Titel Lieblingsorte
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Blick von außen

Berliner Lieblingsorte

Unsere Stadt ist Magnet für Menschen aus aller Welt. In bewegten Zeiten sind Berlins friedliche Vielfalt und gelebte Toleranz für viele ein Zeichen der Hoffnung. Hier erzählen internationale Gäste, welche Orte sie ganz individuell berühren.

Weh ums Herz

Gedächtniskirche, Charlottenburg

„Ich halte die Gebäude für lebendig. Mit einigen habe ich Mitleid. Bevor ich nach Deutschland flog, hatte ich eine Liste angelegt, worauf die Sehenswürdigkeiten standen, die ich besuchen und besichtigen wollte. Von großer Bedeutung war für mich damals die Gedächtniskirche. Ich wusste schon, dass sie nicht wieder aufgebaut worden war, um eine Erinnerung an die grausame Zeit des Zweiten Weltkrieges zu sein. Die Idee allein rührte mich.

Gedaechtniskirche
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In diesem Februar ist mein Traum, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu sehen, in Erfüllung gegangen. Als ich die Kirche mit eigenen Augen sah, weinte ich. Ich war glücklich und sehr traurig zur gleichen Zeit. Während die Glocke anschlug, bekam ich eine Gänsehaut. Als ich schon zur U-Bahn-Station ging, warf ich einen Blick zurück auf diese schöne Kirche, um ihre Gestalt möglichst lange im Gedächtnis zu behalten.

„Mamontherz” aus Russland

Berlin bedeutet die Welt

Straßen von Berlin

„In Berlin kannst du du selbst sein. Das Andere ist dort schön und du kannst die Freiheit in der Luft riechen. Die Freiheit, das zu tun, was dich am glücklichsten macht, bedeutet die Welt. Dort zu sein, wo man sein darf, wer man ist, gab mir die Freiheit zu sehen, wer ich wirklich bin.

Potsdamer Platz
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Berlin ist so viel mehr als eine Stadt. Die Straßen sind voll von Geschichte und Hoffnung auf eine großartige Zukunft, dort, wo Alt auf Neu trifft und Grün auf Grau. Nach Berlin gehen fühlte sich an wie nach Hause kommen. Als ich die mir unbekannten Straßen zum ersten Mal sah, kam es mir vor, als sei ich hier bereits gewesen. Sollte es wirklich so etwas wie frühere Leben geben, habe ich sie alle in Berlin verbracht.“

Rafaela Lomba aus Brasilien

Wo ist Ihr Lieblingsort im Kiez? Verraten Sie uns Ihre Kultur-, Gastronomie- und Ausgehtipps.

Auf www.berliner-akzente.de/kiez können Sie Ihre Lieblingsorte mit anderen Berlinerinnen und Berlinern teilen. Sie schreiben selbst einen kurzen Text, laden ein Foto hoch oder stöbern einfach nur in Ihrer Nachbarschaft.

Brecht ganz nah

Berliner Ensemble, Mitte

Berliner Ensemble
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„Nach meinem vierjährigen Theaterstudium in Syrien hatte ich endlich die Möglichkeit, einem meiner Vorbilder, Bertold Brecht, auf gewisse Art ganz nah zu kommen. Ich besuchte nämlich das Berliner Ensemble. Ein Ort, von dem ich viel gehört, aber nie gedacht hätte, dass ich ihn einmal sehen würde. Brechts Stücke und Poesie hatten mir im Krieg sehr geholfen, sodass der Besuch des Berliner Ensembles nach meiner Ankunft in Deutschland der beste Anfang für ein neues Kapitel meines Lebens war.“

Waelthefirst aus Syrien

Das Ende des Abenteurers Mackay

Werbellin-Apotheke, Neukölln

„Eine Straßenecke in Neukölln ist für mich besonders, da hier 1929 ein Neuseeländer getötet wurde. Charles Mackay wurde von einem Scharfschützen der Polizei erschossen, als er für eine britische Zeitung über die Mai-Unruhen zwischen Kommunisten und Polizeikräften berichtete.

