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Kinos

Die neue Generation des Kinos

Ob mit angeschlossenem Restaurant, Ausstellungsraum oder „persönlichem Kino“: Eine junge Generation an Kinobetreibern verleiht dem „Old-School-Genre“ Kino neuen Schwung. Über drei Lichtspielhäuser, die Lust auf Film machen und eine Landschaft von kleinen Kiez-Kinos in Berlin, die so vital ist wie lange nicht mehr.

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Ob mit angeschlossenem Restaurant, Ausstellungsraum oder „persönlichem Kino“: Eine junge Generation an Kinobetreibern verleiht dem „Old-School-Genre“ Kino neuen Schwung. Über drei Lichtspielhäuser, die Lust auf Film machen und eine Landschaft von kleinen Kiez-Kinos in Berlin, die so vital ist wie lange nicht mehr.

Bild: Il Kino

Schummriges Licht im Foyer des Neuköllner Kinos „Il Kino“. An kleinen Holztischen unterhalten sich die internationalen Gäste angeregt. In der Glasvitrine liegen lecker belegte Panini, die Kreide-Tafel preist wahlweise einen Käseteller, eine Tages-Quiche oder italienischen Schinken an. Daneben hängt das Plakat des chinesischen Films „Touch of Sin“: Willkommen im „Il Kino“ – Arthouse, Cinema und Restaurant in einem. Das ist das Erfolgskonzept des Trios Kristian Palshaugen, Daniel Wuschansky und Carla Molino, allesamt in den Dreißigern.

Kino, Restaurant und Arthouse in einem

Eigentlich wollte der gebürtige Norweger Kristian Palshaugen eine Bar eröffnen – bis ihn seine Partner, der Drehbuchautor Daniel Wuschansky und die italienische Film- und Kinomacherin Carla Molino, überzeugten, hieraus ein Lichtspielhaus zu machen. Das Kino mit kuscheligen 52 Sitzplätzen funktioniert auch als Restaurant. Und umgekehrt. Es ist ein Kiezkino nahe dem Maybachufer, das manch einer aus der Nachbarschaft nur zum Essen besucht – andere Besucher wiederum warten gespannt bis zum Beginn des Filmes. „Weil sie dafür nicht in einen anderen Stadtteil fahren würden“, erklärt Daniel Wuschansky.

Bild: Il Kino

„Unser Kino ist die Geschichte von genutzten Gelegenheiten“, sagt Wuschansky und scheint sich ein wenig über den Erfolg zu wundern, wenn er von einer „enthusiastischen, aber naiven Entscheidung“ spricht, die „Il Kino“ auf den Weg brachte. Seinen Namen verdankt es einem gleichnamigen Kino, das Carla Molino in Rom betrieben hat.

Richtiger Riecher für Erfolg versprechende Filme

Das kleine Kino profitiert von den guten Kontakten zu Verleihern, denen die große Berliner Leinwand verwehrt bleiben würde. Wie Yann Demanges IRA-Drama „‘71“, das im kalten Februar 2014 im Wettbewerb der Berlinale mit einer ungeschönten Darstellung des irischen Konflikts überzeugte. Seinen Weg in die Kinos fand das in UK ausgezeichnete Werk dennoch nicht – bis der Film im Herbst plötzlich beim jungen „Il Kino“ auftauchte. Und zwar nur im Il Kino. Mit diesem Misch-Konzept feiern die Kinomacher beachtliche Erfolge, auch außerhalb von Neukölln. Carla Molino erinnert sich gut, als „wir das einzige Kino in Deutschland waren, das damals ‘Ida’ gezeigt hat, als der den Oscar gewonnen hat und die Leute aus ganz Berlin kamen, um das polnische Meisterwerk zu sehen. Die standen bis vorne zum Ufer Schlange.“

Es entstand ein Umfeld, in dem sich Cineasten wohl fühlen. Tom Tykwer und Wolfgang Becker besuchten genau wie Edgar Reitz schon das Il Kino. „Sebastián Lelio stand plötzlich im Raum und fragte, ob es jemand interessiert, dass er ‘Gloria’ gemacht hat.“, erinnert sich Wuschansky an den Besuch des chilenischen Filmemachers, der seinen bei der Berlinale mit einem silbernen Bären prämierten Film daraufhin persönlich vorstellte.

Rückblickend sei „ein Kino zu betreiben komplex, aber berechenbar“, findet Wuschansky, der den Standort nie analysiert hat und sogar so weit geht, dass er denkt, dass dann „kein Kino entstanden wäre.“ Er scheint mit seiner Entscheidung ebenso zufrieden, wie Molino und Palshaugen.

