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Titel Lost Places
Bild: Shutterstock
Stadttouren Berlin

Die Lost Places Berlins entdecken: Spreepark und Teufelsberg

Sie gehören zu den bekanntesten Lost Places in Berlin und haben sich zu echten Attraktionen gemaustert. Unsere Autorin Katrin Starke hat Spreepark und Teufelsberg besichtigt.

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er metergroße Saurier aus Polyester liegt auf dem Rücken, im Bauch klafft ein Loch. Die Schienen der Wildwasserbahn sind von Büschen umrankt. Woche für Woche zieht das Areal des früheren „Spreeparks“ Besucher an – auf den Spuren der Zeiten, als im Plänterwald noch Rummel war. Heute ist dieser verwunschene Ort einer der „Lost Places“ in Berlin, von denen es in und rund um die Hauptstadt einige gibt. So auch den Teufelsberg, von dem aus Briten und Amerikaner einst in Richtung Osten lauschten.

Spreepark Berlin 1
Bild: Katrin Starke

Stadttour durch Berlin: Willkommen im Spreepark

Manchmal, wenn der Wind über Berlin hinwegfegt, dreht sich das 45 Meter hohe Riesenrad. Angetrieben wie von Geisterhand. Denn seit der Vergnügungspark im Plänterwald 2002 seine Pforten schloss, hat kein Mensch mehr in einer der 40 gelben, roten und blauen Gondeln gesessen.

„Dass sich das Rad dennoch drehen kann, ist Absicht“, erklärt Regina Stieler-Leonhardt. „Damit nichts kaputt geht“, ergänzt die Gästeführerin, unterwegs im Auftrag von „Grün Berlin“. Die skeptischen Blicke einiger Tourteilnehmer hat sie sofort registriert. „Die Grundsubstanz ist gut erhalten“, fügt sie hinzu. Schließlich sei es nicht mehr das Original-Riesenrad von 1969 – dem Jahr, in dem der „Kulturpark Plänterwald“ als einziger Vergnügungspark der DDR eröffnet wurde.

Spreepark Berlin 4
Bild: Katrin Starke

Wiederbelebung des Spreeparks ab 2022

„1989 hat man sich ein neues Riesenrad geleistet“, sagt Stieler-Leonhardt. Und das könnte durchaus noch eine Rolle spielen, wenn die Grün Berlin GmbH das Areal ab 2022 schrittweise wiederbelebt. Ein Rummel soll es dann nicht wieder werden, „eher eine Mischung aus Natur-, Kultur- und Freizeitpark“. Der Bebauungsplan liege beim Bezirksamt Treptow-Köpenick, „aber in den nächsten Jahren wird noch nichts passieren“. 130 Millionen Ostmark seien 1969 auf dem 23 Hektar großen Gelände verbaut worden, erzählt die gebürtige Hallenserin, die in der Wendezeit mit ihrer damals fünfjährigen Tochter zum ersten Mal im Plänterwald war.

Heute Lost Place – früher Besuchermagnet

1,7 Millionen Besucher seien zu DDR-Zeiten Jahr für Jahr hergekommen. „Statistisch gesehen war jeder DDR-Bürger 1,3 Mal hier“, weiß die Gästeführerin. 1997 waren es dann nur noch 400.000 Besucher. 2001 meldete Kirmesunternehmer Norbert Witte, der den Park nach der Wende als „Spreepark“ weitergeführt hatte, Insolvenz an. „Das war doch der, dessen Sohn wegen Drogenschmuggels in Peru im Knast war“, sagt einer der Besucher. „Der sitzt immer noch, inzwischen aber in Berlin.“ Das etwas Windige liege wohl in der Familie, meint ein anderer Tourteilnehmer. Großvater Witte habe sich selbst ja als „Hochstapler und Schausteller“ bezeichnet.