Werbellin Apotheke
Bild: Privat

Mackay kam nach Berlin, nachdem er für Furore in Whanganui, einer großen Stadt in der er Bürgermeister war, gesorgt hatte. 1920 hatte Mackay auf einen Erpresser geschossen, der drohte, seine Homosexualität öffentlich zu machen, wenn er nicht zurücktrat. Der Erpresser überlebte und Mackay kam ins Gefängnis wegen versuchten Mordes. Nach sechs Jahren wurde er jedoch entlassen, unter der Bedingung, Neuseeland zu verlassen. Mackay reiste nach London und erreichte 1928 Berlin. Beide Städte zogen homosexuelle Männer an, aber es ist nicht bekannt, ob dies für Mackay eine Motivation war.

Die in Berlin veröffentlichten Nachrufe beschrieben ihn als Abenteurer und Weltenbummler. Immer wenn ich in Berlin bin, versuche ich den unscheinbaren Platz vor der „Werbellin Apotheke” zu besuchen, an dem das aufregende Leben des Abenteurers Mackay endete.“

Paul Diamond aus Neuseeland

Erfrischender Tanz

Oderberger Straße, Prenzlauer Berg

„Mein Ort in Deutschland ist eine Straße in Berlin: die Oderberger Straße. Ich habe mit meiner Familie Berlin besucht. Unsere winzige, altmodische Wohnung hatte einen kleinen Balkon, von wo aus man einen schönen Ausblick auf die Straße hatte. Ich liebte die farbigen Gebäude, die schrulligen Läden und die alte Feuerwehrstation.

Oderberger Str
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Es war Sommer. In der Nähe genossen die jungen Leute die Sonne und die Musik im Mauerpark. Der Nachmittag war heißer und heißer geworden. Die Hitze war unangenehm. Plötzlich sind die Feuerwehrleute mit ihren Wasserschläuchen auf die Straße gelaufen und haben erfrischendes Wasser in die Luft gesprüht. Die Kinder und die Erwachsenen haben zusammen im künstlichen Regen getanzt. Wir haben auch mitgetanzt. In diesem Moment habe ich mich wie eine richtige Einheimische gefühlt.“

Lara20 aus Australien

Geräusche und Gerüche

Sonnenallee, Neukölln

„Wenn ich an Deutschland denke, habe ich Berlin-Neukölln vor Augen. Und warum? Ich war schon zweimal in diesem Kiez mit meiner Familie, und habe zwei Monate lang bei meinen Schwestern gewohnt, die dort studieren. Immer wenn ich aus der Haustür trete, erblicke ich die große Sonnenallee voller Leben und faszinierendem Licht. Egal, ob ich nach links oder nach rechts gehe, ich sehe immer viele Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen in einem harmonischen Miteinander. Ein großartiger Anblick, das heutige Berlin, wenn man an die Kriege und schwierigen Zeiten des letzten Jahrhunderts denkt.

Baklava
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Wenn ich die Sonnenallee entlang gehe vergesse ich alles um mich herum und lebe nur im Moment, mit den verschiedenen Geräuschen und Gerüchen, die mich umgeben. Am Abend bewundere ich den Sonnenuntergang von der Lohmühlenbrücke aus und freue mich, am nächsten Tag wieder die Sonnenallee zu genießen.“

“Gyanros” aus Ecuador

Die Straße meiner Tochter

Knorrpromenade, Friedrichshain

„Knorrpromenade. So heißt die Straße in der meine Tochter in Berlin wohnt. Eine kleine Straße mit nur fünf Häusern auf jeder Straßenseite. Wenn sie ihre Adresse angibt, dann wird ihr immer wieder gesagt: ‘Die kenne ich, eine schöne Straße!’ – oder so etwas Ähnliches.

Knorrpromenade
Bild: Berliner Landesarchiv

Mit Baujahr 1911–1913 ist die Knorrpromenade das einzige Beispiel für bürgerliche Wohnhäuser in Friedrichshain. Die Straße überstand die Bombardierung des Zweiten Weltkrieges fast unbeschadet und fand an ihrem 100. Jahrestag zu ihrem vollen Glanz zurück, als das große Portal restauriert wurde, durch das sie die Fußgänger begrüßt.

