Titel Kiezinitiativen
Bild: Christoph Schieder
Kieze

Blitzblanke Kieze

Laubfeger, Müllpaten, Parkmeister: Immer mehr Berlinerinnen und Berliner kümmern sich tatkräftig um ihre Nachbarschaft.

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em Kiez rund um den Marienplatz ist Cornelia Hettrich immer treu geblieben. „Seit 47 Jahren, seit meiner Geburt.” Nur einmal sei sie umgezogen, sagt die Fernsehproduzentin („Meine wunderbare Familie”). „Eine Hausnummer weiter”, ins Haus ihres Großvaters.

Motiviert Nachbarn zum Anpacken: Cornelia Hettrich. Bild: Christoph Schieder

Auf dem Marienplatz hatte sie schon als Kind gespielt. Doch obwohl denkmalgeschützt, war der über die Jahre ziemlich heruntergekommen: Die Randstreifen überwuchert, die Parkbänke mit Graffiti beschmiert. Achtlos weggeworfene Pappbecher lagen im Gebüsch, „Tretminen” von vierbeinigen Kiezbewohnern auf den Wegen.

Lange hatte Cornelia Hettrich darüber hinweggeschaut, um sich nicht täglich aufs Neue ärgern zu müssen. Als sie 2009 ihre Tochter zur Welt brachte, war das für sie der Auslöser: Sie wollte „etwas tun für den Kiez”, gründete mit Freunden und Nachbarn die Initiative „Marienplatz und umliegende Straßen”. Um die Lebensqualität im Kiez zu verbessern.

Regelmäßige Putzaktionen verschönern Kiez

Das ist ihr gelungen: Zur großen Laubfegeaktion im Herbst versammelten sich – trotz schneidender Kälte bei Minusgraden – an die 25 Mitstreiter. „Zum Frühjahrsputz sind es sicher noch mehr”, schätzt Hettrich. Immerhin kann die Initiative auf 50 Aktive verweisen. Kiezbewohner, die bei regelmäßigen Putzaktionen für Sauberkeit rund um den Marienplatz sorgen, die das selbst angelegte Rosenbeet vor dem nicht weit entfernten S-Bahnhof Lichterfelde-Ost pflegen, die den „Jazz im Kiez” organisieren.

Wir sind zusammengewachsen, haben die Anonymität der Großstadt aufgebrochen – für die, die es wollen. Cornelia Hettrich, Kiez-Initiative Marienplatz

„Wir sind zusammengewachsen”, sagt Cornelia Hettrich, „haben die Anonymität der Großstadt aufgebrochen – für die, die es wollen”. Auch Gisela Wolff zählt dazu. „Ich freue mich immer, wenn bei Frau Hettrich Licht ist”, sagt die 81-Jährige. Dann winkt sie zur Nachbarin herüber. Im Sommer sitzt Gisela Wolff gern auf einer der Bänke auf dem Marienplatz. Weil sie weder Balkon noch Garten hat. „Deswegen liebe ich es, wenn hier alles gepflegt ist.” Dafür greift sie zu Harke und Müllgreifer.

Rentner Thomas Strauch hilft gern pragmatisch: Ist bei einer Parkbank eine Holzlatte kaputt, liefert er diese frei Haus an die zuständige Werkstatt. Bild: Christoph Schieder

Ebenso wie Thomas Strauch, der „gleich um die Ecke” wohnt. Obwohl der 76-jährige ehemalige Exportkaufmann den Park selbst gar nicht nutzt: „Aber ich will es schön haben ringsherum.”

Auch für die Patienten des nahe gelegenen Krankenhauses Bethel. Strauch hat einen Spender für Hundekotbeutel in der Grünanlage aufgestellt, wirft regelmäßig einen Blick auf die Bänke. „Die Gussgestelle sind ja robust, aber einzelne Holzlatten müssen ab und an ausgetauscht werden.” Dann ruft der Rentner beim Bezirksamt an, meldet kaputte Planken, montiert sie ab, bringt sie persönlich in den bezirklichen Werkstätten vorbei und schraubt die Ersatzlatten gleich wieder an.

