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Titel Kinder Medien 692
Bild: Jens Bonnke

„Verbote bringen nichts“

Ob Fernseher, Computer oder Smartphone: Medien gehören auch zum Leben von Kindern. Wie Eltern beim mündigen Konsum unterstützen.

WhatsApp, YouTube, Facebook oder Seifenoper: Kinder chatten und glotzen auf allen Kanälen. Mit der richtigen Medienkompetenz können sie diese altersgerecht, verantwortungsvoll und kreativ nutzen. Wie Sie Ihr Kind zu einem vernünftigen Umgang damit animieren, haben wir eine Expertin gefragt: Die Journalistin Katja Reim schreibt in ihrem Blog „Mein Computerkind” über die Medienerziehung ihrer siebenjährigen Tochter und berichtet auch über Erfahrungen anderer Eltern.

Wann sollten Eltern mit der Medienerziehung ihrer Kinder beginnen?
Möglichst früh: Ich habe meiner Tochter zum Schuleintritt ein Tablet geschenkt, damit sie die neuen Medien mit mir zusammen entdeckt, bevor sie in die Pubertät kommt. Noch hört sie auf mich. Teenager finden Mamas Rat eher uncool. Die Zeit bis dahin will ich nutzen, um ihr möglichst viel Wissen zu vermitteln und auch Gefahren zu zeigen.

Katja Reim
Katja Reims wichtigster Tipp: „Reden Sie mit Ihrem Kind.“ Bild: Sarah Eick

Gefahren wie zu viel Vertrauen, das Preisgeben von Daten?
Zum Beispiel. Maria war anfangs traurig, weil ich keine Fotos von ihr auf meinem Blog veröffentliche. Ich habe ihr erklärt, dass Fotos im Internet verbreitet und mit Photoshop verändert werden können. Dass sie dort keine Kontrolle mehr über ihre Bilder hat. Wir haben dann Fotos von ihrer Puppe online gestellt und das durchgespielt. Das hat sie überzeugt.

Sie haben Ihrem Kind sogar eine Spam-Mail geschickt.
Um zu zeigen, dass nicht jeder Kontakt vertrauenswürdig ist. Sie hat ein Mailkonto mit Fantasienamen. Ich habe ihr erklärt: „Wenn jemand ‘Hallo Maria’ schreibt, weißt du, dass er dich kennt – sonst musst du vorsichtig sein!“ Dann habe ich ihr inkognito gemailt: „Hallo Fantasiename. Glückwunsch, Du hast beim Gewinnspiel einen Teddy gewonnen. Du musst uns nur deine Adresse mailen, dann bekommst du ihn.“ Sie hat mir die Mail sofort gezeigt und wir haben über das Thema geredet.

Wie verhindern Sie, dass sie ewig am Tablet hängt?
Seit sie ihr eigenes Gerät hat, ist sie weniger wild darauf als früher, als sie nur für begrenzte Zeit an Mamas Tablet spielen durfte. Jetzt bastelt sie lieber mit Loom-Gummi – ihr Tablet ignoriert sie seit vier Wochen. Natürlich gibt es Regeln. Ihr Kindertablet hat drei Einstellungen: In einer kann sie nur einige Spiele offline nutzen, das darf sie alleine. In der zweiten kann sie auf festgelegten Kinder-Internetseiten surfen, dann muss sie mir Bescheid sagen. In der dritten Einstellung kann sie – mit Kindersicherung – frei surfen. Das darf sie nur mit mir zusammen.

Was tun, wenn Kinder zu viel spielen und chatten?
Verbote bringen nichts, sie ermuntern eher zur Rebellion. Reden Sie mit Ihrem Kind, fragen Sie: „Was machst du da Schönes?”. Kinder unter 13 lassen sich gut mit gemeinsamen Aktivitäten vom Bildschirm weglocken. Es gibt auch tolle elektronische Spiele für die ganze Familie, auch mit Bewegung. Etwa Geocaching, eine Art Schnitzeljagd, bei der man draußen Gegenstände mithilfe Smartphones findet. Mit Teenagern können Eltern „Mediennutzungsverträge” schließen, die es zum Beispiel unter www.internet-abc.de gibt. Sie legen fest, wie lange welche Medien genutzt werden. Daran müssen sich beide Parteien halten, auch die Eltern.

„Alle meine Freunde dürfen das“: Wie darauf reagieren?
Ich würde die anderen Eltern einfach fragen! Da erfährt man viel. Zum Beispiel, dass man „Minecraft“ auch ohne Ballern spielen kann. Es geht ja darum, aus Klötzchen etwas zu bauen. Die Monster, die dabei angreifen, kann man abschalten. Ein anderes Beispiel: Ein Vater hat für seinen Sohn einen Extra-Server zum Spielen eingerichtet. So kann er mit Freunden übers Internet spielen, aber in einem geschützten Bereich, zu dem Fremde keinen Zugang haben.

Wie können wir Kinder vor Gefahren bewahren?
Man kann seine Kinder nicht vor allem schützen, im Internet so wenig wie im Leben. Sicherheits-Einstellungen lassen sich umgehen. Hier sind Kinder ihren Eltern oft überlegen. Auch in der Medienerziehung gilt: reden, reden, reden. Eine Vertrauensbasis schaffen. Dem Kind das Gefühl geben: Es kann immer zu den Eltern kommen, auch wenn es Mist gebaut hat – denn das wird passieren! Kinder machen Fehler. Sagen Sie nie: „Hab ich dir gleich gesagt” – sonst kommt das Kind das nächste Mal lieber nicht. Mein Kind wird sicher einmal etwas Dummes tun. Das muss ich akzeptieren. Ich kann meiner Tochter nur möglichst viel erklären und sie zu einem starken Menschen erziehen, der nicht alles mitmacht, nur weil es die anderen tun.

Was ist das Schöne an den neuen Medien?
Meine Tochter und ich haben wunderbare Apps und andere kreative Werkzeuge entdeckt. Mit „PuppetPals“ kann man Trickfilme zu selbst erfundenen Geschichten machen. Es gibt tolle Video-Tutorials zum Basteln. Außerdem regt mich die Medienerziehung meiner Tochter immer wieder an, mein eigenes Verhalten zu prüfen. Ich habe gemerkt, wie sorglos ich selbst oft mit persönlichen Daten umgehe. Und Maria hat sich beschwert, dass ich zu viel aufs Handy gucke.

Web-Tipps für Eltern

www.meincomputerkind.de
In ihrem Blog berichtet die Bloggerin und Journalistin Katja Reim über die Medienerziehung ihrer siebenjährigen Tochter sowie Erfahrungen anderer Eltern. Unter „Favoriten“ listet sie hilfreiche Links, u.a.

www.internet-abc.de/eltern
Informationen und Materialien, auch auf Türkisch, zum Beispiel Tipps für kindersicheres Internet und „Mediennutzungsverträge“, mit den Eltern und Kinder vereinbaren können, wie lange welche Medien genutzt werden. Dazu nützliche Apps und Seiten für Kinder.

www.klicksafe.de
EU-Initiative mit Informationen zu Medien und Apps, die bei Kindern und Jugendlichen beliebt sind, Tipps zum Umgang mit problematischen Bereichen und mehr Sicherheit im Internet.

www.schau-hin.info
Initiative von staatlichen und privaten Institutionen mit Tipps zur Medienerziehung, u.a. Hinweise zur Werbung im Internet, Checkliste zum Erkennen von Suchtverhalten.

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