Newsletter abonnieren
Titel Michel Ruge
Bild: Anatol Kotte
Porträt

„Abenteuer-Spielplatz für Erwachsene“

Wie war Berlin in den 1990ern, als in den Hinterhöfen illegale Clubs aufmachten und das Leben eine einzige große Party war? Michel Ruge kann das beantworten: Türsteher, Clubgänger, Party-Mittelpunkt. In seinem Buch „Große Freiheit Mitte“ nimmt er die Leser mit in das legendäre Berliner Clubleben.

D

er Club „Cookies“ in Berlin-Mitte in den 1990ern: das Epizentrum für ausgiebige Partys. 500 Menschen drängen sich dicht an dicht auf der riesigen Tanzfläche, zucken ekstatisch zu harten Technobeats. 150 Beats pro Minute wummern aus den Boxen, der Boden vibriert, die Körper beben mit. Mittendrin: Michel Ruge.

Champagner-bar Toilette Cookies
Michel (2.v.l.) im “Modellhut” mit Lorenzo, der die Champagner-Bar auf der Toilette im Cookies organisierte und zwei weiblichen Gäste. Bild: Privat

„Es war unglaublich schwül, roch modrig und nach Alkohol”, erzählt der Autor unaufgeregt hanseatisch am Telefon. Über den Köpfen habe ein Dunst aus Schweiß und künstlichem Nebel gewabert, hoch oben an der Decke schwang ein großer, flackernder Kronleuchter hin und her.

Der damals 30-Jährige ist elektrisiert, fühlt sich am Puls der Zeit, wie er im Buch beschreibt. Ein positiver, geselliger Typ, der die schönen Seiten des Lebens genießt. Auf Fotos von damals wirkt er ähnlich lässig und entspannt wie jetzt, wenn er von jenen Tagen erzählt.

„Alle wussten: Wir befinden uns hier deutschlandweit in einer Ausnahmesituation und was wir jetzt zusammen erleben, kommt nie wieder.“ Michel Ruge

Im Buch nennt er das „Cookies” sein Paradies. Das Klo wird zur Champagner-Bar mit DJs. Mit einem Freund (Spitzname: “Professor”) erkundet er das 400-Quadratmeter große Club-Labyrinth und schreibt dazu im Buch: „Es wurde getanzt, gefeiert, geknutscht und gefummelt, dass es die pure Freude war.

Mit Smiley Vor Paris Bar
Mit Smiley, seinem Partner an der Tür angesagter VIP-Underground-Partys. Hier vor der legendären “Paris Bar” in Charlottenburg zur Popkom. Bild: Privat

Berlin – das war damals ein heißes Pflaster. Michel Ruge wird Türsteher in den angesagtesten Clubs in Berlin-Mitte. Dort bekommt er es nicht nur mit den Berliner Bandenbossen zu tun – er lernt auch die ungeahnte Freizügigkeit des Berliner Nachtlebens kennen. Berlin ist hip, alle sind wie im Rausch.

Herr Ruge, was war so besonders an der Club-Atmosphäre in Mitte?
Uns Leute aus dem Nachtleben verband ein positives Lebensgefühl von Gleichheit und Liebe. Wir lebten, arbeiteten und feierten in diesem Mitte-Biotop und teilten eine anarchistische, selbstbestimmte Lebenseinstellung. Alle wussten: Wir befinden uns hier deutschlandweit in einer Ausnahmesituation und was wir jetzt zusammen erleben, kommt nie wieder. Darum haben wir uns im Cookies, WMF, 103, Fun Club oder der WBM Bar hemmungslos selbst gefeiert.

Wbm Bar
Freund des Hauses: Michel (2.v.r.) in der “WBM Bar” mit deren Machern. Bild: Privat

Inwiefern war es eine Ausnahmesituation?
Seit der Wende gab es in Mitte viele freie, günstige Wohnungen, Laden- und Kellerräume. Oft waren Eigentumsverhältnisse unklar. Das zog Künstler und andere Menschen an, die andernorts nicht ins bürgerliche Raster passten. Wir waren 500 Leute, die sich hier in Clubs, Kneipen oder auf der Straße kennen gelernt hatten, das Nachtleben prägten und Räume für Kunstevents und Partys nutzten. Du konntest für 300 Mark Miete im Monat in einer 100-Quadratmeter-Wohnung leben. Ein Witz! Wir haben uns Jobs und Wohnungen zugeschanzt und waren solidarisch. Es ging uns nicht um Geld oder schicke Klamotten. Wir schätzten uns für das, was wir waren – nicht für das, was wir hatten.

