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Titel Nachbarschaftshilfe
Bild: Marzena Skubatz
Miteinander

Berliner Nachbarn halten zusammen

Füreinander da sein – das sollte nicht nur in der Familie selbstverständlich sein, sondern möglichst auch in der Nachbarschaft. Immerhin engagieren sich rund 40 Prozent der Berliner in ihrem Kiez. Wir zeigen Vorbilder.

S

chon immer” hat Marga Kowalski, Jahrgang 34, „in dem grau verputzten Haus in Treptow-Köpenick gelebt, behaglich mit Veilchen im Vorgarten und Ton-Eule auf der Terrasse. Aber ohne die Hilfe ihrer Tochter Jutta kommt die Seniorin nicht mehr klar – und auch Jutta weiß nicht immer Rat. Aber Hilfe naht … „Hallo, icke bin’s”, grüßt Helga Walter Frau Kowalski senior. „Wie geht es Ihnen so?” Die stoische Antwort der 84-Jährigen: „Muss ja”.

Wissen, wo welche Angebote sind – das ist der Schlüssel zu den Problemen vieler älterer Kiezbewohner. Als ehemalige Stadträtin für Soziales und Gesundheit weiß Helga Walter, welche Strukturen da sind, und sie teilt dieses Wissen gern. „Leben im Kiez” heißt der Verein, den die rüstige Rentnerin vor zwölf Jahren ins Leben gerufen hat. Helga Walter und ihre Mitstreiter besuchen Senioren zu Hause, informieren über Hilfsangebote, besprechen bauliche Veränderungen, die Gefahrenquellen in der Wohnung ausschalten sollen. Immer wieder spricht Helga Walter mit Vermietern, damit Badewannen durch schwellenlose Duschkabinen ersetzt werden. Eine der scheinbaren Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob ein pflegebedürftiger Mensch in den eigenen vier Wänden bleiben kann.

Keine Pflegehilfe, sondern Rat und Tat für den Alltag

Auch bei Familie Kowalski soll das Bad umgebaut werden. „Drei Kostenvoranschläge brauchen Sie”, informiert Helga Walter Tochter Jutta über die Anforderung der Pflegekasse, damit diese dann einen Zuschuss gewährt. Noch ist Marga Kowalski mobil, aber Helga Walter rät, sich bereits jetzt mit dem Thema Treppenlift auseinanderzusetzen. Sie warnt: „Sich bloß nicht sagen: Das mache ich, wenn es soweit ist”. Diesen Satz habe sie schon so oft gehört. „Und wenn es dann soweit ist, sind die Leute kraftlos. Das ist dann ein Riesen-Drama!”

Helga Walter-marga Und Jutta Kowalski
Möglichst lange zuhause leben: Helga Walter (links), selbst längst im Rentenalter, hilft Senioren wie Marga Kowalski (Mitte), im gewohnten Umfeld zu bleiben. Bild: Marzena Skubatz

Die pflegende Tochter Jutta hat momentan die Lage noch im Griff: „Dit passt schon”, sagt die Tochter resolut. Aber Unterstützung kann sie schon benötigen. Mutter Marga kann nicht alleine zu Hause bleiben, und Jutta hat schließlich auch eigene Verpflichtungen. Helga Walter vermittelt eine Tagespflege, damit Jutta zumindest an einem Tag pro Woche entlastet werden kann.
Im Kieztreff hängt die Kontaktnummer für das Netzwerk „Leben im Kiez”, aber in erster Linie wird ihre Hilfe durch Mundpropaganda bekannt. „Das Urgestein von Köpenick-Nord”, wie Helga Walter sich selber nennt, wird oft über den Gartenzaun angesprochen, wenn sie spazieren geht. Obwohl Helga Walter selbst bereits das „Schnapszahl-Alter” 77 erreicht hat, ist sie unermüdlich im Einsatz. „Dann knarren halt die Gelenke”, schmunzelt die resolute Rentnerin und lässt sich davon nicht stoppen, wenn andere Betagte Hilfe benötigen. „Schaffen Sie es? Soll ich mit anpacken?” , bietet Helga Walter an, als Marta Kowalski von ihrem Stuhl auf der Terrasse aufstehen und sich an die Kaffeetafel ins Wohnzimmer begeben will. Es gibt Blaubeerkuchen.

