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Titel Literarische Stadtfuehrung
Bild: Katrin Starke
Literarische Stadttouren

Huren, Hehler, Hinterhöfe

„Was willst du den Leuten denn zeigen? Da gibt’s doch nichts zu sehen“, argwöhnten Kollegen aus der Stadtführerzunft, als Michael Bienert Anfang der 1990er-Jahre seine ersten literarischen Spaziergänge durch Berlin anbot. Der 54-Jährige belehrte sie eines Besseren. Seine Touren zu Orten fiktionaler Begebenheiten sind der Renner – bis heute.

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ine Menschentraube umringt den Mann mit dem roten Basecap. Regungslos steht die 20-köpfige Gruppe da. Mit geschlossenen Augen. Mitten im Trubel vor dem Eingang zur U-Bahn. „Jetzt können Sie hören, wie es damals zuging auf dem Alexanderplatz.“ Damals, das sind die Jahre 1927 bis 1929, in denen der Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin spielt. Viele Gebäude von einst gibt es nicht mehr, andere sind neu entstanden. „Aber die Geräuschkulisse muss damals ähnlich gewesen sein wie heute“, Stadtführer Michael Bienert (54). Seit Jahren lädt er zu literarischen Spaziergängen ein. Auf den Spuren von Erich Kästner, Bertolt Brecht oder E.T.A. Hoffmann. Und kürzlich auf den Spuren von Alfred Döblin. Genauer gesagt: seiner Romanfigur Franz Biberkopf.

Romanfiguren bringen einem die Stadt sehr nahe

Dass er nicht nur den Autoren, sondern den von ihnen ersonnenen Geschöpfen folgt, ist Bienerts Markenzeichen. „Romanfiguren verhalten sich emotional. Das bringt einem eine Stadt viel näher als die Erläuterungen von Historikern oder Architekten – und führt in andere Ecken“, sagt Bienert. Denn das Berlin des Kriminellen Biberkopf ist die Stadt der Hinterhöfe, Huren und Zuhälter. „Ruller ruller fahren die Elektrischen“, zitiert Bienert aus Döblins Roman, „rumm rumm wuchtet vor Aschinger auf dem Alex die Dampframme“. Straßenbahnen rumpeln über den Platz. Dazwischen Passanten, Straßenhändler. Damals wie heute. „Meine Berufsfindung fiel in die Zeit des Mauerfalls“, erzählt der 54-Jährige. „Es war spannend, damals Stadtführungen zu machen, den Ostteil zu entdecken“. Weil er Germanistik studiert hatte, habe die Kombination mit der Literatur auf der Hand gelegen.

„Romanfiguren verhalten sich emotional. Das bringt einem eine Stadt viel näher als die Erläuterungen von Historikern oder Architekten – und führt in andere Ecken“ Michael Bienert

Startpunkt zur Döblin-Tour ist der Nordbahnhof. Bienert zeigt auf einen gelben Backsteinbau schräg gegenüber des S-Bahnhofes. Typische Optik der Kaiserzeit. Das einstige Empfangsgebäude des „Kleinen Stettiners“ – des Vorortbahnhofs, an dem in Döblins Roman die junge „Mieze“ Parunke aus Bernau ankommt, um sich zu amüsieren. „Drei Monate später wird die Polizei ihren Mörder per Steckbrief suchen“, verrät Bienert.

Michael Bienert
Auf den Spuren großer Literaten: Stadtführer Michael Bienert versorgt seine Gäste mit spannenden Informationen. Bild: Katrin Starke

Der Backsteinbau ist heute das letzte Gebäude, das an den Stettiner Bahnhof erinnert. Dahinter, wo sich jetzt ein siebenstöckiger Funktionsbau erhebt, befand sich der Fernbahnhof. „Da kam Döblin mit seiner Mutter 1888 als Zehnjähriger aus Stettin an“, erklärt Bienert. „Der Vater hatte die Familie sitzen gelassen.“ Bei den „Holzonkels“, den im Holzhandel tätigen Brüdern der Mutter, fand sie mit Sohn Alfred Asyl.

Die Tatwaffe von Franz Biberkopf

Bienert geht mit schnellem Schritt die Invalidenstraße lang, biegt in die Ackerstraße ein. Ein Tour-Teilnehmer erzählt ihm, dass er „Berlin Alexanderplatz“ am Lübecker Theater inszenieren und sich von den Originalschauplätzen inspirieren lassen wolle. Die meisten Häuser der Ackerstraße sind frisch saniert, „bonbonfarben gestrichen und hübsch gentrifiziert“, wie Bienert sagt. Ihre proletarische Vergangenheit könne die Straße dennoch nicht verhehlen. „Typische Mietskasernen, enge Hinterhöfe.“ An einer Baulücke bleibt Bienert stehen, zieht einen hölzernen Sahneschläger mit Drahtspirale aus dem Rucksack. So muss die Tatwaffe ausgesehen haben, mit der Franz Biberkopf seine Braut Ida erschlug – in der Wohnung ihrer Schwester Minna. „Die lag in diesem Bereich der Ackerstraße.“ Nicht weit von der Markthalle VI, in der sich heute ein Rewe-Markt befindet.

