophie für Praktiker, Pattloch 2014, Hardcover 19,99 Euro; Taschenbuch 9,99 Euro

Wer lernen will, gut zu leben, sollte regelmäßig darüber nachdenken, was die eigenen Werte sind, wofür man steht. Albert Kitzler

Diogenes war der berühmte Philosoph, der zeitweise in der Tonne lebte. Was kann mir ein Diogenes sagen, wie ich heute in der modernen Welt mit ihren spezifischen Anforderungen zurechtkomme?
Diogenes hatte zwar kein Smartphone, aber wenn Sie seine Aussagen sinngemäß auf unser heutiges Leben übertragen, können sie sehr hilfreich sein. Ein Beispiel: Auf die Frage, warum er das Theater stets durch den Ausgang betrete, antwortete er: „Das habe ich mein Leben lang so gemacht.“ An diesen Satz denke ich immer, wenn ich von einer allgemeinen Verhaltensnorm abweichen möchte, weil ich meine, dass sie mir nicht gut tut, etwa Fernsehen, Besitz anhäufen, Branchenmeetings besuchen. Diogenes ist stets gegen den Strom geschwommen, er hat den Menschen vorgelebt, dass man keinen oder wenig Besitz braucht, um glücklich zu sein. Gerade in unserer heutigen Zeit des Massenkonsums ist das hochaktuell.

Es gibt den Satz „Alles, was wir besitzen, besitzt auch uns.“ Bei dem hätte Diogenes sicherlich kräftig genickt.
Gewiss, zumal der Ausspruch von seinem Geistesverwandten Antisthenes, einem Schüler von Sokrates, stammt: „Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde.“ Der Gedanke, der dahinter steht, ist, dass wir unser Glück nicht im Äußeren suchen sollten, also nicht in Ruhm, Geld und Macht. Wenn wir dagegen unser vielfältiges Seelenleben in den Griff bekommen, kommt das Glück von selbst. Es kommt also nicht auf den teuren Wagen, einen super Job oder das eigene Haus an, sondern etwa auf innere Ausgeglichenheit, auf seelisch-geistige Werte und meine Haltung, die ich im Leben habe. Das sind Güter, die verlässlich sind, nicht dem Zufall unterliegen und mir letztlich mehr Freude bringen als bloße Äußerlichkeiten.

Epikur sah den Sinn der Philosophie darin, jeden Tag ein bisschen weiser und zufriedener zu werden. Wir dürfen Ihnen noch nachträglich zum 60. Geburtstag gratulieren. Hand aufs Herz, Herr Kitzler, wie zufrieden sind Sie als Philosophie-Fachmann?
Ich beschäftige mich seit 15 Jahren wieder intensiv mit der Philosophie. Das hat mich noch einmal sehr geprägt und weiterentwickelt. Alles, was ich weitergebe, habe ich an mir selbst ausprobiert und erfahren. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden: Ich lache mehr als früher, ich habe wesentlich weniger Ängste, ich ärgere mich nicht mehr über andere Menschen, ich bin gelassener, mitfühlender und aufmerksamer geworden und kann mich mehr und intensiver freuen an dem, was das tägliche Leben mir schenkt.

Wie haben Sie das denn hingekriegt, sich nicht mehr über andere Menschen zu ärgern?
Da haben mir Konfuzius und Mark Aurel geholfen. Beide sagten sinngemäß: Wenn du an den Fehlern eines anderen Anstoß nimmst, wende deinen Blick auf dich selbst und schaue, ob du nicht ähnliche Fehler hast. Bei dieser Übung habe ich mir eingestehen müssen, dass dies häufig zutrifft. Ich habe ferner erkannt, dass es stets Gründe für solches Fehlverhalten gab. Ich wurde zunehmend verständnisvoller und empfand eher Mitleid mit dem anderen als Ärger.

Albert Kitzler
Bild: Promo

Klingt leichter gesagt als getan.
Wenn wir verstehen, dass die Menschen so sind wie sie sind, dass es viele Menschen gibt, die ihre innere Unausgeglichenheit oder ungelöste persönliche Probleme als Aggression an uns ablassen, werden wir uns nicht mehr persönlich betroffen fühlen. Wie wir, so will der Andere einfach nur glücklich werden. Er weiß nur nicht, wie es geht. Darunter leidet er und dieses Leiden drückt sich in Fehlverhalten aus, das zufällig uns trifft. Wir selbst haben dann immer die Wahl: Entweder es persönlich zu nehmen und sich zu ärgern; oder uns zu sagen: “Dieser Mensch kann einem leid tun; er schadet sich selbst mehr als uns.“

Über die Person:

• Albert Kitzler, geboren 1955, studierte Philosophie und Jura in Freiburg
• mehr als 20 Jahre erfolgreicher Medien-Anwalt und Film-Produzent
• seit 2000 beschäftigt er sich intensiv mit der antiken praktischen Philosophie in Griechenland, China und Indien
• 2010 Gründung der philosophischen Schule „MASS UND MITTE – Schule für antike Lebensweisheit“, Albert Kitzler veröffentlicht täglich “Worte der Weisheit” als Newsletter. Neben der philosophischen Beratung bietet die Schule verschiedene Veranstaltungen an: www.massundmitte.de .

