Titel Manga
Verkleiden sich im Stil japanischer Manga-Comic-Figuren: Anhänger des Cosplay. Auch in Berlin gibt es mittlerweile eine große Fangemeinde. Bild: Shutterstock
Von Cosplay bis Karaoke

„Wir lieben Manga!“

Japan begeistert nicht nur bald zur Kirschblütenzeit mit seinen Farben, auch die bunten Charaktere aus Mangas und Animes erfreuen sich zunehmender Begeisterung. Auch hier in Berlin ist die Fangemeinde der japanischen Comics groß.

L

anges, silbernes Haar, Schleife mit Schachbrett-Muster, keckes Augenzwinkern: Bei Lilli von Bergen sitzt jede Mimik, wenn sie vor der Kamera posiert.

Lilli (18) als Comic-Figur. Bild: Julia Schattauer

Die 18-jährige ist es gewohnt im Cosplay vor der Kamera zu posieren. Cosplay steht für „costume play“ und meint das Verkleiden und Posieren als eine fiktive Figur.

Heute verkörpert sie Nyaruko, die Hauptfigur einer japanischen Manga- und Animeserie namens „Haiyore! Nyaruko-san“, die als Außerirdische im Körper eines Mädchens für Chaos und Herzschmerz sorgt.

Accessoires-Tipps auf YouTube

Nyaruko ist nur ein Charakter, in dessen Rolle Lilli von Bergen immer wieder schlüpft. Ihre Kostüme näht sie alle selbst, das kann „je nach Aufwand und Detailtreue zwischen zwei Stunden und zwei Tagen dauern“, schätzt die junge Cosplayerin. Ihre Charaktere sucht sie nach der Optik und Umsetzbarkeit aus. „Es soll ja auch tragbar sein und nicht zu knapp“, betont Lilli. Das Schminken und Nähen hat sie sich selbst beigebracht. Sie kauft Stoffe; Accessoires findet sie in Gothic-Shops oder Bastelläden. Wenn sie Hilfe für besondere Accessoires wie Rüstungsteile braucht, dann schaut sie sich Tutorials auf YouTube an.

Was Lilli am Cosplay so begeistert? „In erster Linie finde ich es faszinierend, dass man in eine komplett andere Hülle schlüpft. Wenn ich in der Rolle meines Lieblingscharakters bin, dann kann ich meine Schwächen trainieren. Ich bin durch das Cosplay sehr viel selbstbewusster geworden“, erklärt die Berlinerin. „Man entkommt außerdem dem Alltagstrott und trifft neue Menschen. Die Community ist sehr offen und tolerant.“

Monatliches Fan-Treffen in Reinickendorf

Seit rund zwei Jahren ist sie nun in der Cosplay- und Anime-Szene und gehört mittlerweile auch zum Helferteam des B.A.T., dem Berliner Anime Treffen, das monatlich im Metronom, der Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung in Tegel veranstaltet wird.

„Ich bin im Internet zufällig auf ein Animeforum gestoßen, dann bin ich zu einem Treffen“, erklärt Lilli. Ein- bis zweimal im Monat trifft sie sich mit Gleichgesinnten. Mal bei organisierten Treffen – mal bei privaten Partys mit Freunden. Natürlich immer im Cosplay. An skeptische Blicke in der U-Bahn hat sie sich gewöhnt. „Glücklicherweise bekomme ich viele positive Reaktionen; dann werde ich gefragt, welchen Charakter ich darstelle und bekomme Komplimente.“

Jeder kennt jeden: Überschaubare Szene

Selbst in andere Geschlechter können die Cosplayer schlüpfen. Marisa, die aus Niedersachsen nach Berlin gezogen ist, verkörpert am liebsten männliche Charaktere wie Kakuzu aus der weltweit erfolgreichen Mangareihe und Animeserie „Naruto“.

In Berlin treffen sich eingeschworene Fans jeden Monat. Bild: Julia Schattauer

Das ist bei Cosplayern nicht ungewöhnlich, trotzdem bekommt die 22-jährige manche unschöne Bemerkungen zu Ohren, Bodyshaming nennt sie als Stichwort. „Mit Bodyshaming meine ich das abfällige Gerede über die Figur. Ob man zu dick ist für eine Rolle oder die Haut zu dunkel. Es gibt aber auch genügend, die Fotos machen wollen“, da kümmert man sich um die negativen Reaktionen weniger.

In der Berliner Cosplayszene fühlt sie sich mittlerweile gut angekommen. „Die Szene ist überschaubar, man lernt sich schnell kennen, hält zusammen und bekommt Kontakt zu den unterschiedlichen Organisationsteams“, meint sie.

