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Titel Sound Von Berlin
Bild: Promo
Musikstadt Berlin

Element of Crime und Newcomerin Toksï über Musik in Berlin

Unsere Stadt war schon immer Magnet für Musiker: Die vielfältige Clubkultur, günstige Probenräume, führende Plattenfirmen und kleine Indie-Labels, Förderprogramme und Festivals – das zieht. Doch steigende Mieten und veränderte Erlöse im Streaming-Zeitalter verändern die Branche. Was wird aus der Musikmetropole Berlin?

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iktor Kulagin wuchtet den Verstärker aus dem Auto, schleppt den schrankkoffergroßen Kasten ins Orwo-Haus. Der siebenstöckige ehemalige Industriebau im Marzahner Gewerbegebiet ist von außen nicht unbedingt das, was man einladend nennt. Vik entert den in die Jahre gekommenen Lastenaufzug, fährt in den ersten Stock. Dann den Gang entlang bis zur Tür mit der Aufschrift „Klassenraum 7 A“.

Musik in Berlin: Froh über jeden Probenraum in Berlin

Gerade erst haben er und seine vier Kumpels von „Angry & Fork hier ihren neuen Probenraum bezogen. „Zur Untermiete“, erklärt der 29-jährige Bassist. Der Orwo-Haus-Verein hat in dem vielleicht 50 Quadratmeter großen Raum eine ganze Batterie von Trommeln abgestellt. Ein paar Stühle stehen herum, beim Schlagzeug ist die Fußmaschine noch nicht installiert.

Bevor sie proben, wollen die Jungs erst mal aufräumen. Dass sie dafür ihren Sonntagnachmittag opfern – kein Problem. „Wir sind doch happy, dass wir den neuen Raum haben“, sagt Sänger und Gitarrist Tobias Zornig, organisatorischer Kopf der Band und einer ihrer Namensgeber.

Formate: video/youtube

Musikgeschäft Berlin: ein hart umkämpftes Plaster

Seit Jahren schon probt die „rockige Pop-Band“ im Orwo-Haus, war bisher in einem anderen Raum mit untergeschlüpft. Um die 200 Musiker nutzen insgesamt das Haus. Unüberhörbar. Aus dem zweiten Stock wummert ein Bass, lässt die Decke vibrieren. „Hier haben wir supergünstige Konditionen“, sagt Erik „Fork“ Gabelin (30), der schon als Siebtklässler mit Tobias als Singer-Songwriter musizierte. Was er von Musikerkollegen höre, stimme ihn nachdenklich.

Probenräume würden immer teurer, „katastrophal“ sei das.

Bands wie die ihre würden bei Auftritten oft mit kleinem Geld abgespeist. „Es gibt gute Angebote, aber eben auch Veranstalter, die glauben, dass 200 Euro für eine Band eine faire Gage sind“, sagt Vik. Angesichts der hohen Banddichte in Berlin mache man so manchen Auftritt dann eben doch. „Da gehst du zwar mit plus/minus null raus, hast aber Spaß gehabt“, sagt Philipp Hentze. Dennoch sei Berlin eine gute Musikstadt. „Lieber 20 Auftritte vor 20 Leuten in Berlin als ein Auftritt irgendwo auf dem Land mit 100 Zuschauern“, ist sich die Band einig.

Angry And Fork
Bild: Look through MY Eyes - Photography

Neus Album der Berliner Musiker Angry & Fork

„Hier im Orwo-Haus haben wir die Community zum Netzwerken frei Haus“, sagt Philipp, das sei echter Luxus.
Noch in diesem Jahr wollen die Jungs ihr zweites Album aufnehmen, wieder als Eigenproduktion wie schon das erste Album „Reinjeguckt“. Wahrscheinlich werde es nur ein Booklet mit Download-Code, sagt Eric. „Die CD stirbt ja aus.“ Wahnsinns-Einnahmen versprechen sich die gebürtigen Berliner nicht von der Aufnahme. „Aber wir müssen ja auch nicht von der Musik leben“, wirft Schlagzeuger Martin Klement ein.
Alle Bandmitglieder haben feste Jobs – als Sozialarbeiter oder Projektleiter, Maschinenbauingenieur oder Nachrichtentechniker. »So haben wir nicht den Druck, erfolgreich sein zu müssen«, meint Philipp. Aber den „entfernten Wunsch, mit Musik mal richtig Geld zu verdienen“, den haben alle fünf.

Musik aus Berlin: Newcomerin Toksï erobert die Musikszene

So wie auch Toksï. Die blonde Wahlberlinerin wollte „immer schon“ Sängerin werden. Seit 2017 ihre erste EP „Märchen“ auf den Markt kam, lebt sie auch von ihrer Musik. Der Weg zu Mikrofon und Bühne war nahezu vorgezeichnet: Geboren als Tochter zweier Musiker, wuchs sie mit sechs Geschwistern und mindestens doppelt so vielen Musikinstrumenten in Norddeutschland auf, lernte Geige, hatte klassischen Gesang als Abi-Fach.

Formate: video/youtube

Erfolg beginnt mit Youtube Videos

Dabei hatte sie sich längt mit dem Hip-Hop-Virus infiziert. In Hamburg studierte sie Pop-Gesang, fand mit dem „Hip-Pop“ ihren eigenen Stil. Und lud ein paar Musikvideos, die sie mit ihrem Bruder aufgenommen hatte, bei YouTube hoch. Songs mit eingängigen Melodien und eigenen Texten, in denen sie die Absurditäten des Alltags besingt. Dann passierte das, wovon wohl jeder Musiker träumt:

Meine heutige Managerin Finja Nierth hatte ein Video von mir gesehen, schrieb mir auf Face­book, dass sie gern mit mir arbeiten würde. Toksï

Was folgte, war ein Verlagsvertrag. „Und dann haben wir sehr schnell ein paar Songs aufgenommen und ein paar Demos zu verschiedenen Plattenfirmen geschickt.“ Das Ergebnis: ein Vertrag bei Universal. „Da wollte ich eigentlich gar nicht hin, aber das Team hat mich damals einfach überzeugt“, sagt Toksï im Rückblick.