Sie sind viel gereist und haben sich auch mit den großen Denkern in China und Indien beschäftigt. Kommen letztlich alle großen Denker auf denselben Trichter?
Das halte ich für eine meiner wichtigsten Entdeckungen: Im Hinblick auf die tägliche Lebenspraxis und die Frage, wie wir das Leben am besten meistern können, kommen die großen Denker aller Zeiten und aller Kulturen zu ganz ähnlichen Erkenntnissen. So habe ich in den modernen Schriften keinen einzigen Gedanken gefunden, den ich nicht bereits bei den alten Philosophen gelesen habe und dort meistens klarer und tiefer. Die Natur des Menschen hat sich in 3.000 Jahren nicht geändert. Wir haben die gleichen Sehnsüchte, die gleichen Frustrationen, Ängste, Hoffnungen und Freuden wie vor 3.000 Jahren. Der Irrtum mag immer neu sein – die Weisheiten sind uralt.

Kommen wir zu Ihrer Beratung in Ihrer Schule „Maß und Mitte”. Aus welchen Motiven suchen die Menschen Ihre Hilfe?
Meistens läuft etwas in ihrem Leben nicht so, wie es laufen sollte. Aus eigener Kraft und ohne Anregungen von dritter Seite kommen diese Menschen dann nicht weiter. Die Probleme sind sehr weit gefächert und reichen von Überarbeitung, Ängsten, Sorgen, Verlassenheitsgefühl bis hin zu Orientierungslosigkeit.

Wie können wir uns diese Anregungen konkret vorstellen?
Ein Dauerthema ist zum Beispiel das Gefühl von Ausgebranntheit infolge zu großer Arbeitsbelastung. Daraus resultierten häufig Probleme in der Paarbeziehung, bei der Kommunikation mit den Kindern, Unzufriedenheit mit sich selbst oder Unausgeglichenheit. Dann ist es wichtig, über die eigene Werte-Hierarchie nachzudenken und unsere darauf aufbauenden Denk- und Verhaltensgewohnheiten kritisch zu untersuchen. Häufig liegt das Problem in einer zu einseitigen Lebensweise und einer Vernachlässigung anderer Bedürfnisse wie etwa Zeit für die Familie, die Kinder, die Freunde, für Hobbys – und natürlich für sich selbst. Klingt nicht danach, dass es mit einem Besuch getan ist.
Die negativen Prägungen, Muster und Gewohnheiten, die für unsere Probleme oder Defizite verantwortlich sind, sitzen sehr tief. Deshalb braucht es auch einen längeren Prozess, diese durch andere Gewohnheiten zu ersetzen oder zu überschreiben.

Sie sind Medienanwalt, haben überdies eine Karriere als Filmproduzent gemacht; aber letztlich ist es die Philosophie, die Sie jetzt wieder in den Vordergrund gerückt haben.
Die Philosophie war meine große Leidenschaft von Jugend an. Damals aber sagten mir Freunde, damit könne man kein Geld verdienen. Deshalb habe ich neben Philosophie Jura studiert. Ich fand das spannend und hatte auch viel Erfolg. Aber nach einer gewissen Zeit spürte ich, dass für mich das Leben als Anwalt nicht alles sein konnte. Deshalb habe ich mich in der Filmkunst versucht. Neben Philosophie war das meine zweite große Leidenschaft. Ich produzierte 20 Filme und auch das war gut und hat etwas in mir zur Erfüllung gebracht. Aber wie Laotse sagt: „Alles kehrt zurück zur Wurzel.“ Deshalb habe ich mich wieder der Philosophie zugewandt, jetzt aber mit einer Portion gereifter und vielfältiger Lebenserfahrung. Die Philosophie hatte mich allerdings während all der Zeit nie ganz verlassen. Ich liebte es immer, abends und in der Freizeit Texte von Seneca, Konfuzius, Buddha und anderen zu lesen.

Jetzt zum neuen Jahr: Was sind denn die ersten Schritte, um den Blick auf das eigene Leben zu ändern?
Ein indischer Yogi hat es mal so zusammengefasst: Die erste Weisheit besteht darin, wahrzunehmen, dass ich mich in Schwierigkeiten befinde, und mir das auch absolut klar mache. D.h. Ich lebe noch nicht das Leben, wie ich es mir wünsche, irgendetwas hindert mich daran und bedrückt meine Seele. Das können große, aber auch ganz kleine Probleme sein. Die zweite Weisheit ist, anzuerkennen, dass es bestimmte Gründe für diese Schwierigkeiten bzw. Hindernisse gibt. Die dritte Weisheit ist, anzuerkennen dass ich aus diesen Schwierigkeiten herauskommen möchte und dafür eine Anstrengung aufbringen muss. Die vierte Weisheit ist, dass ich mir vornehme, dies auch wirklich zu tun. Was auch immer geschieht, ich werde diese Anstrengung erbringen! Das ist praktische Weisheit, richtig verstandene Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbildung, letztlich nichts anderes als der Weg zu einem gelingenden, erfüllten, glücklichen Leben.

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