Durch TV-Programm für Kinder Zugang gefunden

Organisation und Planung, das ist das Steckenpferd von Fabian Stoll, der das monatliche Berliner Anime Treffen veranstaltet. Auch er hat, wie die meisten, durch das Kinderprogramm im Fernsehen den ersten Zugang zu den japanischen Comics bekommen. Übers Internet lernte er andere Animefans kennen, ging zu Treffen und Conventions und half bei der Realisierung von Veranstaltungen. Kontakte sind in der Szene das A und O. Durch Zufall bekommt er Kontakt zum „Metronom“, das mit seinen Räumen perfekt für ein Community-Treffen geeignet ist. Fabian kümmert sich als Projektleiter und Veranstalter mit seinem Team um das Rahmenprogramm, Technik und Verpflegung. Der Renner sind die Karaokepartys; aber auch Filmvorführungen, Tanzspiele, gemeinsames Zeichnen und Kartenspiele ziehen die Gäste an.

Durchschnittlich finden um die 60 Personen am ersten Freitag im Monat ihren Weg ins Metronom, zu größeren Events wie der Weihnachtsfeier sind es schon einmal 300. Das B.A.T sieht sich als Treffen für alle. Hier kommen Cosplayer, Manga- und Animefans mit und ohne Kostüm. „Es ist ein lockeres Treffen, wo man einfach ein bisschen Spaß haben kann, sich austauscht und für andere Events verabredet“ betont der gelernte Gärtner und ergänzt: „Man kennt sich und das Familiäre ist mir wichtig“. Momentan reden alle über die Mega Manga Convention, kurz MMC, die im Oktober viele Mangafans nach Berlin lockt. Es ist das Highlight des Jahres und Pflichtprogramm für alle Japanfans.

Lesestoff: Wöchentlicher Nachschub im Neo Tokyo

Dann sind auch die Mitarbeiter vom „Neo Tokyo“ in der Schönhauser Allee mit einem Stand vor Ort. Es ist zusammen mit dem J-Store eines der größten Geschäfte für Mangas in Berlin. In den Regalen reihen sich unzählige Bücher aneinander, japanische Musik schallt aus den Boxen. Die Kundschaft präsentiert sich sehr abwechslungsreich: Eine Gruppe junger Mädchen, die sich nach einem bestimmten Titel erkundigen, eine ältere Frau, die an den Plüschtieren steht, ein paar Jungs um die 16, die die CDs begutachten. „Wir haben den Anspruch, alles vorrätig zu haben, was es auf dem deutschen Markt gibt“, sagt Inhaber Dieter Hoch.

Im Laden „Neo Tokyo“ wächst die Kundschaft, unter anderem für die bunten Manga-Comics. Bild: Julia Schattauer

Wie viele Bücher im Laden stehen? „Tausende, zig tausende!“, meint Hoch. „Einmal die Woche bestellen wir bei allen Verlagen neue Bücher und manchmal dauert es nur Stunden, bis ganze Regal wieder abgegrast sind.“ Die Nachfrage an englischen Mangas und den japanischen Originalausgaben wachse vielversprechend. „Die Gegend um die Schönhauser Allee wird immer beliebter. Immer mehr Hotels für junge internationale Touristen siedeln sich hier an. Das merken wir auch bei uns im Laden.“ Auch auf der Convention sind die Besucherzahlen steigend. Die Mangaszene boomt.

Es sind vor allem die Themen, die die japanischen Comics bei Jugendlichen so beliebt machen: „Bei Mangas gibt es Action und Fantasy, vor allem aber um Alltagsprobleme der Jugendlichen. Liebe, Sexualität, aber auch Mobbing in der Schule stehen aktuell bei einigen Serien im Vordergrund. Das spricht junge Leute vielleicht mehr an als reine Superheldencomics. Die Bandbreite ist einfach größer.“

Wie lange der Boom anhält? „Gute Frage, wir freuen uns einfach, dass es gut läuft“, meint er, lacht und geht zurück an die Kasse. Eine bunte Plüschfigur der Mangaserie „One Piece“ will bezahlt werden. Die gehen gerade besonders gut.

Neo Tokyo Berlin
Schönhauser Allee 188
10119 Berlin
http://www.neotokyo.de/

Berliner Anime Treffen
Metronom Berlin
Sterkrader Straße 44, 13507 Berlin

Treffen: Einmal im Monat, zu unterschiedlichen Tagen ab 19:00 Uhr
Termine hier: http://jamberlin.de/eventkalender/
Unkostenbeitrag: 2 Euro

MMC Berlin
Mega Manga Convention
27.10.2017 bis 29.10.2017
Fontane-Haus im Märkischen Viertel
Königshorster Straße 6
13439 Berlin

Tageskarten ab 18 Euro
www.mmc-berlin.com

Diese Themen könnten Sie auch interessieren