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Titel Berlin Musictours
Bild: Katrin Starke
Stadttouren Berlin

Auf den Spuren der Pop-Ikonen: „Heroes“ in Berlin

Ob Depeche Mode oder U2 – die Großen aus dem Music-Business geben regelmäßig Konzerte in Berlin. Doch viele der Pop-Ikonen verbindet viel mehr mit der deutschen Hauptstadt als ein kurzer Tournee-Stopp. Wo David Bowie in Berlin gewohnt hat, in welcher Schöneberger Bar Nick Cave in den 80ern seine Drinks nahm und warum Martin Gore nahe der Mauer die Hüllen fallen ließ – all das erfährt man bei einer Stadtour durch Berlin mit Thilo Schmied (45), dem Erfinder der „Berlin Musictours“.

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hilo Schmied ist spät dran. Doch kurz den Türsteher des Hotel Adlon begrüßen, so viel Zeit muss sein. Man kennt sich. Schmieds Stadttour durch die Berliner Rock-, Pop- und Clubmusikszene beginnt immer hier. „Dritte Etage, zweites Fenster, rechts neben der grünen Dachrinne.“ Der 45-Jährige – Jeans, Kapuzenpulli, Vollbart – deutet nach oben. 2002, als Michael Jackson den Fans dort seinen Sohn präsentierte, habe er auf dem Pariser Platz gestanden. Zufällig. „Das Adlon ist ja auch ein schönes Setting, um ein Baby aus dem Fenster zu hängen.“ Ein paar Tourteilnehmer lachen.

Originelle Stadtführung: Auf den Spuren der Musikszene

„Wenn das stimmt, dass der Jungs sexuell missbraucht haben soll – furchtbar.“ Als Musiker sei Jackson Weltklasse gewesen. 1988 hat Schmied ihn live gehört. Oder genauer gesagt die Soundfetzen, die der Wind über die Mauer trug. Denn die trennte den gebürtigen Ost-Berliner von den Konzertbesuchern vorm Reichstag. „Ebenso wie 1987, als David Bowie da auftrat.“

Berlin-Musictour-Start am Brandenburger Tor
Bild: Katrin Starke

Aber 1994, als der Musiksender MTV den Auftritt von Prince am Brandenburger Tor aufzeichnete, war Schmied ganz nah dran. So, wie der gelernte Toningenieur, der jahrelang als Talent Scout und Labelpromoter arbeitete, immer nah dran war an den Größen aus dem Musikgeschäft – was ihn 2005 bewog, sich mit Berlin Musictours selbstständig zu machen.

Stadttouren Berlin: Stop an den Hansa-Studios

Der Bus hält an der zweiten Station, den berühmten Hansa-Studios in der Köthener Straße. 1000 Künstler hätten hier ihre Platten aufgenommen, erzählt Schmied. Vor Bowie eher Schlagersänger. Oder Gruppen wie Boney M. Aber dann seien die Großen gekommen. Depeche Mode, U2, Nick Cave, zählt der Tour-Guide auf. Der Meistersaal habe eine unglaubliche Akustik. „Wenn ihr die mal erleben wollt, kommt einfach her um halb vier“, wirbt Schmied für seine zweite Stadttour an diesem Nachmittag.

Auf den Spuren des ersten Berliner Techno-Clubs

Leipziger Straße. Mall of Berlin. Schmied erinnert sich, als sich an der Stelle des Shoppingtempels noch der Tresorraum des früheren Kaufhauses Wertheim befand, in dem nach der Wende Berlins erster Techno-Club aufmachte.

Tresor Alt
Der alte Tresor. Heute befindet sich hier die Mall of Berlin. Bild: Clubkultur

Klar, auch der neue „Tresor“ im Heizkraftwerk sei ein Knaller. Aber der alte Club hier – Wahnsinn. Die aufgebrochenen Schließfächer. Schmied hat Interviews geführt mit Musikern, Musikproduzenten und DJs, die er bei der Bustour einspielt. Ausgerechnet beim Interview mit „Tresor“-Gründer Dimitri Hegemann streikt die DVD. „Das gibt’s doch nicht“, schimpft Schmied. Hektisch kramt er in seinem Rucksack. Natürlich hat er für solche Fälle vorgesorgt, zaubert einen zweiten Silberling aus der Tasche und lässt Hegemann erzählen, wie eine Frau nach einer Partynacht versehentlich im „Tresor“ eingeschlossen worden sei. Erst nach zwei Tagen habe sie die Polizei gerufen, um sich befreien zu lassen. Bis dahin habe die Frau die Zeit genutzt, um den Laden mal ordentlich zu putzen. „Getränke gab’s ja genug.“

Stadttführung zu den alten Berliner Musikclubs

Mitte der 2000er-Jahre habe es um die 700 Musikclubs in Berlin gegeben, erzählt Schmied. „Die Hälfte davon ist weg.“ Wie der Knaack-Club an der Greifswalder Straße 224, in dem die Punk-Band Knorkator ihre Fans mit Schokoladenpudding beschmiss und Rammstein ihre ersten Feuerspektakel zündeten. Als Reminiszenz an die alten Zeiten dreht Schmied zum Stück „Wilder Wein“, das Rammstein 1994 im Knaack aufnahm, richtig auf. „Wollen doch mal die Bässe austesten“, sagt er und grinst, während sich die Männertruppe im Fond des Busses köstlich amüsiert. Aus Hamburg sind sie angereist, wollen abends zum Hertha-Spiel ins Olympiastadion. Einmal im Jahr machen sie eine Fußballausfahrt. „Jedes Mal mit einer Stadtführung“, sagt Thomas, der im Internet auf die Musiktour gestoßen ist.

