Titel Krimis
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Krimis

Spurensuche

Kein Fernsehabend ohne Serienmörder, jeder dritte verkaufte Roman ein Krimi: Die Deutschen sehnen sich auch in unruhigen Zeiten nach fiktionalen Verbrechen, die dunklen Ecken von Berlin scheinen dabei der perfekte Tatort. Wir wissen, wie es sich im Herbst am besten gruseln lässt.

Krimis zum Lesen

Gefährliches Pflaster

Vom Mord im Erich-Mühsam-Park bis zum Attentat auf die Kanzlerin, Berlin bietet als Handlungsort für Spannungsliteratur beste Voraussetzungen.

Berlin ist eine Stadt der Umbrüche und bietet daher wechselnde Hintergründe für alle möglichen Kriminalgeschichten. Volker Kutscher geht mit seiner äußerst erfolgreichen Gereon-Rath-Reihe in die Weimarer Republik, Philipp Kerr lässt seine Berlin-Trilogie um den Privatdetektiv Bernhard Gunther im Dritten Reich und der Nachkriegszeit spielen. Aus der Zeit der Fluchttunnel, Agentenaustausche und krummen Schmuggelgeschäfte liefern „Kälter als der Kalte Krieg” von Ross Thomas oder „Lilli Berlin” von Ulf Miehe großartige literarische Zeugnisse ab. Pieke Biermann siedelt ihre Reihe um Kommissarin Lietze und ihr Mordermittlungsteam um die Zeit des Mauerfalls an. Erstmals ermitteln sie Ende der 1980er-Jahre in „Potsdamer Ableben” in West-Berlin in dem Todesfall der verhassten Radio-Filmkritikerin Béatrice Bitterlich, zwei Romane später prallen in „Herzrasen” Stasivergangenheit und Neonazis aufeinander. Mit Dialektpassagen, Szenejargon, vielen Personen und harten, kurzen Sätzen sind die Romane sicherlich bisweilen herausfordernd zu lesen, aber Biermanns Schreibstil und Blick auf Berlin sind einzigartig.

Haben Aktivisten eine Maklerin ermordet?

Krimi Alef
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Ein Großteil der Kriminalromane mit Schauplatz Berlin bleibt aber in der Gegenwart. In Rob Alefs „Immer schön gierig bleiben” wird eine Immobilienmaklerin tot auf einem Friedhof gefunden. Sie wurde erwürgt und nach ihrem Tod geschminkt. Verdächtige vermuten Hauptkommissar Paschulke und sein Team vor allem im Umfeld von Aktivisten gegen die Gentrifizierung Berlins, die die ehrgeizige Maklerin bedroht haben. Aber es gibt auch Parallelen zu einem zurückliegenden, bisher nicht aufgeklärten Fall. Gekonnt verbindet Alef in dem vierten Paschulke-Roman gesellschaftskritische Überlegungen zu dem Berliner Wohnungsmarkt und der Lebensweise hipper Gutverdiener mit routinierter Polizeiarbeit und witzigen Dialogen, wobei nur die zu viel erklärenden Ausführungen des Täters das Tempo etwas verschleppen.

Krimi Ditfurth
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Ein wenig zu ausführlich ist auch Christian von Ditfurths sehr spannender Thriller „Zwei Sekunden” geraten, in dem Eugen de Bodt zum zweiten Mal in Berlin ermittelt. Ein Bombenanschlag wurde auf die Wagenkolonne verübt, die die Kanzlerin und den russischen Präsidenten von Tegel nach Mitte bringen soll. Eine Taskforce wird eingerichtet, doch de Bodt erwirkt auf altbekannte stur-arrogante Weise, dass er allein mit seinem Team arbeiten darf. Doch auch er tappt lange Zeit im Dunkeln, da die äußerst professionell agierenden Attentäter anscheinend bei der Auslösung des Zünders einen Fehler gemacht haben – und sich trotz der schnell für schuldig befundenen Tschetschenen, des Ukraine-Konflikts und der Gas-Verhandlungen kein tragfähiges Motiv mitsamt Tätergruppe für das Attentat findet. Gekonnt vermischt v. Ditfurth Geopolitik mit bissiger Behördenkritik, sodass die gelegentlichen Längen nicht allzu störend ins Gewicht fallen.