Immer mehr Initiativen setzen sich für ihre Kieze ein

„In Berlin gibt es immer mehr Kiezinitiativen, die sich dafür einsetzen, dass die Stadt sauberer und schöner wird, dass Nachbarn einander kennenlernen”, beobachtet Birke Preußler vom Verein wirBERLIN, der seit Jahren bürgerschaftliches Engagement fördert. Sie berichtet auch von der Initiative Markusgarten, die den Steglitzer Markusplatz wieder aufgemöbelt hat: Den Granitbrunnen haben die Aktiven rund um Helmut Lübbeke repariert, Blumenbeete angelegt, eine zur Bücherbox umfunktionierte Telefonzelle aufgestellt – mittlerweile ein beliebter Treffpunkt für die Kiezbewohner. Und weil es Lübbeke ärgerte, dass der Turm der Markuskirche noch keinen Nistkasten für Turmfalken hatte, änderte er auch das. Ein Grund mehr für die Initiative, um bei einer Weinprobe auf der neu angelegten Sitzecke auf dem Markusplatz miteinander anzustoßen.

  • Fegen und Zusammenwachsen: Nachbarn aus Lichterfelde machen ihren Stadtpark winterfest. Christoph Schieder

  • Alle packen mit an – und ziehen an einem Strang. Christoph Schieder

  • Parkpflegeinitiative Marienplatz 6

    Auch die Parkpflege-Initiative Marienplatz greift zum Feger. Christoph Schieder

  • Parkpflegeinitiative Marienplatz 13

    Christoph Schieder

  • Parkpflegeinitiative Marienplatz 8

    Christoph Schieder

  • Christoph Schieder

  • Parkpflegeinitiative Marienplatz 3

    Christoph Schieder

  • Christoph Schieder

  • Parkpflegeinitiative Marienplatz 10

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  • Parkpflegeinitiative Marienplatz 5

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  • Parkpflegeinitiative Marienplatz 2

    Christoph Schieder

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Paten für Grünflächen

Ganz so weit sind Anna Asfandiar (39) von der FreiwilligenAgentur in der Fabrik Osloer Straße und Maike Janssen (44) von der Stadtteilkoordination Gesundbrunnen noch nicht. Ihre Idee: dass ehrenamtliche Helfer die Patenschaft für eine Grünfläche in ihrer Nachbarschaft übernehmen und dort regelmäßig sauber machen. Sporadische Putzaktionen hätten langfristig kaum Effekt, sagt Janssen. „Ein paar Stunden lang ist es sauber, dann liegt wieder Müll herum”.

Bild: Christoph Schieder

Die Müllpaten sollen nachhaltig für Sauberkeit im Kiez sorgen. „Durch Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen, wollen wir bei den Verursachern für ein schlechtes Gewissen sorgen”, sagt die 44-Jährige. Sie weiß, dass das kein leichter Weg ist. „Aber wir wollen einen langen Atem haben”, kündigt sie an. Auf einen ersten Aufruf habe es bereits gute Resonanz gegeben. „Die Leute melden uns Ecken, an denen aufgeräumt werden sollte.”

Jetzt komme es darauf an, die Kiezbewohner zu aktivieren, „nebenbei mal ein paar leere Flaschen einzusammeln, wenn sie sowieso mit ihren Kindern auf dem Spielplatz sind”. Mit der Berliner Stadtreinigung (BSR) sind sich Janssen und Asfandiar einig geworden: „Die stellen Greifer, Handschuhe, Müllsäcke zur Verfügung und holen den Müll ab.” Jetzt suchen die beiden Frauen noch nach öffentlichen Einrichtungen, die Aufräumsets vorhalten und bei Bedarf an Müllsammler ausgeben. Die Nachbarschaftsetage Fabrik Osloer Straße wird auf jeden Fall zur Ausgabestation.

Als nächsten Schritt sollen die Müllpaten, die sich bereits gemeldet haben, miteinander vernetzt werden. „Das sind meist junge Leute mit Kindern”, sagt Janssen. Die erreiche man am besten mit Onlinemedien. „Vielleicht gründen wir eine Facebook- oder eine WhatsApp-Gruppe.” Im Frühjahr werde es auch wieder eine Gemeinschaftsputzaktion geben – bei der man sich trifft, ganz analog, ganz Oldschool.

Drei von vielen Berliner Kiezinitiativen

Marienplatz Lichterfelde
www.kiezmarien.de

Markusplatz Steglitz
www.markusgarten.wordpress.com

Gesundbrunnen-Kiez
Interessierte Müllpaten melden sich bitte bei Anna Asfandiar von der FreiwilligenAgentur Fabrik Osloer Straße.
Tel. 030/39 90 23 34

Wie verschönern Sie Ihren Kiez?

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berliner.akzente@berliner-sparkasse.de

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