Titel Wohnen Im Alter
Selbstständig und trotzdem in Gesellschaft: Im Wohn!Aktiv-Haus gibt es in jeder Etage Gemeinschaftsräume. Bild: Harry Schnitger
Wohnen im Alter

Nein zum Heim

Rund 500.000 Berlinerinnen und Berliner sind über 70 Jahre alt. Statt ins Altersheim ziehen immer mehr Senioren, die nicht alleine wohnen wollen oder können, in Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhäuser. Ein Rundgang.

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ertrud Troche sitzt im Gemeinschaftszimmer. Vor sich auf dem Tisch eine Tasse Kaffee, die Hände in den Schoß gelegt. Ein seltenes Bild. Sonst hat sie immer ihr Strickzeug dabei. Das Handarbeiten – vielleicht ist es das, was sie am Leben hält. Trotz der Schicksalsschläge. Dem frühen Tod ihres Mannes, dem Tod ihres einzigen Sohnes, der schweren Fuß-OP. „Die ganze Wolle mitnehmen”, das war ihr am wichtigsten, als sie aus ihrer Dreizimmerwohnung in Reinickendorf in die betreute Senioren-WG umzog.

„Alleine leben, das ging nicht mehr. Und ins Altersheim wollte ich nicht”, sagt die 86-Jährige. Ein großes, helles Zimmer, Parkettboden: Der früheren Technischen Zeichnerin gefiel die betreute Wohngemeinschaft des „Vereins für alternative Wohnformen” in Wilmersdorf sofort. „Ich hab sogar genug Platz für mein gutes Kaffeeservice.” Eine Erinnerung an die Jahre ihrer Ehe.

„Hier in der WG bin ich mein eigener Herr, kann so leben, wie ich das will. Es ist beruhigend, dass immer jemand vom Pflegedienst in der Nähe ist.” Gerhard Lehmann (69), Alten-WG-Bewohner

Immer mehr Berliner Senioren sagen Nein zum Heim, ziehen stattdessen in Wohngemeinschaften. „Hier in der WG bin ich mein eigener Herr, kann so leben, wie ich das will”, sagt Gerhard Lehmann. Der 69-Jährige wohnt seit zwei Jahren auf dem gleichen Flur wie Gertrud Troche. Nach einem Schlaganfall gab er seine Einzimmerwohnung auf. „Es ist beruhigend, dass immer jemand vom Pflegedienst in der Nähe ist.” Rund um die Uhr.

Wohnaktiv Haus
Bild: Harry Schnitger

Lehmann kommt noch gut alleine klar. Oft geht er spazieren. „Meist hier in der Gegend.” Zwei Straßen weiter hat er früher gearbeitet, als Auslieferungsfahrer bei einem Filmkamera-Verleih. Abends trifft er sich auf einen Plausch mit Gertrud Troche. „Es ist schön, dass ich hier Menschen um mich habe.” Auch, weil er so gerne Karten spielt und „Mensch ärgere dich nicht”.

Viele Senioren-WGs in den 1990ern entstanden

Das tue auch den anderen WG-Bewohnern gut, sagt Pflegedienstleiterin Iris Briks (56). „Weil es sie geistig rege hält.” Oft lösen die Bewohner auch gemeinsam Rätsel. „Als Gedächtnistraining – soweit das noch möglich ist.” Der Anteil der an Demenz Erkrankten sei gestiegen, sagt die gelernte Krankenschwester.

25 Jahre arbeitete Iris Briks in der ambulanten Pflege, bis sie vor drei Jahren die Pflegedienstleitung in der WG übernahm. Zu Beginn ihres Berufslebens hätten sich die erwachsenen Kinder oft noch um die alten Eltern gekümmert. Doch Familienstrukturen und Arbeitswelt hätten sich verändert. „Jemanden zu Hause zu betreuen, dazu fehlt die Zeit.” Da blieb oft nur der Umzug ins Altersheim. „Bis 1995 die Pflegeversicherung eingeführt wurde.” Danach seien Senioren-WGs wie Pilze aus dem Boden geschossen, erinnert sich Briks. „Weil dadurch Geld für betreutes Wohnen zur Verfügung steht.”