Stadttour durch Berlin weckt Kindheitserinnerungen

Die Gruppe läuft vorbei an den Überresten des Kleinbahn-Haltepunktes, dessen Dachschindeln mit Moos überwuchert sind, und am früheren Spezialitätenrestaurant, von dem nur noch Stahlskelett und Dachrohrkonstruktion erhalten sind. In der Nähe des früheren Eingangs steuert Regina Stieler-Leonhardt auf das Tassenkarussell zu.

Spreepark Berlin 2
Bild: Katrin Starke

„Steigen Sie ein!“ Das lässt sich die 56-jährige Karina nicht zweimal sagen. Die Wandlitzerin hat die Führung von ihren Söhnen geschenkt bekommen. Und die geben jetzt richtig Schwung, damit das Plateau mit den Tassen rotiert. Dazu dreht Karina an der Scheibe, damit sich auch die Tasse um die eigene Achse dreht. „Huhuhu“, juchzt sie, „das ist wie früher, als ich auf Klassenfahrt hier war“. Damals kostete der Eintritt 1,05 Mark. „Die fünf Pfennige waren Kulturabgabe“, berichtet die Gästeführerin. Die Fahrgeschäfte kosteten extra, zwischen 20 Pfennigen und zwei Mark.

Lost Places als Objekt für Fototouren

Das 360-Grad-Kino „Cinema 2000“ gab es da noch nicht. Das hatte erst Norbert Witte installiert. Und heute ist davon nur noch die zeltartige Hülle erhalten. „Die Projektoren sind nach der Insolvenz geklaut worden“, sagt Stieler-Leonhardt. Wie so vieles. Auch viel Vandalismus habe es gegeben, bis das Land Berlin 2016 wieder Zugriff aufs Gelände bekommen und es eingezäunt habe. Von der großen Achterbahn, auf der man mit 90 Sachen durchs Gelände sausen konnte, war da nur noch einer von 20 Pfeilern vorhanden. „Schade“, mault ein Besucher und will seine Kamera schon wieder einpacken. „Warten Sie ab“, sagt die Gästeführerin.

Cate Blanchett fuhr schon Spreeblitz

Zwei Minuten später kommt ein riesiges Drachenmaul in Sicht – die Einfahrt zur früheren zweiten Achterbahn, dem Spreeblitz. Das bunte Maul hat es 2010 noch zu später Berühmtheit gebracht – als Hollywood-Regisseur Joe Wright hier Szenen seines Action-Thriller „Wer ist Hanna?“ drehte und Schauspielerin Cate Blanchett aus dem Schlund herausfuhr.

Spreepark Berlin 3
Bild: Katrin Starke

Vom englischen Kulissendorf gibt es nur noch die Reste, die nach dem großen Brand 2014 übriggeblieben sind. Die Schienen der Wildwasserbahn sind hinter Birken nur zu erahnen, die Scheiben im Kassenhäuschen der früheren „Schwanenfahrt“ eingeschlagen, die Holzplanken mit Graffiti beschmiert. Einfache Tags nur, nichts Besonderes.

Lost Place auf dem Berliner Teufesberg

Anders als an der einstigen Abhörstation der Amerikaner und Briten auf dem Teufelsberg. Dort ist nach deren Abzug, als die Station einige Jahre sich selbst überlassen war, „die größte Ausstellung von Street Art in ganz Europa entstanden“. Davon ist Christopher McLarren überzeugt.

Radarstation Teufelsberg 3
Bild: Katrin Starke

Der 71-Jährige, bis 1994 in Diensten der US-Armee, war von 1973 bis 1975 auf dem Teufelsberg stationiert – als „Signals Analyst“. Als einer, der den Funkverkehr von Nationaler Volksarmee und den in der DDR stationierten sowjetischen Truppen auswertete. Heute führt er Besucher über das Areal, auf dem zu Zeiten des Kalten Krieges an die 1.500 Soldaten stationiert waren, die rund um die Uhr den Ostblock belauschten.