Nick Cave in Berlin-Schöneberg

Thilo Schmied erzählt unterdessen, dass im Kreuzberger Ramones-Museum öfter mal die Jungs von Green Day oder den Beatsteaks rumhängen. Unter den Yorckbrücken hindurch geht’s weiter nach Schöneberg. „Gleich links war früher das Risiko”, weist Schmied auf einen Reiseshop hinter den Brücken hin. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten habe da Anfang der 80er mal hinterm Tresen gestanden. „Für Nick Cave gab’s Drinks kostenlos.“ Ein abgefahrener Laden sei das gewesen. „Lang lebe der Punk“.

Bei Stadführungen das besondere Berlin erleben

Weiter geht die Stadttour durch Berlin. Hauptstraße 155. Ein unauffälliges Gebäude mit einer Praxis für Osteopathie und Physiotherapie im Erdgeschoss. Eine Gedenktafel und ein Streetart-Porträt an der Hauswand erinnern an einen einstigen Bewohner: David Bowie. Erste Etage, links.

Gedenktafel David Bowie Hauptstrasse
Bild: Shutterstock

1976 bis 78. „Edgar Froese von Tangerine Dream – auch schon tot – fand die Wohnung damals für Bowie.“ Der zunächst mit Iggy Pop und dessen Freundin dort einzog. „Aber Iggy war heftig auf Droge und musste dann in den zweiten Hinterhof umziehen, weil Bowie da keinen Bock mehr drauf hatte“, weiß Schmied.

Erinnerungen werden wach bei Berliner Stadttouren

Weiter geht die Berliner Stadttour am Nachmittag. Köthener Straße 38. Goldene Firmenschilder im Foyer: Fernsehproduktions- und Consultingfirma, Event-Service, mittendrin „Hansa-Studios 4. OG“. Vorher geht’s nur eine Treppe rauf in den Meistersaal. Sieben Meter hoch, knapp 270 Quadratmeter groß. Denkmalgeschützt. Lange her, seit er als „Studio 2“ der „Hansa-Studios by the Wall“ David Bowie als Aufnahmeort seiner legendären Alben “Heroes” und “Low” diente.

Hansa-Studios Berlin, Regie Studio 1
Bild: Katrin Starke

Jahre später nimmt die irische Band U2 hier große Teile des Albums “Achtung Baby” auf. Schmied projeziert das Video zum Song “One” auf die Leinwand hinter der Bühne. „Das ganze Haus war im Ausnahmezustand während der Sessions von U2“, sagt Tourteilnehmer David Heilmann (61). „Der Meistersaal hat doch keine eigene Regie. Die saß in einem Raum den Gang runter. Nur über eine Kamera konnten Musiker und Tontechnik kommunizieren.“ Der Mann mit dem grauen, zum Zopf gebundenen Haar war zuletzt vor fast 30 Jahren im Meistersaal. Danach gründete der Toningenieur sein eigenes Studio. „Er hat mir so viel von den Jahren in den Hansa-Studios erzählt. Jetzt sehe ich zum ersten Mal die Bilder zu den Geschichten“, ergänzt Lebensgefährtin Gabi Wenzel (53).

Den Flügel berühren, an dem David Bowie saß

Heilmann erinnert sich, als Depeche Mode zum ersten Mal das 64-Kanal-Mischpult im „Studio 1“ im vierten Stock sahen. „Die haben gesabbert vor Begeisterung.“ Dass der Kopf der Band Martin Gore im Studio blankzog, weiß er nicht. „Ist aber dokumentiert“, ergänzt Thilo Schmied – und blendet das Foto ein, das den blonden Sänger nur im Slip, mit breitem Ledergürtel um die Hüften zeigt. „Machen einige Künstler, fühlen sich ohne Klamotten wohler“, erzählt Schmied. Wilfried Röhler aus Warendorf, der selbst mal in einer Coverband im Münsterland spielte, hat den Besuch in den Hansa-Studios von seinen drei Kindern zum Eintritt in die Rente geschenkt bekommen. Kürzlich habe er ein Buch über Bowies Zeit in Berlin gelesen. „Das haben die Kinder wohl registriert“, sagt der 64-Jährige. Jetzt im Studio 1 einmal mit den Fingern über den Flügel zu streichen, an dem Bowie damals saß, sei schon „eine schöne Ergänzung“.

Musikstadt Berlin

Nicht nur in den wilden 70ern und 80ern war Berlin eine Stadt der Musik. Auch heute gehört Berlin zu den Musikmetropolen der Welt. Lesen Sie mehr in unserer spannenden Reportage „Der Sound von Berlin >>

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