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Titel Ehrenamt
Bild: Schutterstock
Interview

„Freiwilliges Engagement können wir gar nicht genug wertschätzen“

Die Landesfreiwilligen Agentur Berlin hilft beim Vernetzen von Ehrenamtlichen. Geschäftsführerin Carola Schaaf-Derichs im Interview.

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ausende von Berlinern engagieren sich freiwillig für ihre Mitmenschen und die Stadtgesellschaft. Sie verschönern ihren Kiez, unterstützen Kinder und Senioren oder begleiten aus Krisensituationen geflüchtete Menschen im Alltag. Die Landesfreiwilligenagentur will mit der Engagementwoche vom 13. bis 22. September diesen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag mit Hunderten von Aktionen sichtbar machen. Wir sprachen mit der Geschäftsführerin Carola Schaaf-Derichs über die Hilfsbereitschaft der Berliner und spontane Aktionen in digitalen Zeiten.

Carola Schaaf-derichs
Bild: Treffpunkt Hilfsbereitschaft

Frau Schaaf-Derichs, welche Bedeutung hat freiwilliges Engagement in der heutigen Zivilgesellschaft?

Ich glaube, man kann es gar nicht genügend wertschätzen. Wir sind ja nicht nur Erwerbstätige oder Familienmenschen, sondern auch Bürgerinnen und Bürger. Damit haben wir eine Verantwortung, genau hinzugucken und uns zu fragen, was wir tagtäglich durch ein bestimmtes Verhalten oder unsere Haltung zu bestimmten Dingen beitragen. Unsere Zivilgesellschaft zeichnet aus, dass Menschen sowohl aus persönlichem Anlass, aber auch mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung sagen: “Ich will einen Beitrag leisten, um die Welt oder zumindest unsere Stadtgesellschaft ein bisschen besser zu machen”.

Auch junge Menschen engagieren sich zunehmend, wenn man sich die “Fridays for Future” Bewegung anschaut. Hat insgesamt die Hilfsbereitschaft zugenommen?

Es gibt zwei Entwicklungen, die parallel gelaufen sind. Was wir feststellen können ist, dass das Bewusstsein für und das Interesse an bürgerschaftlichem Engagement gestiegen ist. Die Menschen nehmen intensiver wahr, dass sie in ihrer Freizeit oder aus ihrer eigenen Kenntnis und Erfahrung heraus, etwas für die Gesellschaft beitragen können. Gleichzeitig haben wir mit dem Sommer 2015, in dem uns so viele Menschen aus Fluchtsituationen erreicht haben, eine regelrechte gesellschaftspolitische Sensibilisierung erlebt. Spontan war eine riesige Zahl von Berlinern sofort bereit, direkte Hilfe zu leisten. Auch jetzt noch existieren ganz viele von diesen damals gegründeten Netzwerken und Bündnissen. Im Mai hatten wir die Berliner Freiwilligen Börse im Roten Rathaus mit 100 Ausstellungsständen unterschiedlichster Initiativen, von denen über 40 Prozent mindestens ein oder zwei Angebote für Geflüchtete bereitstellen.

In welchen Bereichen wird Hilfe noch gebraucht und angeboten?

Die Bereitschaft, sich für Kinder oder für Jugendliche einzusetzen, ist nach wie vor am höchsten. An zweiter Stelle kommt die helfende Hand für ältere Menschen, damit sie in unserer Gesellschaft mehr dabei sein und an ihr teilhaben können. Das ganze Thema Klima, Natur und Umwelt hat durch die “Fridays for Future” Bewegung eine Brisanz gewonnen, die eine andere Seite des bürgerschaftlichen Engagements zeigt. Manchmal geht es auch darum, Impulse in die Gesellschaft zu geben und zu sagen: “Wir haben da ein Problem, das wir uns anschauen und versuchen müssen zu lösen”.

Haben sich mit den Themen auch die Formen des Engagements verändert?

Die Initiativen sind spontaner geworden. Es gibt Formate wie Flashmobs oder Barcamps, wo man sich kurzfristig trifft und austauscht. Oder auch Portale wie zum Beispiel die Stiftung Bürgermut, die die digitale Kommunikation und Vernetzung vorantreibt, wodurch andere Formen der Ansprache und der Mitwirkung zustande kommen. Die Caritas als große Einrichtung hat Werkstätten für junge Menschen eingerichtet, wo sie alte Materialien zu neuen Produkten verarbeiten und aufwerten. Damit haben schon einige den Einstieg in eine neue berufliche Zeit für sich finden können. Es gibt Start-up-Organisationen von jungen dynamischen Leuten, die sich als zivilgesellschaftliche Unternehmer verstehen und erst mal ehrenamtlich arbeiten. Daraus können auch richtige Unternehmen, Einrichtungen oder gemeinnützige Gesellschaften entstehen, womit wir in der Zivilgesellschaft ein neues Arbeits- und Betätigungsfeld geschaffen haben.

Es gibt aber auch negative Reaktionen insbesondere im Bereich der Flüchtlingshilfe. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben mit der Freiwilligenagentur das Privileg, mit den Menschen zu tun zu haben, die die positiven Kräfte für ein gemeinschaftliches Zusammenleben einbringen. Für sie haben wir in letzter Zeit eine Art Ausbildung angeboten, um standfest zu sein und gut argumentieren zu können, wenn Menschen negativ verallgemeinernd die Gesellschaft schlecht reden. Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus ist in Berlin eine tolle Einrichtung, die eingesetzt wird, um diskriminierende oder ausgrenzende Argumente zu entkräften. Ich glaube, da brauchen wir noch viel eigene Kompetenz und eine neue Widerstandsfähigkeit gegen schleichende Unterwanderung vor allem im sprachlichen Bereich. Ich sehe darin auch eine Bürgerpflicht für sich zu klären “Wo stehe ich eigentlich?”

Unter dem Motto “Demokratisch.engagiert” findet mit vielen Initiativen die Engagementwoche statt. Was erwartet interessierte Besucher?

Berlinweit wird es während der ganzen Woche überall in der Stadt die Möglichkeit geben, die Vielfalt des freiwilligen Engagements kennenzulernen. Ob Mit-Mach-Aktionen, politische Veranstaltungen oder Ausstellungen, mit einem bunten Programm wollen wir das multikulturelle und vielfältige bürgerschaftliche Engagement der Menschen in der Stadt zeigen. Und natürlich jeden dazu einladen, sich einzubringen.

Veranstaltungskalender zur Engagementwoche:

Die Website www.engagementwoche.berlin informiert über die rund 400 Veranstaltungen >>

Noch mehr über das Engagement von Berlinerinnen und Berlinern lesen Sie hier >>

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