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Titel Bernd Siggelkow
Bild: Hahn+Hartung
Persönlicher Rückblick

Kämpfer für Berlins Kinder

Bernd Siggelkow gründete vor rund einem Vierteljahrhundert die Arche – das christliche Kinder- und Jugendhilfswerk in Berlin. In Berliner Akzente blickt er zurück und berichtet aus persönlicher Sicht.

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s ist ein sonniger Tag im Frühling. Über einhundert Kinder drängeln sich in der Turnhalle der Arche in Berlin-Hellersdorf und freuen sich auf die wöchentlich stattfindende Kinderparty. Ich stehe etwas zurückgezogen in der Halle und spreche mit einem Journalisten der Berliner Abendschau. „Was wird aus der Arche, wenn die schließen muss?“, ist seine erste Frage. Der Grund: der coronabedingte Lockdown steht unmittelbar bevor. Auch die Kinder spüren, da liegt etwas in der Luft. Die Stimmung der Kinderschar ist nicht so ausgelassen wie sonst. „Bernd, muss die Arche jetzt für immer zu machen?“ Die kleine Paula schaut mich mit ihren großen, dunklen Augen an. „Wir werden immer für euch da sein“! Ich weiß zu der Zeit natürlich nicht, ob meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ja, ob wir dieses große Versprechen einhalten können. Aber gerade die Kinder und ihre Familien in schwierigen sozialen Lebensverhältnissen brauchen unsere tägliche Hilfe. Wir haben das bisher auch alles geschafft, gemeinsam mit unseren Unterstützerinnen und Unterstützern.

Virtuelle Arche hilft durchs Frühjahr 2020

Die schwierigen Monate im Frühjahr konnten wir mit einer „virtuellen“ Arche überbrücken. Wir haben die Kinder bei den Hausaufgaben über soziale Messenger-Dienste begleitet, den Familien brachten wir Lebensmittel, Hygieneartikel und Spielsachen vor die Haustür. Bedingt durch erhöhte Lebensmittelpreise, dem fehlenden Schulessen und den geschlossenen Tafeln wurde das Geld in den Familien immer knapper. Auch veranstalteten wir die wöchentliche Kinderparty im Netz, so dass die Kinder zu Hause den Spielen und Animationen folgen konnten. So hatten sie trotz des Lockdowns einen intensiven Kontakt zur Arche und fühlten sich nicht abgehängt. Es ist traurig, dass so viele Kinder in Berlin und natürlich auch im ganzen Land unter ihren prekären Verhältnissen leiden müssen.

Mehr Fachkräfte und Psychologen für Berlins Schulen

In Deutschland leben fast fünf Millionen Kinder, so der Deutsche Kinderschutzbund, in sozial benachteiligten Familien. In Berlin ist es jedes dritte Kind. Ein Jahr lang von Hartz IV zu leben hat oft zur Folge, dass ein großer Teil der Eltern die Motivation zu arbeiten, verliert. Und oft kümmern sie sich dann nicht so um ihre Kinder, wie es eigentlich sein sollte. Auch brauchen diese Kinder Beziehungen und bedingungslose Liebe, ja, sie brauchen Menschen, die ohne einen Hintergedanken sich für diese Kids einsetzen. Was die Berliner Schulen benötigen, sind vor allem mehr Lehrerinnen und Lehrer, mehr pädagogische Fachkräfte und Psychologen. Das kostet aber Geld.

Unterschiede zwischen Wohngegenden in Berlin angleichen

Natürlich sind die Schulen in den besseren Wohnvierteln in der Regel gut ausgestattet. Die Förderkreise dieser Schulen sorgen schon dafür. In den Brennpunktschulen unserer Stadt sieht es anders aus. Der Zustand der Schulen ist schlicht katastrophal. Bildung ist in der Tat einer der Schlüssel zum gesellschaftlichen Erfolg. Ich selbst gehe regelmäßig in Schulen, zusammen übrigens mit meinem dafür ausgebildeten Hund. So treffe ich nicht nur Archekinder, sondern auch viele junge Menschen aus ganz normalen Familien. Warum müssen in unserem System Kinder leiden, wenn ihre Eltern ihnen nicht das geben können, was sie eigentlich brauchen. Kinder leiden also durch ihre soziale Herkunft. Wir bestrafen Kinder für die „Sünden“ ihrer Eltern. Das muss ich jeden Tag erleben und es macht mich unendlich traurig.

