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Titel Essen Schaetzen
Bild: Katharina Ploog
Nachhaltigkeit

Essen schätzen

Im Durchschnitt werfen wir jedes achte Produkt, das wir im Supermarkt kaufen, am Ende in die Tonne. Diese Berliner wollen sich nicht damit abfinden und retten noch genießbare Nahrungsmittel.

Lernen, den Sinnen zu vertrauen

In den Sirplus-Rettermärkten von Raphael Fellmer kann man sparen und Gutes tun.

„Jede Stunde wird in Deutschland eine Lkw-Ladung an Lebensmitteln verschwendet, die man noch essen könnte.” Diesen Satz hat Lebensmittelretter Raphael Fellmer am Eingang seines Steglitzer Rettermarktes notiert. Es ist bereits der zweite Markt, den das Start-up Sirplus in Berlin eröffnet hat. „Und dieses Jahr kommt noch ein weiterer Standort in Berlin hinzu”, sagt Fellmer. Was dort angeboten wird, ist anderswo übrig geblieben – und wäre im Müllcontainer gelandet.

Sirplus
Lebensmittel-Retter von sirplus: Raphael Fellmer. Bild: Katharina Ploog

Wie viel essbare Lebensmittel dort landen, weiß Fellmer aus eigener Erfahrung. Fünf Jahre lang ist er durch die Welt gereist. Ohne Geld. Hunger hat er nie gehabt. „Ich bin überall durch die Container gestiegen.” Nach seiner Rückkehr begann er, „Lebensmittel, die vom Weg abgekommen sind, wieder in Richtung Teller zu leiten”. Sein Ziel: „Lebensmittelretten mainstream machen.” Im Frühjahr bekam Sirplus dafür von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner den Preis „Zu gut für die Tonne 2018”. Nicht zum ersten Mal nahm er die Auszeichnung entgegen: 2016 ging der „Oscar der Lebensmittelretter” an das Projekt foodsharing e. V., an dem der 35-Jährige beteiligt war.

Mit 30 Produkten ist Sirplus 2017 gestartet, jetzt gibt es in den Rettermärkten und im Online-Shop schon 300 Produkte. Zum Beispiel Obst und Gemüse von Bauern aus der Region: Gurken, die zu krumm gewachsen sind, oder Äpfel mit kleinen Druckstellen. Zu groß, zu klein, nicht der Norm entsprechend. In den (Kühl-)Regalen der Sirplus-Märkte stehen aber auch Nudeln, Snacks, Getränke, sogar Kosmetikartikel. Waren aus Überproduktion oder falsch etikettiert, Waren von Großmärkten, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abgelaufen ist. „Für die Genießbarkeit ist das MHD in den allermeisten Fällen total irrelevant”, sagt Fellmer. „Einen Aufstrich, bei dem sich oben etwas Fett abgesetzt hat, kann man noch essen.” Man müsse einfach wieder lernen, seinen Sinnen zu vertrauen. Im Schnitt kosten die Waren bei Sirplus nur die Hälfte dessen, was man sonst dafür bezahlen würde.

  • Rettermarkt Charlottenburg, Wilmersdorfer Straße 59, Mo.–Sa. 9-20:30 Uhr
  • Rettermarkt Steglitz, Schloßstraße 94, Mo.–Sa. 8:30-20:30 Uhr, www.sirplus.de

Leckere Restezaubereien

Die drei Gründer von „DingsDums Dumplings“ füllen ihre Teigtaschen mit geretteten Genüssen.

„Daraus kann ich noch was zaubern.” Der Satz ihrer Großmutter klang Ann-Kathrin Wohlrab oft im Ohr, wenn sie beim Kochen etwas übrig hatte oder die Reste vom Vortag noch im Kühlschrank standen. „Meine Oma hat nie Lebensmittel weggeschmissen. Und ich hatte darauf auch keine Lust mehr”, sagt die 30-Jährige. Mit ihrem früheren Studienkollegen Mauritz Schröder (28) wollte die Webdesignerin eigentlich eine App entwickeln, um überschüssiges Essen anzubieten. Mauritz‘ Schwester Jilianne (29), begeisterte Hobbyköchin, hatte zu der Zeit gerade ihre Leidenschaft für Dumplings entdeckt und experimentierte mit neuen Varianten der Teigtaschen.