Klingt nach utopischen Verhältnissen…
Natürlich gab es auch Konflikte, aber wir konnten Mitte wegen der Wohnungssituation nach unseren Vorstellungen mitgestalten und uns dabei individuell selbst verwirklichen. Ich habe das als frei von Konkurrenz erlebt. Niemand wollte sich bereichern, die Clubs halfen sich. Und es war leicht, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Das passierte überall spontan und zwanglos. Ich geriet oft in Pulks von Leuten und wir landeten auf irgendeiner WG-Party, wo wir übernachteten. Berliner Frauen waren sexuell offensiver als Hamburgerinnen. Es war einfach, schnell mit jemandem im Bett zu landen.

Großer Traum von der Film-Karriere in Berlin

Ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene nennt das Ruge. Nach dem Ende der Schauspielschule und einer kaputten Liebesbeziehung in Hamburg träumt er von einer Kino-Karriere in der Filmstadt Berlin. Damit klappt es nicht. Wohl auch, weil er den matten Witz einer Casterin sarkastisch mit „Wahnsinnig witzig” kommentiert, wie er im Buch schreibt. Ruge ist keiner, der sich verbiegt. Selbstbestimmt von Projekt zu Projekt – so hat er es am liebsten, verdingt sich als Türsteher, Kampfsportlehrer und wirkt an kleinen Filmprojekten mit. „Statt langfristig zu planen, schmeiße ich mich ins Leben. Daraus ergeben sich die Dinge, die ich mache.” Auf seinen Bestseller „Bordsteinkönig” über seine Jugend in St. Pauli folgt nun die „Große Freiheit Mitte”.

Fruehstueck In St Pauli 2018
Hamburg 2018: Nackte Tatsachen – Michel beim Frühstück vor seiner Wohnung in St. Pauli. Bild: Privat

Darin beschreibt er auch den Kater nach der feierwütigen Aufbruchstimmung der 90er, die Stadt im Wandel der Zeit. Besitzverhältnisse klären sich, Mitte lockt Investoren, Häuser werden saniert, Räume knapp, Clubs müssen ausziehen. Folgen, die Ruge schmerzlich wahrnimmt und im Buch beschreibt: Konkurrenz und Kommerz statt Solidarität und Selbstbestimmung. Um 2005 war es mit der „Großen Freiheit Mitte” aus seiner Sicht vorbei. Er bleibt aber in der Stadt, kehrt erst 2016 nach St. Pauli zurück. In Berlin ist Ruge noch häufig und trifft Weggefährten an Lieblingsorten wie dem Café Galao.

„Ich sehne mich nicht nach der Vergangenheit zurück. Es gibt für alles eine Zeit!“ Michel Ruge, Buchautor

Was unterscheidet Mitte heute von damals?
Früher waren die Häuser grau und die Menschen bunt, heute ist es umgekehrt. Ich fühle mich aber noch wohl hier und entdecke immer wieder neue schöne Dinge. Ich sehne mich nicht nach der Vergangenheit zurück. Es gibt für alles eine Zeit!

Buch Michel Ruge
Michel Ruge: Große Freiheit Mitte – Mein wilder Trip durchs Berliner Nachtleben, Knaur-Verlag, 12,99 Euro

Was bleibt von der „Großen Freiheit”?
Es bleiben vor allem die Erinnerungen derer, die dabei waren und an diesem Miteinander teilhatten. Aber in New York wird heute noch für das Berlin der 90er geworben.

Michel Ruge mag solche kühn zugespitzten Sätze. Sätze wie Ausrufezeichen, die nachhallen und –wirken. Und gerne etwas schräg. Wie das damalige Club- und Partyleben.

Autor: Lutz Steinbrück

Formate: video/youtube

Diese Themen könnten Sie auch interessieren