Titel Mode Neukoelln
Bild: Un autre voodoo

Nur nicht Mainstream

Mode-Paradies Neukölln

Neukölln lohnt sich nicht nur nachts: Auch tagsüber bietet der hippe Stadtteil jede Menge Shopping-Erlebnisse abseits des Mainstreams. Ob Vintage-Looks oder junge Berliner Mode, ob Designer-Läden oder improvisierte Laden-Lokale: Hier kommen Fans von Handgemachtem und Unikaten auf ihre Kosten.

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owboy-Westen mit Fransen hängen an den Wänden, daneben Sägen und Hüte, auf dem Boden ein Getreidesack mit getrockneten Blumen sowie Leitern, an denen Kränze aus Trockenblumen baumeln: Überraschend ländlich kommt der Vintage-Laden „Rag and Bone Man“ daher – und doch liegt er in einem der am dichtesten besiedelten Stadtteile Berlins: 325.000 Menschen aus 150 Nationen leben in Neukölln. Eine von ihnen: die gebürtige Londonerin Maggie Coker.

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Bild: Poems and Posies

Seit fünf Jahren besteht ihr Vintage-Laden in der Briese Straße. Abseits von 1-Euro-Shops, Billig-Bäckereien und Döner-Läden können Shopping-Fans den kleinen Laden in einer Seitenstraße finden und genüsslich durchstöbern. Im Sortiment: Ausgesuchte Teile aus vergangenen Epochen, die Maggie auf der ganzen Welt einsammelt. Darunter zum Beispiel Exquisites wie das Paillettenkleid für ein paar hundert Euro, das sie am liebsten selbst behalten würde.

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Bild: Rag and Bone Man

Genauso eigenwillig wie ihr Sortiment, ist auch ihr eigener Style: Ihre Haare hat sie oft aufgetürmt und mit Tüchern dekoriert, dazu viel Schmuck und Gemixtes. Prints gehen mit Wildleder, lange weite Röcke mit derben Stiefeln – Maggie fällt auf. Im Hinterzimmer knüpft Dörte Bundt nach alter orientalischer Technik Wohnaccessoires, so genannte Makrame. Und in einer Nische im vorderen Teil des Ladens ist Platz für „Poems and Posies“ – das Label für Blumen-Arrangements, die aus Tischen und Sideboards eine englische Blumenwiese machen.

Fröhliche und lässige Brautmode

Mit ihrer Geschäftspartnerin Jasmin Lünstroth stattet Maggie auch Neuköllner Bräute aus. „Immer mehr Frauen greifen auch bei ihrer Hochzeit auf lokale Stylisten und Dekorateure wie uns zurück“, sagt Maggie. „Heutzutage wollen Bräute nicht mehr so spießig aussehen, sondern fröhlich und lässig.“

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Bild: Rag and Bone Man

Und dann nimmt Maggie uns mit zu Oryanne Dufour. Sie betreibt mit ihrem Ehemann Raphael den Laden „Un autre voodoo“ in der Tellstraße, unweit des Maybachufers. Hier gibt es ausgewählte Mode und Accessoires von 40 wechselnden Berliner Designern. Alle drei Monate tauscht Oryanne das Sortiment aus, es gibt also immer etwas zu entdecken. Gerade ist ein junger Mann aus Paris im Laden, der uns seinen Namen nicht verraten mag; er probiert eine Strickjacke an. Das gute Stück soll über 100 Euro kosten, Maggie und Oryanne beraten. „Du musst dir das mit einer schmalen Hose vorstellen, die Jacke ist dann das Statement-Piece des Outfits“, sagt Maggie.