Stadt Berlin in der Pflicht bessere Voraussetzungen für Kinder zu schaffen

Natürlich macht auch eine Stadt wie Berlin einiges für ihre Kinder. Oft aber für die Kinder, die es eh schon gut getroffen haben. Es gibt Spielstraßen, Spielplätze, aber das häufig nur in den besseren Wohnvierteln. Dort haben die Eltern einen stärkeren Einfluss auf die Politik. Auch die Schulen in den besseren Wohnvierteln sind baulich in Ordnung und fast immer auch besser ausgestattet. Das liegt an ihren oft einflussreichen Förderkreisen.

Bernd Siggelkow
Bild: Hahn+Hartung

Um dieses Ungleichgewicht auszubalancieren, fordern wir als Arche eine Grundsicherung für alle Kinder. Wenn jedes Kind vom ersten Tag an bis zum 27-igsten Lebensjahr 600 Euro erhalten würde, dann dürfte es auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Eine Hälfte des Betrages sollte dann direkt an die Schulen fließen. Kinder aus finanziell benachteiligten Familien können sich so gut wie nichts leisten, keine Mitgliedschaft in Vereinen, keinen Nachhilfeunterricht, keinen Kino- oder Theaterbesuch, keinen Urlaub und vieles mehr. Diese Kinder werden ausgegrenzt. Gesellschaftliche Teilhabe sieht anders aus. Doch die Berliner Politik hat das mittlerweile auf dem Schirm. Es kommt Bewegung ins Spiel.

Geflüchtete Kinder und Jugendliche besonders begleiten und unterstützen

Begehen die Kinder, über die ich hier schreibe, auch mehr Straftaten als andere Kinder? Das glaube ich nicht. Natürlich haben wohl alle Jugendclubs immer wieder mal die Polizei im Haus, aber es ist relativ ruhig, was die kriminelle Energie unserer Kinder angeht. Oft hört man auch die Vorurteile, viele Jugendliche mit Fluchterfahrung seien besonders anfällig für Straftaten. Diese Erfahrung machen wir in keiner unserer Einrichtungen. Wenn diese jungen Menschen aber hier in Deutschland sind, müssen wir uns um sie kümmern. Wir dürfen sie nicht mit ihren oft traumatischen Erlebnissen und mit ihren Sprachproblemen alleine lassen. Wenn wir das heute nicht tun, bekommen wir als Gesellschaft irgendwann große Probleme mit diesen jungen Menschen. Wir erleben sie hier in Berlin als aufgeschlossene und bildungshungrige junge Menschen. Aber geben wir ihnen keine Perspektive, dann werden die Gewalttaten unter den Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung zunehmen. Noch gibt es hier keine Zunahme an Gewalttaten.

Gemeinsam stark für Kinder und Jugendliche in Berlin

Wir alle gemeinsam in unserer Stadt müssen für unsere Kinder einstehen und wir müssen uns um die Kinder kümmern, die in Teilen von ihren Eltern alleine gelassen werden. Jeder von uns muss versuchen, sich persönlich zu engagieren. Man erntet dann das, was man gesät hat. Nur dann ist Berlin weiterhin eine sichere Stadt. Das heißt aber nicht, dass der Bund, die Länder und die Kommunen sich zurückziehen dürfen. Sie stehen weiter in der Verantwortung. Private Träger und auch die Ehrenamtlichen können nicht alles leisten.

Mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Berliner Jugendämter

Was sicher zugenommen hat ist die häusliche Gewalt. Gerade in diesen schwierigen Zeiten gibt es immer mehr Fälle, die gemeldet werden. Die Jugendämter in Berlin brauchen hier mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um die Arbeit zu bewältigen. Natürlich ist unsere Stadt in der Sozialpolitik durchaus engagiert, aber es sind auch zahlreiche Einrichtungen für Kinder und Jugendliche geschlossen worden. Es fehlt an Geld und das ist schade.
In Sachen Inklusion hat sich viel getan in den letzten Jahren. Aber Inklusion bedeutet auch, dass wir mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kitas und Schulen, in den Kinder- und Jugendeinrichtungen brauchen. Das schaffen wir nicht mit dem bestehenden Personal. Da gibt es noch Nachholbedarf.

Text:
Pastor Bernd Siggelkow, Gründer und Leiter „Die Arche“

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