Erste Erfolge im Musikgeschäft Berlin

Toksi
Bild: Wolfgang Stahr

Erst pendelte die 30-Jährige noch zwischen ihrem damaligen Wohnort Hamburg und Berlin. „Aber Managerin, Produzent und Plattenfirma waren alle in Berlin.“ Also zog auch sie in die Hauptstadt.

Berlin biete enorm viele Locations für Auftritte. „Und durch Label und Verlag kommt man ganz schnell in Kontakt mit anderen Musikern und Songwritern.“ Im vergangenen Jahr spielte Toksï auf vielen kleinen Festivals in ganz Deutschland, vielleicht ist sie im Juni bei einem ganz großen Fest mit dabei – bei der Fête de la Musique in Berlin.

Fête de la Musique in Berlin

Auf mehr als 100 Bühnen werden dann wieder Profis und Amateure umsonst und draußen die Hauptstadt rocken. „Da werd ich mich gleich mal bewerben“, hat Toksï auf ihre To-do-Liste geschrieben. Nicht das einzige Ziel, das sie sich für 2019 gesteckt hat: Sie möchte ihr erstes Album rausbringen. Im Zeitalter der Digitalisierung gehe der Trend ja immer stärker zum „Track by Track“, würden einzelne Songs gestreamt. Das findet sie ein bisschen schade, ein Album erzähle doch eine ganze Geschichte. Vielleicht sei sie da etwas oldschool, „aber ich habe zu Hause auch noch einen Plattenspieler und im Auto ein CD-Fach“.

Fête de la Musique am 21. Juni 2019

Im letzten Jahr spielten rund 600 Bands und Solokünstler ohne Gagen auf den rund 120 Bühnen überall in der Stadt: Bereits seit 1995 feiert Berlin den Sommeranfang mit der »Fête de la Musique«. Das erste dieser Umsonst-und-draußen-Konzerte fand 1981 in Paris statt, heute beteiligen sich weltweit rund 340 Städte an dem europäischen Festival für Amateur- und Berufsmusiker. Die Berliner »Fête« wurde bis 2017 von der Kulturmanagerin Simone Hoffmann organisiert, seit letztem Jahr führt der Senat diese Tradition als Veranstalter fort und hat das Musicboard mit der Durchführung beauftragt.

Künstlerbewerbungen, Bühnenstandorte und Programm unter:
www.fetedelamusique.de

Element of Crime: Urgesteine der Berliner Musikszene

An ihr erstes Album als „Element of Crime, in den 1980er-Jahren, können sich Sven Regener und Jakob Ilja noch gut erinnern. „Wir hatten das große Glück, dass unser damaliger Schlagzeuger Uwe Bauer, der vorher bei den ,Fehlfarben‘ war, uns zum Atatak-Label in Düsseldorf vermittelte“, sagt Ilja. „Wir haben die Platte bei Kumpels im Studio aufgenommen, 800 Stück verkauft“, ergänzt Sven Regener. Aber es habe eben schon damals den entscheidenden Unterschied gemacht, eine Plattenfirma zu haben, „auch wenn es nur eine kleine war“.

Formate: video/youtube
Erst mit einem Tonträger werde man als Band ernst genommen und gebucht, könne auf Tournee gehen.

„Das ist heute nicht anders.“ Allerdings seien mittlerweile die Clubs schon Monate im Voraus ausgebucht. Es werde viel mehr getourt und live gespielt, sagt Regener, „weil durch Aufnahmen wenig verdient werden kann“.

Heute im Musikgeschäft Berlin etabliert: ausverkaufte Tour von Element of Crime

Die aktuelle Tour von Element of Crime, die am 30. April in Zürich beginnt und im Mai mit drei Konzerten im Tempodrom in Berlin (23., 24. und 25. Mai) endet, sei gebucht worden, bevor die Band auch nur ein einziges Lied ihres neuen Albums „Schafe, Monster und Mäuse“ eingespielt hatte. „Das fühlt sich schon eigenartig an, wenn die Tour-Termine stehen und du noch gar keine Platte hast“, meint Jakob Ilja.

Es gibt nichts besseres als live zu spielen. Für uns ist das Brot und Butter – immer gewesen. Sven Regener, Element of Crime

Fête de la Musique – echter Sound of Berlin

Dreimal in den vergangenen Jahren waren Element of Crime auch bei der Fête de la Musique. So ein Festival böte aber insbesondere für junge Bands eine fantastische Möglichkeit, ihre Musik unter die Leute zu bringen, sagt Regener.

Denn Gehör zu finden sei definitiv schwieriger geworden, schätzt Jakob Ilja ein. „Die Menge an Musik, die produziert und genutzt wird, hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt“, erklärt der Gitarrist, „aber die Summen, die bei den Musikern landen, haben sich halbiert, weil sie anderswo abgeschöpft werden“. Für seine Band muss sich Ilja jedoch keine Sorgen machen. Ob in Wien, Köln, Hamburg oder Berlin: Bei Element of Crime sind die Hütten voll.

Lesen Sie über die Musikstadt Berlin und die Herausforderungen im Berliner Musikgeschäft unser Interview mit Katja Lucker vom städtischen Musicboard Berlin >>

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