Die Spur führt von Marzahn nach Russland

Krimi Bohnet
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In Katja Bohnets „Messertanz” spielen hingegen weniger die Politiker als verlassene, entführte und vernachlässigte Kinder eine Rolle: Alla Kusmin wird in Marzahn mit einem Messer bestialisch ermordet. Die russische Einwanderin bleibt nicht die einzige Tote, also übernehmen Viktor Saizew und Rosa Lopez vom LKA die Ermittlungen und haben schon bald eine Spur nach Russland. Katja Bohnet wagt in ihrem Debütroman sprachlich und erzählerisch etwas, dabei gelingen ihr eigenwillige Charaktere, die sie mit ebenso klugen Sprachbildern wie Empathie schildert, und auch ein hohes erzählerisches Tempo. Sehr zu empfehlen!

Buchtipps ausgewählt von Sonja Hartl. Die Berliner Journalistin ist in der Jury der renommierten „KrimiZEIT”-Bestenliste und bloggt auch zum Thema: www.zeilenkino.de

Krimimarathon Berlin Brandenburg

Vom 15.–20. November 2016 lesen beim größten Krimifestival in der Region knapp 50 nationale und internationale Autoren aus ihren Romanen über Morde und andere Verbrechen. Alle Namen und Veranstaltungsorte gibt es auf der Webseite.

www.krimimarathon.de

Krimis zum Erleben

Wo Berlin am schaurigsten ist

Berlin Dungeon
Berlin Dungeon Bild: Berlin Dungeon

Die mörderische Großstadt lässt Krimifans auf einer Vielzahl von Veranstaltungen erschaudern, beim Spaziergang zu Schauplätzen der Kriminalgeschichte oder beim Dinner mit Leiche.

Carl Großmann ist eine feste Größe im Berliner Gänsehautgewerbe. Der ehemalige Fleischergeselle lebte nach dem Ersten Weltkrieg in Friedrichshain, das als eine der ärmsten und verruchtesten Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate auch das „Chicago Berlins” genannt wurde. Rund um den Andreasplatz lockte er ahnungslose Frauen in seine Wohnung. Er gilt als einer der schlimmsten Serienmörder der deutschen Geschichte, dem bis zu 100 Morde zur Last gelegt werden. Zudem gibt es Gerüchte, dass Großmann seine Opfer zu Wurst- und Dosenfleisch verarbeitet habe, da er am Schlesischen Bahnhof einen Wurststand besaß.

Noch heute mordet der „Mädchenfänger von Berlin” mehrmals am Tag: Im Gruselkabinett „Berlin Dungeon” spielt eine Schauspielerin sein letztes Opfer Marie Nitsche, das bei jeder neuen Show im Stundentakt auf ihren Mörder trifft. Der Fall ist dabei nur einer von vielen, die hier die jahrhundertelange blutrünstige Geschichte an der Spree nachzeichnen.

Auch die Stadtrundfahrt „Hauptstadt des Verbrechens” , die mit Videoeinspielern an wichtigen Tatorten Berliner Kriminalgeschichte lebendig werden lässt, kommt natürlich nicht ohne Carl Großmann aus. Ebenso wenig die verschiedenen geführten Stadtspaziergänge, die sich der dunklen Seite der Hauptstadt widmen. Bei ihrer zweieinhalbstündigen „Stadtkrimi”-Tour erzählen Schauspieler Benjamin Plath und Historikerin Kerstin Wittig aber natürlich auch von den berüchtigten Sass-Brüdern, die in der Weimarer Republik als erfolgreiche Panzerknacker zu zweifelhafter Berühmtheit kamen.

Miss Marple und andere Detektive

Berühmten literarischen Kriminalfällen widmet sich hingegen das einzigartige Berliner Kriminal-Theater , das die Regisseure Wolfgang Rumpf und Wolfgang Seppelt vor 16 Jahren gründeten. Seit 2003 residiert die populäre Bühne im Friedrichshainer Umspannwerk Ost, auf dem Spielplan stehen die Klassiker von Agatha Christie ebenso wie „Der Name der Rose” von Umberto Eco oder auch der moderne Thriller „Erbarmen” von Jussi Adler-Olsen.