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Berlins größte Senioren-WG: Das Reinickendorfer Wohn!Aktiv-Haus der Gewobag steht beispielhaft für neue Konzepte der städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Bild: Gewobag

Bei der Gewobag, mit 58.000 Wohnungen eine der größten städtischen Wohnungsgesellschaften, ist ein Drittel der Mieter über 65 Jahre. „Viele in der immer aktiveren älteren Generation sehnen sich nach einem Wohnumfeld, das neben einer barrierearmen Ausstattung einen Lebensstil ermöglicht, der vor späterer Isolation bewahrt”, sagt Vorstandsmitglied Snezana Michaelis.

In Reinickendorf startete die Gewobag das Pilotprojekt „Wohn!Aktiv”. Mit 150 Apartments für Menschen 60 plus Berlins größte Senioren-WG. „Wir haben Mieter gesucht, die Lust haben auf nachbarschaftliches Miteinander”, sagt Sprecherin Gabriele Mittag. „Das Konzept ist aufgegangen.” Alle Apartments, mit 27 Quadratmetern nicht groß, sind belegt. Es gibt Gemeinschaftsräume auf allen sechs Etagen und einen Garten, den die Bewohner zusammen pflegen. Ein Koordinator hilft, Kontakte zu knüpfen. Für ihn sei die aktive Hausgemeinschaft „ein Segen”, sagt Andreas Töpfer. Der Rheinländer kannte so gut wie niemanden in der Stadt, als er 2016 von Bonn nach Berlin zog. In der Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss trifft er immer ein paar Leute an – zum Plaudern oder um einen Ausflug zu planen.

Studenten, die älteren Nachbarn helfen, sparen Miete

Auch die Kollegen von der Wohnungsbaugesellschaft Degewo unterhalten Häuser für Mehrgenerationen-Wohnen. Zum Beispiel in der Swinemünder Straße im Wedding. Von den 103 Wohnungen ist ein Drittel von Studenten belegt, zwei Drittel von Senioren. Vom Single-Apartment bis zur WG lasse sich jeder Lebensentwurf verwirklichen. Schließlich mache die Mischung ein Haus erst interessant, sagt Sprecherin Sabrina Gohlisch. Und: „Studenten, die nachweislich über einen längeren Zeitraum Senioren im Haus beispielsweise beim Einkaufen unterstützen, können bis zu 50 Euro Mietnachlass erhalten”.

Bernd Gaiser
Lebt nach seiner Fasson: Bernd Gaiser hat das schwule Mehrgenerationenhaus „Lebensort Vielfalt” in Charlottenburg mitgestaltet. Bild: Barbara Dietl

Im „Lebensort Vielfalt”, dem ersten schwulen Mehrgenerationenhaus Deutschlands, leben 35 Menschen zwischen 25 und 75 Jahren. Fünf Etagen in einem renovierten Altbau in der Charlottenburger Niebuhrstraße. Die meisten Bewohner leben in eigenen Apartments, acht in einer Pflege-WG. Der frühere Buchhändler Bernd Gaiser (72) hat das Projekt 2012 mit aus der Taufe gehoben – nach acht Jahren Vorbereitungszeit. „So lange hat es gedauert, bis die Finanzierung stand.” Für das ursprünglich geplante schwule Altersheim gab es keine Förderung.

Schließlich entstand ein Projekt, in dem einige Wohnungen jüngeren Schwulen unter 40 sowie Frauen vorbehalten sind. „Eine lebendige Mischung”, sagt Gaiser, der bewusst in einem Alter einzog, „in dem ich noch mitgestalten kann”. Zuvor lebte er in einer 200-Quadratmeter-WG – „mit sehr viel Platz für meine Bücher”. Mit dem Einzug in sein jetziges 48-Quadratmeter-Apartment habe er sich von viel Literatur trennen müssen. „Aber es ist gut, sich im Alter zu reduzieren.”

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