Dingsbums Dumplings
Die drei Gründer von Dumplings, die gerettete Lebensmittel beinhalten. Bild: Kartharina Ploog

So hatte das Trio schließlich ein ganz anderes Rezept gegen Lebensmittel-Verschwendung: den Catering-Service „DingsDums Dumplings”. Und seit diesem Frühjahr ein eigenes Lokal. Die Besonderheit: Gefüllt sind die Dumplings mit geretteten Lebensmitteln, einwandfrei genießbar, aber im regulären Handel nicht mehr zu verkaufen. Gemüse und Trockenware kommen vom Reste-Supermarkt Sirplus, Fleisch und Fisch von einem regionalen Premium-Anbieter. „Die haben an einem Tag vielleicht 20 Kilogramm Hack zu viel gemacht”, sagt Ann-Kathrin. „Da ist kein Haltbarkeitsdatum abgelaufen, das kommt frisch zu uns.” Manchmal sogar zartestes Pulled Pork.

Die Speisekarte wechselt jede Woche, „je nachdem, was wir gerade geliefert bekommen”. Ziemlich abgefahren seien die Matjes-Dumplings gewesen, sagt Jilianne. Zwei ihrer neuesten Kreationen: der Cheeseburger-Dings „mit Hack, Käse, gepickelten Gurken, karamellisierten Zwiebeln und scharfer Majo-Soße” und der Leber-Kartoffelstampf-Dings. Mittlerweile ein Klassiker: der Feta-Kimchi-Dings. Warum die Dinger Dings heißen? „Na, weil man nie so genau weiß, was diesmal drin ist.” DingsDums eben. Klingt doch fast wie Dim Sum, diese kleinen chinesischen Köstlichkeiten.

Die zwischen 1,50 und 2,50 Euro teuren Dumplings werden gleich nach Anlieferung der Zutaten produziert, schockgefroren und erst bei Bestellung zubereitet. „Manche Kunden sind überrascht, was man aus Überschuss alles machen kann”, sagt Ann-Kathrin. „Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern über Genuss überzeugen.”

DingsDums Dumplings, Wiener Straße 34 in Kreuzberg, Do.-Sa. 12–0 Uhr,
www.facebook.com/DingsDumsDumplings
www.instagram.com/DingsDumsDumplings

Verpackungen
Bild: Katharina Ploog

Armut trotz Überfluss

Sabine Werth gründete vor genau 25 Jahren die „Berliner Tafel”.

Eigentlich war es als Hilfsaktion für einen Winter geplant. Zufällig hatte die „Initiativgruppe Berliner Frauen” 1993 von einer New Yorker Initiative erfahren, die Lebensmittel für Bedürftige sammelte. Eine ähnliche Aktion wollten die Frauen auch in Berlin auf die Beine stellen, baten die Gastronomie um Unterstützung und brachten fortan zweimal pro Woche 60 warme Mahlzeiten aus den Küchen verschiedener Hotels und Restaurants in eine Obdachlosen-Notunterkunft in Moabit.

Die Tafel
Gründerin der Berliner Tafel: Sabine Werth. Bild: Katharina Ploog

Als immer mehr soziale Einrichtungen die Frauengruppe um Hilfe baten, überlegte Sabine Werth, Sozialarbeiterin und Mitglied der Gruppe, nicht lange und sagte zu. Sie war nicht nur die treibende Kraft bei der Gründung der „Berliner Tafel”, sie ist auch deren ehrenamtliche Vorsitzende – seit 25 Jahren. „Vorher hatte ich nie darüber nachgedacht, wohin bei einem Bankett in einem Hotel die Reste gehen”, erzählt die 61-Jährige. Je stärker sie sich engagiert, umso mehr habe sie ihre Blauäugigkeit verloren. Sie glaube nicht mehr an eine Gesellschaft, in der es allen gut geht. Deswegen sei es „nur eine Illusion, dass die Tafel irgendwann überflüssig ist”.

„Anfang der 90er-Jahre behauptete die Bundesregierung noch, in Deutschland gebe es keine Armut”, sagt Werth. Es sei der Verdienst der Tafel, eine Armutsdiskussion angestoßen zu haben. Das mache sie stolz. „Und doch bleibt ein schales Gefühl, weil der Handel immer noch so viel wegschmeißt und es noch so viel Bedürftigkeit gibt”. Bundesweit gibt es mehr als 900 Tafeln. Allein die Berliner Tafel verteilt jeden Monat bis zu 660 Tonnen Lebensmittel. „50.000 bedürftige Menschen kommen in unsere 45 Laib- und Seele-Ausgabestellen, weitere 75.000 erreichen wir über soziale Einrichtungen”, zählt Werth auf. Wichtig ist ihr, dass Kinder einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln lernen. Darum hat sie 2010 das Kinderimbiss-Projekt „Kimba” gestartet. Ihr Traum: „Wenn der Flughafen Tegel dicht macht, sollen sie ein Flugzeug stehen lassen – als Ort für einen Kinderimbiss”, für die Aktion „Kimba-Flight”.

www.berliner-tafel.de

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