Markthalle Vi
Die Markthalle VI in der Invalidenstraße liegt ganz nahe des Tatorts im Roman Berlin-Alexanderplatz. Bild: Katrin Starke

Weiter geht’s auf dem Weg, den Biberkopf am Tag seiner Entlassung aus der Haftanstalt Tegel 1927 ging. In der Kleinen Rosenthaler Straße deutet Bienert auf ein weiß verputztes Haus – und schweift ab. „In der Nummer 11 teilte sich Gerhart Hauptmann im ersten Semester mit zwei Kommilitonen eine Bude.“ Statt zu studieren sei er ziemlich versumpft, „bald in diesen, bald in jenen Gurgeltrichter des Schlammbades“ sei er eingekehrt, zitiert Bienert aus Hauptmanns Autobiografie „Das Abenteuer meiner Jugend“.

Früher üble Spelunke, heute Mode-Showroom

In der Neuen Schönhauser Straße stoppt der Tross vor dem Haus mit der Nummer 13. Eine Mode-Kette betreibt hier einen Showroom. Angelika Lehmann schießt ein Foto. Sie ist selbst Stadtführerin, läuft in ihrer Freizeit gern mal bei Kollegen mit. „Hier war früher das Café Dalles“, erklärt Bienert. „Eine üble Spelunke, in der Hehler verkehrten, bis die Behörden sie 1924 dicht machten.“ In den Jahren, in denen „Berlin Alexanderplatz“ spielt, habe es sie schon nicht mehr gegeben. Aber Schriftsteller Joseph Roth habe das Treiben in der Schieberkneipe beschrieben.

Neue Schoenhauser 13
Neue Schönhauser Straße 13: Heute ist hier eine Modekette, früher war eine verruchte Spelunke. Bild: Katrin Starke

„Im Münz-Theater, einem der vier Kinos in der Münzstraße, guckte sich Biberkopf einen erotischen Film an“, erzählt Michael Bienert. Die Gegend sei ein Zentrum des Ostjudentums gewesen, sagt der Stadtführer – und kommt schon wieder auf einen anderen Schriftsteller zu sprechen. „In der heutigen Max-Beer-Straße 5 war das jüdische Volksheim. Da arbeitete Felice Bauer, die Verlobte von Franz Kafka.“

Im September will Bienert durch die Gegend zwischen Prager und Nollendorfplatz streifen, in der Erich Kästner wohnte, als er „Emil und die Detektive“ schrieb. „Hinter der Litfaßsäule an der Bundesallee, Ecke Trautenaustraße verstecken sich Emil und sein Freund Gustav, um nicht von dem Dieb Grundeis gesehen zu werden, der auf der Terrasse des Café Josty Eier im Glas frühstückt.“ Ins romantische Berlin führt eine Tour im August. Unter anderem zum Gendarmenmarkt, wo der Kammergerichtsrat, Musiker und Dichter E.T.A. Hoffmann in dessen letzten Lebensjahren wohnte und in seinem Stammlokal „Lutter & Wegner“ zechte.

Teilnehmerin Heike (51) will bei der Kästner-Tour wieder dabei sein. „Ich wohne in der Nähe der Bundesallee. Wenn ich bei der Tour genauso viel über Kästner erfahre wie heute über Döblin, sehe ich mein Wohnumfeld künftig mit ganz anderen Augen“, sagt sie.

In Der U-bahn
Der Alexanderplatz spielt in vielen Werken eine zentrale Rolle. Bild: Katrin Starke

Derweil ist die Gruppe wieder auf dem Alexanderplatz angekommen. Also: Augen schließen, der Geräuschkulisse nachspüren. „Vielleicht war es zu Biberkopfs Zeiten sogar noch lauter. Da wurde die U-Bahn gebaut“, dringt Bienerts Stimme an mein Ohr. Und vorm geistigen Auge sehe ich den Schauspieler Heinrich George in der Rolle des Biberkopf, wie er am Alex Schlipshalter verkauft. Wo war das eigentlich genau? Ich werde den Döblin-Roman noch einmal lesen – das hat Michael Bienert mit seinem Rundgang erreicht.

Mehr Infos über die literarischen Stadtführungen von Michael Bienert unter:
www.text-der-stadt.de

Formate: video/youtube

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