Ehemalige Abhörstation der West-Alliierten

Wie weit das Ohr der West-Alliierten gereicht habe, da will sich McLarren nicht festlegen. Eine Berliner Zeitung habe mal von 300 Kilometern geschrieben, das halte er für ziemlich untertrieben.

Radarstation Teufelsberg 2
Bild: Katrin Starke

Einige Jahre lang konnte der frühere Soldat – der in den 70er Jahren in Berlin seine große Liebe fand, heiratete und blieb – Besucher bis an seinen einstigen Arbeitsplatz im zweiten Stock des Hauptgebäudes führen. Und bis auf die Aussichtsplattform unterhalb der höchsten der vier markanten Kuppeln. Unter deren weißen Kunststoffhüllen, die wie überdimensionierte Golfbälle aussehen, waren früher die Radarschirme versteckt – damit nicht zu erkennen war, in welche Richtung sie ausgerichtet waren. Doch im vorigen Jahr sperrte der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf das Gebäude. Standsicherheit und Brandschutz seien nicht gewährleistet. Seither kann auch Christopher McLarren nur noch an dem entkernten Bau emporblicken, aus dem ein Investor mal ein Hotel machen wollte. „Das haben Anwohner vom Fuß des Berges gestoppt“, sagt McLarren.

Besichtigung der Aktenvernichtungsanlage

Seit 2006 hat das Gelände wieder seinen einstigen Status – als Wald. Gebaut werden darf hier nicht mehr. Dennoch pachtete Marvin Schütte, der Sohn des erfolglosen Investors, vor einigen Jahren das Gelände. Seither ist auch Christopher McLarren hier unterwegs. Zumindest die Aktenvernichtungsanlage neben dem Suchturm kann er zeigen. Mit den zwei Kesseln, in denen Abhörprotokolle und Tonbänder chemisch zersetzt wurden. Auch auf die frühere Kantine deutet er. „War sehr beliebt“, sagt der 71-Jährige. „Weil es neben unserer Militärpolizeistation das einzige Gebäude war, das Fenster hatte.“ Und natürlich, weil es gutes amerikanisches Essen gegeben habe.

Radarstation Teufelsberg 1
Bild: Katrin Starke

Die Briten hätten mal einen kleinen Aufstand gemacht, „weil sie authentisches Fish&Chips haben wollten“. Die Küche habe gelernt „und dann gab es wieder Frieden“. Einen kulturellen Unterschied zwischen Amerikanern und Briten habe es aber bis zum Schluss gegeben: „Wir Amerikaner hatten Toiletten für Männer und Frauen, die Briten hatten Toiletten für Männer, Frauen und Offiziere.“

Führungen zu den Lost Places in und um Berlin

Spreepark:
Bis Anfang November gibt es an jedem Wochenende anderthalbstündige Führungen. Kosten: 5 Euro.
Wegen der hohen Nachfrage ist der Vorverkauf gestaffelt. Am 1.Juni beginnt der Vorverkauf für die Führungen im Juli und August unter: www.gruen-berlin.de

Teufelsberg:
Führungen gibt es jedes Wochenende: an Feiertagen und jeden Freitag um 14 Uhr, sonnabends und sonntags jeweils um 13 Uhr in deutscher und um 15 Uhr in englischer Sprache. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig. Kosten: 15 Euro. www.teufelsberg-berlin.de

Beelitzer Heilstätten:
Einer der wohl spektakulärsten Lost Places in der Nähe von Berlin ist das Areal der Beelitzer Heilstätten – die größte noch bestehende Weltkriegsruine eines Profanbaus in Brandenburg. Verschiedene thematische Führungen bietet „Baum & Zeit“ an, Betreiber des Baumkronenpfades Beelitz-Heilstätten. Bei einem Spaziergang über den Baumkronenpfad lässt sich zudem ein Teil der Anlage von oben betrachten. Infos unter: www.baumundzeit.de

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