Literweise Theaterblut fließt auch bei einer Reihe von Dinnershows in außergewöhnlichen Locations wie dem alten Frühstückssaal im Sony-Center oder auf Spreedampfern. Gerade zum Jahresende boomen diese Events, bei denen die speisenden Gäste meist zu den Verdächtigen eines Mordfalls zählen. Schließlich eignet sich die gruselige Verbrecherjagd im krimiverrückten Berlin perfekt für Weihnachtsfeiern.

Krimis zum Erleben

Theater
Berliner Kriminal-Theater, Palisadenstr. 48, Friedrichshain, Tel.: 030/47 99 74 88
www.kriminaltheater.de

Dinner
Kriminalmenü, 4-Gang-Menü mit spannen­dem Kriminal­fall, 69 Euro, an ver­schie­denen Orten, bei­spiels­weise im Histo­rischen Früh­stücks­saal im Josty, Tel.: 030/89 73 68 22
www.kriminalmenue.de

Krimi zum Sehen

Karows Geheimnis

Meret Becker Mark Waschke
Im Einsatz: Das Berliner Ermittlerduo arbeitet in einer brutalen Hauptstadt. Bild: robb – Gundula Krause / Shutterstock [Montage]

Meret Becker und Mark Waschke spielen seit letztem Jahr die Berliner „Tatort”-Kommissare Nina Rubin und Robert Karow. Im vierten Fall kommt es zu einem fulminanten Finale.

Berlin fühlt sich echt an: So oder so ähnlich formulierten es viele Kritiker der ersten drei Fälle des immer noch recht geheimnisvollen Ermittlerduos aus Berlin. Multitalent Meret Becker, 47, die in den Neunzigern ihren Kinodurchbruch mit „Kleine Haie” hatte, spielt hier die Kommissarin (und alleinerziehende Mutter) Nina Rubin. Schon nach dem ersten Fall im letzten Jahr berichtete sie über ihre Rolle: „Ich fand es sehr spannend, Berlin zu erzählen. Das heißt ja nicht, nur die Stadt zu bebildern. Das heißt, von ihren Menschen zu erzählen – und dazu gehören diese Kommissare auch. Berlin atmet in uns rein oder atmet durch uns durch.”

Und auch für Theaterstar Mark Waschke, 44, geht es genau um dieses Berlin-Gefühl: „Den Krimi könnte man vielleicht auch in zehn Minuten aufklären, aber man erzählt etwas von Menschen, die gemeinsam in dieser Stadt leben. Und das hat eine Wucht”, gab er kürzlich zu Protokoll. Waschke spielt Rubins undurchsichtigen Partner Robert Karow.

Das Unheimliche im Alltäglichen
Dessen dunkle Vergangenheit spielte von Anfang an eine große Rolle: Sein damaliger Partner wurde bei einem verdeckten Einsatz erschossen. Zwei Jahre später soll nun ein aufgetauchter Kronzeuge auch Karow entlasten, aber die beiden geraten in einen Hinterhalt.

Der anstehende vierte Fall „Dunkelfeld”, der in diesem Sommer in Kreuzberg, Mitte, Schöneberg und im Plänterwald gedreht wurde, verspricht das erlösende Finale des bislang ungewöhnlich breit und horizontal erzählten Geheimnisses von Kommissar Karow. Die diversen Fährten scheinen im neuen Fall zusammenzulaufen, für die Zuschauerinnen und Zuschauer dürfte es allerdings schwierig werden, sich an die diversen Details aus den letzten eineinhalb Jahren zu erinnern. Mark Waschke formuliert es treffend: „Der eigentliche Fall ist zwar aufgeklärt, aber das Unheimliche im Alltäglichen bleibt bestehen.”

Zumindest darauf können sich die zahlreichen Berliner „Tatort”-Fans verlassen: Es geht weiter mit Rubin und Karow. Meret Becker und Mark Waschke stehen bereits für ihren fünften Berliner Fall vor der Kamera. Er wird in Neukölln spielen.

„Tatort: Dunkelfeld”, 11.12., 20:15 Uhr, Das Erste

Gemeinsam beim Tatort mitfiebern

58 Kneipen zeigen laut offizieller ARD-Liste sonntags den Tatort im Public Viewing.

www4.daserste.de/publicviewing

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