Keinesfalls können Ehrenamtliche professionelle Pflege- und Sozialdienste ersetzen, betont Helga Walter. „Der Pflegedienst hilft den Senioren beim Waschen, verabreicht Medikamente. Für einen Plausch bleibt den Mitarbeitern keine Zeit. Und so haben viele Ältere niemanden, mit dem sie ihre Sorgen besprechen können.” Helga Walter hat Zeit für diese Gespräche.

www.lebenimkiez.de

Mehr Action für Julien

Als Stürmer ist er eher nicht so toll. Aber als Schiedsrichter ist er gut.” Mit diesem ehrlichen Kompliment beschreibt der sechsjährige Julien seinen Freund Gregor. Gregor Noack ist 33, selber Vater und seit einigen Monaten ehrenamtlicher Unterstützer von Julien. In der Elternzeit wollte sich der Steglitzer in seiner Nachbarschaft engagieren, das Stadtteilzentrum vermittelte den Kontakt zu Juliens Großmutter.
Dort lebt der Sechsjährige zurzeit, da die Mutter gesundheitliche Probleme hat und der Vater sich nicht kümmern kann. Oma Heide Müller* hat sich der neuen Aufgabe mit großem Engagement gestellt. Sie gesteht aber offen ein, dass sie über Gregors Hilfe sehr froh ist. Schließlich ist es eine enorme Verantwortung und keine leichte Herausforderung, wenn die eigenen Kinder schon seit Jahrzehnten aus dem Hause sind und man unverhofft wieder auf dem Fußballplatz oder beim Basteln von Faschingskostümen gebraucht wird. Ein Ninja-Kämpfer war Julien dieses Jahr, den schwarzen Jogginganzug hat Heide Müller selbst mit roten Bändern verziert.

Gregor Noak Und Julien
Bild: Marzena Skubatz

Das gute Gefühl des Zurückgebens

Es sind aber vor allem die Mühen des Alltags, bei denen Oma Müller einen fitten Mitstreiter brauchen kann. Julien muss täglich pünktlich aufstehen, zum Kindergarten gebracht werden, die Anmeldung für die Schule steht an. Gregor holt Julien regelmäßig vom Kindergarten ab und geht mit ihm dann eine Runde auf den Spielplatz – oder eben auf das Fußballfeld. Das verschafft Heide Müller eine willkommene Pause: „Von 7 bis 21 Uhr muss ich jetzt präsent sein, immer sehen, dass es läuft, den Kleinen zur Eile antreiben”.

Gregor Noak Mit Sohn Und Julien Mit Oma
Ein Freund, nicht nur auf dem Fußballplatz: Gregor Noack steht dem sechsjährigen Julien zur Seite, der bei seiner Oma aufwächst. Bild: Marzena Skubatz

Bei den Spielterminen mit Gregor braucht Julien keinen Antreiber: Heute hat der junge Vater seinen elfmonatigen Sohn dabei, und Julien schiebt den Kleinen eifrig Richtung Spielplatz. Dabei erzählt er von seinem Berufswunsch: Zur Polizei soll es gehen. Er übt schon mit Playmobilfiguren. Gregor Noack wird ihm auf diesem Weg weiterhin sicher gerne etwas begleiten. „Es bedeutet mir sehr viel, unterstützend tätig sein zu dürfen. Es ist ein gutes Gefühl des Zurückgebens und der Verantwortung, die man zu übernehmen hat, nicht nur für sich selbst”, fasst Gregor Noack seine Motivation zusammen.
*Namen von der Redaktion geändert
www.stadtteilzentrum-steglitz.de/kiezsterne