Eine Chance für junge Designer

Überzeugt. Die Jacke wandert zur Kasse. „Ich finde es so schade, dass es in anderen Städten immer nur die gleichen Läden gibt“, sagt der Franzose. „Die haben keinen Charme und man wird nicht beraten. Toll, dass es das hier noch gibt.“ Oryanne und Raphael geben jungen Designern eine Chance, die sonst vielleicht aufgeben müssten – oder gar nicht erst anfangen könnten. Sie müssen keine eigenen Ladenflächen mieten, sondern können ihre Sachen bei „Un autre voodoo“ auf Kommissionsbasis verkaufen. Das Konzept hat die gelernte Ingenieurin Oryanne zunächst mit dem „Voodoo Market“ und dann einem Pop-up-Store getestet. Mit Erfolg. Deshalb gibt es nun das ganze Jahr über Berliner Mode in der Tellstraße.

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Bild: Macrame

Neukölln ist geprägt von Vintage und handgemachter junger Mode. Die Läden sind meist klein und wirken improvisiert. Keine perfekt dekorierten Schaufenster, keine Einheitskleiderstangen, sondern selbst gebastelte Girlanden und aus Holzresten zusammengezimmerte Regale. „Hier konnte ich ohne viel Geld meinen Traum von einem eigenen Laden verwirklichen“, sagt Maggie.

Neben dem Improvisierten gibt es in Neukölln aber auch die andere Seite, die High-Fashion-Designer, die die immer noch günstigeren Mieten nutzen. Darunter zum Beispiel das Label „Augustin Teboul“. In einer Erdgeschoss-Wohnung an der Karl-Marx-Straße entwirft das deutsch-französische Designer-Duo Annelie Augustin und Odély Teboul Mode für Laufstege und Vogue-Cover. Gwen Stefani, Lady Gaga, Rita Ora – Frauen wie sie lieben die etwas düsteren, rockigen und sexy Kleider der Wahl-Neuköllnerinnen. Und sie genießen, dass neue Designer in Berlin noch ganz anders wahrgenommen werden als etwa in Paris, wo man inmitten der etablierten Marken wie Chanel oder Dior als Neuling schnell untergeht.

Verstecke Ateliers in Hinterhöfen

Versteckte Ateliers in Hinterhöfen und an Hauptstraßen – auch das ist typisch für Neukölln. Die Designer-Läden sind über den ganzen riesigen Stadtteil verstreut. Sich zu orientieren ist für Berlin-Besucher und Neu-Berliner nicht einfach – und den Läden fehlt die Kundschaft. Inzwischen gibt es deshalb verschiedene Initiativen, um sie zu vernetzen und Neukölln zu einem Modestandort der besonderen Art zu machen. Bereits seit 2011 ist zum Beispiel der Fashion-Inkubator NEMONA aktiv, der rund 150 Designer und Modemacher unterstützt. Ein weiteres Projekt ist die Neukölln Schatzkarte, ein illustrierter Stadtplan, den Ladenbesitzer kostenlos an ihre Kunden verteilen.

Über 40 Hotspots sind darauf eingezeichnet, der Großteil hat mit Mode und Shopping zu tun. Die Karte soll bei der Orientierung helfen und ist für die Ladenbesitzer gleichzeitig ein Marketing-Instrument, um mehr Kunden zu erreichen. Vor allem die Ur-Neuköllner sind skeptisch, was da von Zugezogenen aus aller Welt in ihren Kiez eingebracht wird. Ein typisches Problem in Neukölln, diesem Stadtteil mit dem inzwischen längst überholten schlechtem Image. „Dabei sehen wir uns gar nicht als Eindringlinge, die irgendwas kaputt machen wollen“, sagt Maggie. „Wir wollen den Kiez erhalten. Und gerade diese kleinen Läden machen doch seinen Charme aus.“

Neuköllner Mode-Adressen

Kiez-Rundgang mit der Neukölln Schatzkarte: neukoellnschatzkarte.com

Fashion Inkubator mit Fashion Guide:
www.nemona.de()

Shop mit Mode und Accessoires von Berliner Designern:
unautrevoodoo.com

Maggies Vintage-Shop: Facebook-Seite

Orientalische Wohnaccessoires: Facebook-Seite

Hippie-Blumendeko: Facebook-Seite()

High Fashion Label aus Neukölln: www.augustin-teboul.com

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