Als meine Tochter eine Wohnung suchte, da hatte sie gerade mal die Knorrpromenade gesehen und schrieb uns in einer Nachricht: ‘Hier möchte ich wohnen. Drückt mir die Daumen!’ Sie hat uns Fotos geschickt, damit meine Frau und ich uns die Straße, die zu ihrem Zuhause geworden ist, besser vorstellen können. Aber wir möchten sie gerne mit eigenen Augen sehen und sie selbst dort erleben, lächelnd, wie immer.

Vielleicht bei einem Besuch im Sommer, bei dem wir auf unserem Spaziergang ein Eis essen. Ich hoffe, sie hat bereits die Eisdiele ihres Vertrauens gefunden.“

Jose Humberto, Venezuela

Die Stadt für alle

Himmel über Berlin

„Ich glaube, dass jeder Mensch seine eigene Stadt hat. Und in meinem Fall war es Liebe auf den ersten Blick. Berlin hat mein Herz gestohlen. Vielleicht könnte man sagen, dass es dort keine pompöse Architektur gibt, aber nirgends finden Sie mehr von dieser Atmosphäre, die in Berlin herrscht. Vielleicht findet der ein oder andere, dass Berlin zu demokratisch, frei, tolerant und anarchisch ist, aber diese Qualitäten heben es von anderen Städten ab.

Himmel Ueber Berlin
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Die Stadt – ein Mekka für die schöpferischen Menschen und für die, die auf einer ewigen Suche sind. Die Stadt, die dich so nimmt, wie du bist. Die Stadt, die dir Chancen gibt und niemals tadelt. Es klingt wie Techno. Es schmeckt wie Currywurst. Es fühlt sich wie Freiheit an. Die Stadt der Möglichkeiten. Die Stadt der Kontraste. Die Stadt für alle!“

Julija_Che aus Litauen

Plötzlich frei

Admiralsbrücke, Kreuzberg

„Vier Freunde in der Nacht wandern Hand in Hand. Vier Träume schweben endlich leicht wie Federn. Wir haben vor Kurzem Abitur gemacht, sind erst neunzehn: mehr Locken auf dem Kopf als Überzeugungen und zum ersten Mal fühlen wir uns als ein einziger Geist. Ich kenne den Grund nicht. Stellt euch das doch vor: Das sind unsere Abiturferien, wir sind betrunken, durchgefroren und plötzlich frei.

Admiralsbruecke
Bild: alamy stock photo

Eine fünfzigjährige Frau, stark geschminkt und gefühllos, tanzt mit geschlossenen Augen für sich selbst auf das Tempo eines alten Songs, ein Vogelschwarm fliegt zum Horizont, Betrunkene lächeln das erste Licht des Tages an und wir lehnen uns an das Geländer der Brücke. Niemand könnte uns diesen Augenblick wegnehmen, ich sehe meinen besten Freund an: Wir leben gerade und haben keine Angst mehr.
Ich umarme ihn, wir schauen den Sonnenaufgang an und haben endlich den Eindruck, an dem Theaterspiel des Lebens teilzunehmen. Auf dem Geländer der Brücke stehen immer noch unsere Namen geschrieben.“

Anne Daniels, Italien

Aktion des Goethe-Instituts

Die kleinen Liebeserklärungen an Berlin stammen aus dem Wettbewerb „Mein Ort in Deutschland” des Goethe-Instituts. Auf der Projekt-Website des deutschen Kulturinstituts haben über 1.200 internationale Teilnehmer jene Orte vorgestellt, die sie durch Atmosphäre, Begegnungen oder Ideen beeindruckt haben. Alle 211 Berichte aus Berlin – und die übrigen aus der ganzen Republik – finden sich auf der interaktiven Seite:

www.goethe.de/meinort

Zum Projekt ist auch ein Buch erschienen: „Mein Ort in Deutschland”, Hueber Verlag, 168 Seiten, 19,99 Euro

Wo ist Ihr Lieblingsort im Kiez? Verraten Sie uns Ihre Kultur-, Gastronomie- und Ausgehtipps.

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