Ein Pfarrer kümmert sich um Papiere

„Papiere, Papiere“ – darum geht es bei der ehrenamtlichen Arbeit von Pfarrer Helm meistens. Viele der Menschen, die er berät, scheinen die Wichtigkeit der Formulare und Schriftsätze beim Umgang mit deutschen Behörden nicht zu erfassen.
Wie Nare R. aus Armenien. Die junge Frau sitzt Uli Helm, Pfarrer im Ruhestand, in seinem Büro gegenüber. Ihr Zweijähriger – der jüngste ihrer drei Söhne – hockt ruhig und beeindruckt auf ihrem Schoß und nuckelt an einem Kuli. Seit 2013 ist die Familie in Berlin, mit einer Duldung. Nun soll sie ausreisen. Höchstens ein positiver Bescheid der Härtefallkommission kann dies noch verhindern.

Akten mit erschütternden Lebensgeschichten

Das bei der Senatsbehörde für Inneres angesiedelte, unabhängig arbeitende Gremium kann für „vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer“ ein Bleiberecht empfehlen, wenn die Vollziehung der Ausreisepflicht „humanitär oder persönlich“ unerträglich wäre. Helm, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, formuliert für die Beratungsstelle der Evangelischen Kirche solche Anträge und bringt sie in das Gremium ein. In seinem nüchternen Büro häufen sich die Akten mit zum Teil erschütternden Lebensgeschichten. Helm ist juristischer Laie, arbeitet aber hier als 2-Personen-Team eng zusammen mit einem gelernten Anwalt, mit dem er sich bei komplizierten Fällen berät.

Uli Helm
Pfarrer Uli Helm hilft Migranten und Flüchtlingen mit Härtefallanträgen, die eine Abschiebung verhindern sollen. Bild: Marzena Skubatz

Der Fall von Nare R. ist so einer. Die Pässe fehlen. Sie seien von dem Schlepper einbehalten worden, der sie nach Deutschland gebracht hat, erzählt Nare R. Sie ist sichtlich nervös. Sie hat sich für den Termin sehr ordentlich zurechtgemacht, samt Lippenstift und Nagellack. Die Eheurkunde sei in Armenien zurückgeblieben und auch nicht heranzuschaffen, da der Kontakt zu ihren Eltern zerrüttet sei. Darin liege auch der Grund für ihre Flucht nach Deutschland: Angst vor ihrem Vater, der das Leben ihres Ehemannes bedroht habe.
Kann da die Härtefallkommission helfen? Pfarrer Helm hegt Zweifel. Es müssten noch andere Argumente hinzukommen, wenn die fünfköpfige Familie einer Abschiebung entgehen soll, vor allem gezeigte Integrationsleistungen. In diesem Bereich sieht es bisher leider mau aus, aber Nare R. ist willig, fortan alles zu geben. Sie will einen Sprachkurs besuchen. Pfarrer Helm gibt ihr Kontaktadressen. „Melden Sie sich und Ihren Mann an – besser gestern als morgen“, verdeutlicht Pfarrer Helm den Ernst der Lage.

In kleinen Schritten zum Ziel

Immerhin hat sich seit der letzten Beratung etwas getan: Der Ehemann erhielt ein Arbeitsplatzangebot, das aktuell wird, sobald eine Arbeitserlaubnis vorliegt. Auch hier wieder wichtig: Alles muss schriftlich vorliegen. Dann kann Helm auf seinem Beratungsbogen die Rubrik „persönliche und humanitäre Gründe für weiteren Aufenthalt“ ausfüllen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt kann er eben nur „Arbeitsplatzangebot Vater“ vermerken, und bald vielleicht „Sprachkursbesuch beider Eltern“. Pfarrer Helm bleibt skeptisch. Er lädt zum nächsten Beratungsgespräch ein und verabschiedet Nare R. Weitere Menschen mit ungeklärten Fragen warten schon vor der Tür und hoffen, dass Uli Helm ihnen hilft.

Mehr Beispiele für Engagement in Berlin finden Sie in unserer Rubrik Sozial & Engagiert >>.

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