Kiez-Kino mit Luxus-Flair und persönlicher Begrüßung

Ebenso zufrieden zeigt sich Wiebke Wolter, die gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Anne Lakeberg das „City Kino Wedding“ im „Centre Français de Berlin“ im Wedding betreibt, in dem 220 Personen Platz finden. Die Kinobetreiberinnen lernten sich bei der Ausbildung zur Kauffrau für Filmtheater-Management kennen, die es in Deutschland nur einmal, in Wuppertal, gibt.

Bild: Torben Hoeke

Sie beschlossen, das gelernte gleich gemeinsam umzusetzen und „haben eine Standortanalyse gemacht“, erzählt Wolter, die noch immer in Hannover wohnt. Lakeberg, die aus dem Wedding kommt, kennt den alten Arbeiterbezirk gut und wusste, dass es dort meilenweit kein Programmkino gab. Gemeinsam prüften die beiden das Umfeld anhand von demografischen Merkmalen wie der Altersstruktur, mit denen Gentrifizierung erkannt wird.

Bald entwickelten sich „zwei Kern-Zielgruppen“, erklärt Wolter: „Wir wollen alte Weddinger, die im Wedding wohnen, sich für Mainstream-Arthouse interessieren, aber keine Lust auf Mainstream-Kinos, Jugendliche und Nachos haben – und junge Kunstinteressierte, die zu Klassikern, Kultfilmen, wildem Kino kommen und mit Regisseuren ins Gespräch kommen wollen.“

Bild: City-Kino

Wolter weiß, es gibt nicht den einen Weg, sondern mehrere Möglichkeiten, um heute erfolgreich Kino zu betreiben: „Das höher-schneller-weiter-Blockbusterkino, wo es um 3D, Technik und Sound geht, also um Dinge, die man nicht zuhause haben kann. Alternativen sind Luxus-Orte, mit Bedienung am Platz und Beine hochlegen – und Kiezkino wie unseres. Ein sozialer Raum. Anne und ich begrüßen vor Filmbeginn unser Publikum. Unser Programm ist handverlesen und persönlich.“

Die Nachbarschaft mit ins Boot holen

Den Kontakt zu den Nachbarn hat Wolf-Initiatorin Verena von Stackelberg schon weit vor der offiziellen Eröffnung, die Ende Januar ansteht, gesucht. Schon vor der Fertigstellung hat sie „die Türen zum ehemaligen Bordell, in dem ihr Kino immer weiter Kontur annimmt, aufgesperrt und sich mit den Nachbarn ausgetauscht.“ Die aufwendige Planungs- und Bauperiode betrachtet sie als „eine wertvolle Testphase“. Das „Wolf“ wird zwei Säle mit 50 Plätzen ebenfalls in Neukölln haben, dazu einen großen Gastrobereich und einen dritten flexiblen Raum für Workshops und Seminare, aber auch für Ausstellungen. Finanziert wurde das Projekt unter anderem mittels Crowdfunding.

Bild: Wolf

Teil des Konzepts war es, Leute mit ins Boot zu holen, Freunde aus dem Filmbereich genauso wie den benachbarten Elektriker. „Ich will mit der Nachbarschaft gemeinsam Kinoprogramm entwickeln“, sagt von Stackelberg die „das Aussterben des Kinos für einen Mythos hält“ und sicher ist, dass sich das Kino nicht „im Krieg mit den anderen Formaten befindet.“

Mit Blick auf Neukölln sagt sie: „Ich wohne hier und kenne die Konflikte. Ich will nicht nur für junge Künstler und Hipster spielen.“ Vielmehr freut sich die Kino-Enthusiastin über Kinder, die bei den Event-Veranstaltungen mit improvisierten Kinosälen dabei waren und nun „behaupten, offiziell für Wolf zu arbeiten, weil sie hier mal Karten abgerissen haben.“ Sie hält kurz inne. „Ich hoffe, dass die mit Kino aufwachsen. Das ist etwas anderes, als wenn die in Multiplexe gehen und dort mit Popcorn vollgestopft, rein und wieder raus geschleust werden.“ Ziel ist eine langfristige Bindung zum Wolf – und zum Kino generell. Kino, ein neues Old-School!

Neue Kinos: Adressen und Links

Il Kino
Nansenstraße 22
12047 Berlin
www.ilkino.de

City Kino Wedding
Müllerstraße 74
13349 Berlin
www.citykinowedding.de

w o l f Kino
Weserstraße 59
12045 Berlin
www.wolfberlin.org

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